Eua Senf

Der BVB aus der Sicht eines Unternehmensberaters

15.03.2007, 00:00 Uhr von:  Gastautor

Als BVB 09 Fan, eher stiller Fan, schaue ich mir die ganze Entwicklung mit Sorge an. Dies allerdings mehr aus dem Blickwinkel meines Berufes, als Unternehmensberater. Eine Analyse.

Meines Erachtens hat der BVB 09 total tolle Fans und diese eine unbändige Treue zum Verein. Aber eine tolle Fankultur, die vom Verein aus genutzt wird, sehe ich nicht unbedingt. Seit ca. 1994 bin ich BVB 09 Fan. Der Grund lag in der Aufbruchstimmung und dem Kulturwandel, der insbesondere mit dem Namen von O. Hitzfeld verbunden ist. Anpacken, Ziel setzen und eine Siegermentalität aufbauen, anstelle des üblichen fatalistischen Gejammers und Selbstmitleid. Vergangenheit und Elementartugenden nutzen und neue Werte aufbauen. Großes planen und umsetzen und dennoch nicht in Größenwahn verfallen. Diesen Balanceakt hat nach dem Abgang von O. Hitzfeld niemand geschafft, weder das Management auf Unternehmensseite noch die sportliche Leitung. Ganz im Gegenteil, nicht nur die Cash Burn Rate war schlimm auch die Tatsache, dass Spieler nie in Dortmund angekommen sind (Ikpeba, et.al)

Der drohende Konkurs wurde durch einen strategischen Investors verhindert, was an der immer noch sehr starken Marke BVB 09, die aber momentan erste Risse aufweist, liegt.

Wo steht der BVB 09 heute: Vor dem sportlichen Abgrund, denn finanziell ist wieder einiges machbar. Ob dies so bleibt hängt davon ab, ob man in der kommenden Saison erstklassig sein wird.

In der vergangenen Dekade ist es eigentlich nur einem Club gelungen, sich langfristig oben neben den Bayern zu etablieren, nämlich Werder Bremen - und zwar unter ganz anderen finanziellen und sportlichen Bedingungen. In Bremen hat man eine eigene Kultur geschaffen. Man gafft dort nicht in Richtung FCB, sondern baut sein eigenes Haus. Visionär und pragmatisch, mit Identifizierung gegenüber dem Umfeld und mit einem klaren Unternehmensmanagement. Ich vermute, dass es dort neben einer Roadmap ebenso eine klare Kultur gibt, eine Vorstellung davon, welche Spieler passen (sportlich & charakterlich) und welche eben nicht, oder was zu tun ist, wenn es Probleme in diesem Bereich gibt. In gut geführten Unternehmen nennt man dies Personalmanagement, darunter versteht man auch die entsprechende Vergütung.

Diese Punkte nur als Hinweis mit der Bitte, das Modell von der Weser nun nicht gerade zu kopieren.

Was könnte dem BVB 09 helfen, um langfristig wieder eine starke Marke werden und dies sowohl national als auch international?

1. Eine Unternehmens- und Vereinskultur aufbauen. Der BVB 09 ist in seinen Wurzeln ein Arbeiterverein und diese Wurzen sind sehr stark. Aber muss ich deshalb dieses Alleinstellungsmerkmal ausschließlich pflegen und seine Minderwertigkeitskomplexe dann derart ausleben und es mit Börsengang und Äußerungen wie „wir sind jetzt auf Augenhöhe zum FCB“ unterstreichen" Bin ich Getriebener oder gestalte ich das Spiel? Fußball ist heute ein Massensport, der alle Schichten anspricht. Auch den Investor namens Homm, sonst hätte er wohl nicht investiert. Natürlich wollen er und andere Aktionäre eine gute Verzinsung. Was spricht dagegen. Gute Verzinsung heißt sportlicher Erfolg und den wollen wir alle. Das eine schließt das andere nicht aus. Wie kann eine Kultur gestaltet werden? Durch grundsätzliche Regeln und Unternehmensleitlinien, wie z.b. Transparenz, Fannähe, klare Kommunikation, Konsequenz und Ehrlichkeit gegenüber sich und anderen. Als Beispiel: Schönreden seitens des Managements wie nach dem Cotbus-Spiel hilft nix und zeigt nur, dass man Führung (Leadership) nicht wahr nimmt. Dies ist übrigens ein Punkt, der mir gerade beim BVB 09 immer wieder auffällt: Das Prinzip Leadership mit Übertragung von Verantwortung und Kompetenz hat es eigentlich nie gegeben.

Hierzu zwei kleine Beispiele:

Beispiel 1: Wenn Ch. Metzelder meint, er müsse sich nach anderen Alternativen umschauen ist dies sein gutes Recht. Dies zu Verurteilen steht mir nicht an, da er als Spieler das Recht hat, sich nach anderen Optionen umzuschauen. Aus Vereinssicht stellt sich die Frage, welche Bedeutung ein solcher Spieler für den Verein hat (Personalplanung!). Ist diese hoch oder eher gering? Alles dies lässt sich feststellen. Man kann mit dem Spieler sprechen, die eigenen Angebote formulieren und sich auf einen Entscheidungszeitraum einigen. Dieser sollte sich auf ca. 4-6 Wochen belaufen. Gibt es dann keine Einigung, sollte man als Verein loslassen, weil a) jeder ersetzbar ist und b) das Unternehmen/der Verein im Vordergrund steht und die Interessen des Spielers bei entsprechender Berücksichtigung (in diesem Fall: Warten auf bessere Optionen und falls nicht dann doch bleiben) keine Klare Linie aufweisen bzw. die Tür für das Spielen mit dem Verein öffnen. Andere werden es ebenso machen.

Beispiel 2: Jedes Unternehmen, jede Organisation benötigt Leader (Leider ist das deutsche Wort hierfür zu stark negativ belegt). Leader zeichnen sich durch Authentizität, Integrität und Kompetenz im Hören, Denken und Handeln aus - und zwar im Operativen wie im Strategischen (also: Vision, Mission und Tun!). Davon ist der BVB 09 mit seiner Führungsmannschaft weit entfernt. Der Erfolg, den Konkurs abzuwenden, ist hervorragend gelungen. Diesen pragmatischen Teil hat man mit einer Energieleistung geschafft. Wo aber ist die Vision gekoppelt an das Machbare und an eine Kultur und an Meilensteinen? Diese sehe ich nicht, sondern vielmehr ein Durchwursteln im Tagesgeschäft mit Entschuldigungscharakter. Nehmen wir das Beispiel des Sportdirektors: Glauben Sie mir: Ich kenne keine Firma, in der sich jemand mit dieser Bilanz länger als 12 Monate hält. Da gibt es klare Zielvereinbarungen und wenn diese nicht gehalten werden ein erstes Gespräch. Beim zweiten Gespräch geht es vielleicht noch um die Höhe einer eventuellen Abfindung. Es ginge auch nicht darum wie lange jemand für das Unternehmen in welcher Position mit welchem Erfolg vorher tätig war. Ausschlaggebend sind die aktuellen Erfolge und Misserfolge. Im Falle des hiesigen Sportdirektors, also Herrn M. Zorc, der als Spieler eine Vorbildfunktion hatte, wie kaum ein anderer, hat man leider, wie in vielen Fällen, nach dem Peter-Prinzip gehandelt. Wer als Spieler gut ist, muss dies auch als Manager sein oder wer als Forscher gut ist, ist auch ein guter Chef. Dies ist eine Illusion! Denn dann hätte M. Meier ein hervorragender Finanzmanager sein müssen, da er Wirtschaftsprüfer ist, und dennoch ist er es aber nicht, da er in seinem Narzissmus zum Größenwahn neigt. Eine Entwicklung, die viele Menschen annehmen, wenn sich der Erfolg überproportional schnell einstellt und nur durch gute Berater und Mitwirkende in den Griff zu kriegen ist. Im Übrigen hat das Beispiel unseres schärfsten Revierrevalen gezeigt, dass man sich von einstigen Galionsfiguren trennen muss, wenn diese nicht mehr in der Lage sind, sich zu distanzieren und meinen, es sei Ihr Eigentum.

2. Bekenntnis zum Verein und Unternehmen: Der BVB 09 ist Emotion pur. Dennoch sind die Mitgliederzahlen eher schwach. Auch die Zuschauerzahlen weisen eher diskret nach unten. Negativerlebnisse prägen das Bild. Das Familienbild bekommt Risse. Die Wurzeln hierfür liegen im Selbstläuferdenken. Auch der beste Fan hat irgendwann genug. Er/Sie kann nicht mehr oder will nicht mehr. Was wird denn getan, um das Fanfundament zu informieren, zu betreuen und zu umgarnen, denn Fans sind Kunden und somit das Höchste Gut für einen Verein und besonders für ein Unternehmen? Man stelle sich das unglaublich hohe Potenzial vor, wenn Fans eingebunden werden in Diskussionen und Kompetenz im Verein erhalten. Wenn Fans z.b. durch Diskussionen zu zukünftigen Spielern befragt werden oder konkret mit Aufgaben der internationalen Fanbetreuung beauftragt werden. Ein Unternehmen, ein Verein lebt vom Mitmachen und nicht vom Vormachen einzelner. Da können wir dann alle wieder die Zechenkultur einführen, mit klarem Oben und Unten. Gottlob funktioniert die Welt so nicht mehr, auch wenn dies für den einzelnen bedeutet, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen. Dass hierfür Kommunikationswege eingehalten werden müssen und es klare Kompetenzfelder geben muss, ist wohl selbstverständlich.

3. Der BVB 09 ist beliebig und nicht wiedererkennbar, weil die Verantwortlichen keine Vision haben und für das Thema CHANGE (bitte um Nachsicht für die Beraterausdrücke) nie offen waren. Nennen wir es Wandel! Wandel heißt z.b. auch, dass Verantwortliche und ehemals Erfolgreiche bitte zukünftig nicht einfach eine Stelle erhalten, weil diese aus Dortmund stammen. Wandel heißt, Menschen zu nehmen, die eine klare Vorstellung haben und diese umsetzen wollen, die diese kommunizieren können und nicht auf jede Beliebigkeit Rücksicht nehmen, aber dennoch in der Lage sind, integrierend zu wirken, nach Innen und nach Außen. Die Kritik zulassen und Kritik als positiv empfinden, solange diese nachvollziehbar und fair ist. Menschen, die auch Spaß vermitteln können und innerlich gefestigt sind, ohne sich direkt einzubunkern. Beobachtet man Reaktionen von Spieler und Verantwortlichen der letzten zwei Jahre, dann stelle ich z.b. fest, dass Spaß, Lachen und Freude kaum noch zu vernehmen sind, obwohl ein börsennotiertes Unternehmen überlebt hat, gleichwohl die Bedingungen geradezu desaströs waren. Und wenn dann der 5. Platz nicht kommt wie in dieser Saison, dann wird wieder genölt anstatt sich zu freuen, dass man alle finanziellen Bürden geschultert hat und nun mit einer Roadmap 4 Jahre Zeit hat, um etwas wieder aufzubauen. Aber nein, man muss direkt Ziele ausgeben, wie es andere vorher getan haben, und verschluckt sich wieder daran. Im Übrigen: Ziele diskutiert man nicht, sondern geht diese an. Und zwar beharrlich und konzentriert.

Was also sollte nun in den kommenden Tagen und Wochen GEMACHT werden? Es führt kein Weg daran vorbei, der BVB 09 ist am Scheideweg. Was würde ich tun bzw. veranlassen? Zu Beginn würde ich einigen Spielern mitteilen, dass ich auf Ihre Dienste für den Rest der Saison verzichten würde. Wer dies ist, würde sich nach einer ca. 1,5 stündigen Beratung mit jedem Spieler herauskristallisieren. Zweitens würde ich eine Befragung der Fans durchführen lassen, in der Kritik, Anregungen und Lob abgefragt werden, um Fans und Verein/Unternehmen enger aneinander zu binden. Diese Befragung sollte bitte nicht dazu dienen, dass man sich hinterher daran ergötzt, wie toll wir alle sind!

Betrachte ich das Management, stellt sich die Frage nach Effizienz, Erfolg und anderen Punkten. Meines Erachtens wären Menschen aus dem unternehmerischen Bereich hinsichtlich der zukünftigen Planungen sehr von Vorteil, um z.b. moderne Managementmethoden beim BVB 09 einzuführen und umzusetzen. Kernthemen hierfür: Marke, Kunden, Unternehmenswert, Aktie um nur einige Stichworte zu nennen.

Ungeachtet aller zukünftigen Entwicklungen wünsche ich uns allen, dass wir in der ersten Liga bleiben und gemeinsam Spaß haben.

Der Autor ist ein in Dortmund tätiger Unternehmensberater und BVB-Fan.

Geschrieben von B. Himmerich

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