Eua Senf

Erwartungen neu kalibrieren!

19.06.2008, 19:09 Uhr von:  Gastautor
Erwartungen neu kalibrieren!

Ich bin bereits seit 14 Jahren Fan von Borussia Dortmund - "bereits", weil ich erst 28 Jahre alt bin. Somit habe ich zwar den Großteil der Geschichte unseres Vereines verpasst, habe aber auf der anderen Seite auch große Momente miterleben dürfen. Die Jahre danach machten mal mehr, mal weniger Spaß - gelehrt aus den Anfängen meines Fan-Daseins, war mir nicht bewusst, dass man gegen die ungeliebten blauen Nachbarn auch verlieren kann. Dies sollte ich in den kommenden Jahren jedoch schmerzlich erfahren müssen.

Trainer kamen und gingen in dieser Zeit. Manche hinterließen überraschend einen bleibenden Eindruck (van Marwijk, Sammer), bei anderen war einem schon von Anfang an Angst und Bange (Krauss, Röber). Die Hoffnung hingegen auf schönen, attraktiven und erfolgreichen Fussball unter dem neuen Übungsleiter war bei jeder Trainerverpflichtung vorhanden. Zuletzt musste also Thomas Doll seinen Stuhl räumen, der zum Amtsantritt in Dortmund ein absoluter Sympathieträger gewesen ist. Was konnte schon schief gehen, wenn selbst der Geschäftsführer unserer Borussia beim Anblick der dollschen Trainingseinheiten ins "schwärmen" geriet? Eine ganze Menge, wie sich später herausstellen sollte.

Als erstmals die schon beim HSV bemühten Phrasen von Thomas Doll in die Medienlandschaft gerufen wurden ("Wir müssen aufstehen!", "Ich weiß auf wen ich mich verlassen kann!" etc.), zeichnete sich bereits ab, dass dies keine Liebe auf Dauer wird, was grundsätzlich schade ist, denn menschlich hätte ich persönlich dem Thomas Doll durchaus den Erfolg gegönnt, der ihm verwehrt blieb.

Bald ist er da
Bald ist er da

Fragt sich, woran der Mann gescheitert ist. An seinem taktischen Verständnis für Fussball? Vielleicht. An den Erwartungshaltungen im Dortmunder Umfeld inkl. der Fans? Mit Sicherheit! Die Frage ist doch, ob ein anderer Trainer (Kloppo?) das einzige Ziel erreicht hätte, bei welchem kein Unmut aufgekomen wäre - ein (mind.) souverän herausgespielter fünfter Platz der abgelaufenen Bundesligasaion. Ich denke nicht.

Daher nun zum eigentlichen Thema "Jürgen Klopp" und mein persönlicher Wunsch an alle Fans von unserer Borussia:

Ich habe mir das letzte Saisonspiel des selbsternannten Karnevalsvereins angesehen und hoffte insgeheim, dass Mainz den Aufstieg nicht packen würde. Dies war gar nicht so leicht, hätte ich doch theoretisch lieber diesen Symphatischen Club in der Bundesliga gesehen, als den kleinen Geldspeicher-bauenden Vorort in Baden-Württemberg. Doch der Wunsch nach Jürgen Klopp in Schwarz Gelb war größer und entsprechend groß damit die Freude bei seiner Vorstellung.

Die ersten Auftritte als Dortmunder Übungsleiter auf der Pressekonferenz, oder auch am letzten Samstag im Sportstudio waren unglaublich symphatisch und souverän. Man merkt diesem Mann einfach an, dass er erstens weiß wovon er spricht und dass er zweitens ein Meister in der Außendarstellung seines Vereines ist. Und mal ehrlich: Kennt einer von euch einen Trainer, der derart verabschiedet wurde von Verein und Fans, obwohl das Saisonziel (mal wieder) verfehlt wurde?

Diese Szenen wünscht man sich wieder für die neue Saison
Diese Szenen wünscht man sich wieder für die neue Saison

Jetzt heißt es beten... beten dafür, dass der Verein und insbesondere wir Fans diesen Mann in Ruhe arbeiten lassen. Die Aussage von Kloppo bezüglich der Schrittlänge auf dem Weg nach oben kam nicht von Ungefähr. Der Mann ist sich einfach darüber bewusst, was die meisten Fans wahrscheinlich nicht wahrhaben wollen: Es wird auch nächstes Jahr eher nicht um den direkten Einzug in den Uefa Cup gehen. Es gibt in Deutschland nun einmal aktuell mehr als fünf Mannschaften, die stärker einzuschätzen sind als wir, weil sie über Jahre gewachsen sind und die von uns so oft geforderte Konstanz bereits "erlernt" haben.

Was ich damit sagen möchte: Es wäre wünschenswert, wenn keiner im Umfeld von Borussia Dortmund nach der kommenden Saison auf die Idee kommt, den Trainer auszuwechseln, weil wir beispielsweise "nur" siebter geworden sind. Und "siebter werden" bedeutet im übrigen (für manche eventuell überraschend) dass man nicht alle Spiele in der kommenden Saison gewinnen wird.

Ich finde es inzwischen fast beschämend, wie einige Fans nach Niederlagen in Internetforen den Untergang unseres Vereines prognostizieren, und bei Siegen die Champions League anvisieren.

Ich bin der festen Überzeugung, dass wir nun den richtigen Mann am richtigen Ort haben um uns langfristig wieder oben ranzukämpfen. Aber wir sollten uns darüber bewusst sein, dass auch ein Kloppo keine Wunder vollbringen wird.

Lassen wir ihn in Ruhe arbeiten und schauen in drei oder vier Jahren einmal wo wir stehen, bevor wir weiter munter am Rad des Teufelskreises drehen und den nächsten Röber oder Krauss begrüßen dürfen... Denn das liegt zum Teil auch in unserer Hand und sollte bedacht werden, bevor das nächste Mal auf der Süd die Zunge zum (aus)pfeifen gespitzt wird. Bitte!

geschrieben von Sascha Behrens

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