Eua Senf

Das WIR feiert fröhliche Urständ im Ländle

06.09.2006, 00:00 Uhr von:  Gastautor

Jou, ick gloob, ick muß mir wohl ehmt ma vorstelln, damit ooch jeda weeß, wat Phase iß. Schreib hier auße Hauptstadt von uns alle, werde als Zujereister aber bessa mitm balinan uffhörn, bevor ick mir blamier. Wer während der WM die Seite www.schwatzrotgold.de besucht hat, wird mich bzw. meine Schreibe schon kennen. Die Artikel "Vom Osten lernen (mehrteilig)" bzw. "Mafia-Torte" haben mir zumindest die Ehre eingebracht, gelegentlich Gast-Beiträge bei schwatz-gelb einreichen zu dürfen. Doch nicht nur deshalb sei ein Blick auf meine WM-Beiträge angeraten, da manche Gedanken daraus auch fürderhin in meine Betrachtungen einfließen (könnten).

Eine grobe Zusammenfassung könnte im Tenor so lauten: Die WM kann - sportlich wie gesellschaftlich -einen Wendepunkt markieren, der so überraschend und chancenreich daher kam wie weiland der Mauerfall.

Wobei mich während der WM vor allem die Frage umtrieb (und weiter umtreibt): Wird dieses wiederentdeckte WIR-Gefühl, durch das die Mannschaft mit auf den 3. Platz katapultiert wurde - und was als Erfahrung zuvor in West und Ost gleichermaßen den Bach runter war - sich längerfristig im kollektiven Gedächtnis festsetzen? Die Chance dazu war jedenfalls einmalig. Besonders für jene, die über die Kraft des Zusammenhaltes bis dato nichts wußten - oder sie längst vergessen hatten...

Bei wahren Fußballfans, die bspw. ihre Mannschaft auch in schlechten Zeiten durch Unterstützung über Wasser halten helfen, formen die Erfahrungen mit dieser "magischen" Kraft eine feste, motivierende Konstante. Die wissen Bescheid, was ein "WIR" bewirken kann. Doch diese WM lockte selbst Zaungäste an, die zuvor schon beim Wort Fußball-Fan zusammenzuckten. Schicht- und geschlechterübergreifend wurden sie in ungeahnten Massen in Fan-Meilen und Stadien gesogen. Ob nun die Aussicht auf zugereiste Knack-Hintern bzw. exotische Gäste-Schönheiten weiblicher Natur oder aber die üblichen Versprechungen einer feucht-fröhlichen Massen-Party die zuvor Unbedarften anzog: Niemanden dürfte dieses WIR-Gefühl kalt gelassen haben.

Wobei ein Bild diesen Zustand besonders symbolisiert: während des Elfer-Krimis ahmten zehntausende von sich unbekannten Menschen den Schulterschluß der Nationalspieler nach... Wenn Yogi Löw nach dem Irlandspiel nun immer noch behauptet, die WM sei vollendete Vergangenheit, ignoriert er offensichtlich etwas: nämlich das (Be-) Wirken des vielzitierten "12. Mannes" (sorry Ladies, eine männlich-fest-stehende Redewendung...). Indizien dafür, dass zumindest das sportliche WM-WIR weiterhin völlig intakt scheint, waren ja schon beim Schweden-Testspiel zu beobachten. Die Szene, in der Odonkor im "Feindesland" begeistert gefeiert wurde, dürfte niemandem in unserer Republik entgangen sein, der über die Befindlichkeiten beider Vereine informiert ist.

Was nun auch die Schwaben (unter gewohnt-stimmkräftiger Gäste-Mithilfe) für eine Stadion-Atmosphäre fabriziert hatten, die Bundes-Yogi eines besseren belehrt haben müßte, war für ihre Verhältnisse jedenfalls aller Ehren wert. Als 12. Mann bewiesen sie, dass das feurig-freudige WM-Gefühl noch lodert - was sich auch auf das Team übertragen haben dürfte. Hat Löw das nicht oder anders registriert?

Inwieweit Pfiffe eine kurzzeitig vor sich hindümpelnde, orientierungslos wirkende Mannschaft neu inspirieren, ist ein strittiges Thema. Doch nicht nur diese zwischenzeitlichen Mißfallens-Bekundungen bemüht Andreas Lesch in der Berliner Zeitung, um wie Löw das Ende der WM-Effekte zu beschwören. So bemängelt er etwa den (für mich legenden-gebildeten) klinsmännischen Mut zur bedingungslosen Offensive. Die ging uns Bundes-Klinsi zeitweilig allerdings ebenso verlustigt: etwa als die "Mafia-Mannschaft" in der Verlängerung endlich, endlich einmal mit offenem Visier und weggeworfenem Defensiv-Dolch auftrat. JK reagierte mit (auch für den Gegner) vorhersehbaren Einwechselungen - und von Offensivdrang war hernach ooch nüscht mehr zu spüren. Zumal: Offensiv-Anweisungen waren bei TV-Einblendungen für mich diesbezüglich jedenfalls nicht mehr aus zu machen...

Zudem vermißte Lesch die WM-Ekstase beim Publikum. Mensch, das Spiel fand im betulichen Ländle statt! Dort wird als Ekstase das empfunden, was das Publikum von Beginn an zelebrierte. Auch wenn es Probleme gab, diesen Beginn zu finden. Wenn Lesch außerdem als Argument die fehlende losgelöste WM-Stimmung nach Spielende bemüht, übersieht er die Qualen einer "Qualli". Hier bedeuten Siege kleine bis große Schritte hin zum Ziel. Bei der WM/EM wird jeder Erfolg diesbezüglich hingegen zum Quantensprung, der Anlaß zu enthusiastischer Abfeierei bietet. Für Mannschaft und Publikum!

Auffällig war auch: Niemand schien - den malerisch wirkenden TV-Bildern nach - seine WM-Fahne "entsorgt" zu haben. Das symbolischte Bild für mich diesmal: jene dunkelhäutige junge Frau, die begeistert den schwatzrotgoldenen Stoff schwenkte. Der Doppelpaß zwischen Team und Fans hat m. E. jedenfalls auch- gegen verbissen kämpfende und seit Jahrzehnten von uns nicht bezwungene Iren - zum gewünschten (und verdienten!) Erfolg geführt. Ein gelungener Fußball-Abend also, welcher das Fußball-Herz freudig und zu einem zufrieden-entspannten Wochenende stimmulieren konnte. Erst recht, wenn die Quälereien anderer Mannschaften betrachtet wurden. Die der Azzuris etwa. Doch zu dem Mafia-Verein-Thema mehr an anderer Stelle. Denn was ich in meinem Beitrag "Mafia-Torte" noch satirisch angehaucht auf´s Korn nahm, hat sich bekanntlich längst zu einer Real-"Satire" entwickelt, die nicht unkommentiert bleiben sollte...

Tja, "uns" David bekam diesmal seine Joker-Chance nicht. Was ihm beim BVB (leider wohl) auch des Öfteren geblüht hätte. Zumal seine durch die WM gewonnene Popularität nicht zuletzt auf den Einwechselungen basiert, durch die symbolisch zum Endspurt geblasen wird. Auch beim 12. Mann!

Das Fatale daran: es bedeutet quasi eine Verurteilung zum "ewigen" Joker, weil eben dadurch seine ansonsten überschaubaren Talente optimiert werden. Denn sportlich sind Odonkors spiel- und balltechnischen Defizite (noch?) zu ausgeprägt. So kann man von der wirtschaftlichen Seite des noch klammen BVB her diesen gutdotierten Wechsel durchaus begrüßen. Wenn es bei mir auch ein wenig Wehmut auslöst...

Mut macht mir hingegen, dass es in den näxten Monaten noch reichlich (11) Möglichkeiten gibt, das WIR-Gefühl auf zu frischen. Ich hoffe, in meinem näxten Beitrag von gedanklich-planerischen (Fort-) Schritten berichten zu können, was selbständig organisierbare EM-Parties betrifft. Egal ob bei Heim- oder Auswärtsspielen. Im günstigsten Falle wäre man somit komplett unabhängig davon, ob Städte und Gemeinden "flächendeckend" solch Horte der Geselligkeit einrichten werden.

Welche manch einer vielleicht nicht nur besuchen wird, um zu feiern sowie den "12.Mann(Frauen sind damit auch gemeint!))-Kämpfer-Beitrag" für unsere nationale Fußball-Würde zu leisten. Möglicherweise auchdeshalb, weil es ansonsten in näxter Zeit für die meisten von uns wenig zu lachen geben könnte. Wer weiß schon, was in Sachen "Würde-Bürde" noch so auf dem politischen "Spielplan" steht.

Die Würden-Bewahrung wäre jedenfalls als WIR nachhaltiger verteidigbar. Sogar unter Einbeziehung des eigentlich eher isolations-fördernd daher kommene Slogans: Du bist Deutschland!

Abschließend sei noch awähnt, dit hier in Balin sowieso jeda noch anne WM erinnert wird. Nee, nee, nich det Wetters wejens, dit iß hier jenauso fiese. Ooch nich wejen de intenatzenale Jäste. Doch ooch die könn sich von übazeujen, dit noch Reste vonne Fußball-Vakleidung zu sehn sint, mit derse den Fersehturm jeschmückt ham. Kann no wat dauan, die Beseitijung...

Es grüßt jedenfalls von hier recht herzlich und mit einem optimistischen "Heja-BVB": JCM

Geschrieben von Jürgen C. Minten

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