Spielbericht Profis

Klassenerhalt? Check!

06.12.2010, 08:46 Uhr von:  Redaktion

40 Punkte bedeuten den lang ersehnten KlassenerhaltMühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Rom wurde nicht an einem Tag erbaut. Und mit 40 Punkten ist noch niemand deutscher Meister geworden. Abgestiegen ist damit allerdings auch noch keiner, weshalb wir am kalt gestellten Sekt zumindest schon mal nippen und uns zur Feier des Tages eine Apfelsaftschorle (mit Kohlensäure!) genehmigen möchten. Training ist bis auf weiteres im angezogenen Zustand erlaubt.

Ein Qualitätsabstand von sieben Punkten war vom FSV Mainz am Vorabend respektvoll beibehalten worden, so dass der Titel des Herbstmeisters (ungefähr der wichtigste zwischen Platzwart und Oberförster) schon in Abwesenheit errungen werden konnte. Mit dem heißen Atem des Münchener Aufholjägers im Nacken, mussten für Borussia gegen den überraschend gut in die Saison gestarteten Glubb drei Punkte her. Bei feinstem Kevin-Großkreutz-Wetter (in kurzarm, ohne Pömps!) musste der BVB nur auf Lucas Barrios verzichten, der wie schon beim unterwöchigen Europaligasparring gegen Karpaty Lviv von einer Verletzung außer Kraft gesetzt wurde.

Choreografie der JUBOS DortmundEine stattliche Anzahl Borussen hatte sich wie in der Vergangenheit auf den Weg begeben, ihren BVB zu begleiten. Nicht ganz so viele wie bei den übrigen Spielen und sehr viele mit bayerischen Kennzeichen, weshalb der Gästeblock zu Recht auf die etwas unverschämte Abendansetzung hinwies: 455 km Entfernung zwischen Dortmund und Nürnberg, obwohl am Nachmittag nur 25 km zwischen Leverkusen und Köln gelegen hatten, sollten keines weiteren Kommentars bedürfen.

Ansonsten gab es von den Fans zwei feine Choreographien zu sehen: Die Heimkurve würdigte schnörkellos ihren Verein und hielt fast fünf Minuten lang ein Motiv in die Höhe, bis zum Einlaufen der Spieler der Mittelteil gewendet und zum FCN-Logo umgebaut wurde. Im Gästeblock feierten die JUBOS Geburtstag und brachten ihre Geschenke gleich selber mit – Papptafeln und einige weitere Accessoires zauberten ordentlich schwatzgelbe Farbe in die Bude. Eine tolle Sache, wenn Gäste in der Bundesliga auch wie Gäste behandelt werden und nicht jedes Fanmaterial am Eingang abgeben müssen. (An dieser Stelle darf auch dankend erwähnt werden, dass der FCN unsere Arbeit seit Jahren vorbildlich unterstützt.)

Gelungene Choreo von UN'94 im HeimsektorDas Spiel selbst begann etwas zerfahren. Beide Mannschaften verzichteten auf große Abtastorgien und warfen sich mitten ins Geschehen. Nürnberg – wissend um die mit dem Spielverlauf extrem zunehmende Stärke Borussias – wollte ein frühes Tor erzielen, der BVB hatte es überhaupt nicht nötig, sich vor irgendeinem Gegenspieler zu verstecken. Erste Chancen auf beiden Seiten wurden recht sicher von Raphael Schäfer und Roman Weidenfeller entschärft, meist scheiterten die Offensivbemühungen jedoch schon in der Entstehungsphase an schlampigen Abspielen oder der fehlenden letzten Konsequenz. In der 13. Minute kam Robert Lewandowski zur bis dato besten Chance, ein Volleyschuss aus rund 20 Meter Entfernung sorgte allerdings noch nicht für Heulen und Zähneklappern.

Auf den Rängen hatte der Glubb zunächst stark begonnen und ebenso stark wieder abgebaut, wurde vom Gästeanhang allerdings auch nicht besonders herausgefordert – von beiden Seiten erlebten wir in der ersten Halbzeit eine eher maue Darbietung, die im Vergleich zur extrem starken Vorstellung beim letzten Aufeinandertreffen fast schon ein wenig traurig schien. Wirklich laut wurde es eigentlich nur bei (den eher seltenen) Nürnberger Angriffen, wenn die Längstribünen einstiegen und mitklatschten.

Piszczek gewohnt souverän auf der rechten SeiteNach einer guten Viertelstunde – bislang hatten sich die Franken ein leichtes Übergewicht erspielt – fand sich der Tabellenführer langsam auf dem Spielfeld ein. Eine schöne Balleroberung im Mittelfeld gelang gegen drei Hausherren, Lewandowski marschierte mit großen Schritten in Richtung seines fünften Saisontreffers und wurde nur im letzten Moment von einem Gegenspieler gestört – Schiedsrichter Michael Weiner entschied auf Abstoß statt auf Ecke, es sollte sein einziger Fehler an diesem Tag bleiben.

Dennoch stand Weiner auch bei der nächsten Szene im Mittelpunkt. Während die Rot-Schwarzen noch mit ihrem Schicksal haderten und sich in völliger Unordnung befanden, führte Nuri Sahin einen an sich harmlosen Freistoß aus dem Mittelkreis in der Sekunde der Ballfreigabe durch – der Ball überflog Freund und Feind und landete nach Andreas Wolfs missglückter Abseitsfalle direkt bei Mats Hummels, der mutterseelenalleine vor Schäfer nur noch den Kopf hinhalten musste. Die Nürnberger ärgerten sich über den Freistoß, nahmen den dicken Patzer aber ohne allzu großes Gemecker auf ihre Kappe. So waren sie immerhin auf der Hut, als Lewandowski eine Minute später nach passgenauer Flanke Marcel Schmelzers den nächsten Treffer beinahe auf dem Kopf hatte.

Torjubel zum 0-1 durch HummelsÜberhaupt zeigte die Abwehr der Hausherren erschreckende Defizite, wenn es um Standardsituationen oder hohe Bälle jedweder Art ging. Es war noch nicht einmal eine halbe Stunde gespielt, als zum wiederholten Mal das Spiel nach bekanntem Muster für höchste Gefahr im Strafraum sorgte: Wieder einmal hatte Schmelzer eine akkurate Flanke in die Mitte geschlagen, diesmal konnte nur noch Schäfer den Spielstand gegen das anfliegende Kopfballungeheuer Kagawa Shinji (Flugkurve ungefähr wie bei Gamera) verteidigen. Im Nachsetzen agierte Shinji dann etwas zu godzillaesk-behäbig, um den Ball im Tor unterzubringen.

Borussia hatte vorerst genug gezeigt und ließ die Nürnberger wieder etwas stärker ins Spiel kommen, blieb über Konter aber jederzeit gefährlich. Angriffe der Franken wurden von bis zu acht Spielern abgewehrt, das ganze Mittelfeld zog sich bis hinter zur Strafraumkante zurück – allerdings wurde hier nicht gemauert, sondern sofort über die bärenstark aufspielenden Hummels, Shinji oder Neven Subotic zum Gegenangriff geblasen. Eine trotz einiger Chancen insgesamt ereignisarme erste Halbzeit ging mit einer knappen, aber verdienten Führung zu Ende – Borussia musste nicht mehr zeigen und konnte es sich leisten, die letzte Konsequenz vermissen zu lassen, während den Nürnbergern einfach kein passendes Rezept einfiel, um die felsenfest stehende Defensive in Bedrängnis zu bringen.

Kagawa im ZweikampfDie Anfangsminuten der zweiten Hälfte plätscherten ein wenig vor sich hin, nur auf der Tribüne schienen die beiden Fanlager zumindest etwas sangesfreudiger geworden zu sein. Atemberaubende Stimmung können beide Seiten aber weitaus besser als an diesem Nachmittag, so dass wir auf eine weitere Betrachtung eher verzichten wollen.

Einen richtigen Aufreger gab es dann wie aus dem Nichts im schwatzgelben Strafraum zu sehen. Julian Schieber düpierte im Alleingang die gesamte Dortmunder Hintermannschaft und schaffte es zum ersten (und einzigen) Mal, vorbei an Subotic, Hummels und Lukasz Piszczek direkt vor den Kasten Roman Weidenfellers zu marschieren. Statt die hundertprozentige Chance zu nutzen, spielte er den Ball auf einen mitgelaufenen Mannschaftskameraden auf Höhe des Fünfmeterraums, der dank Schmelzers Rettungstat keinen Profit mehr daraus schlagen konnte. Durchatmen auf unserer Seite, denn Nürnberg hatte zu diesem Zeitpunkt die einzige echte Torchance des Spiels leichtfertig vergeben. Zwei Minuten später ärgerte sich Schieber so sehr, dass er für ein Frustfoul an Piszczek mit gelb bestraft wurde.

Es war der Startschuss für eine fulminante Schlussoffensive, bei der das jüngste Team der Liga endlich klar Schiff machen wollte: Ein Tor Unterschied wäre ein bisschen mickrig gewesen, also sollte mindestens ein weiteres Anstandstrefferchen für die mitgereisten Fans geschossen werden. Um der Presse allerdings nicht weiter Futter für Phantomdiskussionen über M-Wörter zu liefern oder den tapfer spielenden Gegner zu demoralisieren, zogen es die Schwatzgelben zwischen Minute 60 und 70 vor, Angriffsbemühungen anzukündigen, ohne aber die letzten Pässe in die Gasse zu spielen (oder so ähnlich…) – unwahrscheinlich viele Bälle landeten in dieser Phase jedenfalls am Bein eines Gegners oder einfach im Nirgendwo.

Mario Götze zog im Mittelfeld die FädenMit dem stärker fallenden Schnee mehrten sich in der Folge aber auch unsere Chancen im Minutentakt. In der 72. Minute hätte das 0:2 endlich fallen müssen: der nach verhaltenem Beginn deutlich verbesserte Mario Götze umkurvte die Nürnberger Abwehr wie Slalomstangen, zog bis zur Grundlinie durch und spielte knapp fünf Meter vom Tor entfernt auf den direkt vor dem Tor lauernden Lewandowski. Unser Neuzugang machte in diesem Moment alles richtig und erwischte den Ball genauso, wie er ihn hatte erwischen wollen – wieder einmal bekam Schäfer jedoch seinen Fuß dazwischen. Kurze Zeit später war es Shinji, der sich nach einem Einwurf im Strafraum gelöst hatte. Sein Volleyschuss strich ganz knapp über das Tor und berührte das Netz leider nur noch von oben. Der Glubb kannte keinerlei Entlastung mehr und harrte seiner Dinge in der Hoffnung, im eigenen Stadion nicht noch eine Packung zu kassieren.

Beispielhaft einer der nur noch vereinzelten Entlastungsangriffe in der 80. Minute: Nach einem Foul im Halbfeld hatte Mehmet Ekici die Chance, per Freistoß ein Zeichen zu setzen – der Ball landete in der Mauer, der Konter rollte sofort und der einschussbereite Lewandowksi konnte direkt vor Schäfer nur noch durch den Abseitspfiff gestoppt werden.

Torjubel zum Dortmunder 2-0Das 0:2 lag endgültig in der Luft und sollte nach dem vielen Pech der vorangegangenen Riesenchancen nun durch eine Zufallsproduktion fallen. Abermals hatte sich Götze auf links durchgesetzt und das taktische Foul (in aussichtsreicher Position) durch eineartistische Einlage nicht gezogen (!). Stattdessen behielt er seine Mitspieler im Blick und legte mustergültig an die Strafraumkante ab, zwei bis drei zufällige Ballkontakte später schaltete Lewandowski am schnellsten und hämmerte den Ball mit links aus der Drehung unhaltbar ins rechte Eck. So krönte Lewandowski seine tolle (und zuvor unglückliche) Leistung mit einem hoch verdienten Tor und die Tribünen leerten sich innerhalb weniger Sekunden.

Borussia Dortmund hatte zu diesem Zeitpunkt die Pflichtaufgabe erfüllt: Der Glubb aus Nürnberg war geschlagen, der in Windeseile aufholjagende FC Bayern gerade nochmal so auf Distanz gehalten und der so wichtige Klassenerhalt gesichert. Folgerichtig feierten die Spieler mit ihrem Anhang und besangen das große Glück „Nie mehr zweite Liga“, zum großen Staunen der anwesenden Pressevertreter und Nürnberger, die aus irgendeinem Grund der einhelligen Meinung waren, einen deutschen Meister auf dem Platz gesehen zu haben. Ob ihnen Leonardo Dede gewunken hatte?

Statistik


Klassenerhalt in Arbeit: Schäfer – Judt, Maroh, Wolf, Plattenhardt – Simons – Hegeler, Cohen, Gündogan, Mak – Schieber

Wechsel: Ekici für Judt (68.), Eigler für Mak (75.), Mendler für Cohen (83.)

Klassenerhalt sicher: Weidenfeller – Piszczek, Subotic, Hummels, Schmelzer – Sahin, Bender – Götze, Shinji, Großkreutz – Lewandowski

Wechsel: Kuba für Großkreutz (61.), da Silva für Shinji (85.), Santana für Sahin (90.)

Tore: 0:1 Hummels (23.), 0:2 Lewandowski (88.)

Gelber Karten: Gündogan, Schieber – Subotic, Lewandowski

Noten

Weidenfeller: Verlebte einen sehr ruhigen Nachmittag, bekam einen einzigen harmlosen Schuss aufs Tor und gab sich dabei keine Blöße. Note 2,5.

Pisczcek: Ordentliche Leistung, investierte viel und half immer dann aus, wenn er gebraucht wurde. Note 3.

Subotic: Wieder einmal so gut wie unbezwingbar. Wo dieser Kerl immer noch ein Bein herbekommt, um den Ball wegzuspitzeln, ist eines der größeren Rätsel der Saison. Nur einmal etwas unsicher gegen Schieber, ansonsten nix zu meckern. Note 2.

Hummels: Exakt wie bei Subotic, zusätzlich aber mit dem wichtigen 0:1 und weiterer Torgefahr. Note 1,5.

Schmelzer: Rettete einmal in allerhöchster Not, schlug unfassbar viele Flanken (Borussia insgesamt: 25) und hielt die Nürnberger Defensive stets beschäftigt. Note 2,5.

Sahin: Bereitete das 0:1 vor, stand ansonsten in enger Manndeckung und konnte seine vielen Ballkontakten nur in wenig Zählbares ummünzen. Hier hatten die Franken aus ihren Fehlern der Vorsaison gelernt, als Sahin noch drei Tore vorbereitet hatte. Heute gibt’s für ihn nur die Arbeitsnote 3.

Bender: Kämpfte und ackerte sich durchs Mittelfeld. Hielt nach hinten gut dicht, ließ Geistesblitze und Passgenauigkeit aber etwas vermissen. Note 3,5.

Götze: Begann verhalten, wuselte sich aber ins Spiel hinein. Eine Großchance überragend herausgespielt und eine ganz feine Vorbereitung des entscheidenden Treffers geleistet, statt sich einfach fallen zu lassen. Note 2,5.

Robert Lewandowski gegen zwei GegenspielernShinji: Wie Sahin in enge Manndeckung genommen, dennoch mit zwei guten Torchancen. Ansonsten eher blass geblieben, Note 3,5.

Großkreutz: Belebte zeitweise das Offensivspiel und half hinten ordentlich aus, hatte aber kein Glück im Abschluss und war auch sonst nicht besonders auffällig. Note 3,5.

Lewandowski: So oft, wie Lewandowksi als Joker das Tor traf, war es eine Frage der Zeit, wann er von Beginn an spielen würde. Sein tadelloses, mannschaftsdienliches Verhalten wurde nun zum zweiten Mal in dieser Woche mit einem Treffer nach zuvor harter Arbeit belohnt – er hat es sich ganz sicher verdient. Note 2.

Knüppler17, 6.12.2010

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