Unsa Senf

Fisch oder Fleisch? - Auf jeden Fall Schonkost

24.11.2009, 21:13 Uhr von:  Sascha
Fisch oder Fleisch? - Auf jeden Fall Schonkost
Nuri

Mit dem 0:0 gegen den FSV Mainz 05 baute der BVB seine Serie von ungeschlagenen Spielen auf nunmehr 6 aus. Gleichzeitig bedeutete das Ergebnis auch das 6. Unentschieden in der laufenden Saison und man konnte sich, wie in der letzten Saison, wieder auf die Pole Position im Kampf um den nicht gerade ehrenvollen Titel „Unentschiedenkönige der Liga“ schieben. Nur zwei mögliche Zahlenspielereien, die verdeutlichen, dass eine Einschätzung des bisherigen Saisonverlaufs so einfach nicht ist. Liegt man nun einigermaßen im Soll, oder ist es doch eigentlich eher mal wieder eine Saison zum Vergessen? Sicher dürfte nur sein, dass keiner so wirklich richtig zufrieden mit den bisher erlebten Spielen sein kann.

Zur Lage der Borussen-Nation:

Nicht nur Dänen, sondern auch Zahlen lügen nicht und im Falle des BVB reicht ein Blick auf die Tabelle, um den bisherigen Saisonverlauf einordnen zu können. Mit 18 Punkten belegt der BVB den mittelsten aller Tabellenplätze, nämlich Rang 9. In der Disziplin "Tore verhindern" kann man immerhin die sechst beste Abwehr aufweisen, dafür haben gerade einmal vier Teams seltener ins Netz getroffen. Wenn man mal, was natürlich fachlich nicht ganz korrekt ist, Platz 6 der Abwehr und Platz 13 in der Abteilung Attacke addiert und den Durchschnitt nimmt – dann kommt man auf Platz 9,5. Die Jungs von Wikipedia sollten sich mal überlegen, ob sie nicht einfach bei der Definition des Wortes „Mittelmaß“ das Vereinsemblem von Borussia Dortmund einbauen sollen.

Andererseits hat man auch gerade einmal drei Punkte weniger eingefahren, als zum gleichen Zeitpunkt der letzten Saison. Wenn man sich ehrlich eingesteht, dass man in der letzten Saison einen Quantensprung im Vergleich zur Zeit von Thomas Doll gemacht hat und ein Rückschlag absolut vorhersehbar war, dann ist die derzeitige Situation so schlecht nicht. Die Hertha aus Berlin und Babbels Stuttgarter demonstrieren schließlich gerade eindrucksvoll, dass so ein Rückschlag auch wesentlich unsanfter ausfallen kann.

Neven
Neven

Darauf könnte man wiederum antworten, dass der Vergleich zur letzten Saison auch nicht ganz stichhaltig ist. Der Tenor im letzten Jahr war, dass man eigentlich noch viel zu wenig Punkte auf dem Konto hatte und man auf die „verdammten Unentschieden“ schimpfte. Spielerisch war das teilweise richtig gut anzusehen, was unsere Jungs auf dem Rasen zeigten. Sie vergaßen leider nur zu oft, sich für die Leistung mit drei Punkten zu belohnen. In diesem Jahr dürfte keiner mehr ernstlich behaupten, dass wir mehr als die bisher eingefahrenen 18 Punkte verdient haben. Ganz im Gegenteil, nach einem sehr, sehr schwachen Saisonstart mit deutlichen Niederlagen gegen die Bayern und in Hamburg ist das fast das Optimum, das man mit den gezeigten Leistungen herausholen konnte. Der spielerische Unterschied zur letzten Saison ist auf jeden Fall nicht wegzudiskutieren. Das Spiel ist deutlich weniger druckvoll, die spielerischen Elemente unübersehbar sparsamer ausgeprägt. Es wird wieder mehr „hinten rum“ aufgebaut und auch die aus der Not geborenen langen Koller-Gedächtnis-Pässe tauchen wieder in höherer Zahl auf. Das ist vielleicht das Schmerzlichste in der Saison 09/10. Man war in der letzten Saison auf einem sehr guten Weg, wieder zu einer Mannschaft zu werden, die Fußball spielt, statt ihn nur zu arbeiten. Leider ist man wieder ein gutes Stück von diesem Weg abgekommen.

Die Gründe:

Wer jetzt ein Patentrezept, einen einfachen Hebel zum Umlegen erwartet, sollte hier am besten aufhören zu lesen. Einige Dinge sind offensichtlich, andere kaum nachvollziehbar. Zu den offensichtlichen Gründen gehört mit Sicherheit eine Mischung aus individueller Formschwäche und einem mittlerweile extremen Verletzungspech. Beide Gründe sind für sich genommen schon schwerwiegend, treten sie gemeinsam auf, dann kommen eben Gruselkicks wie gegen Mainz zu Stande. Vielleicht wird jetzt erst richtig ersichtlich, wie schwer der Ausfall von Tamas Hajnal als Ballverteiler im Mittelfeld wiegt. Gab er in der letzten Saison dem Spiel noch Struktur, verläuft das Spiel nach vorne in der aktuellen deutlich plan- und ideenloser. Man mag einwenden, dass auch die letzte Rückrunde für den kleinen Ungarn nur unwesentlich besser lief als der Start in dieser. Aber dort stand ihm mit Nuri Sahin ein Mann an der Seite, der die kreative Lücke mehr als ausfüllen konnte. Das wiederum konnte nur funktionieren, weil Sebastian Kehl auf der Sechs den defensiven Part im Mittelfeld bombig ausfüllte. Nun ist Kehl leider mal wieder langfristig verletzt, Hajnal erst formschwach und fällt jetzt ebenfalls für die komplette Hinrunde aus. Die komplette Last liegt nun allein auf Sahins Schultern, der vor der Mammutaufgabe steht, in einer Doppelsechs sowohl die Defensive zu ordnen, als auch das Spiel nach vorne zu lenken. Keine Frage, Sahin ist bisher der Spieler, der die meiste Konstanz in seinen Leistungen gezeigt hat und ein positiver Lichtblick ist. Aber die Aufgabe ist einfach zu groß, beide Spieler ohne sichtbaren Qualitätsverlust zu ersetzen.

Barrios
Barrios

Zumindest die Ordnung der Defensive ist absolut zufriedenstellend gelungen. Musste man nach deutlichen Klatschen zu Saisonbeginn noch einen Rückfall in alte Schießbudenzeiten befürchten, brauchte Roman Weidenfeller den Ball in den letzten sechs Partien gerade zwei Mal aus dem Netz holen. Die beiden Tore kassierte man gegen Leverkusen und Werder Bremen. Zwei Mannschaften, die in dieser Saison schon so manche Abwehr nach allen Regeln der Kunst auseinander genommen haben. Bei aller Kritik muss man auch anerkennen, dass der Defensivverbund wieder richtig gut steht und es wieder alles andere als leicht geworden ist, gegen Borussia ein Tor zu schießen.

Darunter leidet dann aber auch die Offensive. Zumal sich Sahin nicht gerade über zuviel Unterstützung beklagen kann. Auf der rechten Seite haben Kuba und Owomoyela bisher eine Saison gezeigt, die den eigenen Ansprüchen deutlich hinterher hinkt. Auf links steht mit Schmelzer ein Dede-Ersatz, der einfach noch Zeit und Erfahrung braucht und mit Nelson Valdez eine absolute Notlösung im Mittelfeld. Valdez großes Plus, die enorme Lauf- und Zweikampfbereitschaft, mag in der Sturmspitze eine Waffe sein, mit der man vorzüglich das geforderte Pressing spielen kann, auf der Außenbahn reicht das einfach nicht aus. Technische Mängel fallen dort viel schwerer ins Gewicht, so dass bis auf die eine Flanke zum 1:0 in Leverkusen diese Seite fast gänzlich tot für Offensivbemühungen ist. Positiv anzumerken ist, dass Valdez diese für ihn absolut undankbare Aufgabe ohne zu Murren ausführt.

Natürlich haben auch andere Mannschaften, wie zum Beispiel der HSV, mit großen Verletzungssorgen zu kämpfen, aber dort stehen immer noch genügend gestandene und erfahrene Profis auf dem Platz, um der Mannschaft ein Gerüst zu geben. Schaut man sich dagegen unsere Ersatzbank beim Spiel gegen Mainz an, stellt man fest, dass dort Kevin Großkreutz der Spieler mit der zweitmeisten Erfahrung ist - das sagt dann eigentlich auch schon alles! Ansonsten saßen nach den Einwechselungen von Zidan und Großkreutz mit Hornschuh, Götze und Koch drei Spieler, die mangels Führerschein noch wirklich auf den Mannschaftsbus angewiesen sind. Fast schon grotesk, dass zu Saisonbeginn ein Florian Kringe nach zwei Nichtberücksichtigungen für den Kader noch nach Berlin ausgeliehen wurde. Jetzt würde man sich wahrscheinlich die Finger nach einem (gesunden) Kringe schlecken, der im Mittelfeld und auf den Außen in der Abwehr variabel einsetzbar ist.

Neben dem Ausfall von individuellen Stärken fehlen Trainer Klopp damit auch ganz pauschal Alternativen. Auch wenn dem Wort „Druck“ im Profifußball seit dem Freitod von Robert Enke ein leicht anrüchiger Duft anhaftet, gibt es Spieler, die diesen Druck brauchen. Das gilt mit Sicherheit nicht für alle, aber bei manchen kitzelt ein Konkurrent im Nacken die letzten Prozentpunkte heraus, steigert die Konzentration in der Ballbehandlung und lässt einen den berühmten einen Schritt mehr machen. Momentan stellt sich die Mannschaft fast von selbst auf und einem langjährigen Bundesligaprofi treibt ein A-Jugendlicher in der Hinterhand mit Sicherheit nicht den Angstschweiß auf die Stirn.

Dede
Dede
Das erklärt allerdings nicht, warum der Fußball seit dem Start der Saison wesentlich unattraktiver aussieht als im Vorjahr. Die bekannten „Vollgasveranstaltungen“ fehlen gänzlich, von einem soliden und ordentlichen Auftreten kann man auch nur in Phasen sprechen. Das Spiel ist oft zögerlich, unkonzentriert und häufig einfach grob umständlich. Dies alles als Folge einer merkwürdig schlechten Abstimmung der Raumaufteilung und Laufwege. Dabei ist die Mannschaft zu Spielbeginn stets fast unverändert gegenüber der letztjährigen. Von dem anfangs propagierten Vorteil der großen Eingespieltheit ist nur sehr wenig zu sehen. Und hier kommt man zu den nicht nachvollziehbaren Gründen für die aktuelle Leistungsstärke der Mannschaft. Warum stimmen Lauf- und Paßwege häufig nicht mehr überein? Warum werden Bälle wieder vermehrt hoch und mit wenig Plan gespielt, statt den Ball flach zu halten und ihn laufen zu lassen? Wieso zieht man viel zu häufig in die Mitte und konzentriert das Spiel auf einen eng abgesteckten Raum mit vielen Gegenspielern? Man hat oft das Gefühl, dass die Mannschaft weiß, das es eigentlich falsch ist, aber mit zunehmender Spieldauer fast automatisch in dieses Verhaltensmuster zurück fällt.


Das gilt es abzustellen, ohne dabei die Stabilität der Defensive zu beeinträchtigen, wenn man bis zur Winterpause noch in Schlagdistanz zu Platz 5 bleiben will. Nach unten hin braucht man sich glücklicherweise keine Gedanken zu machen. Zumindest hier hat man sich seine Stärke aus dem Vorjahr bewahrt und gibt sich auch weiterhin keine Blöße gegen Teams aus dem unteren Drittel. Das war auch schon mal anders und so wurde zwar bisher kein Feinkost-Fußball geboten, aber zumindest ein magenfreundlicher.

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