Spielbericht Profis

Millionenfrage versemmelt - BVB versagt beim VfL Osnabrück

28.10.2009, 15:18 Uhr von:  Altrocker
Millionenfrage versemmelt - BVB versagt beim VfL Osnabrück

Es gab wohl keinen Dortmunder, der das Stadion an der Bremer Brücke nicht mit geballter Faust verlassen hat. Ohnmächtig musste man kurz zuvor mit ansehen, wie sich der BVB gegen den VfL Osnabrück wieder einmal von einem Drittligisten aus dem Pokal kegeln ließ.

Anreise

Der schwarzgelbe, mit erwartungsfrohen Borussen besetzte Bulli schien die Fahrt nach Osnabrück ohne größere Staus überstehen zu können, was vor allem im Berufsverkehr auf der A1 bekanntlich nicht alltäglich ist, und freute sich auf eine pünktliche Ankunft am Zielort. Doch plötzlich überholte ganz stickum eines jener Fahrzeuge, die auf dem Dach blaue Lämpchen befestigt haben, und setzte sich vor den schwarzgelben Dampfer, nicht, ohne stolz seine roten Lämpchen zu zeigen, die ein nettes „FOLGEN“ formten. Sowohl beim Chauffeur als auch den übrigen Insassen überwog die Meinung, dass man sich nichts habe zuschulden kommen lassen. Kein Tempolimit überschritten, Überholverbot gab's auch nicht. Aber man weiß ja nie... Möglicherweise war die Musik im Fahrzeug so laut gewesen, dass einige am Rande der Piste grasende Kühe aufgeschreckt worden waren. Also Mucke leise gemacht und dem blinkenden Fahrzeug gespannt bis zum nächsten Parkplatz gefolgt.

Einladender Gästeeingang
Einladender Gästeeingang

Dort angekommen sprang ein Uniformierter aus der Lichtorgel und näherte sich dem heruntergekurbeltem Fenster des Fahrers, der sich für alle nur denkbaren Fälle bereits freche Antworten zurecht gelegt hatte. „Macht Euch keine Sorgen, ist nichts Schlimmes!“ grinste der Beamte durchs Seitenfenster. 'Au Backe, dass gibt Ärger' dachte jeder er Reisenden für sich, bevor die Staatsmacht weiter sprach: „Ich wollte nur mal fragen, ob ich für meinen Sohn ein Foto von dem Fahrzeug machen darf.“

Dem Fahrer fiel, nachdem er süffisant zugestimmt hatte, sprachlos der Unterkiefer aus dem Fenster, der Rest der Reisenden rotzte vor unterdrücktem Lachen die Polster voll.

Stadion

Am Eingang zum Gästeblock angekommen, dachte man zuerst an eine Gedenkstätte für die Grenzanlagen der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Stacheldraht, eine lange, vollgeschmierte Mauer und alte Kassenhäuschen, für die selbst Gelsenkirchen noch zu fein wäre. Es wäre maßlos übertrieben, hier noch vom „Charme früherer Tage“ zu sprechen.

Hauptsache die Cops haben Platz
Hauptsache die Cops haben Platz

Im Gästeblock dann das Chaos. Unterschiedlichste Absperrungen verhindern ein problemloses Erreichen aller Bereiche des Blockes, der nur mit ortskundigen Führern betreten werden konnte. Als Folge bildeten sich am Eingang zum Block ungeduldige Schlangen, während einige Bereiche im Block bereits überfüllt waren oder nur sehr mühsam erreicht werden konnten. Und als ob das Chaos noch nicht groß genug gewesen wäre, reihte sich mitten zwischen die Borussen-Fans auch noch eine halbe Hundertschaft der Polizei ein, was das Platzangebot weiter verringerte. Sozusagen eine Blocktrennung innerhalb eines Fanblocks. Dies wiederum erschwerte es, über eine kleine Abtrennung die nicht so überfüllten Bereiche zu erreichen. Auf die Frage der Fanbetreuung, warum die Polizisten unbedingt dort stehen müssten, wo doch eh nur Dortmunder zu trennen seien und warum man den verfügbaren Platz für zahlende Zuschauer durch die Anwesenheit weiter verknappen würde, gab es lediglich ein “Wir stehen immer hier.“

Pyroshow at its best
Pyroshow at its best

Erschwerend kam hinzu, dass im Westblock (also dem überdachten Teil), die Leute, die Karten für die Stehplätze auf der Nordtribüne hatten, so mir nichts, dir nichts auf die West marschieren konnten, und es dort immer enger wurde. Zumal der Block auch noch durch einen Zaun abgetrennt war und es nur einen Aufgang gab, der aber von der Nordseite nicht mehr zu erreichen war, da es in der Mitte das Blocks schon sehr voll war. Um dem Gedränge zu entgehen und um wenigstens etwas vom Spiel sehen zu können, stellten sich etliche Zuschauer auf eine schmalen Absatz neben der Absperrung, immer in Gefahr, durch einen Spalt einige Meter in die Tiefe stürzen zu können. Unfassbare Zustände.

Stimmung

Ein paar ganz Schlaue konnten es sich wieder nicht verkneifen, vor dem Spiel ein bisschen Silvester zu feiern. Kommentar überflüssig. Man darf allerdings jetzt schon auf das Gejammer gespannt sein, wenn den Fans bei einem späteren Spiel an gleicher oder anderer Stelle nichts mehr erlaubt werden sollte.

Kopf hoch, Christian
Kopf hoch, Christian

Ansonsten gab es bei optimalem Fußballwetter für die 16.100 Zuschauer an der Bremer Brücke Gänsehaut am laufenden Band. Hier der Dortmunder Block, der seine Mannschaft über die gesamte Spielzeit fast geschlossen unterstützte, dort die Osnabrücker, die häufig das komplette Stadion zum Singen brachten. Ständig ging es hin und her. Mal machten die Dortmunder brutal laut auf sich aufmerksam, dann waren es wieder die Heimfans, die zeigen wollten, wer Herr im Haus ist. Für jeden Fußballfan ein unvergesslicher Abend.

Auf'm Platz

Durch die Verletzung von Bender komplettierte Tinga die Doppel-Sechs vor dem bewährten Abwehrquartett. Valdez, Zidan und Kuba sollten Barrios füttern und beim Toreschießen unterstützen. Soweit der Plan, an der Bremer Brücke gegen den Drittligisten (früher Oberligist genannt...) VfL Osnabrück eine weitere Weiche Richtung Berlin zu stellen. Doch Pustekuchen!

Schoss den BVB mit zwei Buden ab
Schoss den BVB mit zwei Buden ab

Das Spiel des BVB begann gefällig. Viel Ballbesitz, hier und da mal ein langer Ball in den gegnerischen Strafraum. Nicht die große Offenbarung aber auch nichts Dramatisches. Lucas Barrios fällt zwar immer wieder aus der Rolle und macht mächtig Alarm beim Gegner, kämpft um jeden Ball, zeigt Siegeswillen, aber seine Mitspieler sind pfiffig und lassen sich nicht anstecken. Auch nach fast 60 Minuten das gleiche Bild. Alles im Griff, hinten das Nötigste, vorne auch. Die schaukeln das schon, könnte man meinen, wenn es nach dieser knappen Stunde nicht schon 2:0 für die lilafabenen Hausherren und Underdogs gestanden hätte.

Hä? 0:2 zurück? Wie das? Ganz einfach. Als das Spiel so gemütlich vor sich hinplätscherte, Dede eine Bogenlampe nach der anderen Richtig VfL-Sechzehner schnibbelte, Owomoyela und Valdez lässig Ballverluste produzierten, wurde es Neven, Patrick und Nelson in der 37. Minute zu langweilig und sie verabredeten sich zu einem Flotten Dreier: Osnabrück wirft weit ein, Neven will nicht, Patrick trifft nicht und Nelson kann nicht.

Heimkurve Osnabrück
Heimkurve Osnabrück

Barletta, eher konservativ eingestellt, entscheidet sich für die traute Zweisamkeit und versenkt den Ball mit einem traumhaften Fallrückzieher hinter Weidenfeller im Netz. Unhaltbar. In der Konstellation „David macht gegen Goliath ein Fallrückziehertor“ lohnen sich übrigens keine Wetten auf ein anderes Tor des Monats. Fünf Minuten später düpiert Barletta Nelson Valdez nach einer Ecke und köpft ungehindert ein. Das komplette Stadion steht kopf und feiert lautstark. Spätestens jetzt ist auch die Diskussion um den zweiten Mann am Pfosten wieder in vollem Gange. Dazu ein 0:2 zur Halbzeit, keine einzige Tormöglichkeit für die Borussia - das verspricht wenigstens in der Kabine Unterhaltung.

Nach dem Pausenanschiss geht es mit unseren Sorgenkindern leicht aufwärts und ein Freistoß von Sahin beschert uns zum ersten mal so etwas wie eine Torchance (54.). Eine Minute später endlich das 2:1 für die Gelben. Flanke Kuba, Barrios, der immer noch wie ein Löwe kämpft, verlängert mit dem Kopf auf Nuri und der zieht trocken ins lange Eck ab. Als anschließend Subotic (Freistoß) und Barrios (Pfosten) knapp verfehlen, denken einige anscheinend wieder beruhigt „Läuft!“

Bitter, Damien Le Tallec musste raus
Bitter, Damien Le Tallec musste raus

Denkste. Neven, Dede und Patrick hecken diesmal etwas aus. Ein Freistoß mit 3 Verteidigern vor dem gegnerischen Strafraum wäre doch mal was Neues. Owo (warum ausgerechnet er?) drischt den Ball in die Mauer und beim anschließenden Konter fehlt hinten etwas... 3:1 durch Siegert, der Weidenfeller auch hier keine Chance lässt. Der Drops ist gelutscht, die Hütte kocht und singt. Fortan liegen die Lila Launebären im Minutentakt auf dem Rasen und kränkeln. Das permanente Doppeln der Borussen ab der Mittellinie hat enorm Kraft gefordert und außerdem ist Zeit jetzt Geld. Folgerichtig lässt der gute Schiedsrichter Winkmann 6 Minuten nachspielen. Lucas macht in der 95. Minute per Kopf sein 4. Pokaltor, kann das peinliche Ausscheiden aber nicht verhindern.

Anzumerken wäre noch, dass Barrios nach einem Frustfoul nur knapp der roten Karte entging und dass sich Le Tallec fünf Minuten nach seiner Einwechselung die Schulter ausgekugelt hatte und wieder vom Platz musste. Gute Besserung!

Fashit

Wieder einmal versagte eine Dortmunder Mannschaft, wenn es darum ging, gegen einen unterklassigen Gegner relativ leicht an die für uns so wichtigen Fleischtöpfe der Liga zu kommen. War es Überheblichkeit, mangelnder Einsatz oder fehlende spielerische Klasse? Vermutlich von allem etwas. Jedenfalls sind unserem Verein heute 1.000.000 Euro durch die Lappen gegangen. Nur so für diejenigen, die immer noch von hochkarätigen Neuverpflichtungen träumen.

Noten

Weidenfeller kassierte mal wieder ordentlich
Weidenfeller kassierte mal wieder ordentlich

Weidenfeller: An allen Gegentoren machtlos, ansonsten sicher. 3,0

Dede: Stand auf seiner Seite sicher, in der Vorwärtsbewegung kam außer hohen „Gott-ist-mit-uns“-Flanken zum Strafraum nichts. Wo bleiben die unwiderstehlichen Durchbrüche zur Grundlinie? 5,0

Hummels: Nicht häufig gefordert, wirkte beim Konter zum 3:1 allerdings nicht entschlossen genug. 4,5

Subotic: Die Frage, warum er vor dem 0:1 nicht zum Kopfball hochsteigt, wird nur er selbst beantworten können. Nach guter Anfangsphase ungewohnt zögerlich im Zweikampf. 5,0

Owomoyela: Hier ist langsam Schluss mit lustig. Ein Stockfehler jagt den nächsten. Nahezu jeder Pass landet beim Gegner oder bringt die Mitspieler in Schwierigkeiten. Krönung war sein „Nickerchen“ vor dem 0:1, als er den Ball nicht aus der Gefahrenzone köpfen konnte. Mangels Alternativen auf seiner Position bekommt er (noch) regelmäßig seine Auflaufprämie. 6,0

Tinga ersetzte Bender
Tinga ersetzte Bender

Tinga: Wie immer ein Wühler vor dem Herrn, dem gestern allerdings zu wenig gelang. 5,0

Sahin: Begann recht stark, tauchte im Laufe des Spiels leider immer mal wieder unter. Konnte nicht an die zuletzt starken Leistungen anknüpfen. Satter Schuss zum Anschlusstreffer. 4,0

Zidan: Konnte seinen Aufwärtstrend nicht bestätigen. Gewann so gut wie keinen Zweikampf und tauchte nach dem Wechsel komplett ab. 5,0

Kuba: Auch für ihn ist die Zeit überfällig, endlich wieder an alte Leistungen anzuknüpfen. Sucht keine Zweikämpfe, die Spritzigkeit fehlt offensichtlich. Wegen der schönen Flanke zum 1:2 noch 5,5

Valdez: Fand trotz Fleißkärtchen weder ins Spiel noch in die Mannschaft. Konnte Barletta bei beiden Toren nicht entscheidend stören, offensiv kam nichts. Leistete sich einfachste Ballverluste. 6,0

Barrios: Ihm merkte man als einzigem Spieler von der ersten Minute den Willen an, dieses Spiel unbedingt gewinnen zu wollen. Kämpfte um jeden Ball und war im Sechzehner immer ein Gefahrenherd. Pech beim Pfostenschuss. Seine Leistung wurde mit dem Tor in der Nachspielzeit belohnt. Hatte Glück, dass er in der Schlussphase nur Gelb bekam. 2,0

Feulner durfte auch mal wieder ran
Feulner durfte auch mal wieder ran
Für die Akten

VfL Osnabrück: Berbig - Schnetzler, Barletta, Nickenig, Krük - Siegert, Heidrich, Hansen, Lindemann - Lejan, Bencik

Borussia Dortmund: Weidenfeller - Owomoyela, Subotic, Hummels, Dede - Tinga, Sahin - Kuba, Zidan, Valdez - Barrios

Tore: 1:0 Barletta (37., 2:0 Barletta (42.), 2:1 Sahin (55.), 3:1 Siegert (70.), 3:2 Barrios (95.)

Schiedsrichter: Guido Winkmann, Kerken

Zuschauer: 16.130, volle Hütte

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