Unsa Senf

Lass uns nicht von Titeln reden

19.10.2010, 19:09 Uhr von:  Redaktion

Borussia ist wieder in aller Munde. Aus allen Ecken, und sind es noch die verstaubtesten und ekligsten, kommen sie dieser Tage wieder angekrochen. Die Tabellenführerkarawane hat nach langen Jahren über den Hellweg wieder die Westfalenmetropole erreicht, im Gepäck die Blutsauger des modernen Fußballjournalismus. Der lebt von Helden und Versagern. Von schwarz und weiß. Lange, für uns alle, viel zu lange gab es in unseren Reihen mehr Versager als Helden, mehr schwarz als weiß. Wenn über Borussia berichtet wurde, dann im Zusammenhang mit der Finanzkrise, mit alternden oder egozentrischen Stars, mit bröckelnden Abwehrformationen oder lethargischen Mittefeldspielern. Diese Zeiten sind dank der seit der Klopp-Verpflichtung herrschenden Ruhe im Verein vorbei.

Zwei Jahre im oberen Mittelmaß der Liga führten dazu, dass der Verein zwar wahrgenommen keineswegs aber ernst genommen wurde. Noch vor wenigen Tagen bei der Länderspielübertragung aus Kasachstan zählte uns ZDF-Ikone Bela Rethy zu den Überraschungsmannschaften der Liga, die dort oben wieder verschwinden werden. Nach dem mühsamen, aber grandiosen, Last-Minute Sieg gegen die Domstädter und der Niederlage des Karnevalsvereins ist dem auf einmal nicht mehr so. „Ein ernsthafter Meisterkandidat" seien die Dortmunder, liest man da bei Sport 1 und Peter Neururer formuliert ähnliches im Reviersport. Natürlich gibt es auch die stillen Mahner, die auf die Dortmunder Bescheidenheit hinweisen und fragen, ob der Kader für drei Wettbewerbe nicht doch etwas zu dünn besetzt sei. Aber eins ist klar: Bis zum nächsten Tabellenführer sind wir der Titelfavorit schlechthin, und ein jeder hat es bereits vor der Saison kommen sehen. Die tolle Entwicklung! Das unglaubliche Potential! Das abgezockte Management mit seinen Wahnsinnstransfers! Diese junge, hungrige Truppe!

Soweit der Stand der Dinge außerhalb von Dortmund. Doch innerhalb der schwarzgelben Fangemeinde zeichnet sich ab, dass ein Titelgewinn nicht das Maß aller Dinge ist. Die dürren Jahren nach dem erkauften Titelgewinn 2002 und dem Beinahe-Crash in 2005 mit der folgenden Ausdünnung des Kaders und dem scheinbar ziellosen Suchen der sportlichen Führung unter Watzke & Zorc sind nicht vergessen. Das Ende von Bert van Marwijk führte dann fast auch zum sportlichen Super-GAU, erst unter Röber und dann unter Thomas Doll. Doll bewahrte uns 2007 zwar vor dem Abstieg, blieb aber vollkommen zurecht nur aufgrund seiner zahlreichen Abwehrformationen und seinen austauschbaren Durchhalteparolen in Erinnerung. Er entfernte Ricken aus dem Kader, ekelte Sahin nach Holland und bestrafte Kringe für das Lesen eines Buches. Seine grandiose „da lach ich mir doch den Arsch ab"-PK ist ebenfalls nur rückwirkend zu ertragen.

Wenn Doll der Borussia aber ein Vermächtnis hinterlassen hat, dann ist es das Wort „Demut" - ein Wort, welches er in allen Lebenslagen unter die Leute brachte. Heute, kaum mehr als 30 Monate nachdem Dolls Porsche aus der Tiefgarage eines Dortmunder Hotels verschwunden ist, wird dieses Wort kaum noch benutzt. Der Inhalt des Worts wird einfach praktiziert. Wir kommen aus dem Vorzimmer der Pathologie und haben am 14.März 2005 in der Event-Terminalhalle E des Düsseldorfer Flughafens schon die rote Asche der Kreisligasportplätze gesehen. Wir wissen also, wo wir herkommen und dass es im Fanleben nicht nur gute Tage gibt – eine Erfahrung, die die 80er und 90er Jahrgänge vorher überhaupt nicht machen konnten – und schauen jetzt einfach mit großer Freude von Spiel zu Spiel. Wer unten war, kann oben umso besser einschätzen. Wir brauchen nicht über Titel reden, wir wissen, was wir an Borussia haben, in guten und in schlechten Zeiten. Und aktuell weiß Borussia auch wieder, was sie an uns hat. Auch das war vor gar nicht allzu langer Zeit anders.

Die Tabellenführerkarawane wird irgendwann weiterziehen. Die Schreiber werden wie Heuschrecken über einen anderen Verein herfallen, das Konzept auf Routiniers zu setzen, wird das alleingültige Konzept für die nächsten Jahre sein. Wir aber werden weiter ins Westfalenstadion gehen und uns an dem wunderbaren Fußball erfreuen und uns auf allen vier Tribünen gegenseitig hochputschen. Es gab schon einmal schlechtere Zeiten, Borussia-Fan zu sein. Diese schlechten Zeiten haben wir alle durchlebt, und sind dem Verein treu geblieben. Weil wir keine andere Wahl hatten. Weil wir für ihn mehr Emotionen aufbringen können, als für die meisten anderen Dinge in unserem Leben. Erst diese schlechteren Zeiten ermöglichen uns aktuell dieses einmalige Gefühl – Tag für Tag, Woche für Woche. Wie Christiane Rösinger auf ihrem neuen Album „Songs Of L. And Hate" singt: "Und fühlst du den Moment lang sowas wie Glück/ Auch das geht schnell vorbei/ Und es kommt auch nicht zurück." Lasst uns diesen Moment des Glücks, wie lange er auch dauern mag, einfach genießen.

steph, 19.10.2010

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