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Baku Reisebericht, Teil 3

29.08.2010, 23:03 Uhr von:  Redaktion

Der zweite Teil des orientalischen Reiseberichts endete in der Hoffnung, das offizielle Training Borussias besuchen zu können. Tatsächlich hatten wir uns rechtzeitig auf den Weg begeben und waren schon vor Trainingsbeginn am Stadion, hatten jedoch leider die Rechnung ohne den Wirt gemacht: wo bislang Gastlichkeit regiert hatte, schlug diese in aggressive Verhandlungsführung um.

Bei einem Umtrunk in der Stadionkneipe lernten wir einen Aseri kennen, der acht Jahre lang in Siegen gelebt hatte. In gewohnter Gastlichkeit verweilten wir einige Zeit und ließen uns – kurz nach Trainingsbeginn – die Rechnung geben, die selbst unserem „Dolmetscher“ die Sprache verschlagen sollte: aus den überschlagenen 25 bis 30 waren plötzlich 64 Manat geworden (rund 55 Euro). Eine zähe und auf beiden Seiten uneinsichtige Verhandlung nahm ihren Lauf, bis (mittlerweile war das Trainingsende erreicht) eine Einigung bei 50 Manat erzielt werden konnte. Schließlich koste eine Pizza in Deutschland sieben bis acht Euro, so dass 30 Manat (rund 27 Euro) für einen Grillteller nicht zu viel sein könnten, wenn immerhin drei Menschen satt geworden seien. Außerdem verbitte man sich jede Diskussion, da man in Deutschland auch nicht über Preise diskutieren könne.

Etwas irritiert zogen wir von dannen und gemeinsam mit den restlichen Trainingsbesuchern zur geplanten Feierstunde an der Uferpromenade weiter. Dabei lernten rund 25 Fans, unter ihnen Fanbetreuer Jens Volke, zunächst die kreative Streckenführung einer aserbaidschanischen U-Bahn kennen und wurden alsbald von weiteren Nachzüglern aus Deutschland vervollständigt. Gespräche in netter Atmosphäre mit zuvor unbekannten Fans und solchen, die man lange nicht mehr gesehen hatte, ließen den Abend ausklingen und machten (abgesehen von den erneut langwierigen Preisdebatten) Freude auf den großen Tag.

Die Besatzung des Fanfliegers hatte Baku ebenfalls in bester Vorfreude erreicht und selbst eine fast fünfstündige Wartezeit an der Visumstelle mit stoischer Gelassenheit ertragen. Sightseeing und das Flanieren über die tolle Promenade wurden sichtlich genossen und zahlreiche Geschichten ausgetauscht. Leider hatten jedoch die Preise an den Getränkeständen spürbar angezogen – einige Wirte versuchten überdeutlich, sich an den Touristen gesund zu stoßen. Vereinzelt fungierten Kneipenwirte als „Preisschraubenbrecher“ und stießen damit auf große Zuneigung der durstigen Gäste – rund 800 Manat Umsatz konnte alleine ein Wirt an der Promenade verbuchen, der gut gekühlte Fangetränke für zwei Manat im Angebot hatte, während die umliegenden Biergärten bei Preisen von bis zu fünf Manat leer blieben.

Immer öfter hörte man nun die Beschwerden von Fans, die sich von Händlern und Beamten betrogen fühlten. Auch Ticketpreise von 30 Euro für die Gästekurve, die einem Manat in der Heimkurve und zehn Manat im VIP-Bereich bei voller Verpflegung gegenüberstanden, konnten an diesem Bild nichts mehr ändern. Dafür geboten wurden zu allem Überdruss Toiletten im „Asian Style“, was wohl so viel heißen sollte wie „Dixiklo zur Seite gekippt“, und einseitig geänderte Sicherheitsabsprachen, welche die Choreografie der mitgereisten Borussen zumindest erheblich erschweren sollten. Eine herausragend tolle Fahrt hatte einen faden Beigeschmack erhalten.

Doch all diese offensichtlichen Gängeleien vermochten es nicht, dem Dortmunder Anhang die Laune zu versauen. Ein gnadenlos guter Auftritt nötigte den Aseris eine gehörige Portion Respekt ab: 90 Minuten lang wurde durchgesungen und gefeiert, alle Fans zogen gemeinsam an einem Strang. Die zahlreichen anwesenden Polizisten schienen beeindruckt von dieser Unterstützung und feierten kurzerhand selbst ein wenig mit, andere konnten es bis zuletzt nicht glauben, dass Menschen so viel Energie für ein Fußballspiel aufbringen könnten.

Überwältigt trat die gesamte Mannschaft nach Spielende den Weg in Kurve an und verschenkte ihre Trikots an die Fans. Selbst Aki Watzke, naturgemäß eher selten direkt vor dem Gästeblock stehend, verneigte sich vor den anwesenden Borussen und bedankte sich herzlich. Später lobten sowohl Klopp als auch Mats Hummels diesen Einsatz in den höchsten Tönen – so betonte Hummels, dass die Mannschaft die Signale ihrer Anhänger mehr als deutlich verstanden habe und sich überglücklich schätzen könne, in dieser Form begleitet worden zu sein.

Für die Fanfliegerbesatzung hieß es nun wieder Abschied nehmen. Die Busse vom Stadion fuhren direkt in Richtung Flughafen – die weitere Heimreise gestaltete sich abgesehen von einigen Aussetzern aserbaidschanischer Zollbeamte problemfrei. Die noch in Baku verbliebenen Fans ließen den Abend abermals an der Promenade ausklingen und mussten noch ein letztes Mal mit den eigenwilligen Zahlungsmodalitäten vor Ort zurechtkommen. Mittlerweile sind so gut wie alle Dortmunder wieder in der Heimat angekommen und auch die Situation in Baku hat sich ein wenig entspannt: wo zwischen Mittwoch und Freitag keine Preisschilder hingen, sind sie nun wie von Zauberhand erschienen. Der Bierpreis ist auf 0,5-1 Manat gesunken, die Essenspreise haben sich mindestens halbiert und die überschwängliche Gastfreundschaft hat das elende Lamentieren wieder verdrängt.

Wie aber könnte nun ein Fazit dieser Reise ausfallen? Zunächst einmal hat sie sich für jeden gelohnt, der sie angetreten hat. Sie wird noch sehr lange im Gedächtnis haften bleiben und eine ähnliche Stimmung vielleicht nie wieder erreicht werden. Wir haben Aserbaidschan als lohnenswertes Reiseziel kennen- und seine liebenswerte Bevölkerung schätzen gelernt. Leider mussten wir auch erkennen, dass Aserbaidschan und Tourismus noch auf lange Zeit hinaus wenig miteinander zu tun haben werden – Willkür, Abzocke selten gekannten Ausmaßes und offensichtliche Korruption haben die tollen Eindrücke vorübergehend in den Hintergrund treten lassen. Diese überwogen die Schattenseiten letztlich aber bei weitem, was jeder unterschreiben können wird, der mehr als nur einen oder zwei Tage in Baku verbringen konnte. Allen anderen wird zumindest das herausragende Spiel und die einmalige Feier mit der Mannschaft über den Ärger hinweg helfen können – die Gruppenphase kann kommen!

Knüppler17, 28.08.2010

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