Spielbericht Profis

Bezaubernd, emotional und unvergesslich

04.10.2010, 08:47 Uhr von:  Redaktion

Es geht einfach so weiter. Die Dortmunder Jungs schicken die saturierten Bayern mit 2-0 heim auf die Wiesn und hinein ins Mittelmaß. Borussia hingegen freut sich in den kommenden Wochen über einen Platz nahe der Sonne. Ein weiterer schöner Moment in dieser noch so erstaunlich jungen Saison.

Das Ehepaar in der U-Bahn, kurz vor der Goldenen Hochzeit. Er mit einer Flasche Thier und geschlossenen Augen, sie mit einem seligen Lächeln. Der 50jährige, der sich beim Verlassen des Stadions seiner Tränen nicht schämt. Die Gruppe englischer Schlachtenbummler, die auf der Rückfahrt Richtung Channel Tunnel immer und immer wieder „Leuchtturm“ anstimmt. Die polnischen Fans, die den Tag mit einer Currywurst-Pommes vor der Reinoldikirche begonnen haben. Der Fan, der seiner Frau am Telefon, noch Stunden nach dem Abpfiff erklärt, dass er jetzt noch nicht nach Hause kann. Der junge Familienvater im Taxi, der nur noch „unfassbar“ stammelt. Der Fanclub aus Ungarn, der schon um 13 Uhr vor dem Stadion steht. Die Nachwuchsultras, die auf dem Heimweg ihren Schlachtenplan für die nächsten Wochen festlegen. Der 43jährige, der nach 30 Minuten noch einmal ins Stadion zurückkehrt und sich hinsetzt. Der junge Rosenheimer, der es einfach nicht fassen kann, was da gerade geleistet wurde.

Am letzten warmen Tag in diesem Jahr

Der letzte warme Tag 2010 lässt sich gut an. Schon früh füllen sich die Straßen der Stadt. Sie leuchten schwarz und gelb, auf dem Alten Markt richten sich die Gastronomen auf den mittäglichen Ansturm ein. Das traditionelle Pfefferpotthastfest lädt ein. In den Cafés werden die Sonntagszeitungen studiert, die Menschen saugen die Sonnenstrahlen auf und bewegen sich ganz langsam in Richtung Stadion. Um 14 Uhr ist die Lindemannstraße bereits voller Fans, die anliegenden Kneipen haben die Tische vor die Tür gestellt und wohin man auch hört, eins ist klar: Heute sind sie fällig – Pfefferpotthastfest schlägt Oktoberfest ist die einhellige Meinung auch der allergrößten Zweifler. Was ist nur mit dieser Stadt passiert? Was ist nur mit diesen Fans passiert? Auch vor dem Westfalenstadion schimpft und schmunzelt man vielleicht noch ein wenig über den unglaublichen Mr. Dean, hält es ansonsten aber mit Jungnationalspieler Kevin Großkreutz. „Dann müssen halt die Bayern dran glauben,“ erklärte dieser nach der unglücklichen Niederlage gegen Sevilla ohne großkopferte Arroganz. Die Arroganz fährt dann mit dem Mannschaftsbus vorbei, schon die obligatorischen Stinkefinger werden nur mitleidig Richtung Strobelallee gestreckt.

Gegen 17 Uhr sind sie alle im Stadion, das Ehepaar aus der U-Bahn, der 50jährige, die Schlachtenbummler aus den Ländern Europas, die Fans, ob jung oder alt. Der 43jährige, der Rosenheimer und mit ihnen der Rest der Dortmunder Jungs. Auf den Tribünen werden die FA-Liederbücher studiert, im Westen fällt die Sonne langsam vom Himmel und überzieht das Westfalenstadion mit einem goldenen Licht. Auch der Bayern-Anhang ist wieder zahlreich vertreten. Rund 10.000 Fans machen sich auf der Nord breit. Sie werden im Laufe des Spiels ein eher schwaches Bild abgeben. Auch auf dem Platz beginnt das muntere Treiben. Immer wenn der Bayern-Zirkus in der Stadt ist, vervielfacht sich die Zahl der Fotografen auf dem Platz. Kalle Rummenigge will sich das nicht entgehen lassen, er schlendert von der Ost zu Louis van Gaal, weit vor dem Anpfiff sind bereits mehr als 20 Kameraobjektive auf das Duo gerichtet, ein glatzköpfiger Bodyguard sorgt hin und wieder für Ordnung. Auf der anderen Seite schaut Jürgen Klopp entspannt und optimistisch in Richtung Süd. Er hat, so wird er später verraten, seiner Mannschaft verheimlicht, dass sie eigentlich erschöpft sein müsste.

Auf der Süd sehen wir nun ein paar Banner. Erst votiert der Block gegen den Aufsichtsratskandidaten Steinbrück, dann solidarisieren sie sich mit den unter der Woche in Basel schikanierten Bayernfans, die ihrerseits damit beschäftigt sind gegen Stuttgart 21 zu demonstrieren und die Werbebanden vor ihrer Tribüne mit Fahnen zu überhängen. Pünktlich zu „You’ll Never Walk Alone“ aber beginnt auch auf der Süd der Bundesligaklassiker. „Für Immer Westfalenstadion“ ist dort zu lesen. Die Tribünen stehen, die Mannschaften laufen ein. Van Bommel gewinnt die Seitenwahl und will erst auf die Süd spielen. Mit ihm laufen auch Braafheid und Gomez auf, deren beider tiefer Fall beim letztjährigen 5-1-Erfolg gegen eine unerfahrene Mannschaft aus Dortmund beschleunigt wurde. Altintop ist ganz aus dem Kader verschwunden, Klose darf sich im Herbstlicht auf der Bank von einer bislang für ihn ereignislosen Bundesligasaison erholen. Auf Dortmunder Seite steht die Mannschaft auf dem Platz, die Sevilla unter der Woche zwar an die Wand spielte, aber am Ende nur vom Publikum belohnt wurde.

Zu Beginn ist wenig Feuer im Spiel, die Bayern nehmen das Heft zwar gleich in die Hand, doch ihr Spiel ist wie so häufig in dieser Saison einfallslos. Immer wieder probieren sie es über die WM-Seite mit Lahm und Müller, die sich jedoch nie entscheidend gegen das Dortmunder Prunkstück Schmelzer und Großkreutz durchsetzen können. So ist es an Schweinsteiger, der den 10er gibt, für die wenigen Gefahrenmomente zu sorgen. Seine Pässe durch die Schnittstelle erreichen Gomez, der sich auch immer wieder in Szene setzen kann, dann aber an allen möglichen Dingen und höchstwahrscheinlich immer an seiner momentanen Unfähigkeit scheitert. Hatten sich die Borussen in den letzten Spielen stets nach 20 Minuten ins Spiel gekämpft, läuft das Spiel in der ersten Halbzeit zum Großteil an ihnen vorbei. Kuba kann ein, zwei ordentliche Flanken in den Strafraum bringen, die von Butt gut abgefangen werden. Im Mittelfeld werden die Zweikämpfe zu spät angenommen, das Flipperspiel mit Barrios funktioniert auch noch nicht. Auch die Tribünen erholen sich noch von Donnerstag, erst zum Ende der Halbzeit hört man die ersten Wechselgesänge. Auf dem Platz scheitert erneut Gomez, diesmal an Weidenfeller. Borussia rettet sich in die Halbzeit.

van Bommel diskutiert, Schmelzer marschiert

„Wenn wir jetzt noch gut spielen, dann haben wir eine Riesenchance“ ist sich Klopp in der Kabine sicher. 45 Minuten aktive Erholung müssen also reichen, jetzt noch einmal 45 Minuten, dann sind die sieben Spiele in 23 Tagen vorbei. Die Mannschaft hört mit Interesse zu und begrüßt bei der Rückkehr auf den Platz Martin Demichelis. Der argentinische Schönling darf für den angeschlagenen van Buyten in der Innenverteidigung ran. Barrios kann sich sein Grinsen kaum verkneifen. In den ersten fünf Minuten übernehmen die Dortmunder Jungs dann auch gleich das Kommando, ein letztes Mal in diesem Spiel spielt Schweinsteiger einen Pass in die Tiefe, doch danach rollt der Ball immer wieder in Richtung Süd. In der 51. Minute spielt Sahin den Ball lang raus auf den linken Flügel, im Moment der Ballabgabe holzt der jetzt schon sichtlich frustrierte van Bommel Sahin um. Die Vergangenheit versucht es mit Gewalt, die Zukunft hat Auge. Schiri Meyer signalisiert Vorteil, der Ball landet unweit der Mittellinie im Seitenaus.

Van Bommel muss sich jetzt eine Ermahnung abholen und ergeht sich flankiert von Schweinsteiger in sekundenlangen Protesten. In dieser Zeit schleicht Schmelzer mit dem Ball in Richtung Strafraumkante. Den fälligen Einwurf führt er von dort aus, lang und weit fliegt der Ball in den Strafraum, Demichelis klärt in die Mitte. Dort ist Bender einen Tick schneller als Gomez, von seinem langen Bein springt der Ball zu Barrios. Eine kurze magische Ballbehandlung später landet der von Badstuber abgefälschte Ball in den Maschen. Der Bann ist gebrochen. Unter „Zieht den Bayern die Lederhosen aus“-Gesängen brandet nun Angriff über Angriff in Richtung Bayern-Tor. Hummels geht jetzt auch mit nach vorne, eine schöne Kombination über Kagawa landet an der Hand von Demichelis. Freistoß aus halbrechter Position. „Nuri! Nuri! Nuri“ schallt es nun durchs Stadion. Der Angesprochene legt sich den Ball zurecht, nimmt Maß und versenkt den Freistoß aus 24 Metern im Tor. Pure Ekstase. Innerhalb von wenigen Minuten singt das Stadion das komplette Liederbuch durch. Als Gomez geschlagen auf der Erde liegt und das Spiel unterbrochen ist, steht die Ost auf. Vor ihr holen sich die Spieler Getränke ab, es gibt minutenlange Standing Ovations. Jetzt könnten die Dortmunder Jungs die Bayern erlegen, doch Kubas Distanzschuß streicht über das Tor, Barrios scheitert am Pfosten und Lewandowski, der für Kagawa ins Spiel gekommen ist, verzieht zweimal knapp aus aussichtsreicher Position. Die letzten Zuckungen der Bayern führen zu zwei Chancen, doch ein abgefälschter Badstuber-Freistoß landet im Toraus und Olic scheitert aus zwei Metern an Piszczek.

Taschentücher, Wechselgesänge, niemand verlässt das Stadion, die Nachspielzeit gehört mit zu den den lautesten Momenten der an lauten Momenten reichen jüngeren Vergangenheit, und lange nach dem sich die Mannschaft vom Stadion verabschiedet hat, springt Jürgen Klopp sich drehend in Richtung Süd. Er nimmt Platz, tanzt und geht in Richtung Interview. In diesem Moment, knapp 30 Minuten nach Spielende, verbeugt sich die Gelbe Wand vor dem Mann, der die Freude zurück nach Dortmund gebracht hat. Ein Moment, der bleiben wird. Ein „schöner Moment“, wie Klopp es später nennen wird. Zum Augenblick dürfte ich sagen: Verweile doch, Du bist so schön. Doch es ist die Vielzahl dieser Augenblicke, die einen langsam in Richtung Wahnsinn treibt. Mehr, mehr, immer mehr. Nur nicht aufhören. Noch ein Spiel und noch ein Spiel. Danke! Und weiter, immer weiter. Nur nicht aufhören.

Die Noten

Weidenfeller: Klarer Sieger im Privatduell mit Mario Gomez, klopft ihm später gönnerhaft auf die Schulter. Ein kleiner Patzer nach Lahm-Flanke. 2
Schmelzer: Von Lahm und Müller gerade in der ersten Halbzeit immer wieder unter Druck gesetzt, machte seine Seite trotzdem dicht. Abgebrüht vor dem 1-0. 2,5
Subotic: In der ersten Halbzeit mit ein paar Unsicherheiten, aber auch mit fehlenden Anspielstationen im Mittelfeld. In der zweiten Halbzeit stabil. 3,5
Hummels: In der ersten Halbzeit hinten gebunden, in der zweiten Halbzeit auch nach vorne aktiv. Sicher. 2,5
Piszczek: Ließ nach hinten nichts anbrennen, von seinem Gegenspieler Toni Kroos war überhaupt nichts zu sehen. Leider ohne Offensivaktionen, trotzdem 2,5
Großkreutz: Drehte gerade in den letzten zwanzig Minuten mächtig auf, Wegbereiter beider Lewandowski-Großchancen. 2,5

Bender: Bender, the offender, wie er liebevoll genannt wird, mit einer Riesenleistung, immer mit einem Fuß am Ball. Wird von Spiel zu Spiel stärker. Sein mißglückter Flankenwechsel in der ersten Halbzeit ändert nichts an der 2.
Sahin: Gewann das Duell gegen van Bommel ohne Probleme. Zukunft schlägt Vergangenheit. Schöner Freistoß. 2
Kuba: War häufig auch auf der linken Seite zu finden, sorgte in der ersten Halbzeit für Druck. Leider weiter ohne Fortune im Abschluß, in dieser Form jedoch enorm wichtig für Borussia. 2,5
Kagawa: Fand nicht so recht ins Spiel, einmal in aussichtsreicher Position am Torschuss gehindert. 3,5
Barrios: Super-Lucas! Riss die Mannschaft mit seinem Treffer mit, danach unwiderstehlich. Verausgabte sich komplett. 2
Lewandowski, Feulner, da Silva ohne Note, Lewandowski aber wieder mit einigen Akzenten im Offensivspiel.

Die Statistik

Borussia Dortmund: Weidenfeller - Piszczek, Subotic, Hummels, Schmelzer - Bender, Sahin - Kuba, Kagawa, Großkreutz - Barrios.
Bayern München: Butt - Lahm, van Buyten, Badstuber, Braafheid - van Bommel, Pranjic- Müller, Schweinsteiger, Kroos - Gomez.
Einwechselungen: 76. Lewandowski für Kagawa, 86. Feulner für Barrios, 88. da Silva für Sahin - 46. Demichelis für van Buyten, 61. Olic für Braafheid.
Tore: 1:0 Barrios (51., Bender), 2:0 Sahin (60., dir. Freistoß).
Eckstöße: 1:8 (Halbzeit 0:4), Chancenverhältnis: 7:5 (0:3).
Schiedsrichter: Meyer (Burgdorf), Gelbe Karten: - Demichelis, Olic, Schweinsteiger.
Zuschauer: 80.720 (ausverkauft). Wetter: sonnig, 26 Grad.

Die Videos

Finden sich im Laufe der nächsten Tage alle in diesem Kurztext.

steph, 04.10.2010

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