Eua Senf

8 Uhr 20, Bahnsteig 4

22.02.2008, 20:21 Uhr von:  Gastautor
8 Uhr 20, Bahnsteig 4

7. Januar 2008, 8 Uhr 20, Bahnsteig 4, Köln-Ehrenfeld. Wie jeden Morgen warte ich auf die Regionalbahn nach Aachen. Aber heute ist ein besonderer Tag. Die Tickets für die Mutter aller Derbys kommen auf den Markt.

Um 8 Uhr 30 wird die Hotline für BVB-Mitglieder frei geschaltet, das habe ich heute Nacht sicherheitshalber noch einmal gecheckt. Und ich bin dabei! Man muss schnell sein, das weiß ich, aber ich fühle mich stark. Heiß auf die Hotline!

„Meine Damen und Herren, die Regionalbahn... Abfahrt 8 Uhr 22, kommt heute 5 Minuten später, wir bitten um Verständnis".

Na klar doch!

8 Uhr 23. Ich wähle schon einmal die Nummer, vielleicht habe ich ja Glück, man weiß ja nie. Aber es bleibt bei 8 Uhr 30.

8 Uhr 25. „Meine Damen und Herren, die Regionalbahn... Abfahrt 8 Uhr 22, kommt heute 10 Minuten später, wir bitten um Entschuldigung".

Verständnis, Entschuldigung, was ihr wollt, die Bahn interessiert mich heute nicht. Im Abgleich mit der Bahnhofsuhr stelle ich fest, dass mein Handy 2 Minuten und 45 Sekunden vorgeht. Gleich in der Bahn muss ich also ab 8 Uhr 32 langsam bis 45 zählen...

8 Uhr 29. „Meine Damen und Herren, die Regionalbahn ... Abfahrt 8 Uhr 22, kommt heute 15 Minuten später, wir bitten um Entschuldigung".

Na und? Es gibt heute Wichtigeres zu regeln.

8 Uhr 29, 55 Sekunden (Bahnhofsuhr). Ich drücke die Wahlwiederholung. „..... Wenn sie Vereinsmitglied sind, sagen sie jetzt bitte: Ja"

JA.

„Entschuldigung, wir konnten sie leider nicht verstehen. Wenn sie Vereinsmitglied sind, sagen sie jetzt bitte: Ja".

JAAAA! Was gibt es denn da zu entschuldigen? Wie kann man denn "Ja" mit "Nein" verwechseln?!

„Momentan sind alle Mitarbeiter im Gespräch. Sie befinden sich auf Platz 283 der Warteliste".

Scheiße!! Warum konnte ich nicht gleich ein klares, glockenreines „Jaaa" artikulieren? Dieser verdammte Schnupfen, mit dem mich der 96-Fan am Freitag in der Mensa infiziert hat, das hat mich die Südtribüne gekostet, Gelbe Wand adieu! Nur weil ich zu vertrottelt bin, einmal laut und deutlich „Ja" zu sagen!

„Platz 267 ... Platz 259..."

Och, das geht ja flott! Vielleicht noch 5 Minuten, dann bin ich dran. Der Zug fährt ein, ich lande im Fahrradwaggon.

„... Platz 11 ... 3..." und drin! „Bitte geben sie jetzt Ihre Mitgliedsnummer ein."

99527

„Bitte geben sie Ihre Postleitzahl ein."

Verflixt! Die alte oder die neue? Ich probiere zunächst die Aachener.

„Leider ist die Angabe falsch, bitte geben sie ihre Postleitzahl ein."

Also die Kölner!

„Guten Tag, die Fahrkarten bitte."

Muss das jetzt sein?? Ich krame mein Ticket raus und tippe dabei weiter, 80523... ach, shit, nein, in München wohne ich ja schon lange nicht mehr, also 50823... Zu spät!

„ ... leider stimmt ihre Postleitzahl nicht mit unseren Angaben überein ... Auf Wiederhören!"

Ich krieg die Krise!!! Sofortige Wahlwiederholung. Besetzt. Wahlwiederholung. Platz 328. Ich fluche, ich könnte heulen!

„Entschuldigung, gehört Ihnen dieses Fahrrad?"

NEEEIN!

„Sie brauchen eine gesonderte Fahrkarte, wenn Sie ein Fahrrad mitführen".

JAAA! ÄH, NEEEIN! Kann denn keiner mehr ein "Ja" von einem "Nein" unterscheiden, verdammt noch mal?

„... Platz 257 ..... 144....". Es knackt im Lautsprecher, ich presse das Handy gegen die Fensterscheibe, mein Ohr ans Handy...

„... 86 ... 37 ... la le lü", Verbindungsabbruch. Ich raste aus!

„Entschuldigung, kann ich Ihnen irgendwie helfen?"

NEEEIN! Kann sich das Arschloch nicht wieder diesem Fahrradschmuggler widmen? Was fällt dem ein, sich in meine Angelegenheiten einzumischen. Wahlwiederholung. Kein Empfang. Wahlwiederholung.

„ ... Platz 297 ..."

OBWOHL, DOCH, SIE KÖNNEN MIR HELFEN, WANN KOMMT DENN DAS NÄCHSTE FUNKLOCH AUF DIESER STRECKE?

„Also, von Düren bis Eschweiler ham se sicher Empfang!"

„ ... 151 ... 74 ... la le lü!" Ein lustiges Spiel!

„Nicht so aufregen" rät der Fahrradschmuggler. Ich könnte ihm eine reinhauen!

Der Zug hält in Düren. Ich muss hier die Fahrt unterbrechen. Auf die Bahn verlasse ich mich nicht mehr. Wenn das Funkloch schon vor Eschweiler kommt, dann habe ich verloren. Meine letzte Chance ist Düren.

Ich stürme raus in den Regen, Wahlwiederholung, "161 ... 83 ... 17 ... 4", drin! Ich konzentriere mich. JAAA-TICKEEET-JAAA-NEEEIN-JAAA-SCHALLLKE. Jawoll! Ich hab's gleich!

„Bitte wählen sie jetzt eine Tribüne... West.... Nord... Ost...."

Kurzes Schlucken, Süd ist nicht mehr dabei, aber damit hatte ich ja schon gerechnet. Also: WEST.

„Leider haben wir sie nicht richtig verstanden....." WEEEEEEEEEST!

„Vielen Dank, bitte warten sie einen Moment .... Es tut uns leid, soeben wurden die letzten Tickets für dieses Spiel verkauft. Wir bitten um Entschuldigung, die Tickethotline wird nun geschlossen".

Ich beschloss jetzt, nicht mehr in den nächsten Zug nach Aachen einzusteigen, sondern mich davor zu werfen. Aber der Zug kam nicht.

geschrieben von Markus Thimm

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