Eua Senf

Mein Held - ein Borusse

26.12.2009, 09:09 Uhr von:  Gastautor

Der Schock hält weiter an. Am 19.6.2009 ist mein Vater im Alter von nur 57 Jahren nach kurzer Krankheit urplötzlich verstorben. Lange habe ich überlegt, ob ich diesen Text schreiben soll. Nun habe ich mich doch dazu durchgerungen und finde, dass der 100. Geburtstags von Borussia Dortmund würdig dafür ist. Ich denke auch, dass mir das einfach etwas Luft verschafft und glaube, dass mein Papa es auch gutgeheißen hätte.

Ich hatte schon immer eine wunderbare Beziehung zu meinem Vater. Er war im Grunde mein bester Kumpel, auch wenn ich mit ihm nicht am Wochenende um die Häuser gezogen bin. Besonders hat uns die Begeisterung für den Fußball zusammengeschweißt. Erst jetzt, wo er nicht mehr da ist, merke ich, wie sehr er mir in dieser Beziehung fehlt. Plötzlich war der Fußball für mich gänzlich unwichtig. Aber die Faszination darf nicht aufhören. Das hätte er niemals gewollt. Und sie wird auch nicht aufhören.

Die Südtribüne 1993
Die Südtribüne 1993

Alles, was ich über den Fußball weiß, selbst mein eigenes Können am Ball – ich verdanke es ihm. Beruflich habe ich inzwischen auch täglich mit der Welt des Sports zu tun – ohne ihn wäre das sicher anders gewesen. Es ist schwer zu sagen, wann unser inniges Verhältnis begonnen hat. Die früheste Erinnerung ist für mich die, dass mein Vater jeden Samstag vor dem Fernseher saß und die Sportschau geschaut hat. Damals war ich fünf oder sechs Jahre alt und stellte bei jedem Spiel immer die gleiche Frage: „Papa, für wen bist du? Für die Roten oder die Gelben?“ Aus all den dutzenden Fragen zu den sich ständig wechselnden Vereinsfarben stach eine Antwort immer heraus: „Ich bin für die Schwarz-Gelben.“ Das muss unterbewusst dazu geführt haben, dass ich seit mittlerweile 20 Jahren glühender BVB-Fan bin. Ich habe das Bild noch ganz deutlich vor mir, wie mein Vater die Dortmund-Fahne nach dem Pokalsieg 1989 aus unserem Wohnzimmerfenster gehangen hat. Und das in einer Nachbarschaft, wo jeder dem VfB Stuttgart hinterherläuft. Aus diesen beiden Ereignissen schließe ich zumindest immer, warum ich auch Dortmund-Anhänger geworden bin. Das muss der Startschuss gewesen sein.

Ein Jahr nach dem Pokalsieg trat ich dem ortsansässigen Fußballverein bei. Mein Vater hat mich davor schon zu Spielen der F-Jugend mitgenommen und mir gezeigt, was da auf mich zukommen wird. Als ich in die E-Jugend kam, packte auch meinen Vater der Ehrgeiz. Er entschloss sich, zusammen mit einem Bekannten – obwohl Hardcore-Schwabe auch BVB-Fan – unsere Mannschaft zu betreuen. Das Ganze endete erst 2002 nach elf Jahren Trainertätigkeit. Dass wir in dieser Zeit sowohl positiv wie negativ aneinander geraten sind, ist selbstverständlich. Das Dasein als Trainer-Sohn war beschissen und schön zugleich.

Die erste Fahrt nach Dortmund
Die erste Fahrt nach Dortmund

Im April 1993 war es dann soweit: Unser erster Besuch in Dortmund stand an. 4:1 gegen Köln. Zweimal Sammer, Zorc und Chapuisat die Torschützen. Ein überragendes Erlebnis! Ein halbes Jahr später fuhren wir die 450 Kilometer wieder „hoch“. Hallenturnier in Dortmund. Am 40. Geburtstag meiner Mutter - egal. Teddy de Beer unterschrieb auf meinem Trikot. Geil! Ungefähr zu dieser Zeit begannen auch die vielen internationalen Fußball-Abende, die uns zusammen mit Borussia Dortmund durch ganz Europa führten. Da ich meine Eltern bis heute dafür verfluche, dass sie mich beim WM-Finale 1990 ins Bett geschickt haben, und sie mittlerweile wussten, wie wichtig mir das war, durfte ich in meinen jungen Jahren jedes Europacupspiel anschauen. Herrliche Erinnerungen!

1995 dann das erste richtige Highlight. Der BVB spielte am letzten Spieltag gegen den HSV und konnte erstmals nach 32 Jahren Deutscher Meister werden. Wir waren wieder „oben“. Mit Übernachtung. Wollten ja die Meisterfeier nicht verpassen. Vor dem Spiel wurde Flemming Povlsen verabschiedet. Erstmals nach der verpassten Meisterschaft 1992 (Scheiß VfB!) war der Fußball wieder verantwortlich dafür, dass Tränen über mein Gesicht kullerten. Da der BVB relativ schnell eine beruhigende 2:0-Führung herausschoss, konzentrierte man sich um uns herum nur noch darauf, wie sich Bremen in München anstellt. Ich habe noch nie so viele Menschen mit einem Radiostecker im Ohr gesehen. Als das Unglaubliche dann eintrat, brachen alle Dämme. Mein Vater und ich haben uns zuvor wohl noch nie so innig umarmt. An diesem Tag klappte einfach alles: Am Abend holte ich im Hotel am Spielautomaten mit 30 Pfennig Einsatz die 90 Mark heraus, die uns der Hotelaufenthalt kostete. Am nächsten Tag begleiteten wir die Mannschaft auf ihrem Siegeszug durch die Stadt. Es war meinem Vater deutlich anzumerken, dass er, ähnlich wie viele ältere BVB-Fans aus der Stadt, seit ewigen Zeiten auf dieses Ereignis gewartet hat.

Wenn wir nicht gerade in Dortmund waren, verbrachten wir die Bundesliga-Wochenenden zusammen vor dem Videotext. Meistens hatten wir mit der Jugend zuvor ein Spiel, so dass wir immer rechtzeitig zu Hause waren. Unvorstellbar, wie wir damals mitgefiebert haben, obwohl wir ja nichts vom Spielverlauf wussten und deshalb wie blöd alle fünf Sekunden die Seite 251 aktualisiert haben. Das kann man sich heute mit Internet und Live-Ticker gar nicht mehr vorstellen.

Bald kam der 28.5.1997: Wir sind im Champions-League-Finale. Trotz enormer Anstrengungen blieb es uns leider, leider, leider verwehrt, an Karten zu gelangen. Also machten wir uns auf den Weg zu dem eingangs erwähnten Trainerkollegen, dessen drei Kinder natürlich auch alle BVB-Fans waren. So hockten wir zu sechst vor dem Fernseher und sahen, wie das nicht für möglich Gehaltene eintrat. Zum Glück hat keiner gesehen, was nach Schlusspfiff in diesem Wohnzimmer abging. Man würde uns für verrückt erklären. Im Anschluss an die Siegerehrung trank ich mein erstes Glas Champagner.

Mein Vater und ich im Westfalenstadion
Mein Vater und ich im Westfalenstadion
Durch unsere Nähe zu vielen Stuttgart-Fans entstand über die Jahre hinweg zudem eine starke und nicht zu verschweigende VfB-Antipathie. Egal ob Arbeitskollegen, Freunde, Bekannte, Nachbarn – alle waren VfB-Fans. Das ging bei meinem Vater soweit – und es muss ihm verziehen werden – dass er 2007 eher dem S05 als den Schwaben die Meisterschaft gegönnt hätte. Als ich das hörte, kam es zu unserer letzten heftigeren Fußball-Auseinandersetzung. Ich hasse den VfB auch, aber selbst im Hass müssen Prioritäten gesetzt werden.


Mit dem Schicksalsschlag des Todes meines Vaters haben sich auch in meinem Leben einige Prioritäten verschoben. Nach 35 Jahren musste ich das Kicker-Abonnement kündigen, da meine Mutter damit logischerweise nichts mehr anfangen kann. Nach 20 Jahren bin ich im August in meine erste Saison ohne meinen Papa gegangen. Er fehlt mir. Ob mit oder ohne Fußball. Es ist sehr schwer, nun alleine mit dem BVB mitzufiebern. Keine hitzigen Telefonate über den letzten Spieltag mehr. Er weiß nicht mal – und wahrscheinlich ist es auch gut so -, dass wir Alex Frei abgegeben haben.

Als wir in der vergangenen Saison in der letzten Sekunde die Teilnahme an der Europa League verspielt haben, war uns wohl beiden klar, dass nicht sofort zum Telefonhörer gegriffen wird. Zu groß war der Frust. Stattdessen schickte mir mein Vater am Tag darauf eine Email: „Na, hast Du die Enttäuschung schon überwunden? Das war einfach zu wenig von uns. Sich auf jemand anders zu verlassen, ist einfach scheiße!! Als ich aber dann das HSV-Tor gesehen habe, war der Frust noch größer, denn das war ja lächerlich klares Abseits!“

Ja, das war es. Es war sein letztes Pflichtspiel mit dem BVB. Verdammte Scheiße!


geschrieben von Mare

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