Eua Senf

Depression

10.11.2010, 08:22 Uhr von:  Gastautor

Was hat sich seitdem getan, inwiefern ist die Krankheit, wegen der Robert Enke sich entschied, seinem Leben ein Ende zu bereiten, in das Bewusstsein der Menschen gedrungen? Wurden bestehende Vorurteile abgebaut bzw. wurde entstigmatisiert? Beschäftigen sich die Menschen nun mehr als vorher mit dieser Krankheit?

Diese und die zig anderen, in diesen Tagen aufkommenden, Fragen vermag ich natürlich nicht zu beantworten. Was ich aber gerne tun möchte, ist denjenigen, den es interessiert, aus der Sicht eines Betroffenen ein wenig für das Thema zu sensibilisieren.

Als Robert Enke sich das Leben nahm, stand ich unmittelbar vor einem stationären Klinikaufenthalt, nicht mein erster und sicher auch nicht mein letzter. Sein Tod hatte auch mich ziemlich mitgenommen, allerdings nicht aufgrund der Tatsache, dass es sich um einen anerkannten Leistungssportler handelt (davon habe ich in meinen Therapien schon so einige kennen gelernt), sondern weil wieder einmal ein Mensch aufgrund seiner Erkrankung so verzweifelt war, dass er keinen Ausweg mehr gesehen hat.

In diesem Zusammenhang stelle ich auch gerne den Begriff "Freitod" zur Diskussion. Ich will mich gar nicht an offiziellen Definitionen für diese Bezeichnung aufhängen - meine Definition, und ich denke auch die gängigste, ist die, dass jemand aus freien Stücken entscheidet, seinem Leben ein Ende zu bereiten. Ist das im Falle eines Depressiven, dessen Weltsicht und/oder Eigenbild sehr stark durch eine Krankheit geprägt ist, wirklich der Fall? Meiner Meinung nach nicht, denn aus "freien Stücken" bedeutet für mich unbeeinflusst.

Warum? Ja, warum denn nur? Wie konnte es soweit kommen?

Vielleicht hilft es ja, bei der Beantwortung dieser Frage mal einen Blick in die Therapiezentren zu werfen und wer sich dort alles so in Behandlung begibt. Natürlich ohne Namen und Andeutungen, die Rückschlüsse auf Personen liefern könnten.

Grundsätzlich hat sich in der Wahrnehmung psychosomatischer Krankheiten in den letzten Jahren wirklich viel getan, und zwar zum Positiven hin. Der Depressive ist nicht mehr nur der Trauerkloß, der den ganzen Tag weltmüde die Wand anglotzt. Der Phobiker ist nicht mehr nur der Feigling, der sich seiner Angst nicht stellen möchte, usw ...

Und trotzdem fangen gefühlte sieben von zehn Beiträgen in Fernsehen oder in den Printmedien mit dem ach so bedeutungsschweren Satz "Sie leben ein Leben am Rand der Gesellschaft" an. Für mich immer das Signal, den roten Knopf auf meiner Fernbedienung zu drücken oder umzublättern. Denn auch diese Art der Berichterstattung führt dazu, dass es die Menschen völlig fassungslos zurück lässt, wenn jemand wie Robert Enke (der ganz und gar nicht am Rande der Gesellschaft lebte) sich das Leben nimmt. Und die Realität sieht eben ganz anders aus.

In den Kliniken lassen sich Menschen behandeln, die im Stadion neben Dir stehen, die Deine Steuererklärung machen, die Deine Kinder unterrichten, die Dich auf der Straße um 'nen Euro bitten, die Deinen Bus fahren, denen Du zujubelst, die Dir den Blinddarm entfernen. Dort gibt es tolle Menschen und Arschlöcher, Emphaten und Scheissegal-Typen. Es gibt große, kleine, dicke, dünne. Es gibt den introvertierten Briefmarkensammler und die wilde Partymaus. Ja, uns Psychosomaten gibt es überall, schon immer und wir werden immer mehr. Also Türen zu, absperren, Schlüssel wegwerfen ... Okay, die Richtung ist klar. ;)

Warum ich den Fernseher ausschalte bzw. in der Zeitung weiter blättere, wenn ich diesen Satz höre oder lese, liegt nicht etwa daran, dass ich die Augen davor verschließe, wie die Realität aussieht. Das sehe ich an meinem Lebensweg nur zu deutlich, ich bin selbst nur noch ein paar Zentimeter vom Gesellschaftsrand entfernt.

Mich ärgert und nervt, dass nicht der Weg dorthin gezeigt wird, sondern das Ergebnis, und damit ist eher weniger geholfen, als vielmehr ein leidvoyeuristischer Trieb befriedigt. Es ist interessanter, eine Frau zu sehen, die seit elf Jahren ihr Haus nicht mehr verlassen hat, als sich mit jemandem zu befassen, der abends noch nicht weiß, mit welchem Gemütszustand er am nächsten Morgen aufwacht. Es scheint spektakulärer und auch greifbarer, sich mit einem Resultat zu befassen, als mit dem Weg, der zu diesem geführt hat.

Im Umkehrschluss ist natürlich die Frage angebracht, wie man als Nichtbetroffener etwas verstehen soll, über das selbst die Betroffenen meist am liebsten wenig bis gar nichts sagen. Nachvollziehbar! Ich würde die Frage sogar noch mit dem Zusatz ergänzen: "Warum sollte sich überhaupt jemand, der weder direkt noch indirekt betroffen ist, mit diesem komplexen Thema in der Tiefe auseinandersetzen?"

Ich freue mich von Herzen für jeden, der damit nicht in Berührung kommt. Und gerade die erste Frage beschreibt in ihrer Einfachheit, wie komplex das Thema wirklich ist, denn es ist mir, als Betroffenem, selbst meist unmöglich zu erklären, warum es so ist wie es ist.

Ich kann die Situation beschreiben, aber selbst jahrelange Edukation zum Thema (als Betroffener wird man mit der Zeit zwangsläufig zu einem semi-professionelle Psychologen) und das Bewusstsein über die Zusammenhänge lassen einen trotzdem meist fassungslos da stehen, wenn mal wieder ein Gemütszustand eingetreten ist, der einfach auf nichts Aktuelles zurückzuführen ist.

Und ein weiteres Indiz für die Komplexität liegt sicher auch in einem der wertvollsten Dinge, die es gibt: Wir sind zwar alles Menschen, aber wir sind auch alle verschieden in unserem Wesen und in unseren Eigenarten. Dementsprechend gibt es auch nicht "die Depression", jeder Betroffene erlebt seine Krankheit anders. Das macht es der Wissenschaft natürlich nicht einfacher, aber ich denke, die "Profis" sind auf einem guten Weg.

Bevor ich zum Ende komme, will ich dem Interessierten noch ein paar Einblicke in meine Vita und in meine Gedankenwelt geben. Ich bin mir zwar sicher, dass das nicht zum Verstehen beiträgt, aber vielleicht dazu, zu sehen, dass "Leben am Rand" vielleicht irgendwann der Unterstrich der letzten Kapitel ist, mit dem Weg an sich aber nichts zu tun hat.

Ich bin einige Jahre zur See gefahren und habe ziemlich viel von der Welt gesehen. Was für mich bis heute noch den positiven Effekt hat, dass ich auch in schlimmsten Phasen nie in den "Die Welt ist scheiße"-Strudel abrutsche. Danach habe ich mich weitergebildet, ein abgespecktes Studium gemacht und schließlich als Konstrukteur gearbeitet. Das war alles toll und hat sehr viel Spaß gemacht, war aber auch immer zu viel. Denn ich habe zwar alle Anforderungen mit Bravour gemeistert, war dabei aber immer weit über meinem Limit. Sich gerade das selbst eingestehen zu können, ist wohl so ziemlich das Schwerste - gerade für einen Menschen, der sich selbst keine Schwächen zugestehen möchte.

Mit der Zeit lernt man Abstriche zu machen, manche freiwillig, manche gezwungenermaßen, andere wieder, weil sie einem in bestimmten Momenten alternativlos erscheinen. Meine Arbeit habe ich aufgegeben und gehe mit Mitte 30 in EU-Rente, weil ich nun etwas finden muss, was mich nicht immer über dem ertragbaren Limit hält. Die Liebe meines Lebens hat seit einiger Zeit einen anderen Nachnamen, und zwar nicht meinen, weil ich mal dachte, es wäre das Beste, mich ihr nicht zuzumuten. Sie ist das Beste, was mir je passiert ist und es ist ein unschönes Gefühl, davon überzeugt zu sein, dass sie Gott sei Dank nicht das Gleiche über mich sagen "muss".

Ja, man macht mit der Zeit Abstriche und es ist harte Arbeit, sich dabei das Gefühl zu erhalten, dass es sich lohnt, weiter zu machen.

Um nochmal zu einer der Ausgangsfragen zurück zu kommen: Was hat sich getan?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, was ich mir wünsche. Akzeptanz. Nicht das Verstehen, sondern einzig und alleine Akzeptanz!

geschrieben von Andypsilon

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