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Sichere Siege

04.01.2009, 00:09 Uhr von:  Redaktion

Cover sichere SiegeWas wäre, wenn der überraschende Sieg der eigenen Mannschaft gegen ein eigentlich überlegenes Team in Wirklichkeit keine Überraschung war? Was wäre, wenn der siegbringende Elfmeter in der letzten Spielminute in Wahrheit keine Fehlentscheidung des Schiedsrichters war, sondern auf Anweisung geschah? Für uns Fußballfans ein wahres Horrorszenario, das allem, was uns dieser Sport bedeutet, die Grundlage entziehen würde. Und genau darum geht es in dem Buch „Sichere Siege" von Declan Hill. Dieses Buch wirft einen düsteren Blick hinter die Kulissen des Profifußballs und berichtet über manipulierte Spiele, gekaufte Kicker und bestochene Schiedsrichter.

Nein, leichte Lektüre ist das mit Sicherheit nicht, was Hill als Ergebnis jahrelanger Recherche und zahlloser Interviews präsentiert. Ausgangspunkt seines Buches ist der asiatische Raum, der fest in der Hand von Buchmachern und Spielmanipulatoren sein soll. So sollen in der malayischen Profiliga zu Hochzeiten bei ca. 80 % aller Ligaspielen die Ergebnisse bereits im Vorfeld abgesprochen gewesen sein. Der Autor berichtet von einem gewaltigen Netz, in das Spieler, Trainer, Funktionäre, Behörden, Buchmacher und Mafiaorganisationen wie chinesische Triaden eingespannt sind, mit dem Ziel der persönlichen Bereicherung.

In Interviews mit Manipulatoren, Verbindungsleuten (den so genannten „Runners") und Spielern legt Hill anschaulich dar, wie Wettquoten manipuliert werden, welche Voraussetzungen für eine Spielverschiebung gegeben sein müssen und wen man bestechen muss, um eine Manipultion möglichst erfolgreich durchführen zu können. Ein abstoßendes System, in dem Geld, Drohungen bis hin zu Mord und Sex mit Prostituierten eingesetzt werden, um die Ziele zu erreichen.

Bis zu diesem Punkt könnte man sich als europäischer Fußballfan noch zurück lehnen. Was in Asien möglich ist, kann hier nicht passieren. Oder etwa doch? Declan Hill geht noch weiter und behauptet, dass auch der europäische Fußball längst korumpiert ist und Spiele bis hin in die Champions-League und Weltmeisterschaften verkauft worden sind. Als Beweis hierfür führt er längst bekannte Spielmanipulationen von Olympique Marseille zu Beginn der 90er Jahre und in der belgischen Liga am Anfang dieses Jahrtausends an. Natürlich fehlt auch Schiedsrichter Robert Hoyzer und seine Cafe King Connection nicht in der Beweiskette. Auch in Europa erhalten Spieler für ihr „Engagement" für die Buchmacher Geld, Schiedsrichter werden von den Vereinen mit Sex und Sachgeschenken umsorgt und Funktionäre gucken bemüht in die falsche Richtung - wenn sie nicht selbst mitten drin sind und für das Wohl ihres Vereins für die richtigen Ergebnisse sorgen. Abartig, abstoßend und erschütternd, was Declan Hill als Rechercheergebnis präsentiert.

Selbst beim letzten heimeligen Zufluchtsort, dass es sich hierbei entweder um Spiele aus unterklassigen Ligen oder aus der Vergangenheit handelt, setzt Hill nach und spricht von verkauften Spielen bei der WM 2006 und in der Bundesliga. Namentlich nennt er die WM Partie Ghana gegen Italien und aus der Bundesliga ein Spiel zwischen Hannover 96 und Kaiserslautern. Zu diesen Spielen hat der Autor Gespräche mit einem chinesischen Buchmacher geführt, der ihm bereits im Vorfeld den Ausgang des Spiels mit der richtigen Tordifferenz genannt haben will.

Und genau an dieser wohl brisantesten Stellen des Buches weist es eine eklatante Schwäche auf: sie besteht einzig und allein aus der Aussage des Buchmachers und des ghanaischen „Runners". Während bei allen anderen Manipulationsvorwürfen Gerichtsakten und Spieleraussagen angeführt werden können, gibt es bei diesen Partien keine Angaben darüber, wer und in welcher Art und Weise gekauft wurde. Sämtliche interviewten Spieler Ghanas (u.a. Stephen Appiah) bestreiten, Geld für eine Spielverschiebung angenommen zu haben. Fairerweise muss man Declan Hill zugute halten, dass er selbst offen zugibt, dass er hier nur Indizien und keine handfesten Beweise vorlegen kann.

Fazit:
Ein wirklich lesenswertes Buch, dass den Fußball von einer anderen, unromantischen und durch und durch kriminellen Seite zeigt. Es legt dar, wie mit Wetteinsätzen gespielt und dem Fußball sein wohl wichtigstes Element, die Emotionen, genommen wird. Allerdings entwickelt es sich in den wichtigsten Vorwürfen zu einer Glaubensfrage. Dabei ist gerade im Fußball, der von gemachten Fehlern lebt, die Glaubensbandbreite extrem breit. Wer sich voll und ganz auf Hill einlässt, kann hinter jeder vergebenen hundertprozentigen Torchance, hinter jedem vertändelten Ball in der Abwehr, hinter jedem Torwartfehler und jeder falschen Schiedsrichterentscheidung eine Spielmanipulation vermuten. Genau so gut kann man die Vorwürfe des Autors, was die Bundesliga und den internationalen Spitzenfußball angeht, als unbewiesen rundherum ablehnen. Erschwerend kommt für den Fan hinzu, dass beim Lesen unbedingt eine „es darf nicht sein, was nicht sein darf"-Haltung zu vermeiden ist. Wir alle lieben diesen Sport und wollen an die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit unserer Erlebnisse rund um den Fußball und den Vereinen, die wir anfeuern, glauben und so ist die Gefahr groß, in eine kritische Abwehrhaltung zu gehen. Man sucht fast automatisch nach Argumenten, warum Hills Angaben nicht stichhaltig sein können, um den Fußball und sich selbst zu schützen.

Ein schwieriges Buch, das nicht so nebenher zu lesen ist, aber dennoch empfehlenswert. Schon allein die Ausführungen über den asiatischen Fußball sind so erschütternd, dass man sie zumindest als Gefahr für den globalen Fußballsport wahrnehmen sollte.

Declan Hill

Sichere Siege - Fußball und organisiertes Verbrechen, oder wie Spiele manipuliert werden

Kiepenheuer & Witsch, 2008

ISBN: 978-3-462-04067-8

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Sascha, 03.01.2009

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