Spielbericht Profis

Testspiel an der Hafenstraße ? Besser als die Bayern

07.10.2010, 01:20 Uhr von:  Redaktion

anderthalb Tribünen fehlen an der HafenstraßeDer BVB hat den Testkick beim finanziell klammen Traditionsklub aus Essen mit 2:1 für sich entschieden. Während das Spiel für die Borussia eher eine Pflichtaufgabe zu sein schien, hat man sich bei RWE sichtlich gefreut, mal wieder den Bundesligisten vom anderen Ende des Ruhrpotts begrüßen zu können. Ohne die Nationalspieler und einige verletzte oder geschonte Akteure hatte die wild zusammengewürfelte Borussenelf insbesondere in der zweiten Halbzeit Mühe, den eigentlich vorhandenen Klassenunterschied auch auf dem Feld deutlich werden zu lassen. Jürgen Klopp schob das auf die Belastung in den zurückliegenden englischen Wochen. Doch wenn man ehrlich ist, hatten die meisten heute aufgebotenen Spieler ohnehin keine gesteigerte Belastung hinter sich, da sie entweder bei den Profis die Bank wärmen oder in der Regionalliga aktiv sind.

RWE oder wann fängt endlich die Hymne an?

Trotz seiner zahlreichen Anhänger fehlt dem RWE das Geld"Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt" so lauteten die ersten Zeilen der Hymne der DDR. Dem Traditionsverein aus Essen und früheren Schreck vom Niederrhein kann man nur wünschen, dass diese Zeilen demnächst die aktuelle Situation des Vereins von der Hafenstrasse widerspiegeln werden.
Derzeit spielt man noch in der Ruine des Georg-Melches Stadions und auch die finanzielle Auferstehung im Rahmen des Insolvenzverfahrens wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Dem Zuschauer bietet das Stadion an der Hafenstrasse ungewöhnliche Einblicke. Von den üblichen vier Tribünen sind nur noch zweieinhalb vorhanden, und in der nach dem Teilabriss verbliebene Lücke vermitteln einige Baufahrzeuge die Illusion, der Stadionneubau schreite tatsächlich voran. Man merkt dem Stadion deutlich an, dass hier nur auf den Abriss gewartet und in die vorhandene Substanz nichts mehr investiert wird. Insgesamt herrscht noch der raue Charme der siebziger Jahre.

Zudem bleibt zu hoffen, dass der Verein eine Führung erhält, die primär der Zukunft zugewandt ist und nicht aus den Erfolgen der ruhmreichen Vergangenheit mit Meisterschaft, Pokalsieg und Boss Rahn eine unrealistische Erwartungshaltung ableitet. Diese Einstellung hat in der jüngeren Vergangenheit des Klubs dazu geführt, dass unverantwortliche finanzielle Risiken eingegangen wurden, um den sportlichen Erfolg zu erzwingen, der leider regelmäßig ausblieb. Dass dieser Verein aber immer noch lebt, konnte man in den dunklen Stunden im Sommer erkennen, als die RWE-Fans mit Spendensammlungen und einem Marsch als Bittsteller zu den großen Unternehmen der Stadt versuchten, ihren Beitrag zur Rettung ihres Vereins zu leisten.
Die Insolvenz und der damit verbundene Abstieg in die NRW-Liga konnte letztlich nicht verhindert werden. Dort tritt man im wesentlichen mit der letztjährigen U23-Reserve an.

Aber die andauernde Unterstützung der Mannschaft in der fünfthöchsten Spielklasse macht deutlich, dass RWE für viele Fans immer noch eine Herzensangelegenheit ist. So wurden die bisherigen Heimspiele im Schnitt von ca. 6.000 Zuschauern besucht und auch auswärts sorgt RWE regelmäßig für Rekordkulissen. Heute war das Stadion für einen Testkick unter der Woche mit 4.730 Besuchern ebenfalls mehr als ordentlich gefüllt. Dieser Verein gehört definitiv nicht in diese Spielklasse, aber trotzdem sollte eher ein organisches Wachstum angestrebt werden. Hoffentlich haben die unter der Regie von Insolvenzverwalter Dr. Frank Kebekus durchgeführten Restrukturierungsmaßnahmen im Verein dauerhaft einen positiven Effekt. Sportlich läuft es bislang jedenfalls gut in der NRW-Liga. Man führt die Tabelle nach neun Spieltagen vor der punktgleichen Germania aus Windeck an, gegen die RWE am nächsten Spieltag antreten muss. Es wäre schön, wenn man die Hafenstrasse bald zumindest mal wieder zu einem Pflichtspiel unserer Amateure bereisen könnte.

Zum Spiel

Der BVB tat sich schwer mit kämpferischen EssenernJürgen Klopp hatte zu Beginn in Hummels, Bender und Schmelzer ganze drei Spieler aus seiner Stammformation aufgeboten. Fast schon überflüssig zu erwähnen, dass keiner von ihnen nach der Pause auf den Rasen zurückkehren sollte. Das ist sicher schade für das Essener Publikum gewesen, aber einerseits hatten die Jungs sich die Schonung nach den harten Wochen zuletzt redlich verdient und andererseits wurde so der Klassenunterschied nur selten wirklich deutlich. Und es macht dann doch auch mehr Spaß seinem Team zuzusehen, wenn es einigermaßen mithalten kann.

Dafür war einiges an BVB-Prominenz auf den Rängen zu finden. Dede, Owomoyela und Barrios wollten sich das Spiel ihrer Kollegen nicht entgehen lassen und standen wie bei Testspielen üblich den Fans für Fotos zur Verfügung. Deutlicher Favorit war hier Lucas Barrios, der sich verständlicherweise nach dem gefühlt 150. Foto Mitte der zweiten Halbzeit in die Katakomben zurückzog. Auch auf der Tribüne Platz nehmen musste der eigentlich für die Startformation vorgesehene Hajnal, der sich beim Aufwärmen erneut verletzte und von Marc Schnier ersetzt wurde.

Während auf Seiten der BVB-Fans weitgehend die übliche Testspiel-Atmosphäre vorherrschte, wobei sich zwei kleinere Gruppen mehr oder minder erfolgreich am Support der Mannschaft versuchten, wussten die RWE-Fans schon zu Beginn zu überzeugen. Mit einem schönen Rot – Weiss – Essen Wechselgesang über die verbliebenen drei Tribünen demonstrierten sie, dass sie aus den suboptimalen baulichen Gegebenheiten das Beste raus holen wollten. Im weiteren Verlauf wurde von beiden Lagern ausgiebig dem gemeinsam gehassten Vorortklub gedacht. Insgesamt eine entspannte Atmosphäre zwischen beiden Lagern. Das große Polizeiaufgebot war heute unnötigerweise angerückt.
Santana wirkte hinten nicht immer sicher - aber vorne treffsicherNach 17. Minuten spielte „Leuchtturm“ Santana seine deutlichen Größenvorteile im Anschluss an eine da-Silva-Ecke aus und köpfte den Ball in die Maschen. Defensiv wirkte er leider weit weniger sicher und offenbarte auch ungewohnte Schwächen im Luftkampf obwohl er doch alle Gegner überragte. Der BVB agierte in der ersten Halbzeit weitgehend überlegen, wenn auch mit deutlich angezogener Handbremse. Im Mittelfeld versuchte da Silva mit wechselhaftem Erfolg an Stelle von Sahin die Fäden zu ziehen. Hinter der einzigen Spitze Damien Le Tallec, der heute meist wirkungslos blieb, durfte sich zunächst Yasin Öztekin versuchen.

In der 20. Minute bekam Schnier auf Höhe der Mittellinie einen Tritt ab und musste behandelt werden. Zunächst spielte er weiter, doch nach einer weiteren Viertelstunde musste er einsehen, dass seine Wadenbeinprellung ihn zu sehr behinderte und er wurde durch Boztepe ersetzt. Öztekin rückte nun nach Rechts und Boztepe hinter die Spitzen. Der BVB in der Zwischenzeit mit einigen halben Chancen. Meist nach Standardsituationen oder Fernschüssen wurde es brenzlig im Essener Strafraum. Boztepe zeigte in der 40. Minute gleich mal, was er technisch so alles drauf hat. Er spielte seinem Gegner einen Knoten in die Beine und drang in den Strafraum ein, wo er eine butterweiche Flanke direkt auf Feulners Kopf schlug. Der konnte kaum anders, als das 2:0 für den BVB zu markieren. Damit ging es dann auch in die Pause.

Schwatzgelb.de machte sich auf, die örtliche Gastronomie zu testen und es bleibt festzuhalten, dass es an der Hafenstrasse eine durchaus brauchbare Currywurst-Pommes zu einem Preis zu schmecken gibt, der dem antiquierten Ambiente des Stadions entspricht. Empfehlenswert!

In der zweiten Halbzeit wurde die BVB Mannschaft weiter kräftig durchgewürfelt und auch auf Essener Seite gab es jede Menge Wechsel. So kam auch der aus der Dortmunder A-Jugend verpflichtete Victor Huschka zu seinem Einsatz gegen die alten Kollegen. Von einem Klassenunterschied war spätestens jetzt nichts mehr zu merken. Ob der BVB nicht mehr wollte oder konnte oder ob die jungen Essener einfach so viel stärker spielten, lässt sich schwer sagen. Jedenfalls drehten die RWE-Supporter nochmal ordentlich auf, und das schien auch die Mannschaft zu beflügeln. Der BVB geriet vermehrt unter Druck und RWE kam zu Chancen. Der Anschlusstreffer erschien dann auch logisch. Jedoch brauchte es dafür einen schweren Fehler des jungen Australiers Mitch Langerak im BVB-Tor, der insgesamt nicht den sichersten Eindruck hinterließ. Er unterlief in der 62. Minute eine Flanke, so dass Avci am langen Pfosten den Ball ins leere Tor köpfen konnte.

Die RWE-Fans stellten nun unter Beweis, dass sie über das Geschehen in der Bundesliga bestens informiert sind: „Besser als die Bayern o-ohoooo“ schallte es aus der Kurve. Man merkte, dass die Essener heute einen Festtag begehen wollten, und es ist ihnen wirklich zu wünschen, dass in naher Zukunft noch mehr solcher Tage auf sie warten. Eine Minute vor Schluss wäre ihnen fast noch der Ausgleich gelungen, als Wagner eine Ecke an das Lattenkreuz köpfte.

Um den Abend aus Dortmunder Sicht noch abzurunden, wünschte der Stadionsprecher dem BVB die Meisterschaft am Ende dieser Saison und versicherte, dass dann in Essen mitgefeiert würde. Der zahlreiche Applaus von Essener Seite zu diesen Worten, verlieh der Aussage sogar eine gewisse Glaubwürdigkeit. Schön.

Fazit

Trotz Teilabriss hat sich das Stadion einen spröden Charme bewahrtAus Dortmunder Sicht vielleicht ein ziemlich überflüssiger Testkick, den man wohl nur angetreten hat, um einem Sponsor zu ermöglichen, an seinem Stammsitz im Sommer verlorene Sympathien zurück zu gewinnen. Eine Mannschaft, die man so nie wieder zusammen spielen sehen wird (Feulner war in der zweiten Halbzeit Kapitän!), tat sich schwer mit Platz, Gegner und innerem Schweinehund.

Für den geneigten BVB-Fan war es dennoch eine kurzweilige Unterbrechung der Länderspielpause, was weniger am Spiel als am spröden Charme der Georg-Melches-Ruine und den Essener Fans lag. Man kann es nicht oft genug betonen. Diese Fans haben mehr als die NRW-Liga verdient, und es bleibt eine Schande, dass dies in einer Stadt wie Essen momentan nicht möglich zu sein scheint. Hoffentlich konnte mit diesem Spiel ein kleiner Beitrag zur finanziellen Gesundung des RWE geleistet werden.

Ein Video der PK nach dem Spiel gibt es bei den Essener Kollegen von jawattdenn.de zu sehen.


RWE: Lamczyk (46. Niebuhr) – Jensen (60. Stöhr), Thamm (81. Denker), Wagner, Lehmann (81. Bartsch) – Tokat (60. Vennemann), Brauer – Kuta, Pilch (46. Avci), Lemke (69. Huschka)– Lenz (81. Schneider)

BVB: Langerak – Marc Klopp, Santana, Hummels (46. Cenik), Schmelzer (46. Selmani) – Bender (46. Eggert), Da Silva – Schnier (34. Boztepe), Feulner, Öztekin - Le Tallec

Schiedsrichter: Sven Waschitzki

Tore: 0:1 Santana (16.), 0:2 Feulner (40.), 1:2 Avci (62.)

Zuschauer: 4.730

Wer findet den Fehler?

Bei RWE scheint momentan jede Art von finanzieller Unterstützung willkommen

Web 07.10.2010

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