Eua Senf

Borussia Dortmund - das endgültige Ende einer Liebe

12.02.2007, 00:00 Uhr von:  Gastautor

Wir schreiben das Jahr 2007, es ist Februar, genauer gesagt ist es der 10.02. Vor ziemlich genau fünf Monaten habe ich beschlossen, mich von meiner großen Liebe zu trennen. Sie hatte sich verändert, ich mich sicherlich auch, wir haben keine Gemeinsamkeiten mehr gehabt. Mehr als 28 Jahre waren wir glücklich zusammen, sind zusammen durch dick und dünn gegangen. Wir haben viel von Europa gesehen, haben zusammen gelacht und geweint. Haben einen Schulverweis kassiert, weil wir damals aus dem Klassenfahrtslager in Soltau-Fallingbostel abgehauen und zum entscheidenden dritten Relegationsspiel nach Düsseldorf gefahren sind.

Wir waren zusammen bei unzähligen Spielen in Europa, abenteuerliche Touren nach Mostar und andere waren dabei, wir haben zusammen mit 40.000 anderen Liebhabern in Berlin den DFB-Pokal gewonnen. Es waren die schönsten Momente meines Lebens, wenn ich die Spieltage zusammen mit meiner großen Liebe verbringen durfte. Aber dann begann sie sich so langsam zu verändern. Es begann schleichend, beinahe so, dass ich es selbst gar nicht bemerkt hatte. Die großen Erfolge, die wir noch zusammen erleben und feiern durften, haben mir damals meine Augen verblendet. Ich hätte damals schon reagieren müssen, vielleicht wäre es dann nicht so weit gekommen. Aber man wirft eine so lang andauernde Beziehung ja auch nicht einfach fort. Dann kam eine schreckliche Zeit der Angst, meine große Liebe lag nach einem schrecklichen Unfall, bei dem sie mutwillig vor die Wand gefahren wurde, im Vorzimmer der Pathologie, wie es süffisant hieß. Die beiden Unfallverursacher wurden im übrigen niemals dafür belangt, einer der beiden darf sogar heute wieder ein Auto steuern, wenn auch ein unterklassiges. Aber auch da kennt er keine Tempolimits…

Aber wir haben das damals zusammen durchgestanden. Viele Tage und Nächte fand ich keine Ruhe, keinen Schlaf. Am Tag des entscheidenden Eingriffs stand ich von morgens bis nachmittags in bitterer Kälte vor der Tür der Intensivstation in Düsseldorf. Immer wenn sich die Tür öffnete, zog sich mein Herz zusammen, soviel Angst hatte ich um sie. Irgendwann nach vielen Stunden des Wartens kam dann ein verantwortlicher Sprecher und überbrachte die Nachricht, dass der Eingriff gut verlaufen sei und wieder Hoffnung bestünde. Nachdem mich einige Gleichgesinnte abgeholt haben, haben wir diese Nachricht abends erst einmal gefeiert. Ich habe gedacht, dass uns das Erlebte wieder neu zusammenschweißen würde, dass wir und vor allem ich wieder Kraft daraus ziehen würde und ich sagte mir „Jetzt erst recht, das wird wieder“!

Es folgte eine Zeit, in der ich dachte, wir würden es wirklich schaffen. Wir konnten wieder zusammen jubeln, wir fühlten uns von dieser Last des drohenden Todes befreit und konnten unsere gemeinsamen Tage wieder genießen. Und vor allem, es machte mir wieder Spaß mich mit anderen Liebhabern zu treffen und große Dinge mit ihnen zu planen. Eifersucht gab es keine, wir waren ja alle aus demselben Grund da!

Doch dann begann sich der Himmel erneut zu verdunkeln und neue Gefahr kam auf. Unsere Wohnungseinrichtung wurde heimlich und leise farblich verändert, irgendwelche rücksichtslosen Menschen haben uns das gewohnte und geliebte Bild der vertrauten Farben geraubt. Dazu kam dann, daß unser Haus, in dem wir seit vielen Jahren zusammen glücklich waren, plötzlich ebenfalls heimlich verändert wurde. Da standen plötzlich andere Buchstaben auf unserem Dach, unser Haus war nicht mehr unser Haus und es hieß plötzlich Park. In unseren Eingangstüren standen plötzlich an jedem Wochenende fremde Menschen, die jedem der Liebhaber irgendwelche Dinge in die Hand drückten. Manchmal waren sie aus Papier und Pappe, manchmal nervende Lärmobjekte, auf jeden Fall immer unbrauchbares Zeug.

Und da stand ich eines Tages wieder in meinem, in unserem Wohnzimmer, und schaute mich um. Nichts war mehr so, wie es war. Die anderen Liebhaber und Nachbarn haben sich verändert, plötzlich standen fast nur noch Leute in meinem Zimmer, die niemals was gesagt haben. Sie standen einfach nur da, versauten mir die Wohnung mit ihrer Werbung, ihren Pizzaresten und Pommesschalen. Die meisten habe ich auch nie vorher gesehen, und auch danach nie wieder. Sie kamen alle nur ein Mal. Und auch von den Liebhabern, mit denen ich sonst mein Wohnzimmer geteilt habe, hörte ich plötzlich nichts mehr oder nur dieses merkwürdige Geschimpfe über meine Liebe. Da war kaum noch jemand, der sich mit ihr freute oder ihr versuchte zu helfen, wenn es ihr nicht gut ging.

Als ich dann eines abends allein durch die Straßen unserer Stadt zog, da wurde es mir klar. Meine Liebe gab es nicht mehr, sie war fort. Es gab keinerlei Gemeinsamkeit mehr und ich wußte, dass es so nicht weitergehen konnte. Ich beschloss also, mich fürs erste von ihr zu trennen. Irgendwie hielt ich mir ein Hintertürchen offen, habe mit anderen Liebhabern gesprochen, mir versichern lassen, dass sie mich wieder ins Haus lassen würden, wenn ich es mir überlegt hätte. Meine beiden Schlüssel gab ich anderen Liebhabern, den Ehevertrag habe ich zum 31.12. des vergangen Jahres gekündigt.

Zuerst fiel mir die Trennung schwer, ich habe unser Haus und die anderen Liebhaber vermisst. Aber ich hatte ja noch Zugang zu den Überwachungskameras und konnte so zumindest immer für einige Stunden noch dabei sein.

Aber was ich dann dort sehen und ertragen musste, das gab mir endgültig den Rest. Menschen feierten in meinem Haus die anderen Gäste anstatt sich um meine Liebe zu kümmern. Andere versuchten gar durch mein Haus zu laufen und wie wilde Wachhunde nach dem Postboten zu schnappen.

Und was machte meine Liebe? Gar nichts! Sie ist nun mittlerweile ganz offensichtlich am Ende, es ist keinerlei Leben mehr in ihr. Sie wehrt sich auch nicht mehr gegen das drohende Ende, es scheint ihr egal zu sein.

Die behandelnden Ärzte sind anscheinend auch ratlos, ja sogar überfordert. Sie haben noch einen anderen Chefarzt geholt, aber der kann wohl auch nichts mehr machen. Die beiden Leiter der Klinik haben schwere Fehler gemacht, haben die falschen Medikamente gekauft, setzen auf irgendwelche „Events“ anstatt die verbliebenen Liebhaber zu unterstützen. Sie hoffen wohl, dass die Leute dadurch abgelenkt werden und den hoffnungslosen Zustand so nicht realisieren.

Am vergangen Samstag hatte sie dann doch noch einmal eine letzte Chance. Sie musste nach Hamburg zur Therapie, jeder hatte seine ganzen Hoffnung darauf gesetzt, schließlich hatte ihr die Therapie dort in den letzten drei Jahren immer gut geholfen. Aber diesmal leider nicht, es ist endgültig vorbei. Die Pfleger lassen die Köpfe hängen, die Ärzte haben kein Mittel mehr, alle scheinen aufgegeben zu haben.

Ich kann es nicht mehr ertragen, meine große Liebe in diesem Zustand sehen zu müssen, sie so leiden zu sehen. Ich habe sie gestern begraben, es tat weh, sehr weh. Aber eigentlich hätte ich das bereits vor sieben oder acht Jahren machen müssen, aber damals gab es ja noch Hoffnung, dachte ich zumindest. Ich werde nie wieder eine solche Liebe, ein solch schönes Haus und so tolle Nachbarn finden. Aber der Weg ist hier nun endgültig zu Ende.

Mach’s gut, Borussia! Vielen Dank für alles, ich werde dich nie vergessen!

Geschrieben von Totti

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