Eua Senf

Hopping: Zu Gast in Napoli

07.01.2010, 00:00 Uhr von:  Gastautor

Alles fing an mit dem Kauf einer DVD: Ein großes online Warenhaus hatte eine Menge DVDs im Angebot und da war unter anderem eine über Diego Maradona zu finden. Die Handlung ist mal egal, aber irgendwie hat mich diese alte Frau fasziniert, die aus vollem Herzen ein Lied über Maradona sang und dabei lecker Meeresfrüchte den Gästen in einem kleinen Lokal reichte. Diese Frau war Neapolitanerin und irgendwie ließ mich diese kleine Filmsequenz nicht mehr los und auf einmal hatte ich das Verlangen in Neapel Pasta und Pizza zu essen. Zu dem Zeitpunkt ein absolutes Hirngespinst, aber wie es halt so geht...

Nach unserem Derby stand ich mit einem Kollegen zusammen und wir wollten einfach nur noch weg, um das gerade Gesehene zu vergessen. Ich erzählte den Jungs von Neapel und das wir da ja mal hinfahren könnten. Spontan sagte einer ja und schwupps wurde aus dem Hirngespinst eine konkrete Idee für eine nette Tour. Die Karten wurden von unserem Kollegen im Vorverkauf erworben und die Vorfreude stieg von Tag zu Tag. Nach der Niederlage gegen Osnabrück war es dann aber soweit. Am Flughafen gelang es dann recht schnell den Kopf von Osnabrück freizubekommen. Ein großer Dank an dieser Stelle an eine Reisegruppe, die Rom mit Valencia verwechselte und an einen kleinen Mann, der seinen großen Auftritt bekam, als er zum Gate kam und verwundert feststellte, dass sein Flieger schon längst weg war. Ok, es ist Scheiße sich darüber zu amüsieren, aber man möge es mir nachsehen.

Stadio San Paolo
Stadio San Paolo

Der Flug war sehr kurzweilig. Da der Sandmann uns doch recht schnell erwischte und so wachten wir kurz vor Rom auf. Sehr geiler Anblick von oben. Die Sonne schien durchs Fenster und der Flieger tat uns den Gefallen, die wichtigsten Sehenswürdigkeiten Rom's zu überfliegen. Am Flughafen Ciampino orderten wir 2 Bustickets zum Hauptbahnhof und waren begeistert von der Sonne. Es tat mehr als gut mal, wieder schönes Wetter zu sehen und so den Tag in Italien zu beginnen.

Die Zugfahrt war traumhaft schön. Sie führte uns von Rom nach Neapel und das direkt an der Küste entlang. Die Ankunft in Neapel war ein echtes Highlight. Wir fuhren den kompletten Golf von Neapel ab, sahen den gigantischen Vesuv in der Ferne und davor erstreckte sich die Stadt Napoli. Den Anblick vergesse ich so schnell nicht mehr. Was mir direkt auffiel, war diese Unmengen an Wäsche vor den Fenstern und man erkannte direkt wo man ist. Es mag Einbildung sein, aber die Farbe hellblau dominierte doch sehr stark sowie die Nummer 10. Im Bahnhof wartete schon ein Kollege auf uns und wir verloren nicht viel Zeit. Schließlich galt es diese Stadt zu erkunden. Die Stadtführung war wirklich aller erste Sahne. Anfangs machte man sich noch so seine Sorgen um sein Hab und Gut, aber dies verflog doch sehr schnell. Die Stadt ist von Geschichte und tollen Orten nur so überfüllt. Zu meiner Verwunderung wird auch sehr viel renoviert. Nur bei der Frage wer das alles zahlt, bekommt man statt einer Antwort ein nettes Grinsen. Mehr muss ich dazu wohl nicht sagen...

Wenn man diese Stadt besucht darf man nie vergessen, dass man sich in einer Region aufhält, die sehr von Armut geprägt ist und die Mafia keine Einbildung ist (kurz nach unserer Abreise wurde wieder ein Mafiaboss erschossen). Respektiert man dieses aber und stellt sich etwas drauf ein, dann findet man sehr schnell das andere Gesicht dieser Stadt und verliert schnell die Vorurteile.

Die Metro in Neapel ist sehenswert! Die Hallen sind aus Marmor und mit sehr tollen Ornamenten bestückt. Der Weg zum Stadion war recht kurz und der erste Eindruck war klasse. Es waren noch 3 Stunden bis zum Anpfiff und die Straßen rund ums Stadion waren gut gefüllt. Man merkte direkt, dass hier kein normaler Fußballverein seine Heimat hat, sondern ein Verein, der sehr stark in der Stadt verwurzelt ist und vor allem von den Leuten wirklich gelebt wird. Sehr beeindruckend.

Wir nutzten noch die Chance ein kleines Souvenir zu ergattern und machten uns auf zum Treffpunkt mit den anderen Jungs, die uns halfen, diese Tour zu verwirklichen. Die Warterei war sehr kurzlebig, da es einfach so viel zu sehen gab. Wir fanden uns in einem kleinen Kaffee ein, dass neben Bier (in 0,66l Flaschen) auch alles an Schnaps und anderen netten Sachen anbot. Das Treiben rund ums Stadion war sehr amüsant. Viele Händler verkauften ihre Schals, Essen, Trikots. Man konnte echt alles erwerben.

Nach einer Weile tat sich auf einmal was! Der Bus des Gastes aus Norditalien kam zum Stadion. Wenn eine Ankunft in Deutschland so ablaufen würde, dann wären die Zeitungen wohl voll mit „Krawall und Randale“?Überschriften. Die Fans des SSC bereiteten den Gästen einen sehr netten Empfang und begrüßten sie auf‘s Herzlichste. Teilweise hatte das schon eine eigene Komik. Ein Bus, der immer wieder gestoppt wurde und keine Polizei weit und breit. Bei der Ankunft der Azzurri ein komplett anderes Bild. Pure Freude und Hingabe schlugen dem Bus entgegen.

Währenddessen trafen auch unsere andere Kollegen ein und es war recht lustig. Einer lebt schon für 12 Jahre in Neapel und ist BVB Fan. So klein ist die Welt.

Nach der letzten Pulle Bier gingen wir nun ins Stadion. Die Kontrolle waren anfangs recht hart. Personalausweis und der Name auf den Karten wurden genau kontrolliert - aber dann war es das. Die Ordner für die Rucksäcke telefonierten lieber, tranken Kaffee, oder tasteten nur ganz leicht ab. Unsere Plätze waren in der Curva B. Falls es wen interessiert: In Neapel gibt es die Curva A und die Curva B. Wie uns erzählt wurde, ist die Curva B die alte Heimat der Neapelfans. Hier finden auch die Fedayn 1979 und die Ultras 1972 ihren Platz. Im Laufe der Zeit kamen aber neue Strömungen in die Fanszene und dies verlief wohl nicht ohne Spannungen ab und so wanderten einige in die Curva A. Dort haben z.B. die Mastiffs 1991 ihre Heimat. Heute merkt man da kaum etwas von. Beide Kurven haben die selben Größe und sind mehr als gut gefüllt bei den Spielen. Politik spielt wohl keine große Rolle bei den Gruppen. Zumindest konnte man nichts anderes sehen oder erfahren. Das einzige, was es an ''Fanartikeln'' gab waren Aufkleber für 1€, die zur Finanzierung von Choreos verkauft wurden.

Stadio San Paolo
Stadio San Paolo

Zu unserer Verwunderung war das Stadion schon 90 Minuten vor Spielbeginn mehr als gut besucht und die Stimmung war jetzt schon sehr angenehm. Man sang sich ein wenig ein, vor allem die Hasslieder gegen den Gast stießen auf große Beliebtheit. Das Warmlaufen der Rossoneri wurde von einem unglaublich langen Pfeifkonzert untermalt. Willkommen waren die Herrschaften mal ganz bestimmt nicht. Zu den Klängen von LIFE IS LIVE von OPUS (wo gibt es das noch?) kam dann auch die Heimmannschaft auf den Platz. Dies war bis vor dem Amtsantritt von Donadoni in Neapel nicht üblich. Die Mannschaft lief sich wohl in den Katakomben warm und kam erst zum Spiel auf den Rasen.

Das Stadion ist sehr ansehnlich. Es ist ein reines Sitzplatzstadion (an die Plätze auf den Karten hält sich nur keiner) und wurde letztes mal zur WM 1990 renoviert. Die Unterränge sollte man meiden, da hier die ganzen Pyroutensilien ihr Ende finden. Leider war von den Gästen aus Mailand keiner mitgekommen. Die Gründe weiß ich leider nicht. Das Einzige was mich verwunderte, waren die Zaunfahnen im Gästeblock. Plötzlich hingen da auf einmal 8 oder 10 Fahnen, aber es war definitiv keiner im Block. Wie das geht, weiß ich nicht, aber vielleicht kann mir das ja einer beantworten. Würde mich echt interessieren.

Stadio San Paolo
Stadio San Paolo

Das Intro war eher normal. Es gab ein paar Bengalen und einige nette Schwenker in den beiden Kurven. Die Stimmung war sehr geil. Der Schlager war definitiv ''Milan, Milan vaffanculo'' und andere nette Gesänge gegen die verhassten Norditaliener sowie eine grandiose Version von „Bella Ciao“. Leider beeindruckte dies die Elf des AC Milan nicht die Bohne. In den ersten 5 Minuten führten sie schon durch Tore von Inzaghi und Pato mit 2:0. Man kann ja sagen, was man will, aber Leute wie Pirlo, Seedorf und Co. können es einfach. Schon krass, mit welch einer Selbstverständlichkeit da ein Pass von 30m den Mann findet. Neapel war nach diesem Anfang total geschockt. Für beide Teams ging es um recht viel. Milan und Neapel hatten beide einen katastrophalen Saisonstart und befanden sich nun wieder auf dem Wege der Besserung. Beiden Teams hätte ein Rückschlag gut den Wind aus den Segeln genommen. Nach einer Weile kam der SSC zu seinen ersten Chancen, aber Dida und ein wenig Unvermögen verhinderten den Anschlusstreffer. Zu diesem Zeitpunkt wurde es etwas ruhiger im Stadion, aber nicht gerade kälter. Irgendwo ging konstant Pyro in die Luft. Entweder in den Kurven, oder auf den beiden Tribünen. Gestört hat das niemanden. In Deutschland wäre direkt wieder die Hölle los gewesen.

Die Mannschaft wurde trotz Rückstand mit Applaus in die Kabine geschickt und die 2. Halbzeit sollte komplett anders beginnen als die Erste. Der Trainer fand wohl die richtigen Worte und Neapel drehte auf. Vor allem Hamsik machte ein Bombenspiel. Er trug ein Angriff nach dem anderen nach vorne. Leider machten sie einfach die scheiß Bude nicht. Es war wie verhext! Selbst als Dida schon geschlagen war, wurde es nichts. Gegen Ende wechselte Mazzarri den jungen Denis ein. Das dieser Spieler noch eine wichtige Rolle spielen würde, glaubte so langsam keiner mehr. Milan war einfach zu abgeklärt und Neapel ging einfach zu schlampig mit den Chancen um, aber steter Tropfen höhlt den Stein und in der 90. Minute bekam Neapel ein Eckball, den Milan noch klärte, allerdings genau auf den Fuß von Luca Cigarini. Dieser Kerl hatte nichts besseres zu tun, als mit einem Traumtor das Leder unhaltbar in den Winkel zu hauen. Leider kam dieses Tor wohl zu spät, aber bei dem Blick auf den 4. Mann rastete jeder komplett aus. 5 Minuten (!) Nachspielzeit zeigte dieser an. Das San Paolo explodierte förmlich. Irgendwie merkte man, dass dies nun doch nicht die erwartete Niederlage ist und die Mannschaft spielte sich nun in einen Rausch. Milan bekam keinen Ball mehr und in der 93. Minute war es Denis, der nach toller Flanke per Kopfball den Ausgleich erzielte. Was nun los war kann man nicht beschreiben. Vielleicht vergleichbar mit unserem 3:3 gegen GE damals, aber das will ich nicht beurteilen. Die 60.000 kannten keine Grenze mehr. Einige rannten wohl vom Oberrang auf die Unterränge. Es war ein kollektives Ausrasten. Die Mannschaft rannte zur Kurve und ich glaube, jeder Betreuer und Balljunge war nun auf dem Platz, aber abgepfiffen war das Spiel noch nicht. Nach einiger Zeit wurde wieder angepfiffen, aber leider ging die letzte Chance nicht ins Tor für den SSC.

Das Ergebnis war verdient. Die Spieler verschwanden schnell in den Kabinen und wir machten uns so langsam auf Richtung Bahnhof, um wieder nach Rom zu kommen. Der Weg zur Metro war gesäumt von Neapolitaner, die einfach nur noch am Austicken waren. Sehr geile Bilder, die sich da abspielten.

Im Hauptbahn angekommen merkten wir, dass wir leider unseren Zug verpasst hatten und so noch 4 Stunden in Neapel rumbringen mussten. Wir entschlossen uns, nochmal ein wenig in die Stadt zu gehen und dies nicht alleine: Einer der berühmten Straßenhunde folgte uns überall hin. Wir nannten ihn Hasso und nach einiger Zeit störte er uns auch nicht mehr. Er hatte glaube ich Spaß daran, übermüdeten Touris die Stadt zu zeigen. Wir gingen nochmal ans Meer und ließen den Tag Revue passieren. Am Ufer saß ein einzelner Angler, der sein Glück versuchte. Als es Zeit wurde, gingen wir zurück zum Bahnhof um Richtung Rom zu fahren. Diesmal mit einem Regionalzug und den ganzen Pendlern. Hasso sagte uns noch Tschüss und wir machten uns auf zum Gleis. Natürlich fiel der eigentliche Zug aus und der andere Zug war auch voller Tücken. Eine Frau fing auf einmal an zu schreien! Sie kam nicht mehr aus der Toilette raus. Nach einer erfolgreichen Befreiungsaktion ging es auf nach Rom. Die Zugfahrt wurde komplett durchgepennt und von dem Bustransfer weiß ich auch nichts mehr. Der Rückflug war eher nervend. Leute, die einfach nicht lesen können und sich in Schlangen immer vordrängeln müssen, nerven einfach ohne Ende.

In Deutschland angekommen, wollten wir einfach nur noch ins Bett und was ausruhen, bevor es am nächsten Tag wieder Richtung Dortmund ging.

An dieser Stelle ein großes Dankeschön an unsere Exilneapolitaner, wir sehen uns bestimmt wieder.


Fotos: Die Fotos sind zur Verfügung gestellt worden von Frank Jasperneite (SSC Napoli - US Lecce: 3 - 0 , 13.12.08)

geschrieben von Kesterter

ACHTUNG: Beiträge von Gastautoren müssen nicht die Meinung der Redaktion widerspiegeln, wir sind jedoch der Auffassung, dass auch solche Stimmen hier ein Forum finden sollten.

In der Rubrik „Eua Senf“ veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen Texte, die uns von unseren Lesern zugesandt wurden.

Dir brennt auch ein Thema unter den Nägeln und Du möchtest einen Text auf schwatzgelb.de veröffentlichen? Dann schick ihn an gastautor@schwatzgelb.de.

Unterstütze uns mit steady