Unsa Senf

Dortmunder Defensivmysterium

25.02.2008, 20:40 Uhr von:  Redaktion

woerns und amedickWir schreiben den 19. Spieltag der Saison 2006/2007. Borussia Dortmund ist Tabellenachter mit einer ausgeglichenen Tordifferenz. Magere 24 Tore geschossen, aber auch nur 24 kassiert. In puncto Abwehrarbeit sind nur 6 Mannschaften besser und selbst der spätere Meister VfB Stuttgart, musste zu diesem Zeitpunkt den Ball schon einmal mehr aus dem eigenen Netz holen. Die große Schwäche des BVB war schnell ausgemacht: die Offensive. Zu schwerfällig, zu viele Chancen ungenutzt und allein der Schweizer "Lebensversicherung" Alex Frei war es zu verdanken, dass man in der Kategorie Toreschiessen immerhin noch besser war als vier andere Mannschaften. Die Abwehr dagegen lag ligaweit auf einem ordentlichen siebten Platz.

Zeitsprung in die Saison 2007/2008. Viel hat sich seitdem getan. Mit Mladen Petric, Giovanni Federico und Diego Klimowicz wurden Offensivkräfte verpflichtet und trotz der Langzeitverletzung von Alexander Frei hat man sieben Tore mehr geschossen, als zum vergleichbaren Zeitpunkt der letzten Saison. 31 Tore hat man erzielt und damit z.B. nur drei Tore weniger auf der Habenseite, als Branchenprimus Bayern München mit dem angepriesenen Traumsturm Luca Toni und Miroslav Klose. Alles in Butter und die sportliche Führung hat einen glänzenden Job gemacht - könnte man zumindest meinen.

Die Abwehr hat in dieser Zeit nämlich einen Qualitätsknick sondergleichen zu verzeichnen. Miserable 36 Gegentore stehen zu Buche und allein Werder Bremen ist es zu verdanken, dass man die Schießbude der Liga, Arminia Bielefeld, in dieser Wertung noch hinter sich lassen kann. Aus dem Stegreif kann der BVB-Fan schon kaum noch aufzählen, wie oft man den Platz mit drei oder gar vier kassierten Gegentore verlassen musste. Dabei verstärkt ein genaueres Hinsehen das Kopfschütteln beim oft fassungslosen Publikum noch um ein vielfaches. So hat man es geschafft Werder Bremen, die mit 44 Toren den mit Abstand stärksten Angriffswirbel der Liga stellen, zwei Mal zu schlagen und dabei ein fantastisches Torverhältnis von 5:1 eingefahren. Demgegenüber stehen eine Niederlage und ein Unentschieden gegen Schlusslicht Duisburg. 4:6 lautet das katastrophale Ergebnis in Summe. Damit hat der Tabellenletzte ganz genau 1/3 aller Tore gegen uns erzielt. Gegen die Blauen sind gar zwei Niederlagen und 7 Gegentore zu verzeichnen - und das, obwohl mit Nutella-Kevin am Wochenende der einzig brauchbare Stürmer der Blauen gar nicht auf dem Platz stand.

dedeSoweit die nackten Zahlen, die den Borussen den Angstschweiß auf die Stirne treiben. Aber wie kann es passieren, dass eine recht stabile Abwehr innerhalb eines Jahres zu einem orientierungslosen Hühnerhaufen mutiert? Wer jetzt die ultimative und alles erhellende Masterantwort erwartet, hört jetzt besser auf zu lesen, es gibt sie schlichtweg nicht. Ein Mix aus taktischer Blindheit, Formschwäche und katastrophalen individuellen Fehlern, macht aus jedem gegnerischen Angriff eine schwatzgelbe Zitterpartie.

Die Abstimmung in der Abwehr, an der angeblich in der Winterpause intensivst gearbeitet wurde, ist absolut nicht vorhanden. Ein Paradebeispiel dafür zwei identische Szenen gegen Duisburg und GE, die beinahe zu Gegentoren geführt hätten. Standardsituationen, eine simpel zu trainierende Situation, von der rechten Abwehrseite auf den langen Pfosten geschlagen. Beide Male steht ein gegnerischer Abwehrspieler (Lamey und Westermann) völlig allein gelassen bereit und köpft zum Glück gegen das Außennetz. Ein simpler Bauerntrick und unsere Jungs fallen in zwei aufeinander folgenden Spielen darauf herein. Wer sich so ungeschickt (der Ruhrpöttler würde es direkter als behämmert bezeichnen) verhält, bettelt förmlich um Gegentore.

Noch gravierender allerdings die fast unzähligen individuellen Aussetzer. Angefangen auf der Torwartposition. Der mittlerweile langzeitverletzte Roman Weidenfeller spielte seine mit Abstand schlechteste Saison im schwatzgelben Dress. Zu den bekannten Schwächen Strafraumbeherrschung und Spieleröffnung gesellten sich unerklärliche Patzer auf der Linie. Gerade von ihm war man gewohnt, dass er die gegnerischen Stürmer mit Glanzparaden und schnellen Reflexen auf der Linie zur Verzweiflung treibt. Die Verletzung war dann die Chance von der neu verpflichteten Nummer zwei, Marc Ziegler. Nach einer guten Vertretung während Weides Sperre und der Abwehr des zweiten Elfmeters im Pokalspiel gegen Bremen für viele schon ein ernsthafter Konkurrent der etatmäßigen Nummer 1, reihte er sich nahtlos ein in die schwachen Vorstellungen seiner Abwehrkollegen.

Ein dicker Patzer beim Wegfausten einer Ecke zum 0:1 gegen Duisburg und ein unnötiges und zu langsames Herauslaufen gegen Asamoah im Derby zum 0:1 waren dabei nur die Spitze des Eisberges. Das Nervenkostüm von Ziegler schien innerhalb von zwei Spielen so stark angegriffen, dass sogar ein leichter Kopfball in die Mitte des Tores ernsthafte Gefahr herauf beschwor. Ein Grund könnte sowohl bei Weidenfeller als auch bei Ziegler sein, dass sie vielleicht von einer Verletzung gehandicapt gegentorin die Spiele gingen. Sollte es so sein, stellt sich dringend die Frage, wozu man im Trainerstab eigentlich gleich drei ehemalige Keeper beschäftigt, die auf Anhieb sehen müssten, ob ihr Schützling von einer Verletzung behindert wird oder voll einsatzbereit ist. Überhaupt wirft der rapide Leistungsabfall auf der Torwartposition nicht gerade ein gutes Licht auf das Kompetenzteam rund um Co-Trainer Zumdick.

Fast noch dramatischer und kopfloser sieht es im Herzen der Abwehr, der Innenverteidigung aus. Was dort an Slapstickeinlagen, falschem Stellungsspiel, anfängerhaften Ballverlusten und mangelhaftem Zweikampfverhalten die Saison über geboten wurde, geht nicht einmal auf die Haut der weltgrößten Kuh.

Von der seit langer Zeit bekannten Schwäche im Spielaufbau wollen wir erst gar nicht sprechen. Und spätestens hier enden auch kümmerliche Erklärungsversuche und werden zur deprimierenden Bestandsaufnahme. Liegt es etwa an der falschen Zusammenstellung der Innenverteidigung? Hier bekamen bereits die Pärchen Wörns/Kovac, Wörns/Brzenska, Kovac/Brzenska, Kovac/Amedick und Wörns/ Amedick ihre Chance und schafften es allesamt nicht, restlos zu überzeugen. Dabei schien zwischenzeitlich mit Kovac und Amedick ein zumindest einigermaßen funktionierendes Paar gefunden worden zu sein, dass aber auch spätestens im Derby völlig auseinander brach. Letzter Rettungsring bleibt hier noch der neu verpflichtete Mats Hummels - eine Leihgabe der Amateure von Bayern München.

Liegt es vielleicht an einer völlig falschen Transferpolitik? Als Abgang in der Innenverteidigung ist einzig und allein Christoph Metzelder zu verzeichnen. Der durfte zwar zu Real Madrid wechseln, war während der letzten Saison jedoch weitestgehend verletzungsbedingt nicht dabei und spielte nach seinem Comeback in der Innenverteidigung so wenig königlich, dass er von Doll auf die Position des Rechtsaußen verschoben wurde. Ansonsten blieben mit Wörns, Brzenska und Amedick genau die Spieler erhalten, die sich in der Vorsaison noch recht achtbar aus der Affäre ziehen konnten. Bliebe noch als Neuzugang "Rozhenalersatz" Kovac. Zwar rotierte er nach einem katastrophalen Start in die Saison schnell wieder hinaus auf die Ersatzbank, nutzte seine zweite Chance aber und etablierte sich später noch als stärkster Innenverteidiger (was momentan bei Borussia Dortmund allerdings auch nicht viel heißt). Die Hauptschuld bei ihm zu suchen, ist demzufolge ebenso falsch wie unfair - auch wenn sich viele am Sonntag fragten, warum er dem zum Führungstreffer für GE über die Linie kullerndem Ball gemächlich hinterher joggte, statt die klärende Grätsche zumindest zu versuchen.

Oder liegt es daran, dass ihnen allesamt die individuelle Klasse fehlt? Sicherlich ist das kein Abwehrverbund aus der Feinkostabteilung und wird es auch nie werden. Dafür sorgt schon allein die allen gemeinsame Schwäche in der Spieleröffnung, mittlerweile ein Muss für den modernen Abwehrspieler. Aber letztendlich kann das momentan gebotene Bild nicht ernsthaft den Leistungsstand widerspiegeln - ansonsten hätte es wahrscheinlich kein einziger der angesprochenen über die Landesliga hinaus gebracht.

Zur kleinen Ehrenrettung der Verteidiger sei noch erwähnt, dass es ihnen ihre Mitspieler im defensiven Mittelfeld auch nicht leicht machen und den Gegner häufiger durch völlig unnötige und unkonzentrierte Ballverluste erst in die Gelegenheit für einen Angriff bringen. Aber dennoch sollte das unfallfreie Herausschlagen des Balles aus dem eigenen Strafraum einen Bundesligaprofi nicht vor größere Probleme stellen.

dede und kovacWas bleibt, ist Ratlosigkeit. Die eine Stellschraube, mit der man alle Probleme auf einen Schlag löst, gibt es nicht. Die Verunsicherung bei den Kickern ist da und mittlerweile kann man weiche Knie, wenn der Ball droht in die eigene Reichweite zu kommen, wohl nicht wegdiskutieren. Jeder kennt das Gefühl, wenn man nach einer Kette eigener Fehler versucht, unter Beobachtung zwanghaft alles richtig zu machen. Eine Situation übrigens, für die man eigentlich den von Doll geforderten und verteidigten Mentaltrainer Lohr ins Boot geholt hat. Was vormals helfen muss, ist Konzentration. Konzentration beim Stellungsspiel, Konzentration beim Abspiel und Konzentration im Zweikampf. Und notfalls schlägt man den Ball eben weit nach vorne, statt sich auf Spielchen mit Gegenspielern einzulassen, die man in der momentanen Situation nur verlieren kann.

Jetzt stehen erstmal zwei schwere und extrem wichtige Spiele gegen Cottbus und Rostock an, die möglichst gewonnen werden müssen, will man nicht wirklich mitten in den Abstiegskampf rutschen. Wollen wir hoffen, dass für diese beiden Spiele nicht schon wieder gilt, dass man vorne nicht so viel Tore schießen kann, wie man hinten reinbekommt.

Sascha - 13.02.2008

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