Im Gespräch mit...

"Man muss die Dinge nehmen, wie sie kommen" - Mitch Langerak im Interview: Teil II

25.10.2010, 22:02 Uhr von:  Redaktion

Vorige Woche haben wir den ersten Teil unseres Interviews mit Mitch Langerak veröffentlicht. Im zweiten und letzten Teil sprechen wir mit Mitch über die A-League und seine bisherige Karriere, die den 22-Jährigen - und aktuellen Titelträger der Harry-Kewell-Medaille für den besten Jugendspieler der A-League - von Bundaberg in Queensland/Australien über Canberra nach Melbourne und zuletzt ins wunderschöne Dortmund geführt hat; er erzählt uns von seinem Lieblingstorhüter und warum er ihn nicht einfach kopieren will. Aber zuallererst sucht Mitch nach einer Cricketmannschaft in Deutschland.

sg.com: Welche Bedeutung hat Cricket in Australien?

Mitch: Jeder dort spielt Cricket. Das ist der Sport für den Sommer, während im Winter eher Rugby und Fußball gespielt werden; es werden also in etwa sechs Monate Fußball und sechs Monate Cricket gespielt.

sg.com: Und du verfolgst den Sport auch?

Mitch: Ja, natürlich.

sg.com: Aber eine bestimmte Cricketmannschaft in Deutschland favorisierst du nicht?

Mitch: Es gibt Cricketmannschaften in Deutschland?

sg.com: Klar. Der Hamburger SV hat sogar eine Cricketmannschaft, die in der Bundesliga spielt.

Mitch: Echt? Hat Borussia Dortmund eine Cricketmannschaft? Nein? Das muss sich ändern. (lacht) Ich werde dann während der Sommerpause dort spielen.

sg.com: Du spielst jetzt seit dieser Saison für Borussia, und wir wissen immer noch nur sehr wenig über dich. Vielleicht kannst du uns noch etwas von deiner Vergangenheit erzählen. Du bist in Queensland aufgewachsen?

Creative Commons GFDLMitch: Ja, und Queensland ist was anderes als Melbourne, eine sehr entspannte Gegend. Ich habe dort gelebt, bis ich 16 oder 17 war und dann von Melbourne Victory unter Vertrag genommen wurde. Also bin ich nach Melbourne gezogen, wo wir durchaus erfolgreich waren und mehrfach Meister geworden sind. Wir waren wirklich gut. Eine schöne Zeit.

sg.com: Aber für dich dürfte das ein ganz schön großer Schritt gewesen sein, von Queensland in eine Stadt wie Melbourne zu ziehen?

Mitch: Klar, Melbourne ist riesig, aber es ist auch einfach eine nette Stadt. Nachdem ich dort vier Monate gewohnt habe, habe ich dauernd Leute getroffen, die ich kannte, so wird eine Stadt dein Zuhause. Aufgewachsen bin ich in einer Kleinstadt an der Küste, mit Strand. Ich bin dort viel gesurft, sehr nett. Um ehrlich zu sein, werden dort sehr viele Sportarten betrieben, Fußball ist da nicht allzu bedeutend. Aber ich hatte einige gute Freunde, mit denen ich sehr viel Fußball gespielt habe. Dadurch bin ich dann auch von Bundaberg ins AIS gekommen.

sg.com: Das AIS?

Mitch: AIS steht für "Australian Institute of Sports". Dort werden ganz verschiedene Sportarten gefördert, und es gibt eigene Fußball- und Schwimmmannschaften. Ein bisschen ist das wie ein College, nur dass man wirklich nur Sport macht und nicht in die Schule geht. Man ist dann also zwischen 16 und 18 und konzentriert sich auf Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele oder ähnliches. Natürlich kommen dann auch die Profivereine zum IAS und fragen nach, welche Spieler man dort für welche Positionen ausgebildet hat. So werden viele Spieler entdeckt. Ich war für ein Jahr beim AIS in Canberra, und so ziemlich die gesamte Juniorenmannschaft meines Jahrgangs wurde später von Mannschaften aus der A-League verpflichtet.

sg.com: Und du bist zu Melbourne Victory gegangen...

Mitch: Genau, direkt vom AIS. Danach habe ich zunächst vier Monate lang leihweise für ein anderes, unterklassiges Team in Melbourne gespielt, war aber gleichzeitig noch im Training von Victory. Am Wochenende habe ich dann immer für die andere Mannschaft gespielt.

Langerak in goal against Essensg.com: Und du hast dann wirklich die ganze Zeit bei Melbourne Victory trainiert?

Mitch: Ja. Ausgeliehen an die eine Mannschaft, aber gleichzeitig noch bei Victory. So war das. Trainieren, trainieren, trainieren, und am Wochenende bei denen spielen. In diesen paar Monaten habe ich etwa 16 Spiele gemacht, was wegen der regelmäßigen Einsätze ziemlich gut für meine EntwickIung war. Danach habe ich aber nur noch für Melbourne gespielt und mich mit dem neuseeländischen Nationaltorwart Glenn Moss um den Platz im Tor auseinandergesetzt. Am Anfang war er im Tor, danach ich. So läuft es eben im Fußball: Ein Torwart ist im Tor, ein anderer auf der Bank.

sg.com: Hattest du eigentlich mit Michael Theoklitos vor deiner Unterschrift in Dortmund gesprochen? Er war ja nach Norwich in die englische First Division gewechselt und ist jetzt nach nur einer Handvoll Partien zurück in Australien.

Mitch: Ich habe mit ihm gesprochen, ja. Er hatte Vertrauen in mich und gesagt: “Mitch, kein Zweifel, du musst gehen. Gar keine Frage.” Und obwohl er mittlerweile zurück in der A-League ist, stehen wir immer noch in Kontakt und er versorgt mich mit wichtigen Informationen über Europa. Genau übrigens wie Kevin Muscat, der unser Mannschaftskapitän bei Victory war und auch eine große Zeit in England hatte. Mit ihm habe ich natürlich auch gesprochen.

sg.com: Was sind denn deine Pläne für die Zukunft? Willst du zurück nach Australien gehen, wenn dein Vertrag in Dortmund ausgelaufen ist?

Mitch: Das glaube ich nicht. Obwohl sowas im Fußball immer schwer zu sagen ist, weil du nie weißt, was die Zukunft bringt. Man kann schwer sagen, dass man bis in Januar 2012 soundso viele Spiele gemacht haben will oder so. Es kann sehr viel passieren, und man muss die Dinge nehmen, wie sie kommen. Wobei ich glaube, dass man nie wirklich glücklich ist, wenn man nicht die Nummer Eins ist.

Talking to sg.comsg.com: Hattest du auch schon Kontakt mit Holger Osieck, dem neuen Trainer der Socceroos?

Mitch: Nein, ich hatte nur mal ein Gespräch mit dem australischen Torwarttrainer. Er wohnt ebenfalls in Melbourne, und er hat mir gesagt, dass er beizeiten nach Europa kommen will, um ein paar Spiele von Mannschaften mit Australiern zu sehen. Die Trainer haben natürlich ein Auge auf den Spielern, die in Europa aktiv sind, allein weil der Großteil der Nationalmannschaft dort spielt, vor allem in den Niederlanden, England und Deutschland. Deswegen organisieren die Nationaltrainer auch öfters Spiele in Europa, etwa gegen die Schweiz oder Polen, um weite Reisen für die Nationalspieler zu vermeiden.

sg.com: Aber du hattest bisher noch keine Einladung für die Nationalmannschaft?

Mitch: Ich war Standby-Profi für den Fall, dass sich einer der anderen Torhüter verletzt. Aber momentan rechne ich nicht mit einer Berufung in naher Zukunft, da Australien schon einige gute Torhüter hat und die Konkurrenz entsprechend groß ist.

sg.com: Aber Schwarzer wird auch nicht jünger. Allzu lang wird er nicht mehr im Tor stehen..

Mitch: Kann sein, dass sie mittlerweile wirklich nach einem Nachfolger schauen, aber das ist momentan echt das letzte, woran ich denke. Für mich steht im Vordergrund, hier zu sein und zu arbeiten.

sg.com: Wie ist der Fußball in Australien eigentlich generell organisiert? Damit kennen sich hier ja nur die wenigsten aus. Die A-League ist ja jedenfalls ziemlich neu, wie sah das denn vorher aus? Gab es da auch Profifußball?

Mitch: Ja, auch vorher gab es eine nationale Meisterschaft in Australien, und zwar von den Siebzigern bis 2004. Obwohl sie natürlich nie die Bedeutung etwa der Bundesliga hatte. Danach wurde eine neue Liga mit neuen Vereinen gegründet, so dass die meisten Mannschaften nur etwa fünf Jahre alt sind. Mittlerweile spielen dort elf Mannschaften, eine in jeder Stadt. Nur in Melbourne gibt es seit dieser Saison zwei Vereine, Victory und die Hearts. Die Liga entwickelt sich ganz gut, und die besten Mannschaften qualifizieren sich für die Asian Champions League, die ebenfalls ein richtig guter Wettbewerb ist. Viele junge Spieler sind in der A-League aktiv, aber auch einige australische Nationalspieler, die zehn Jahre in Europa gespielt haben und nun zurück nach Australien kommen, weil der Fußball bei uns vorher nicht gut genug war.

sg.com: Sind die Mannschaften alle unten an der Küste beheimatet?

Mitch: (zeichnet mit den Händen eine Landkarte von Australien) Die meisten Vereine sind in der rechten unteren Ecke beheimatet, aber es ging auch eine Mannschaft in Perth, eine im Süden in Adelaide, und wir haben auch eine Mannschaft aus Wellington in Neuseeland. Ich schätze, die Reise von Wellington nach Perth dürfte die längste im Ligafußball weltweit sein. Acht Stunden im Flugzeug, nach Übersee... Eine lange Reise.

sg.com: Gibt es auch Auswärtsfans?

Mitch: Ja. Natürlich nicht so viele wie in Dortmund, aber ein paar Hardcore-Fans hat jede Mannschaft.

sg.com: Wie funktioniert denn die Liga als solche? Gibt es ein Franchise-System wie in Amerika?

Mitch: Es sind Franchises, ja.

sg.com: Und es gibt auch einen Salary Cap bei euch - ebenso wie in Amerika. Kannst du uns ein bisschen erzählen, wie das funktioniert?

Mitch: Das ist eine weitere Sache, die die Liga relativ gesund hält. Für die gesamte Mannschaft dürfen 2,35 Millionen Australische Dollar ausgegeben werden, wobei zusätzlich ein sogenannter Marquee Player mit beliebigem Gehalt verpflichtet werden kann. Theoretisch könntest du also auch einen Ronaldo verpflichten (lacht) … aber nur einen. Der Rest der Mannschaft muss aber weniger als der Salary Cap verdienten. Das klingt ein bisschen ungewohnt, aber ich denke, dass das gut für die langfristige Entwicklung ist.

sg.com: Sind denn Stars aus Europa als Marquee Player gekommen?

Mitch: Zum Beispiel kam Dwight Yorke nach Australien, er war einer der Marquee Player, außerdem war Juninho Paulista da und aktuell Robbie Fowler. Es gibt also schon ein paar Spieler, die nach Australien kommen. Sicher auch wegen des Lifestyle bei uns, aber auch einfach, weil es anders ist.

sg.com: Welchen Einfluss hatte der Salary Cap auf deinen Transfer zu Borussia? Wir haben gelesen, dass es für Victory schwer war, einen ähnlichen guten Keeper für das Gehalt zu verpflichten, das du verdient hast.

Mitch: Das stimmt. Ich habe drei Jahre in Melbourne gespielt, so dass mein Weggang aus deren Sicht ziemlich hart war. Aber das ist nicht wirklich mein Problem. (lacht)

sg.com: Klar, aber es hat deinen Wechsel zu Borussia doch ein bisschen komplizierter gemacht. Zunächst hat Victory ja die Angebote aus Dortmund abgelehnt, und trotz der Gerüchte über einen Wechsel hat es bestimmt ein paar Wochen gedauert, bis alles unterschrieben war.

Mitch: Das stimmt, es dauerte etwas. Und für mich war es auch schwer. Zuerst hat der Verein nur "Nein, nein, nein!" gesagt, aber es war klar, dass ich wechseln wollte. Ich hatte eine tolle Zeit in Melbourne, aber ich wollte kommen und bin froh, dass das alles geklappt hat und ich nun hier bin.

sg.com: Borussia hat ja eine Ablöse für dich bezahlt, vielleicht sogar die höchste jemals für einen Ersatztorwart. Setzt dich das unter Druck?

Mitch: Man darf nicht zu viel darüber nachdenken. Ich versuche, mein Bestmögliches zu geben, ich trainiere viel und versuche, das Beste zu geben, was ich habe. Und ich darf mich von der Summe nicht zu sehr beeindrucken lassen. Letztlich wird sich das für Borussia auszahlen. Ich hoffe, ich werde hier noch lange bleiben.

sg.com: Aber weil der Verein so viel für dich bezahlt hat, scheint man dort doch ein großes Vertrauen in deine Fähigkeiten zu haben?

Mitch: Ich hoffe es. Von Anfang an hatte ich das Gefühl, dass Spieler und Trainer mir vertrauen, und das ist sehr wichtig. Die Unterstützung und der Glaube an die eigene Stärke, die die Trainer jedem Spieler des Kaders gewähren, sind es, die für Selbstvertrauen bei jedem Einzelnen sorgen. Aber natürlich, letztlich ist Fußball das, was auf dem Platz gespielt wird.

sg.com: Hast du Vorbilder als Torhüter?

Mitch: Als Vorbilder würde ich sie nicht bezeichnen, aber ich schaue mir von jedem Torhüter etwas ab, den ich beobachte. Wenn ich auf der Bank sitze und Roman anschaue und sehe, was er tut, oder wenn ich all die anderen Keeper sehe, dann versuche ich schon, mir ihre Stärken zu merken.

sg.com: Es gibt also keinen Spieler, den du besonders beobachtest?

Mitch: Mein Lieblingstorhüter ist Iker Cassilas, aber ich würde nicht versuchen, ihn eins zu eins zu kopieren. Natürlich hat er eine tolle Frau an seiner Seite... , aber wie gesagt: Ich versuche, mir von jedem Torwart etwas abzugucken, um so besser zu werden.

sg.com: Wie würdest du deinen Stil als Torwart bezeichnen?

Mitch: Oh, das ist eine schwere Frage. Wie würde ich meinen Stil als Torwart bezeichnen? Ich versuche so viel wie möglich mit meinen Mitspielern zu kommunizieren, aber so richtig kann ich meinen Stil wirklich nicht erklären.

sg.com: Hast du etwas von Roman gelernt?

Mitch: Er ist sehr ruhig und entspannt, hat Vertrauen in sich. Wenn aufs Tor geschossen wird, ist er darauf vorbereitet. Wie im Lautern-Spiel: Er bleibt konzentriert, selbst wenn wir 4:0 führen, und wenn dann ein Schuss aufs Tor kommt, dann ist er voll da.

sg.com: Wo wird Borussia die Saison beenden?

Mitch: Naja, hoffentlich als Erster. (lacht) Nein. Wir haben keine Erwartungen. Wir schauen von Spiel zu Spiel und versuchen, unseren Lauf so weit fortzusetzen wie es geht. Und dann gucken wir mal, wo uns das hinführt.

sg.com: Gibt es einen Ort in Europa, den du während der Europa League gerne besuchen würdest?

Mitch: Ich war schon ganz zufrieden, als uns das Los nach Paris geführt hat. Das ist schon eine der Städte, die ich immer mal sehen wollte. Es ist was anderes als Baku, wenn ihr wisst, was ich meine...

sg.com: Mitch, vielen Dank, dass du dir Zeit für uns genommen hast!

Mitch: Kein Problem, danke euch!

Das Interview führten Steph, Vanni, Web und Peter. Aus dem Englischen von Scherben. 22.10.2010


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