Eua Senf

Von Rom über Berlin nach Berlin - Un testo su un viaggio al mio sogno

01.05.2008, 00:00 Uhr von:  Gastautor

Wir schreiben den 4. August 2007. Es ist heiß, sehr heiß. Für meinen Bruder der durch die brütenden Hitze Kreislaufprobleme hat anscheinend zu heiß. So befinde ich mich alleine in Rom. In der Stadt, die mich wie kaum eine andere in den letzten Jahren mit ihrer ganz eigenen Magie elektrisiert und in ihren Bann gezogen hat. Ich sitze auf der spanischen Treppe. Genau auf der wunderschönen Empore die 14 Jahre zuvor tausende Anhänger meiner Borussia schwatzgelb färbten, als sie sich auf das kommende Viertelfinale des UEFA Cups gegen den übermächtigen AS Rom einstimmten.

In Kindheitserinnerungen schwelgend (bei diesem Spiel saß ich als 9 jähriger vor dem Fernseher) und von dem traumhaften Ausblick über die italienische Hauptstadt fasziniert, halte ich jedoch die komplette Zeit meine rechte Hand in der Hosentasche an meinem Handy, das jederzeit vibrieren könnte. Es ist nämlich die 1. Runde des DFB Pokals und meine Schwarzgelben spielen nicht in Rom um Ruhm und Ehre sondern um den Einzug in die kommende Runde gegen den SC Magdeburg. Es steht 2:1 für uns. Nach einer frühen Führung haben wir mal wieder kurz vor der Halbzeit den Anschlußtreffer kassiert und wir spielen angeblich schlecht. Das berichten mir auf jeden Fall meine Kumpels aus der deutschen Heimat.

Ich stehe auf, gehe am guttuhenden, wasserspendenden Brunnen am Fuße der spanischen Treppe vorbei in die linke Richtung, wo es dank einer großen Statue sehr verlockend aussieht. Wunderschöne römische Gässchen laß ich zu meiner Rechten liegen. Meine Gedanken sind gerade ganz woanders. In Magdeburg?! Irgendwie schon. Vielmehr jedoch in Berlin. BERLIN!!! Es ist die Stadt, die für jeden BVB Fan ein inniger Begriff ist. Die Stadt wo 1989 ein neues Kapitel der Vereinsgeschichte begonnen wurde. Mit einem Spiel, mit einem Ereignis, von dem diejenigen die es damals hautnah erleben durften heute noch schwärmen. Vom Pokalfinale!!! In der Öffentlichkeit hatte dieser Pokalwettbewerb Anfang des neuen Jahrtausends leider an Wert verloren, für mich jedoch nie. Wie neidisch saß ich jahrelang vor dem Fernseher als dieses Finale ausgetragen wurde, wie oft hoffte ich auch einmal meinen Verein in dieses Finale begleiten zu dürfen? Hunderte male? Ach, tausende male. Jedes Jahr wieder hatte ich neue Hoffnungen einmal in dieses Finale einzuziehen und jedes Jahr meines Fußballlebens wurde diese mit aller Härte zerschlagen. Nun sollte es also Magdeburg sein, die mir wahrscheinlich einmal mehr zeigen sollten wie schnell die Luftblase mit der Innschrift "Pokalfinale Berlin" zerplatzen kann.

Ich denke nach wie wir wohl taktisch spielen, ob es gerade ine Chance gibt, wie das Stadion wohl schwatzgelb dort aussieht ohne jedoch gleichzeitig die Bilder von 1989 und von anderen Pokalfinalen im Kopf zu vergessen. Dieser traumhafte Sonnenschein, diese einzigartige Stimmung, die man selbst als neutraler TV Zuschauer vom Sofa aus spürt, dieses einzigartige Erlebnis Berlin!!!

Genau in diese Gedanken vibriert mein Handy hinein.

Was für eine wirre Konstellation. Ich stehe zwischen alten Bauten, ca. 50 Meter von einem der schönsten Ecken Roms entfernt, beeindruckt von den aktuellen realen Bildern nd den Wunschvorstellungen in meinem immaginären Auge wird mir nun schlagartig bewusst, dass jetzt gerade ein ganz wichtiger Augenblick in Richtung "Traum" passiert sein könnte. Zitternd nhme ich langsam das Mobiltelefon aus der Hosentasche, atm tief durch und gucke drauf. "Bitte lass es nicht der Ausgleich sein." Das Display zeigt ein fettes 3:1 an. Ich stoße einen lauten Erleichterungsschrei in den römischen Nachmittagshimmel. Mein Puls war kurz zuvor auf gefühlte 200 angestiegen und hatte wieder schlimmste Befürchtungen in mir ausgelöst. Gott sei Dank die Vorentscheidung. Das das Spiel nachher sogar noch unverdienterweise 4:1 ausging ist Statistik und kaum erwähnenswert.

So überstand der BVB die 1. Runde und ich kann ohne auch nur ein bisschen zu lügen sagen, dass seit Rom der Traum vom Pokalfinale wieder in neue Dimensionen anstieg. Dieser Eindruck verstärkte sich noch um ein weiteres am 22. September des gleichen Jahres.

Ich besuchte das Bundesliga Auswärtsspiel meiner Borussia in Berlin und es war Pokalfinalwetter, was heißen soll: Strahlender Sonnenschein, mitte 20 Grad und blauer Himmel ohne Wolken. Einfach perfekt! Ich ging alleine Richtung Stadion und als ich das Stadion betrat lief es mir eiskalt den Rücken runter. Der Anblick war wunderschön. Zwar hatte ich das Stadion schon vorher gesehen und betreten, doch diesmal stand ich direkt neben dem Marathontor und hatte quasi das ganze Stadion "vor mir".

Ich war einer der Ersten im Areal und konnte so den traumhaften Anblick fast alleine genießen, wie die Sonne durch das perfekt neu konstruierte Dach schimmerte. Dazu noch das geschichtsträchtige Marathontor von 1936, ein Bild für die Götter.

Lassen wir das Thema "Stimmung" einmal außen vor, gibt es kaum ein Stadion dieser Größe was bei Sonne derart schön aussieht. Nicht gigantisch, nicht überdimensional, einfach nur die Komponenten altes historisches und notwendig modernes perfekt aufeinander abgestimmt. Ähnlich wie der Reichstag ein paar Kilometer weiter, nur diesmal wars halt ein Stadion. Selten das mich ein Ort des Fußballs auch in dieser Hinsicht beeindruckt.

Nach einiger Zeit verließ ich meinen Platz um mehr den Weg nach unten Richtung Tartanbahn und damit mehr in den Mittelpunkt des Blocks zu suchen. Ich stellte mich neben ein bekanntes Gesicht und fing wieder an vom Pokalfinale zu träumen. Hier, genau hier fände es ja schließlich in 7 Monaten statt. OK, das Datum war mir ein Dorn im Auge, da der Tag der 19. April sein würde und es unwahrscheinlich sei, dass gleiches Topwetter auch an diesem Tag herrscht aber träumen durfte man ja und so entwickelte sich ein Gespräch mit meinem "Nachbarn" über dieses Finale. Da mein Nebenmann längst nicht so lange an diesem Verein hing wie ich weiß ich nicht ob er meine Gedanken so verstand wie ich sie meinte aber aufs Finale schien auch er Lust zu haben.

Was wäre das der Wahnsinn in knapp einem halben Jahr an möglicherweise gleicher Stelle wieder zustehen und genau an diesen Moment zu denken...

Nun ist es knappe 7 Monate später...

Wir haben das lang ersehnte, vielfach von mir erträumte Finale erreicht. Ich werde Luftlinie 20 Meter entfernt von genau derselben Stelle meiner damaligen Gedanken stehen und wahrscheinlich lächelnd zu der Erkenntnis kommen, dass tausende Leute dieses Spiel verdient haben. Wahrscheinlich wie viele andere habe ich mich jahrelang immer an trostlosen herbst- und winterlichen, stundenlangen Rückfahrten von Borussia-Spielen getröstet, dass es sich irgendwann einmal ausgleicht. Das das Geld, die unzähligen Kilometer, die Nerven und die schlechte Laune nicht umsonst waren. Das der liebe Gott mir irgendwann diesen Moment gibt an dem ich merke, das sich der ganze Aufwand gelohnt hat.

Noch vor 3 Jahren war die Vorstellung eines Pokalfinales so weit weg wie eine jetzige Beziehung mit meiner ex-Freundin.

Mein Verein lag bekannterweise derart am Boden, dass ich blind einen Zwangsabstieg in die 2. oder 3. Liga unterschrieben hätte. Die Sorgen ums "blanke existieren" waren derart groß, dass die Ligazugehörigkeit bei mir völlig in den Hintergrund gerückt war. "Bestehen bleiben" war mein einziger Wunsch an diesem Montag, den 14. März 2005 wo ich ohne Übertreibung merkte, wie sich pure Angst anfühlen kann. Für einen Außenstehenden kaum nachzuvollziehen, für mich wäre ein anderer Ausgang dieses geschichtsträchtigen Tages des Vereins jedoch nur schwer verkraftbar gewesen.

Aber so scheinen sich Geschichten zu wiederholen. Auch 3 Jahre vor dem letzten Pokalerfolg 1989 hatte der BVB ebenfalls schon die "Auferstehung von den Toten" hinter sich. Die Wegmann 1986 Geschichte gegen Fortuna Köln muß ich hier glaube ich kaum erzählen. Auch in diesem Fall wäre der Verein mit einem Male mit voller Wucht frontal an die Wand gefahren. So kam der Pokalsieg und eine neue Zeitgeschichte des Ballspielvereins wurde durch ihn eingeläutet.

Es wäre vermessen zu sagen, dass ein Pokalsieg diesmal ähnliche Auswirkungen hätte, aber ist es nicht einfach beeindruckend wie sich die Welt doch in 3 Jahren ändern kann?

Ich bin nun 24, stehe im Berufsleben, werde vielleicht in ein paar Jahren (eher später als früh) Frau und Kinder haben und mir den Luxus "Borussia am Wochenende" kaum mehr immer leisten können.

Seit genau 10 Jahren begleite ich den BVB nun aktiv auf seinen Reisen durch die Lande. Was ich deutlich spüre ist, dass das irgendwann aus angesprochenen Gründen nicht mehr so der Fall sein wird. Dann haben andere Dinge eventuell auch Priorität, wobei ich ständig hoffe, dass der Fußball "mein Fußball" bleibt. Ich merke immer mehr wie sehr sich der Fußball von mir entfremdet. Von meiner Art wie ich ihn kennen und lieben gelernt habe.

Ich sprach zu Beginn von einem UEFA Cup Spiel Anfang der 90er Jahre. Jeder Borusse, jeder innige Fan kennt diese Spiele wo man sich Wochen vorher schon drauf freut. Durch die bekannten und oftmals von mir kritisierten Gründe ist dies heute bei weitem nicht mehr der Fall.

Noch 100 weitere Beispiele könnte ich zu dem Thema aufzählen...

So werde ich am 19. April wahrscheinlich den Höhepunkt meines aktiven Fandaseins erleben dürfen. Es wird womöglich das Letzte dieser Art für mich persönlich werden, wer weiß?!

Mit hoffentlich viel Sonne im Gesicht im ausverkauften Olympiastadion, einem kurzarm T-Shirt an und einem kalten Bierchen in der Hand werde ich die letzten Jahre Revue passieren lassen, werde dem Herrgott danken, dass ich den Sinn der ganzen BVB Fahrten erfahren durfte, der so vielen anderen Gleichgesinnten verwehrt bleibt und werde mich drauf freuen irgendwann mal mit meiner Frau in Rom in dieser kleinen Seitenstraße nahe der spanischen Treppe spazieren zu gehen, wo an irgendeinem unwichtigen Samstag mal ein Handy klingelte und der Anfang eines Traumes begann...

geschrieben von Stefan Litzba

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