Eua Senf

Ein ganz normaler Samstag

23.03.2006, 00:00 Uhr von:  Gastautor

Vor dem Spiel des BVB gegen den 1.FC Kaiserslautern kam es in der U-Bahn zu Ausschreitungen durch einige wenige Idioten. In der Folge kam es zu zahlreichen Verhaftungen, von denen einmal mehr auch Unschuldige betroffen waren. schwatzgelb.de liegt ein beeindruckender Augenzeugenbericht vor.

Wie zu jedem Heimspiel war hatte ich mich diesmal mit einigen meiner Freunde bereits vormittags mit der S Bahn aus Lüttgendortmund auf den Weg in die Innenstadt aufgemacht. Wir waren bereits gegen halb eins am Hauptbahnhof angekommen und gingen noch kurz auf einen kleinen Imbiss zu McDonalds, bevor wir um ein Uhr in die Halle des Hauptbahnhofes gingen, wo sich unser Fanclub traf. Etwa 80 Mitglieder hatten sich versammelt, woraufhin wir zur U-Bahn gingen, um zum Stadion zu fahren. Mit vielen weiteren uns unbekannten Fans nahmen wir schließlich die U45 Richtung Stadion. Ich selber saß am Ende der Bahn mit zwei meiner besten Freunde zusammen. Wie jedes Mal sangen die Fans, woraufhin auch wir mitsangen und uns auf das Spiel einstimmten. Was dann jedoch passierte, hatten wir bisher noch nicht miterlebt. Einige Idioten, so muss man sie nennen, rissen die Gitter der Lampen mitsamt den Neonröhren heraus. Dass das inakzeptabel war und dass es sich um Sachbeschädigung handelte, war völlig klar – nur war die Bahn gerammelt voll, und man hatte auch wegen der Gesänge keine Chance etwas zu unternehmen. An der Haltestelle Kampstraße flogen, sobald sich die Türen öffneten, die Gitter und Röhren auf den Bahnsteig und gingen zu Bruch. An der darauffolgenden Haltestelle Stadtgarten mussten dann alle aussteigen, da die Bahn uns nicht mehr mitnehmen konnte... Die nächste U45 kam sofort und wieder ging das Gleiche von vorne los; Idioten und Randalierer rissen die Lampen kaputt. Diesmal stand ich mit einem anderen meiner Freunde an der Tür. Als die Bahn an der Haltestelle Markgrafenstraße auf meiner Seite öffnete, bekam ich ein Gitter, das gerade jemand hinausgeworfen hatte, gegen mein Gesicht und verpasste mir eine sichtbare Narbe.

Als die Bahn an dieser Haltestelle wieder nicht weiterfuhr, entschieden sich etwa 200 der Fans dazu, den restlichen Weg zu Fuß zu bewältigen, da es ohnehin nicht mehr weit bis zum Stadion war – und manche, wie auch ich, keine Lust mehr auf die Randalierer in der Bahn hatten. Leider gingen jedoch auch von denen viele mit hinaus. Oben angekommen, gingen wir höchstens 50 Meter, als bereits eine Hundertschaft der Polizei auf uns zukam. Rasch sperrten die Polizisten die Straßen ab und kesselten uns ein. Ohne Gegenwehr nahmen das alle hin und blieben im „Kessel“ ruhig stehen und warteten ab. Nach einiger Zeit griffen sich die Polizisten dann jeden der rund 200 Fans, durchsuchten ihn und nahmen die Personalien auf. Den Einen oder Anderen, so hatte ich erkennen können, hatte man bereits in Handschellen gepackt und in einem Bus in Gewahrsam genommen. Als einer der Letzten kam schließlich auch ich an die Reihe. Meine Freunde waren bereits durchgekommen und warteten ein Stück weiter auf mich, während die meisten anderen Fans bereits auf dem Weg zum Stadion waren. Ein Polizist nahm meine Personalien auf, durchsuchte mich, nahm mir meine Sachen, wie Tasche, Geldbörse, Schlüssel und Handy weg und sagte: „Und Sie nehmen wir nun in Gewahrsam.“

Ich war geschockt. Schließlich hatte ich nichts gemacht, war sogar selbst Opfer geworden. Meine Freunde konnten das auch bezeugen, doch der Polizist sagte, ich würde in Gewahrsam genommen und ließ sich auf keine Diskussion ein. Also legte er auch mir Plastikhandschellen an und ging mit mir zum Bus hinüber, wo er mich in eine kleine Zelle einschloss. Es dauerte eine Weile, bis wir losfuhren. Rasch jedoch waren wir dann am Präsidium. Dann allerdings dauerte es wiederum sehr lange, bis wir aus dem Bus kamen. Während wir im Bus saßen und warteten, riefen manche, dass sie bitte mal aufs Klo müssten, doch kein Polizist kümmerte sich darum, weshalb sich manche bepinkelten. Auch hörte man plötzlich einen Mann laut rufen, dass jemand keine Luft mehr bekäme. Er schrie um Hilfe und schlug gegen die Tür. Tatsächlich hörte man jemanden röcheln, doch nichts geschah. Erst nach über zehn Minuten kam endlich ein Polizist und bemerkte den Zustand des Fans, der bereits kollabiert war und daraufhin schnell in die Städtischen Kliniken eingeliefert werden musste. Dies war unglaublich für mich – wieso hatte hier niemand schon vorher reagiert und geholfen? Wieso scherte es anscheinend keinen der Polizisten, dass dort jemand kollabiert war und keine Luft mehr bekam? Es dauerte noch sehr lange, bis auch ich endlich aus dem Bus geholt wurde. Immer noch in Handschellen wurde ich fotografiert und erneut wurden meine Personalien aufgenommen. Ohne Vernehmung oder Ähnliches steckte man mich dann in eine große Zelle zu den Anderen. Wir waren 34 Personen. Eigentlich waren wir sogar einer mehr, doch ein Junge wurde wieder freigelassen, da sein Vater Polizist war und dieser seinen Sohn rausgeholt hatte. Der Junge konnte daraufhin ins Stadion gehen und das Spiel anschauen. Es war bereits ungefähr halb fünf, als ich schließlich in der Zelle war und man mir kurz vorher erst die Plastikhandschellen abnahm. Bei einigen 14- bis 15-Jährigen sah ich blutige Handgelenke, die von den Handschellen gekommen waren. Die Jungs saßen schüchtern und verängstigt da, während andere lauthals Lieder sangen. Auch muss man betonen, dass in der ganzen Zeit niemand Widerstand gegenüber der Polizei geleistet hatte. Um 19 Uhr dann wurde jeder Einzelne wieder herausgeholt. Jedem wurden seine Sachen, wie Schlüssel und Handy zurückgegeben und dann sollten wir nach Hause gehen. Keine Vernehmungen, nichts. Was zurückblieb, war ein schlechtes Bild einiger Randalierer, vor allem jedoch ein noch schlechteres Bild der Polizei, die willkürlich Fans herausgriffen hatte, egal, ob unschuldig oder schuldig. Polizisten, die bei Minderjährigen blutige Handgelenke in Kauf nahmen und einem Mann nicht halfen, sodass dieser in die Klinik musste. Auch dass man nicht bei allen Minderjährigen die Eltern benachrichtigte, war mir unbegreiflich.

Als ich abends immer noch schwer mitgenommen von den Ereignissen nach Hause kam, sagte mir einer meiner besten Freunde, was ein Polizist zu ihm gesagt hatte, als man uns eingekesselt hatte. „Mit Polizeiwillkür müsst ihr euch abfinden, das ist halt so.“ Dieser Satz setzte dem Ganzen die Krone auf. Ich hatte immer gedacht, wir seien in Deutschland, einem Rechtsstaat, in dem die Polizei durchaus das Recht hat, Leute in Gewahrsam zu nehmen, auch wenn sie unschuldig mit hineingeraten sind und somit zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Nur Polizeiwillkür darf einfach nicht sein. Schließlich leben wir nicht mehr im dritten Reich. Wenn das jedoch die Meinung der Polizei ist, kann ich nur sagen: Gute Nacht Deutschland.

Der Autor ist der Redaktion bekannt

Geschrieben von Christian S

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