Spielbericht Profis

Tour in eine andere Welt

28.08.2010, 19:43 Uhr von:  Redaktion

Bild vom Check-In-SchalterAls der BVB-Fanflieger am Freitagmorgen um kurz nach 6 Uhr hart auf der Landebahn des Köln-Bonner Flughafens aufsetzt ist sie vorbei, die schwarzgelbe Tour in eine andere Welt. Hinter den gut 186 BVB-Fans die übermüdet aus der Boeing 737 der tschechischen Fluggesellschaft Smart Wings steigen liegt ein Tag voll toller Impressionen, Erlebnissen und ein 1-0 Auswärtssieg unserer Borussia in Baku, der den Einzug in die Gruppenphase der Europaleague 2010/2011 ermöglicht. Leider sind die Erfahrungen, die die Fans in Aserbaidschan machen durften nicht durchweg positiv. Schuld daran: Grenzbeamte, Polizisten und ein gastgebender Verein, der in Sachen Gastfreundlichkeit wohl noch Nachholbedarf hat.


Verwundert reiben sich am Mittwochabend die normalen Flugreisenden die Augen, denn der Flughafen Köln/Bonn ist in schwarzgelber Hand. Erstes Aufatmen bei den Organisatoren, als sich auch der letzte der gut 180 angemeldeten Fans am Check-In-Schalter einfindet. Noch eben die Sicherheitskontrolle und den Reisepass-Check (der von einer szenekundigen Beamtin unterstützt wurde) hinter sich gebracht, hieß es das erste Mal auf dieser Tour: Warten. Allerdings finden sich unter den Mitfliegenden einige Gesichter aus alten Europapokal-Tagen. Es wird bei lauwarmem Gaffel-Kölsch aus der Dose (mehr gibt der DutyFree-Shop leider nicht her) in Erinnerungen geschwelgt und die Zeit vergeht doch recht schnell.
Gegen 23:15 Uhr landet der Fanflieger von seinem Transferflug aus London kommend endlich und wird noch gesäubert. Allerdings fehlt noch die Verpflegung, die eigentlich bereits in London an Board genommen werden sollte. Doch auch dieses kleine Problemchen kann die Crew der Maschine schnell lösen und ordert beim lokalen Caterer das Essen für die Fans. Mit etwas Verspätung entert der schwarzgelbe Mob den Flieger und es geht endlich los. Der Flug verläuft ruhig und es scheint auch genügend Bier an Board zu sein (Madrid-Mitflieger werden sich erinnern). Dank Zeitverschiebung landet der Flieger dann auch nach knapp 5 Stunden Flug zu nicht ganz nachtschlafender Zeit in Baku. Beim Aussteigen ist der erste Eindruck: Heiss, schwül, Öl.


Die Fans werden in einen kleinen Wartebereich geleitet, der für die nächsten viereinhalb Stunden das Zuhause der Schwarzgelben werden soll. Man war vor der Reise auf ein langes Einreiseprozdere vorbereitet worden und die deutsche Botschaft hatte zuvor ca. 3 Stunden prognostiziert. Doch konnte man den Eindruck gewinnen, dass die ganze Prozedur der Visums-Vergabe bewusst etwas verlangsamt wurde. Bekam man den Stempel noch ziemlich rasch und war voller Hoffnung, den Flughafen doch zügig verlassen zu können, starb diese Hoffnung am nächsten Schalter. Ein einziger Grenzbeamter saß dort und trug die Reisepassdaten eines jeden einzelnen in ein kleines Visumsformular ein, nein er malte die Namen und Geburtsdaten geradezu. Das führte dazu, dass pro Fan ca 3-5 Minuten vergingen, je nachdem ob der Beamte gerade eine Zigarette im Mund oder ein Telefon am Ohr hatte. Ein zweiter Beamter beaufsichtigte seinen Kollegen lieber, als selbst den Stift in die Hand zu nehmen. Einem teilweise sprachkundigen Mitreisenden zufolge, soll er seinen Kollegen wohl angewiesen haben, es ruhig anzugehen und nicht zu schnell zu arbeiten.

Währenddessen machen es sich die anderen Fans auf dem Marmorboden des Wartesaals gemütlich und holen, so gut es geht, ein wenig Schlaf nach. Nach drei Stunden werden die ersten Fans unruhig, denn die Schlange am Schalter ist nicht merklich kürzer geworden und es gibt im Einreise-Knast keinerlei Möglichkeit zur Verpflegung. Nach gut drei Stunden setzt sich dann tatsächlich sporadisch ein zweiter Beamter dazu und füllt Einreise-Dokumente aus. Dass jeder Fan zuvor extra ein Dokument ausgefüllt hatte, interessiert die Beamten nicht und diese Schreiben werden achtlos beiseite gelegt. Nach vier Stunden ruft die aserbaidschanische Grenzpolizei dann ihre maximale Leistungsfähigkeit ab und so wird die 5-Stunden-Marke doch nicht ganz erreicht, als der letzte Fan (kennse ja) die Passkontrolle passiert. Im Wartebereich des Flughafens wird dieser frenetisch empfangen und nachdem man mit den ersten Manats ein paar Flaschen Wasser eingekauft hat, geht es in die Stadt. Um die Transfers vor Ort zu erleichtern, stellt der BVB den Fans zu diesem Zweck für den ganzen Tag einige Shuttle-Busse kostenfrei zur Verfügung. Eine sehr nette Geste, die zeigt, dass man sich beim BVB seiner treuen Fanschar durchaus bewusst ist. Ein dickes Dankeschön dafür ist an dieser Stelle angebracht!


Mit den Bussen geht es nach Baku-City und bereits auf dem Weg gewinnt man das erste Mal den Eindruck, dass man sich in einer geteilten Stadt aufhält. Geteilt durch arm und reich, durch Prunk und Elend, durch Sauberkeit und Schmutz. Meist liegen dazwischen nur wenige Meter. Zudem ist die Stadt eine einzige Baustelle. Das Öl-Geld sprudelt erst seit wenigen Jahren und so wird vor allem die strahlende Seite Bakus in den nächsten Jahren noch an Glanz gewinnen. Am Regierungspalast entlassen uns die Busse in die Stadt und es gibt erst einen kleinen Abstecher zum kaspischen Meer. Das Wasser schimmert ölig und am Horizont kann man einige Bohrinseln erkennen. Der Ursprung des Bakuschen Reichtums wird einem so nocheinmal vor Augen geführt.

Baku

Entlang der Prachtvollen Strandpromenade und vorbei an Prada, Gucci und Konsorten geht es in Richtung Altstadt. Diese soll mir ihren verwinkelten Gassen und alten Gemäuern besonders sehenswert sein. Wir werden nicht enttäuscht und es gibt wirklich einiges zu sehen in der Altstadt. Highlight sicherlich ein altertümlicher Turm, der, hat man ihn bestiegen, einen wunderschönen Blick über die ganze Stadt und den Hafen bietet. Nach dem Altstadt-Bummel, zieht es die Fans dann zum vereinbarten Treffpunkt am Fountain Square, einem riesigen Platz mitten in der Stadt, der durch eine Vielzahl unterschiedlichster Brunnen zu gefallen weiß. Hier stärken wir uns, die Banausen beim goldenen M, die anderen bei heimischen Spezialitäten. Ein nicht weit entfernt gelegener Supermarkt macht mit eisgekühltem Bier den Umsatz seines Lebens und diese Quelle soll auch in den folgenden Stunden nicht versiegen. Mehr und mehr BVB-Fans strömen auf den Platz und die Einheimischen freuen sich über den schwarzgelben Farbklecks in ihrer Stadt. Viele kommen auf die Fans zu und versuchen in gebrochenem Englisch zu erkunden, warum wir da sind und ob es uns gefällt in Baku. Vergessen die nervenzehrenden Stunden bei der Einreise. Das hier ist Europapokalatmosphäre wie man sie sich wünscht. Wir genießen das Treiben auf dem Platz bis um 18 Uhr der Abmarsch zu den Bussen bevorsteht. Bevor es allerdings losgeht, tritt Sector 11 auf den Plan, eine Fangruppe von FK Qarabag. Es gibt einen kleinen Sangeswettstreit mit wenig Chancen für die Azeri. Da unsere Busse warten geht es dann auch schnell weiter zurück in Richtung kaspisches Meer.

Die Busse bringen uns problemlos zu einem (von aussen) wahrhaft schmucken Stadion. Getrübt wird das Bild durch über 2000 Soldaten und Polizeikräfte rund ums Stadion. Hier zeigt sich der Polizeistaat von seiner besten Seite. Die Busse fahren direkt in den Gästebereich, so dass es keinerlei Berührungspunkte zu einheimischen Fans gibt. Die Fans von The Unity haben für das Spiel eine schmucke Choreographie mit Spruchbändern, schwarzgelben Bändern und kleinen Schwenkfahnen geplant, doch werden aus heiterem Himmel die Schwenkfahnen(-Stangen) verboten, die in der Vorbesprechung noch genehmigt worden waren.

Angeblich eine Intervention der UEFA, die aufgrund der Verbote für die Azeri beim Hinspiel gleiches mit gleichem vergelten will. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Wer nun wirklich der Bösewicht ist, lässt sich wohl leider nicht mehr herausfinden. Ein weiteres Ärgernis sind die Eintrittspreise: Kostet die günstigste Karte 1 Manat und eine Karte in einem mit dem Gästebereich vergleichbaren Block bei 3 Manat, zahlen die Gäste mal eben das zehnfache. So sieht Gastfreundlichkeit wahrlich nicht aus. Hier wird der BVB wohl noch eine Protestnote an die UEFA verfassen, denn es gibt einen Passus in den Statuten der UEFA, der eine Obergrenze für Eintrittskarten vorsieht. Als Vergleich sei gesagt, dass man auch für 10 Manat eine VIP-Karte inkl. Buffet hätte erstehen können, wenn man sich nicht als Fan des BVB outete.

Das Spiel

Vor dem Spiel wurde gefühlte 20 Mal das Vereinslied von Qarabag aus den Lautsprechern (die diesen Namen eigentlich nicht verdienen) gejagt, so dass man sein eigenes Wort nicht verstand. Der Gästebereich füllte sich schnell. Spruchbänder und die schwarzgelben Bänder durften in den Block, so dass es zum Einlaufen der Mannschaft trotzdem noch eine sehr schöne Choreo zu sehen gab. „Und ruft uns einst auch das Geschick wohl in ein fernes Land, dann schlingt sich stolz um unsere Brust das schwarz und gelbe Band“ steht da in großen Lettern und selten passte dieser Spruch wohl so gut.


Die Mannschaft, die am Vortag ebenfalls mit einigen Schwierigkeiten bei der Einreise zurechtkommen musste, tritt in fast derselben Startaufstellung an, wie beim Leverkusen-Spiel. Lediglich Piszczek kommt für Mario Götze in die Mannschaft, Barrios spielt trotz Schulterproblemen. Die sehr offensiv ausgerichtete Mannschaft von Qarabag stürmt von der ersten Minute an los und ließ Borussias Abwehrverbund in den Anfangsminuten keine Ruhe. Bis zur 10. Minute kommen die Azeri einigemale vor das Tor von Roman Weidenfeller. Nadirov und Sadigov (als Freistoßschütze) vergeben dabei jedoch drei Tormöglichkeiten. Ab der 10. Minute beruhigt sich der Qarabagsche Offensivwirbel etwas, Borussia übernimmt mehr und mehr die Kontrolle und steht defensiv sicher. Was fehlt ist das Spiel nach vorne, das bei Borussia quasi nicht stattfindet. Ob es an der schwülen Luft liegt oder am 4:0 aus dem Hinspiel im Rücken, die schwarzgelben tun sich unheimlich schwer. Das Spiel ist in der Folge vom Kampf und vielen Fouls geprägt, was zur ersten gelben Karte für Kagawa nach einem Foul im Mittelfeld führt. Qarabag kommt ab und zu über die Flügel durch, so in der 21. Minute als sich Adamia durchsetzt. Schmelzer kann aber klären. In der 27. Minute das 1-0 für Borussia – denken alle. Barrios trifft das Tor mit einem Drehschuss nach feiner Vorarbeit von Kagawa, allerdings aus vermeintlicher Abseitsposition. So bleibt es beim 0-0, man gewinnt aber mehr und mehr den Eindruck, dass hier und heute wohl nichts anbrennen wird. In der 30. Minute muss Piszczek am Spielfeldrand am Fuß behandelt werden, erst sieht es schlimm aus, nach einigen Minuten kann er aber weiterspielen. In der 39. Minute nocheinmal Qarabag mit der Chance nach Hereingabe von Nadirov, doch Weidenfeller klärt. Kurz vor der Halbzeit hat dann noch Sebastian Kehl das 1-0 auf dem Fuß, aber der im Hinspiel nicht immer sichere Torhüter klärt den Volleyschuss. Die BVB-Fans feiern ungeachtet des wirklich nicht sehenswerten Spiels eine Dauerparty im Gästeblock, die miserable Akkustik lässt die Gesänge jedoch nur selten durchs ganze Stadion schallen. Es ist viel Bewegung im Block und viele Fans schwitzen mindestens ebenso doll, wie unsere Profis.


Halbzeit zwei ist schnell erzählt. Das Spiel wird noch schlechter, Borussia wird aber immer stabiler im Defensivverhalten. Das Spiel plätschert dahin und erst in Minute 67 mal wieder ein sehenswerter Spielzug, an dessen Ende Barrios alleine auf Qarabags Schlussmann zuläuft, allerdings den Ball nicht im Tor unterbringen kann. Mittlerweile sind Lewandowski für Kagawa und Götze für Kevin Großkreutz auf dem Platz. Fortan spielt eigentlich nur noch der BVB, das allerdings nicht sehr ansehnlich. Immer wieder verlieren die Flügelspieler den Ball, werden ungenaue Pässe gespielt. Trotzdem kommt Borussia noch ein paarmal vor das Tor. So auch in der 91. Minute, als man sich im Gästeblock schon darauf eingestellt hatte, mit einem müden 0-0 nach Hause fliegen zu müssen. Barrios verarbeitet ein Zuspiel aus dem Mittelfeld mit einem flachen Drehschuss aus halblinker Position zum 1-0. Der Gästeblock explodiert, ab jetzt ist Party angesagt. Endlich Europa! Die Fans feiern die Mannschaft und sich selbst. Geschlossen kommen die Spieler und Jürgen Klopp vor den Gästeblock und feiern minutenlang den Einzug in die Gruppenphase der Europaleague. Man sieht den Spielern die Erleichterung und die Freude über den Erfolg an. Einige Spieler singen das Europapokal-Lied sogar mit und die totale Eskapade sorgt noch einmal für Turbulenzen im Block. Zu guter Letzt werfen alle Spieler ihre Trikots in den Block, eine kleine aber feine Geste und ein Zeichen der Hochachtung vor den mitgereisten Fans. So macht es Spaß und Freude, Fan dieses tollen Vereins zu sein.

Heimreise

Nach den Feierlichkeiten geht es schnell zurück in die Busse und direkt zum Flughafen. Immerhin wartet noch das Ausreise-Prozedere auf die Fans. Und es steht zu befürchten, dass es dabei ebenfalls zu Verzögerungen kommt. Der Abflugbereich wird an diesem Abend extra für die BVB geöffnet und sogar der Flughafenkiosk hat noch geöffnet. Dort decken sich alle Fans noch mit Fangetränken ein und geben die letzten Manats aus. Immerhin darf die Währung nicht aus Aserbaidschan ausgeführt werden.

Nach zwei Sicherheitsschleusen wartet der CheckIn auf die Fans und es geht erstaunlich schnell voran, obwohl die Boarding-Karten per Hand und anhand von Papierlisten ausgefüllt werden. Danach die Passkontrolle, die zwar langsam abläuft aber trotzdem in erträglichem Rahmen bleibt. Nach einem kurzen Foto-Abgleich, ob der Ausreisende auch dieselbe Person ist, die am Morgen eingereist ist, wird man durchgelassen und steht…vor der dritten Sicherheitsschleuse. Dieses Mal hat man es mit einem ganzkörper-Scanner zu tun. Schuhe aus und rein in den Apparat. Worüber in Deutschland noch diskutiert wird, Aserbaidschan ist hier der Zeit voraus. Gut finden muss man das nicht.


Eine skurrile Situation ergibt sich bei der anschließenden Taschenkontrolle. Einem Fan wird ein T-Shirt einfach aus dem Rucksack entwendet und in einen Schrank gesperrt. Ohne Begründung. Nachdem sich einige Fans im Sicherheitsbereich stehen bleiben und ein bisschen Druck auf die Grenzbeamten ausüben, rücken diese das T-Shirt nach 20 Minuten wieder heraus. Allerdings fordern Sie dafür eine „Gebühr“ von 30 Euro oder ein Parfum aus dem Duty Free Shop. Auf diese Art von Erpressung wollen wir uns nicht einlassen und verlassen einfach den Sicherheitsbereich. Im Warteraum vor dem Gate lässt man uns nun noch ein wenig schmoren, doch mit etwas Verspätung geht es dann endlich nach einer weiteren sporadischen Passkontrolle (das fünfte Mal anstehen) in die Busse zum Flieger. Als dieser von der holprigen Landebahn abhebt sind wir alle irgendwie froh, aserbaidschanischen Boden wieder verlassen zu haben, aber auch beeindruckt von den vielen tollen Eindrücken des Tages – und stolz auf unseren BVB.

Daten zum Spiel

(Quelle: BVB-Homepage)
FK Qarabagh Agdam: Valiyev - Medvedev, Teli, Sadygov, Agolli - Nadirov, Abasov, Sadigov, Rubins - Adamia, Aliyev.
Borussia Dortmund: Weidenfeller - Owomoyela, Subotic, Hummels, Schmelzer - Kehl, Sahin - Piszczek, Kagawa, Großkreutz - Barrios.
Einwechselungen: 68. Mammadov für Adamia, 69. R. Karimow für Rubins, 88. A. Karimow für Abasov - 61. Lewandowski und Götze für Kagawa und Großkreutz, 76. Rangelov für Piszczek.
Tor: 0:1 Barrios (90.+1, Götze).
Eckstöße: 4:10 (Halbzeit 4:5), Chancenverhältnis: 1:6 (1:3).
Schiedsrichter: Serge Gumienny (Belgien), Gelbe Karten: Nadirov - Kagawa
Zuschauer: etwa 15.000. Wetter: wolkenlos, 28 Grad.

Jakob, 28.08.2010

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