Warmlaufen

Von Pseudo-Philosophen und Selbstzufriedenheit

25.10.2008, 16:43 Uhr von:  Redaktion
Von Pseudo-Philosophen und Selbstzufriedenheit
Hertha in Dortmund

"Berlin, Du bist so wunderbar, Berlin...". Im nostalgisch blechernen Nöhl-Singsang der 20er Jahre huldigt der Berliner Musiker Robert Philip seiner Heimatstadt. Aber ist Berlin tatsächlich so wunderbar? Eigentlich schon. Wenn da nur nicht dieser Fußballverein wäre.

Klar, das Pokalfinale war toll. Trotz Niederlage. Das haben wir im April alle live erlebt. Die Stimmung, die wir produzierten, suchte seines Gleichen. Wir gaben bundesweit ein stimmiges Bild ab. Highlight war das 1:1 Sekunden vor dem Schlusspfiff. Aber auch ohne BVB-Bezug hat Berlin einiges zu bieten. Kulturell wie geschichtlich, medial wie städtebaulich. Reichstag, Brandenburger Tor, x Fernsehsender, Villengegenden in Charlottenburg, der Berliner Zoo, usw…… Auf der anderen Seite gibt es da aber noch die Hertha.

Hertha in Dortmund
Hertha in Dortmund

Es ist erst wenige Wochen her, da betrat ein sichtlich schmollender und fassungsloser Hertha-Trainer Lucien Favre den Presseraum des BVB und gab sein Statement zur DFB-Pokal-Niederlage in Dortmund ab. Es sei eine unverdiente Niederlage gewesen, deswegen sei sie so enttäuschend. Diese Meinung hatte der Schweizer allerdings weltexklusiv. Die Journalisten guckten sich fragend an. Jürgen Klopp war Trainer, Fachmann, Gentleman und Mensch genug, um Favres Aussage nicht zu kommentieren und anzugreifen. Im Gefühl des Sieges sagte er nur, dass er sehr zufrieden mit der Mannschaftsleistung gewesen sein. Da die Journalisten keine Fragen mehr hatten, verabschiedete sich Favre schnell. Mit gesenktem Kopf schlich er zum Fahrstuhl. Hinter ihm her, genauso schweigsam, aber mit eher peinlich berührtem Gesichtsausdruck, Manager Dieter Hoeneß. Im Lift herrschte eisige Kälte und Ruhe. Die Hertha-Verantwortlichen blickten zu Boden, Favre fragte sich wohl die ganze Zeit, wie das passieren konnte. Hoeneß dachte wohl eher darüber nach, wie viel Kohle dem klammen Verein nun durch die Lappen geht. Jeder, der im Fahrstuhl mitfuhr, war ebenso ruhig. Dortmunder haben genug Anstand, nicht vor den Gedemütigten zu feiern. Schade eigentlich, ich hätte mitgefeiert.

Lucien Favre und Dieter Hoeneß
Lucien Favre und Dieter Hoeneß

Aber Lucien Favre verstand die Welt nicht mehr. Da hat seine so starke Hertha doch tatsächlich gegen diese Dortmunder verloren. Und der notorisch schlecht gelaunte Coach verdeutlichte damit das Grundproblem, dass den Verein seit Jahren daran hindert, die selbst gesteckten hohen Ziele zu erreichen. Maßlose Überschätzung gepaart mit kompletter Kritikresistenz. Der Hauptstadtverein müsse in der Champions League spielen, hörte man schon oft von Hoeneß oder anderen Hertha-Verantwortlichen. Und die Entscheidungsebene der Bundespolitik scheint genauso zu ticken. Staatlich finanzierter Stadionausbau und Förderung durch ein bekanntes Bahnunternehmen als Trikotsponsor. Mehr können Merkel, Müntefering und Co. nun wirklich nicht tun. Der Verein dankt es seinen Gönnern alljährlich mit markigen Sprüchen – und miesen Performances.

Nachdem sich nicht nur das Transfer- sondern auch das Trainerkarussel in Berlin die letzten Jahre wie wild drehte, meint Hoeneß nun mit dem Schweizer Lucien Favre den Richtigen gefunden zu haben. Doch der Mann aus dem Land der Skifahrer fällt eigentlich meistens dadurch auf, dass er mit pseudo-philosophischer Arroganz meint, den Menschen hierzulande das Spiel Fußball erklären zu müssen. Dazu machte er wenige Tage nach seinem Amtsantritt erstmal den aktuellen Hertha-Kader nieder und sprach ihm die Tauglichkeit ab. So was hört man als Spieler natürlich gerne von seinem Trainer. Favres Plan: Er verpflichtete Spieler aus seinem Heimatland Schweiz und meinte tatsächlich, damit die Champions League erreichen zu können. Dabei ist doch spätestens seit dem 1:2 der Nati gegen Luxemburg klar, dass außer Tranquillo Barnetta und unserem Alex kein Schweizer Feldspieler, der aktuell in der Bundesliga kickt, höheren Ansprüchen genügt. Dazu bewies Favre jüngst schlechtes Benehmen und desolate Umgangsformen. Nach dem 1:1-Ausgleichstreffer im UEFA-Pokal gegen Benfica Lissabon packte der Schweizer sein selbstzufriedenstes Lachen aus - und rotzte erstmal auf die Tartanbahn. Wer mit Anzug am Spielfeldrand steht und damit High Society heucheln möchte, der sollte sich auch entsprechend benehmen können. Favre kann das offensichtlich nicht.

Hertha in Dortmund
Hertha in Dortmund
Momentan läuft es bei Hertha. Und die Verantwortlichen verschließen in ihrer Selbstgefälligkeit die Augen davor, wie diese Punkteausbeute zustande kam. Die letzten beiden Spiele gewannen die Berliner. Nur am Ende wusste keiner, warum. In Leverkusen wurden sie 89 Minuten an die Wand gespielt, der Gastgeber vergaß aber das Toreschießen. Dann murmelte ein Berliner den Ball ins Tor. Letztes Wochenende wurden sie von den Stuttgarten vorgeführt, aber auch die ließen beste Chancen aus. Zwei Minuten vor Schluss drückte ein Berliner den Ball über die Linie und schon wieder waren drei Punkte im Sack. Wer Lucien Favre hinterher gesehen hat, der sah deutlich die Mischung aus Schadenfreude und Selbstzufriedenheit in dem diabolischen Grinsen. Vor allem, weil dieser ermogelte Sieg ohne den ausgewiesenen Klassestürmer Marko Pantelic zustande kam. Favre hatte den Serben auf die Tribüne verbannt, nur weil der von Katja Burkhards Gelaber bei Punkt 12 eingepennt war und die Nachmittagseinheit verschlafen hatte.


So wie in Leverkusen und gegen Stuttgart kann Fußball laufen, darf es aber eigentlich nicht. Am Sonntag muss Schluss sein mit den Berliner Glückssiegen. Wir haben doch im DFB-Pokal gesehen, dass schon eine mittelmäßige Leistung ausreicht, um die Hauptsädter in arge Nöte zu bringen. Und wenn wir mit der gleichen Einstellung wie gegen Werder Bremen ins Rennen gehen, dann brauchen wir uns eigentlich keine Sorgen zu machen. Berlin, Du bist so wunderbar? Am Sonntag gegen 18.50 Uhr ist Feierabend mit der Hertha-Herrlichkeit.

geschrieben von DvB

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