Eua Senf

Das ist doch keine Fußballkultur!!

18.02.2010, 14:05 Uhr von:  Gastautor
Das ist doch keine Fußballkultur!!

Aus beruflichen Gründen verließ ich kürzlich die Stadt Dortmund. Aufgewachsen in Marl (blau-weiß dominiert dort sehr stark) zog es mich irgendwann in die Ruhrgebietshaupstadt. Dort lebte ich einige Zeit und meine Liebe zu Borussia Dortmund wurde immer größer. Nie gab es für mich einen anderen Verein, aber jetzt spürte ich den BVB stärker denn je.

Dauerkarte, Auswärtsspiele, Abstiegsplatz, Derbys, Finale in Berlin.

Nun wohne ich in Köln.

Kürzlich saß ich in meiner neuen WG und kochte mit meiner neuen Mitbewohnerin und ihrem neuen Freund gefüllte Auberginen mit Reis.

Leider fehlte Hackfleisch, da die beiden Vegetarier sind. Hat trotzdem wirklich super geschmeckt!

Ihr Freund studiert Sonderpädagogik, interessiert sich für Literatur, marokkanische Küche, Deutschrock und Weltfrieden. Voll ok.

Wir redeten über sein Studium, Literatur, marokkanische Küche, Deutschrock und Weltfrieden. Es war Freitagabend.

Als alle gut gesättigt und nach 3,4 Gläsern Wein sehr entspannt am Tisch saßen, stellten wir uns die Frage, was heute Abend noch so ansteht. In Köln geht ja schließlich immer was!

Die Liebe zum Westfalenstadion
Die Liebe zum Westfalenstadion

Mir war schnell klar, dass diese Nacht nicht mehr zum Tage wird und das teilte ich ihnen auch so mit.

Zu Recht musste ich mich rechtfertigen und machte ihnen klar, dass ich morgen noch ein Spiel zu gewinnen habe.

Oh, was für ein Sport machst du denn? fragte mich der Freund meiner Mitbewohnerin.

Training war Dienstag. Ich fahre nach Dortmund ins Westfalenstadion antwortete ich.

Leicht angewiedert schaute er mich an.

Ah ok, du bist also auch einer dieser Chaoten, die am Wochenende im Zug sitzen, um zum Fußball zu fahren!

Schrecklich find ich das. So nervig. Alles stinkt nach Bier, Fangesänge, Beschimpfungen und Pöbeleien nicht nur untereinander, sondern auch normalen Reisenden gegenüber.

Mit einem leichten Grinsen im Gesicht und mit etwas Stolz erfüllt war ich plötzlich in Gedanken genau dort. Im RE1 Richtung Ruhrgebiet.

Zwei, drei Pils aufe Faust und ab geht‘s. Düsseldorf, Duisburg, Mühlheim, Essen, Bochum und dann endlich geschafft. Dortmund HBF. Vier Stationen mit der U Bahn und schon im gewohnten Umfeld.

Schnell nochn Export aufe Faust und der Tag kann anfangen. Bier, die Jungs und Vorfreude. Der Tag ist wunderschön und kann noch viel schöner werden. Die Sonne scheint!

Das Westfalenstadion bei Flutlicht
Das Westfalenstadion bei Flutlicht

Falls wir heute gewinnen und 3 Punkte einfahren, wird der Abstand auf Platz 6 noch größer. Wenn dann noch die Blauen verlieren, kann ich für nichts mehr garantieren. Scheiße wird das geil!

Glücklich werden wir mit der Mannschaft unseren Sieg feiern, um anschließend strahlend und zufrieden das Stadion zu verlassen. Heute mache ich die Nacht zum Tag!! Ab aus dem Stadion, Bier einkaufen, wat fettiget aufe Kralle, ab inne WG, Sportschau gucken und nochmal genießen wie Lucas, Nuri, Mats und co. den Gegner auseinander genommen haben!!

Noch in Gedanken vertieft und nur durch ein lautes HALLO zurück geholt, war ich plötzlich wieder anwesend.

Aber das gehört doch dazu, sagte ich. Fußball ist DER Sport in Deutschland und es ist doch super, wie viele Menschen sich an einem Samstagnachmittag aufmachen, um ihre Mannschaft zu bewundern und anzufeuern. Das gehört halt zur Fußballkultur!!

Keine halbe Sekunde später und mit etwas erhobener Stimme kam aus dem Freund meiner Mitbewohnerin ein: Das ist doch keine Fußballkultur!!

Dann war es wie bei einer Band, die man über alles liebt, und plötzlich sagt dir ein Bekannter, dass er diese Musik überhaupt nicht mag und nicht verstehen kann, wie man dafür Sympathien entwickelt.

Im wieder geil - ein Torjubel auf der Süd
Im wieder geil - ein Torjubel auf der Süd

Der Bekannte wird plötzlich ziemlich unsympathisch!

Was nun? Entweder ich hole jetzt richtig aus und erkläre dem Lockenkopf, was er jedes Wochenende verpasst, oder ich haue ihn direkt um.

Ich entschied mich für keine dieser Möglichkeiten. Besonders die zweite Lösung würde dazu führen, dass ich mir eine neue WG suchen müsste. Die erste vielleicht verschwendete Zeit, da er es niemals verstehen wird, aber durchaus realistisch. Die zweite Variante war auch mehr eine bildliche Vorstellung, als eine realistische Reaktion auf meine Wut. Meine Energie kann ich morgen im Stadion einsetzen, dachte ich mir. Verbal natürlich.

Aber mein Gott. Warum drehe ich innerlich gleich so auf? Weil jemand nicht versteht, dass Interessen unterschiedlich sein können, oder weil jemand abfällig über eines der schönsten Dinge in meinem Leben redet.

Wahrscheinlich beides. Aber er weiß es ja nicht besser. Er weiß nicht, wie es ist, mit seinen Jungs Spiele des BVB zu sehen und gemeinsam den Tag zu verbringen.

Fußballkultur ist mehr als nur die 90 Minuten auf dem Platz. Da sind all die schönen Dinge, die dazu gehören. Das erste Bier am Tag, das regelmäßige Wiedersehen seiner Freunde in dieser von Arbeit, Studium oder was auch immer dominierten Gesellschaft. Die gemeinsame Freude, das geteilte Leid, der Zusammenhalt, die Hoffnung.

Man könnte noch tausend andere Wörter finden, um die Faszination BVB und alles, was damit zusammenhängt, zu beschreiben
Man könnte noch tausend andere Wörter finden, um die Faszination BVB und alles, was damit zusammenhängt, zu beschreiben
Man könnte noch tausend andere Wörter finden, um die Faszination BVB und alles, was damit zusammenhängt, zu beschreiben. Verstehen kann es nur, wer es selber lebt.


Ich werd mich weiterhin jedes zweite Wochenende in den RE1 setzen, und mich auf die 11 Jungs auf dem Platz und meine Jungs neben dem Platz freuen.

Ich bin froh, dass ich Woche für Woche erfahren darf, wie schön es ist. Der Verein, die Stadt, die Menschen und die Farben haben mich aufgeschlungen.

Das merke ich besonders jetzt, wo ich in Köln lebe. Auch diese Stadt mag ich wirklich, der Verein interessiert mich allerdings nicht die Bohne. Wie auch. Ich hab mein Glück ja schon gefunden.

Das Ruhrgebiet mit dem Fixpunkt Dortmund wird immer meine Heimat bleiben!

Keiner weiß, wohin die Reise geht und wie lange wir noch die Möglichkeit haben gemeinsam ins Stadion zu gehen. Man munkelt, es gibt noch sowas wie Frau, Familie, Kinder, eine andere Gegend.Diese Dinge werden uns nicht hindern, aber auch dafür sorgen, dass es irgendwann nicht mehr das selbe ist. Aber der BVB wird immer das gleiche bleiben. Der geilste Verein auf der Welt!!

Und vielleicht werde ich meinen Jahresurlaub bald schon nicht mehr planen, sondern unser geliebter Ballspielverein wird mir sagen wohin die Reise geht.

Danken möchte ich meinem Bruder, der sehr stark für meine Liebe zum BVB verantwortlich ist. Es macht immer Spaß gemeinsam mit dir und den Jungs ins Westfalenstadion zu gehen!

Auf gehts Dortmund, weiter kämpfen und weiter siegen!


geschrieben von Malte

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