Eua Senf

Danke Mama, dass du mich damals mitgenommen hast

20.01.2010, 00:00 Uhr von:  Gastautor
Danke Mama, dass du mich damals mitgenommen hast

Schon in der Grundschule infizierte ich mich. In jeder Pause spielten alle Jungs auf der großen Wiese Fußball: Zwei Tore, zwei Mannschaften und ich mit meinen stolzen 6 Jahren gehörte dazu. Jeden Tag ging das so, doch ahnte ich nicht, wofür mein Herz in den kommenden Jahren explodieren sollte.

Endlich überredete ich meine Mutter, in einen Fußballverein einzutreten. Sie hielt von Fußball nicht viel und hatte auch nur wenig Ahnung von dem, was unzählige Menschen auf der Welt so begeistert. Trotzdem drängelte ich und sollte nun in der F- Jugend für die SG Schönebeck in Essen spielen. Auch wenn meine fußballerischen Mittel bis dahin noch recht begrenzt waren, war es toll dabei zu sein. Und mit der Zeit merkte ich, dass es für die Jungs noch etwas viel wichtigeres gab als das eigene Spiel - die großen Stars im Fernsehen. Eric Cantona, Allesandro Del Piero, David Beckham, Lars Ricken. Lars Ricken? Jeder hatte diesen Kerl mit der Nummer 18 auf seinem Trikot stehen. Viele Jungs aus meinem Team hatten ein BVB Trikot. Schnell erfuhr ich, dass der BVB aus Dortmund kommt und ein erfolgreicher und toller Verein sein muss. Die Meisterschaften 95 und 96 verpasste ich, doch dann sollte auch meine Zeit kommen. Nach und nach verfolgte ich auf einem ziemlich kaputten Fernseher in unserer damaligen Küche Ran-Sat1-Bundesliga und eignete mir die ersten Kenntnisse des Bundesligafußballs an.

Auch wenn ich es heute nicht gerne glaube, begeisterte mich damals Martin Max. Oft hörte ich seinen Namen und sah ihn auf dem zerfleckten Bild spielen und Tore schießen. Doch dann kam Lars Ricken. Immer öfter verfolgte ich die Spiele des BVB und war begeistert. Ricken, Möller, Tanko, Klos und Sousa. Schnell war klar, dass mein Herz schwarz-gelb schlug und ich die offensive Spielweise liebte.

Am 28.05.97 sah ich mein erstes BVB Spiel live bei meiner Oma vor dem Fernseher. Unvergessen, wie viel Glück sie brachte! Dreimal ging sie aufs Klo. Bei allen drei Malen fiel ein Tor für den BVB. Und mein Star, der junge Lars Ricken, schoss das Tor des Jahrhunderts zum Champions-League-Sieg!
So war es um mich geschehen!

Es war klar, wie mein Weihnachtsgeschenk aussehen würde, und ich sollte es auch bekommen: „Die Continentale“ schmückte das Neongelbe Nike-Trikot mit der Rückennummer 18 und dem Namen Ricken. Stolz wie Oscar bestritt ich jedes Training mit diesem Trikot, gewann Medaillen bei Sportfesten und vergötterte Lars auf jede unvorstellbare Weise. Mein Opa kaufte zu diesem Zeitpunkt Premiere, sodass es für mich kein Problem mehr war, den BVB im Fernsehen zu verfolgen. Nun wollte ich unbedingt ins Stadion. Aber mit wem? Großeltern zu alt, Mutter interessierte sich nicht. Mein Onkel, welcher öfters zum BVB ging, hatte Karten für ein Bundesligaspiel gegen Hansa Rostock, konnte jedoch selbst nicht hingehen. Nach ewiger Überredungskunst und Streitereien über die Gefahren überredete ich meine Mutter tatsächlich, mit mir in das Westfalenstadion nach Dortmund zu fahren. Nach gefühlten 100 Stunden Parkplatzsuche und Fußmarsch war es dann soweit. Der 11.08.2000 wird mir immer in Erinnerung bleibe: 65.000 Zuschauer. Borussia gegen Hansa Rostock. 1:0 durch Heiko Herrlich.

Mit meinen schmächtigen zehn Jahren fühlte ich mich fast verloren in der riesigen Menschenmasse. So etwas wie die Südtribüne hatte ich noch nie zuvor gesehen. Ich verliebte mich. Nicht in das kleine blonde Mädchen aus der dritten Klasse. Nicht in ein Videospiel. In etwas viel größeres, familiäres, gigantisches, Atem beraubendes. In Borussia Dortmund. Von nun an was es normal, dass die gesamte Zimmertapete mit BVB-Zeitungsartikeln zugekleistert war. Jede Autogrammkarte, jeder Ausschnitt, alles wurde gesammelt. Und meine Mutter, von Fußball ja eigentlich unbegeistert, holte Premiere ins Haus, da auch sie wohl merkte, wie toll dieser Sport war und welch tolle Sache in all dem steckte.

Dann, am 24.Oktober 2001, war es so weit. Mit meinem Schulfreund Dennis (bei dem ich mich an dieser Stelle besonders bedanken möchte , weil er großen Anteil daran hatte, dass es mich heute bei jedem Spiel in den Block 12 unserer geliebten Südtribüne verschlägt) und unseren Müttern gingen wir auf die Südtribüne und sahen das Champions-League-Spiel gegen Kiew. Ein einmaliges Erlebnis.
Später sollten Ernüchterungen folgen. Verpasste Spiele gegen Real Madrid oder Werder Bremen aufgrund zu später Anstoßzeiten oder fehlender Tickets führten zu Tränen, ja sogar zum Weglaufen von Zuhause und stundenlangen Suchaktionen meiner Eltern. Jedoch hatte meine Mutter ein Herz, ein schwarzgelbes Herz. Weiter Male ging sie mit und so durfte ich irgendwann alleine ins Stadion gehen. Die Meisterschaft 2002 - vor den Toren des Westfalenstadions auf dem Bildschirm verfolgt und später mit meinen Jungs den Platz gestürmt. 2003 - die erste Dauerkarte, die mir meine Mama schenkte, und seit dem nicht mehr von der Südtribüne wegzubekommen. Das verlorene Pokalfinale in Berlin, der fast Bankrott, Trainingseinheiten des BVB, Fotos mit allen Spielern. Das war meine Schwarz und Gelbe Fußballwelt. Und Mutter war natürlich immer dabei.

Und heute? Sitzt sie seit 2004 treu auf der Osttribüne, ist dort die Stimmungskanone, und gibt immer alles. Trikot, Schal und Gesang sind für sie zum Standard geworden. Meine Mutter, quasi der Jumbo der Osttribüne, verliebte sich in den Ballspielverein. Unfassbar! Man kann sagen, ich bin sehr stolz auf sie.

Ich denke, es gibt viele Menschen auf der Welt, die Dinge nicht mögen und sich einfach nicht für eine Sache begeistern können. Aber hier ist der klare Beweis, wie unglaublich dieser Verein ist. Mit welcher Kraft er uns in seinen Bann zieht und uns nicht mehr weglaufen lässt. Wie er Menschen auf einer Art und Weise für sich gewinnt, die atemberaubend ist. Ich habe viele Freunde gefunden über die Jahre und mit angesehen, wie die schwarzgelbe Familie gewachsen ist. Ich habe gute und schlechte Zeiten erlebt. Ich habe geweint vor Trauer, geweint vor Freude und bin mit meinen Jungs durch jedes Feuer für unseren geliebten Ballspielverein gegangen.

Und all das verdanke ich einem Menschen, der mir nicht nur mein Leben schenkte, sondern meine Leidenschaft, mein Zuhause, den Ballspielverein Borussia aus Dortmund.

Danke Mama, dass du mich damals mitgenommen hast!

geschrieben von Marlon

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