Unsa Senf

P-H-Ä-N-O-M-E-N-A-L

05.10.2010, 17:09 Uhr von:  Redaktion

Jubel DerbyDie ehrwürdige, alte Dame Borussia erlebt gerade im Herbst 2010 ihren zweiten Frühling. Sieben Bundesligaspiele, sechs Siege. Tabellenplatz 2. Zusammen mit Mainz den stärksten Sturm und gleichzeitig alleiniger Inhaber des Titels „beste Abwehr der Liga". Dass das alles kein Zufall ist, zeigt schon der Umstand, dass der BVB mittlerweile ein echter Serientäter geworden ist. Nicht all zu lang ists her, dass man von drei Siegen in Folge gerade einmal zaghaft träumen durfte. Unter Jürgen Klopp hat man jetzt bereits drei Spielzeiten hintereinander mindestens sechs „Dreier" in Serie gelandet. Ein mächtiges Brett, was unsere Borussia da auf den Platz zaubert. Aber was läuft eigentlich so außerordentlich gut, dass sich der BVB innerhalb überwältigend kurzer Zeit aus dem grauen Mittelfeld wieder in die Top Five der Liga katapultiert hat? Die Antwort in der Kurzversion: Alles. Wer trotzdem noch die lange Version braucht, möge bitte weiterlesen.

Was man als BVB-Fan bestaunen darf, ist alles andere als Zufall, sondern das Ergebnis harter Arbeit. Auf dem Platz und neben dem Platz.

Auf dem Platz:

Vielleicht charakterisiert das 2:1 in St. Pauli am besten das derzeitige Spiel unserer Borussen. Der Gegner wird tief in der eigenen Hälfte unter Druck gesetzt und zu Fehlern gezwungen(Laufarbeit), der Ball abgefangen (Konzentration auf den richtigen Moment), von Barrios exzellent gegen den Gegner behauptet (Durchsetzungskraft), ein Traumpass auf den hinein startenden Götze (Technik und Spielintelligenz), Rücklage auf Kagawa (einstudierte Laufwege) und dann das überlegte Tor (konsequente Chancennutzung). Fußballerische Grundtugenden gepaart mit technisch anspruchsvollem Fußball. Größtenteils gut, phasenweise sogar in Perfektion umgesetzt. Natürlich gibt es auch schwächere Phasen wie die erste Halbzeit gegen die Bayern oder nicht so tolle 30 Minuten eben in St. Pauli, aber die Mannschaft schafft es immer wieder, die Konzentration hochzuhalten und sich am eigenen Schopfe wieder aus diesen Phasen zu ziehen. Wenn unsere Jungs dann erst zur Kür wie gegen Wolfsburg, gegen Kaiserslautern oder im Derby aufdrehen, dann sieht man einen Fußball, der vielleicht die schönste Spielweise seit Jahrzehnten ist. Besonders zu Gute halten muss man der sehr, sehr jungen Mannschaft, dass sie sich nicht an ihrem Spiel berauscht und bei aller Schönspielerei einen kühlen Kopf behält. Für jeden Hackentrick leistet man im Spiel zehn verbissen (und meist siegreich) geführte Zweikämpfe.

KagawaSicherlich, das ist eine Momentaufnahme und man wird dem Kräfteaufwand auch zwangsläufig einmal Tribut zollen müssen, aber das Potential der Mannschaft ist riesengroß. Es macht unheimlich Spaß, zuzusehen, wie auf dem Platz ein Rädchen ins andere greift und dabei eine vorbildliche Spielkultur etabliert wird. Jungs, der Weg, den Ihr da beschreitet, ist verdammt richtig. Lasst Euch keinen Millimeter davon abbringen.

Neben dem Platz:

Jürgen Klopp sagte in der Sommerpause, dass man in der vorherigen Saison die Grundlagen mit einem sehr laufintensiven Spiel gelegt habe und man sich auf dieser Basis aufbauend nun der technischen Komponente widmen wolle. Tja, Auftrag ausgeführt kann man da nur sagen. Dass aber das im Fußball oft zitierte Konzept so schnell Früchte trägt, hat er aber wohl selbst nicht gedacht.

Neben der Arbeit an der Ballbe- und verarbeitung und dem Einstudieren von Laufwegen gebührt allen Beteiligten ein Extralob für die Kaderzusammenstellung. Sukzessive wurde von der sportlichen Leitung eine Mannschaft zusammengestellt, die genau für den Fußball geeignet ist, den sie spielt. Wie ausgeglichen die Mannschaft ist, zeigt schon die simple Tore/Vorlagen-Statistik. Lucas Barrios (4/1), Nuri Sahin (2/4), Kevin Großkreutz (3/2), Shinji Kagawa (4/0), Mario Götze (1 /2) – selbst „Edelreservist" Robert Lewandowski hat bereits 2 Treffer auf dem Konto. Die Zahlen stammen allein aus den Bundesligaspielen. Jeder Spieler ist in der Lage, etwas Überraschendes, etwas Spielentscheidendes zu machen. Selbst die Abwehr steckt da nicht zurück. Mats Hummels holte mit seiner Offensivaktion gegen Bayern den Freistoß zum 2:0 heraus, Neven Subotic schlug einen pervers guten langen Ball im Derby auf Kuba, der zum 2:0 führte. Die Mannschaft ist genau nach den Kriterien Technik und Laufbereitschaft zusammengestellt und punktuell verbessert worden. Das tat in manchen Fällen richtig weh und erforderte Mut zum Risiko. Ein Torjäger wie Alexander Frei war (und ist) bei den Fans beliebt und immer für eine zweistellige Torausbeute pro Saison gut. Aber auch jemand, der vorne lauert und kaum weite Wege geht. Ein richtiger Härtefall ist Leonardo Dede, der aufgrund seines Alters und seiner hinzugekommenen Verletzungsanfälligkeit vermutlich auch nicht mehr das Pensum eines Marcel Schmelzers leisten kann. Das waren mutige, aber eben auch richtige Entscheidungen.

GötzeAls abschreckendes Beispiel eignet sich ausgerechnet der Branchenprimus Bayern München. Dort stellt man quasi die Antithese zum BVB da und hat sich extrem abhängig von den beiden Spielern Robben und Ribery gemacht. Die beiden einzigen Spieler, die Tempo und Überraschung in das Spiel bringen können. Der Rest spielt die 90 Minuten in einem einzigen Tempo. Lässt man sie, können sie wie in Halbzeit 1 dominieren. Leistet man aber Gegenwehr, verstricken sie sich heillos in ihrem geheiligten Prinzip des Ballbesitzes und haben keine Möglichkeiten, dagegenzusetzen. Selbst bei einem Rückstand muss der Bausparer-Verwaltungsfußball mit Torwart-Rückpassprämie herhalten, weil man ohne Robben und Ribery im spielerischen Bereich zu stark limitiert ist.

Bis hierher muss man sagen, dass der eingeschlagene Weg des BVB goldrichtig und perfekt umgesetzt worden ist. Wie weit und wie lange das noch möglich ist, wird man sehen. Die Voraussetzungen, die in dieser Saison geschaffen wurden, sind aber glänzend und nachhaltig. Die Mannschaft wird uns noch viel Freude bereiten – und sich selbst auch. Sie hat Spaß am Fußball und wir haben unseren Spaß mit ihr. Vielen Dank dafür und, wenn möglich, erholt Euch gut in der Länderspielpause.

Sascha, 04.10.2010

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