Im Gespräch mit...

"Wundervolle 30 Minuten!"

20.01.2009, 17:09 Uhr von:  Redaktion

Michael Streck weiß, wie es ist, fern der Heimat nach BVB-Informationen zu gieren. Mit schwatzgelb.de sprach der "stern"-Journalist über Bundesliga in New York, gebückt gehende Blaue und Fußball-Diskussionen als Eisbrecher in jeder Lebenslage.

Streck wurde in Lüdenscheid geboren. Er arbeitete für “Welt”, “Welt am Sonntag”, das Magazin “Sports”, schrieb für “taz” und “Süddeutsche Zeitung” und ist seit 1996 beim “stern”. Kurz vor den Anschlägen des 11. September zog er mit Frau und zwei Töchtern nach New York und berichtete als Korrespondent des Magazins sieben Jahre lang aus den USA. Heute, nach seiner Rückkehr, ist er Autor beim stern und hat vor kurzem im Malik-Verlag das satirische Buch “Stars and Stripes & Streifenhörnchen” über die Zeit in den Staaten veröffentlicht. schwatzgelb.de erreichte ihn in Hamburg.

"stern-Journalist Michael Streck" war sieben Jahre Korrespondent in den USA. Bild: privatSEITENWAHL:

Du hast im Herbst in einer großen, liebevollen Geschichte für den "stern" das Ruhrgebiet porträtiert. Was verbindet dich mit der Region?

Streck: Ich bin ganz in der Nähe des Ruhrgebietes aufgewachsen. In Lüdenscheid, an sich Sauerland, aber gerade mal sieben Kilometer von der Reviergrenze entfernt. Und in Lüdenscheid wird man qua Geburt entweder Schalker oder BVB-Fan. Auch dank väterlicher Fürsorge habe ich mich für den richtigen Verein entschieden.

Du warst lange New-York-Korrespondent für den "stern" und arbeitest jetzt in Hamburg. Wie oft kannst du in Dortmund im Stadion sein?

Streck: Leider nur sehr selten, weil ich doch immer noch reichlich oft im In- und Ausland unterwegs bin. In dieser Saison hat es bislang nur zu einem Stadionbesuch gereicht, immerhin beim richtigen Spiel, dem 3:3 gegen Schalke. Wundervolle 30 Minuten!

ANPFIFF:

Wie hältst Du Dich auf dem Laufenden über die Geschehnisse rund um den BVB?

Streck: Zeitung lesen, im Netz surfen, auch auf Eurer Seite natürlich. Und durchs Fernsehen. Vermutlich informiere ich mich genauso wie die meisten übrigen Fans des BVB.

Wie hast du in deiner New Yorker Zeit die Spiele verfolgt?

Streck: Wir hatten zu Hause den hispanischen Sender GOL TV via Kabelprogramm abonniert. Der übertrug vier Bundesligaspiele pro Spieltag, drei davon live: Das Freitagsspiel, zwei Samstagsspiele (eins davon zeitversetzt) und schließlich das Sonntagsspiel. Ich konnte also einigermaßen zuverlässig Dortmund-Spiele live sehen. Durch die Zeitverschiebung gern samstags morgens zum Frühstück mit spanischem Kommentar. Herrlich. Die plapperten unentwegt, aber es hörte sich doch besser an als - sagen wir - Dahlmann, Rethy, Beckmann und wie sie alle heißen.

Hast du in den USA Borussen getroffen?

Streck: Oh ja, erstaunlich viele sogar. Die deutsche Community in New York ist ja üppig. Zwei gute Freunde von mir, die dort leben, sind große BVB-Anhänger. Die Meisterschaft 2002 haben wir morgens gemeinsam in einer irischen Bar in Spanish Harlem erlebt. Erst Bohnen und Speck, Rührei und furchtbar fettige Würstchen, ein schreckliches englisches Bier drauf, danach der Sieg über Werder und wieder schreckliches englisches Bier drauf, das dann aber merkwürdigerweise besser schmeckte. Unvergessen. Leider die bislang letzte Meisterschaft. Andererseits habe ich seitdem auch kein schreckliches englisches Bier mehr trinken müssen.

ABSTOSS:

Wie war das in New York, eine Sportart zu mögen, die jeder andere um dich herum für langweilig, weich und unamerikanisch hält?

Streck: Man gewöhnt sich dran. Andererseits leben sehr viele fußball-interessierte Europäer in Manhattan. Und also hatten und haben wir unsere Enklaven, zum Beispiel eine auf Fußball spezialisierte Kneipe, das „Nevada Smith`s“, auf der Lower Eastside. Da trifft sich die europäische Gemeinschaft etwa für die Champions League-Spiele. Was die Amerikaner angeht: Irgendwann hörst du auf, den Missionar zu spielen. Es ist zwecklos.

ECKBALL:

Kannst Du Dich noch erinnern, seit wann Du BVB-Fan bist?

Streck: Ziemlich genau. Seit der Saison 1976/77, also dem Wiederaufstieg in die Bundesliga. Das erste Saisonspiel war damals beim HSV, ein flotter 4:3-Sieg. So ging das los.

Was war der bewegendste Moment, den Du als Fan mit dem BVB erlebt hast?

Streck: Eindeutig das Relegationsspiel gegen Fortuna Köln 1986. Als Jürgen Wegmann in letzter Minute mit dem 3:1 den Weg zum dritten Spiel ebnete, das wir im Rheinstadion dann locker mit 8:0 gewannen (die Hälfte der Kölner Mannschaft hatte vor dem dritten Match ein Magen-Darm-Virus auf die Pritsche gefällt, aber egal). Das Spiel im Westfalenstadion hat mich noch mehr gepackt als der Europapokalsieg 1997. Wir waren schon abgestiegen, und dann quält Wegmann den Ball über die Linie. Ich glaube immer noch, dass dieser Nicht-Abstieg der Schlüssel für die Erfolge der 90er Jahre war. Ich mag mir gar nicht ausmalen, was ohne WEGMANN passiert wäre.

Bist Du Vereinsmitglied oder Aktionär bei Borussia?

Streck: Weder noch. Die Umwandlung in die AG habe ich stets für einen Fehler gehalten und das Niebaum/Meier auch nie verziehen. Warum ich kein Mitglied bin? Bin kein Vereinsmensch, nie gewesen. Der einzige Klub, dem ich nach meiner Rückkehr aus den Staaten wieder beigetreten bin, ist der ADAC. Und der hat immerhin die richtigen Vereinsfarben.

EINWURF:

Wie sind die Vereins-Sympathien in der "stern"-Redaktion verteilt?

Streck: Unsere Redaktion sitzt ja in Hamburg. Gibt ergo viele HSV-Fans, aber glücklicherweise noch mehr St. Pauli-Fans in der Redaktion. Ein paar versprengte Schalker schleichen auch gebückt über die Flure, zwei leidenschaftliche Dortmunder haben wir, zwei Gladbacher, ein paar Werder-Anhänger, die unvermeidlichen Bayern natürlich und einen extrem feinen KSC-Anhänger. Ganz gemischt. Aber Sympathie-Tabellenführer wäre eindeutig der FC St. Pauli. Damit kann ich gut leben. Toller Klub mit dem zweitbesten Publikum Deutschlands.

Wie oft in deiner journalistischen Laufbahn hat ein lockeres Gespräch über Fußball schon das Eis gebrochen?

Streck: Kann ich gar nicht zählen. Sehr oft jedenfalls. In den absurdesten Situationen auch in den USA. In Flugzeugen, auf Bahnhöfen, in Hotels. Selbst in Washington. Überall und immer wieder. Der Ball ist ja so unendlich rund.

STEILPASS:

Wenn Du die Wahl hättest zwischen Deiner jetzigen Karriere und einer Karriere als Fußballprofi beim BVB, welche würdest Du wählen?

Streck: Ich würde wieder Journalist werden wollen. Es gibt dann doch ein paar andere Dinge, die wichtiger sind als Fußball. Nur nicht samstags um halb vier.

ELFMETER:

Eine Frage, drei Antworten: Was fasziniert Michael Streck am BVB?

Streck: 1) Die Treue der Fans und das meines Erachtens großartigste Stadion Europas, mit all seinen Winkeln und Ecken. Das ist wundervoll, allerdings: Einmalig wird`s erst und nur durch die Menschen drin.

2) Die Tradition, die Geschichte und die Geschichten, die mir mein Vater schon erzählt hat und die ihm wiederum sein aus Dortmund stammender Vater erzählt hat. Die Anekdoten von Flutlichttrikots (gegen Benfica) und Stadion Rote Erde. Ich kann mir die Bogenlampe 1966 gegen Liverpool heute noch 15 Mal hintereinander ansehen und freue mich jedes Mal. Und damals war ich gerade mal ein Blitz in Abrahams Auge.

3) Der Menschenschlag. Hab`s live und in Farbe selbst in New York erlebt. Da schlendert eine Familie aus Dortmund freitags nachmittags, also Spielzeit Dortmund, über den Broadway, der Mann ruft zu Hause an und brüllt: „Sechs eins gegen Bielefeld!“
Seine Frau reißt die Arme hoch und grölt zur Verblüffung wildfremder amerikanischer Menschen um sie herum: „Endlich mal wat fürs Torverhältnis!“ Das ist Ruhrpott, das ist BVB, das ist Sachverstand. Das gibt`s im Revier sonst nur noch einmal. In Bottrop glaube ich. Oder war das Erkenschwick?

AUFSTELLUNG:

Wer ist zurzeit Dein Lieblingsspieler beim BVB und warum?

Streck: Alex Frei. Technik, Einsatz, Leidenschaft und niemals Klagen. Warum ist der eigentlich Schweizer?

Welchen Spieler würdest Du gerne einmal im Dress des BVB spielen sehen?

Streck: Wir sind zu spät dran: Aber Ivica Olic hätte ich gern beim BVB gesehen. An Ronaldo, Ribéry, Messi & Co. mag ich ja gar nicht denken, weil unrealistisch. Aber Olic hätte wunderbar gepasst. Der nervt, der geht jedem Ball nach, der macht seine Gegenspieler wahnsinnig, weil er selbst aussichtslosesten Bällen hinterher hechelt. Auf diese Weise macht er sie mürbe. Der hätte gut ins Revier gepasst. Ein klasse Typ, der unseligerweise zum komplett falschen Verein wechselt und künftig die Bank in der Arroganz-Arena mürbe sitzen wird.

Sehr amerikanische Frage: Wie sieht deine Allstar Eleven aus? Wer sind deine Alltime BVB MVPs? (Torwart, 4 Verteidiger, 4 Mittelfeldspieler, 2 Stürmer)

Streck: Darf ich etwas variieren? Nur drei in der Abwehr, einer mehr im Sturm? Please!

Tor: Eike Immel (ganz schwere Entscheidung; 0,1 Prozentpunkte vor Stefan Klos, 0,2 Prozentpunkte vor Hans Tilkowski)

Abwehr: Willi Burgsmüller, Matthias Sammer, Jürgen Kohler (okay, hier fehlt einer, macht aber nichts, weil wir sie ja vorne rein machen, oder?)

Mittelfeld: Aki Schmidt, Max Michallek, Manni Burgsmüller, Mirko Votava

Sturm: Lothar Emmerich (Ersatz: Ente Lippens), Stéphane Chapuisat und JÜRGEN WEGMANN. Warum Wegmann? Siehe oben.

ABPFIFF:

Was wünscht du dir für die Zukunft, bezogen auf Borussia Dortmund?

Streck: Vor allem Ruhe. Mehr Weitsicht, weniger Watzke. Klopp machen lassen. Dann wird alles gut. Irgendwann. Bestimmt. Hoffentlich!

Felix, 20.01.2009

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