Unsa Senf

Dembowski schießt scharf

09.12.2010, 18:46 Uhr von:  Redaktion

Dembowski

„Ich brauch Dich!“, die Ansage von Reiser war klar. Dembowski hatte die letzten Tage eher im Dämmerzustand verbracht. Im Ohrensessel sitzend zappte er sich durch die Nachrichtenkanäle und hatte darüber nachgedacht, was für ein Spiel Assange da treibt und später, als klar wurde, dass sich da ein echter Thriller entwickelt, hatte Dembowski immer mal wieder mit dem Gedanken gespielt, seine Dienste anzubieten. Ohne Computer standen seine Chancen jedoch nicht wirklich gut, "verdammte Cyberterroristen", dachte Dembowski im Ohrensessel sitzend.

Hin und wieder war er bei einer Sportsendung gelandet und hatte mit Grauen weitergeschaltet. „Mit 10 Punkten Vorsprung sichert sich Borussia die Herbstmeisterschaft“ und immer wieder dieses Rumgeeier: „Herbstmeister kann man sich nicht auf den Wimpel schreiben“, hatte der kleine Türke in jede Kamera gesagt. Ein schlauer Kerl. Kein Glatteis. Nur auf der Autobahn. Auch die Provinzposse am Flughafen war nichts mehr als sinnloses Geplänkel. Seit Lviv am Donnerstag wollte er nur noch vergessen und doch ließ ihn die Sache nicht los. Donnerstag war es so verdammt kalt, und er hing immer noch in der Kneipe rum. Irgendwann machte er sich auf den Weg. Vor den Auslagen eines Elektrogeschäfts in Marten hatte er sich das Spiel angeschaut. Doch ohne Scheck kein Sevilla. „Wieso habe ich den zerrissen“, dachte er auf dem Ohrensessel sitzend. Der Scheck wäre sein Ausweg gewesen. Doch Dembowski hatte mal wieder nur bis zum nächsten Gedeck gedacht. Kein Scheck, kein Flug, kein Sevilla, keine Sonne, nur Tristesse. Das Telefon war stumm geblieben, auch Schulze hatte scheinbar sein Vertrauen in ihn verloren.

Das musste er sich auf seine Fahnen schreiben. Er hätte die Spur am Donnerstag einfach verfolgen können, aber die Beerdigung der Hellwig, die Kneipe, der Fernseher in der Auslage. Mehr war nicht drin. Und natürlich: Das Endspiel in Sevilla. Ohne ihn. „Da habe ich mich schön reingeritten“, dachte er und zappte hin und her. „Ich brauch Dich! Ich habe alles probiert. Aber dieses grausame Pappimitiat von Handt hat denen nur ein müdes Lächeln abgerungen“. Wenige Stunden später trafen sie sich bei Schie. Über einer Currywurst mit Pommes Jägersoße und nem Flaschenbier schilderte Reiser ihm seinen Plan. Sie gingen den Plan noch einmal durch. Es klang alles so einfach und so perfekt. Reiser hatte sich wirklich um alles gekümmert. Eine meisterhaft gestellte Falle.

Dembowski sprang am Fliedner-Heim aus der U-Bahn, Reiser hatte ihm eine alte neonfarbene Trainingsjacke besorgt. Das Schwarz war langsam verwaschen, der Schriftzug immer noch grell genug. Dazu trug Dembowski eine graue Cordhose, vielleicht eine Nummer zu groß. Wofür aber gab es Hosenträger mit Vereinslogo. Dazu noch seine alte Fliegerbrille. Der Rahmen war ein wenig gesprungen, aber das war alles Teil seiner Tarnung. Noch einmal ging er den Plan durch. Am Eingang drückten sich die Fans rum. Eine schöne Schlange. Er hatte nicht wenig Lust, hier und jetzt ein paar Steine in die Schneebälle zu stecken und ein paar dieser sogenannten Fans abzuschießen. Meister hier und Meister da und ob die Mannschaft wohl Autogramme schreiben würde? Klar würde sie das.

Endlich am Einlaß zückte er seine Einladung – „Bergmann – Gelsenborussen“. Der Ordner zögerte einen Moment, aber das Schreiben war eben echt und als er seine Kuttenschale aus der Tasche holte, lächelte der Ordner. Für ihn war er nur ein weiterer Spinner. „Guter Fanclubname“, grinste der Ordner und bat ihn hoch. Dembowski musste sich kurz orientieren, an seinen letzten Besuch hier konnte er sich nicht erinnern. Es muss wohl 2007 gewesen sein. Mit Thomas verband ihn eine große Freundschaft, sie zogen nach den Spielen gerne um die Häuser. Damals waren seine Haare vielleicht noch etwas voller und auch war sein Erscheinungsbild ein wenig gepflegter. Thomas war irgendwann nicht mehr aufgetaucht und Dembowski hatte sich anderen Dingen zugewendet.

Jetzt war er wieder hier. Die große Meute ging erst einmal zum großen Fressen über, eine Ebene höher saßen die Spieler aufgereiht und schrieben Autogramme. Hier war seine Chance, der Wintertristesse zu entfliehen. Das Versprechen von Reiser stand: „Du bringst mir ein Bild und am Sonntag bist Du in Spanien“. Der Kausalzusammenhang war sogar Dembowski klar, er zückte die Schale, faltete sie auseinander. Erst zierten sich die Jungs noch, aber schließlich war man ja unter sich. Der Evinger Jung war ganz klar die Schwachstelle. „Der ist doch auch nur Fan. Über den musst Du gehen‘“, Dembowski kombinierte blitzschnell und hielt ihm die Schale hin. Ein paar Minuten später war sie unterschrieben und das Bild gemacht. Reiser würde sehr zufrieden sein. Dembowski schlenderte runter und schnappte sich erst einmal ein Pils und dann noch eins. „100.000 Freunde, ein Verein“ sangen sie - „und ein Verräter“ dachte er zufrieden.

dembowski, 09.12.2010

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