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Michael Zorc: Mit ganzem Herzen bei Borussia

07.02.2005, 00:00 Uhr von:  Redaktion
Michael Zorc: Mit ganzem Herzen bei Borussia

Die Verantwortlichen bei Borussia stehen im Kreuzfeuer der Kritik. Für den sportlichen Bereich ist Ex-Publikumsliebling Michael Zorc zuständig, der von 1978 bis 1998 beim BVB spielte. Auch er wird kritisiert. Fans werfen ihm zahlreiche Fehleinkäufe vor, zudem wurde Kritik laut, er stehe zu weit weg von der Mannschaft. Schwatzgelb.de sprach mit "Susi" über seinen Job.

Michael Zorc
Michael Zorc

schwatzgelb.de: Herr Zorc, was ist eigentlich Ihre Aufgabe beim BVB?

Zorc: Das sind im Wesentlichen zwei Aufgabenbereiche. Einerseits das operative Tagesgeschäft, das heißt Betreuung der Profimannschaft, alle organisatorischen Angelegenheiten, die die Profimannschaft betreffen, Vertragsverhandlungen, Organisation von Freundschaftsspielen und der Saisonvorbereitung im Sommer- und Winter-Trainingslager. Darüber hinaus bin ich permanenter Ansprechpartner für den Trainerstab. Auf der anderen Seite ist es eine perspektivische Aufgabenstellung. Dabei geht es darum, gemeinsam mit dem Trainer und der Vereinsführung ein personelles Konzept für den Spielerkader zu erstellen. Das beinhaltet natürlich eine ständige Überprüfung und Bewertung der Stärken und Schwächen des Kaders.

schwatzgelb.de: Wie gefällt Ihnen das Scouting im Moment? Das steht in letzter Zeit ja oft in der Kritik, angesichts der Bergdölmos oder Jensens.

Zorc: Das Scouting steht eigentlich immer in der Kritik. Das ist nicht nur beim BVB so. Natürlich machen wir auch Fehler, aber ich darf darauf hinweisen, dass in dieser Saison am letzten Spieltag der Hinrunde die jüngste BVB-Mannschaft seit 17 Jahren auf dem Platz gestanden hat. An den drei Spieltagen zuvor haben wir die jüngste Mannschaft der Bundesliga gestellt. Wir sind jünger als der SC Freiburg oder der VfB Stuttgart. Den geeigneten Nachwuchs zu finden und an die Profimannschaft heranzuführen - auch das ist Aufgabe eines guten Scoutings.

schwatzgelb.de: Aber es gab Transfers, da fragt man sich schon, warum diese Spieler geholt wurden.

Zorc: Noch einmal: Es werden auch Fehler gemacht, aber man muss bitte immer berücksichtigen, unter welchen Umständen, mit welchem Budget und unter welchem Zeitdruck, das heißt, wenn Fristen eingehalten werden müssen, manche Transfers zustande kommen. Ich erinnere dabei an die letzte Saison, als uns viele Spieler kurzfristig mit schweren Verletzungen ausgefallen sind und wir schnell Ersatz finden mussten.

schwatzgelb.de: Wenn Sie sagen, dass Sie Zeitdruck hatten, warum haben Sie dann ihr Netz so weit ausgeworfen? Jensen und Bergdölmo haben ja nicht gerade vor der Haustür gespielt.

Zorc: Unter anderem deshalb, weil wir erfahrene Spieler brauchten. Niclas Jensen hat seit der WM 2002 jedes Länderspiel für Dänemark über 90 Minuten bestritten. Und gerade die linke Außenbahn ist in Europa fast eine verwaiste Position. Das Dilemma sieht man doch daran, dass Bayern München den 36-jährigen Lizarazu nach einem halben Jahr zurückholen musste. Spieler für die linke Bahn kommen fast alle aus Südamerika.

schwatzgelb.de: Die Diskrepanz zwischen Nationalmannschaft und Verein ist ja bei unseren Spielern besonders groß. Wie erklären Sie sich das?

Zorc: Das gilt nicht generell. Wir haben allerdings schon öfter, vor allem mit Tomas Rosicky, darüber gesprochen. Er hat da auch keine schlüssige Erklärung. Sicher profitiert er in der tschechischen Nationalmannschaft davon, dass er einen erfahrenen Weltkassespieler wie Pavel Nedved neben sich hat, der für ihn die Verantwortung trägt.

Michael Zorc mit Bert van Marwijk
Michael Zorc mit Bert van Marwijk

schwatzgelb.de: Zurück zum Alltag: Wie sieht ein typischer Arbeitstag von Michael Zorc aus?

Zorc: Sehr unterschiedlich. Um 9.30 Uhr gab es heute die Abteilungsleitersitzung, in der Themen aus allen Bereichen des BVB besprochen werden. Eben hatte ich ein Gespräch mit den Eltern eines Jugendspielers, am Nachmittag rede ich mit den Eltern von Marc Andre Kruska über seine Zukunft bei Borussia. Dazwischen liegen die Trainingseinheiten der Profimannschaft, die ich mir fast immer anschaue, um mir stets ein persönliches und aktuelles Bild über unsere Mannschaft machen zu können. Darüber hinaus stehen zahlreiche Telefonate an, beispielsweise mit Beratern, die uns immer wieder "Perlen" anbieten, die natürlich besser, schneller und billiger sind als alles, was wir haben. Quasi jeden Tag ein neuer Maradona.

schwatzgelb.de: Wie sind eigentlich die Aufgaben zwischen Ihnen und Herrn Rauball verteilt?

Zorc: Wir arbeiten konstruktiv zusammen. Er hat die Gesamtverantwortung für den sportlichen Bereich übernommen. Da haben wir ein sehr enges und vertrauliches Arbeitsverhältnis.

schwatzgelb.de: Sie kommen sich dabei nicht gegenseitig ins Gehege?

Zorc: Nein, überhaupt nicht. Viele Vertragsgespräche führen wir gemeinsam. Dr. Rauball ist der Vertreter der Geschäftsführung für den sportlichen Bereich.

schwatzgelb.de: Also ihr direkter Vorgesetzter.

Zorc: Ja.

schwatzgelb.de: Bevor Stefan Reuter eingestellt wurde, hieß es, Sie hätten zu wenig Kontakt zur Mannschaft. Jetzt ist Reuter wieder weg. In wie weit müssen Sie als Management-Mitarbeiter überhaupt Kontakt zur Mannschaft pflegen?

Zorc: Als Sportmanager habe ich auch die Verpflichtung, Missstände, die ich sehe, direkt anzusprechen. Direkt mit der Mannschaft oder - wenn nötig - wenn auch in den Medien. Es gab leider in der letzten Zeit bei uns nicht nur positive Entwicklungen. Deshalb habe ich auch Kritik geäußert. Das gefällt natürlich nicht immer jedem Spieler. Trotzdem ist es wichtig, als Ansprechpartner zu fungieren und zu versuchen, ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis aufzubauen. Deshalb bin ich ja durchgehend bei der Mannschaft, im Trainingslager, im Lennhof oder bei den Trainingseinheiten. Die Spieler können jederzeit zu mir kommen.

schwatzgelb.de: Was sind denn die Anliegen, mit denen ein Spieler zu Ihnen kommt?

Zorc: Das ist völlig unterschiedlich. Das können private Dinge sein. Zum Beispiel kann ich bei der Wohnungssuche helfen. Letztens habe ich Juan Fernandez hier gehabt. Wir wissen alle, dass bei seinem ersten Aufenthalt in Dortmund einiges ziemlich schief gelaufen ist. Er hat sich hier nicht eingelebt, nicht europäisiert. Deshalb müssen wir vermeiden, dass Fehler, die vor einem Jahr zu der bekannten Fehlentwicklung geführt haben, nicht wiederholt werden. Das versuchen wir aufzuarbeiten.

schwatzgelb.de: Wo liegt denn der Unterschied zwischen Ihrem Kontakt zur Mannschaft jetzt und früher als Spieler? Kann man das vergleichen?

Zorc: Nein, das ist unmöglich. In dem Moment, wo ich am Verhandlungstisch sitze, mit Dede über eine Gehaltsreduzierung spreche, kann ich nicht mehr der Kollege und Partner wie früher auf dem Platz sein. Es ist klar, dass mich der Spieler dann, böse formuliert, als Funktionär oder als Vertreter des Vereins sieht. Aber auch in dieser Position muss man Vertrauen aufbauen.

schwatzgelb.de: Wie lief denn die Umstellung vom Spieler zum Manager?

Zorc: Am Anfang war das gar nicht einfach. Vor allem die körperliche Umstellung. Ich hatte ja acht, neun Trainingseinheiten pro Woche. Plötzlich war ich mehr Schreibtischtäter. Da muss man halt abends laufen gehen. Man muss aufpassen, dass man nicht zu viele Kalorien zu sich nimmt. (lacht)
Aber das ist jetzt abgeschlossen. Nach sechs Jahren habe ich mich an die Situation gewöhnt. Aber natürlich ist die Zeit als aktiver Spieler die schönste. Das glauben einem die 25-Jährigen manchmal nicht, wenn man ihnen das nach einer 1:2-Niederlage sagt. Aber es ist so.

schwatzgelb.de: Fehlt das direkte Feedback im Stadion?

Zorc: Natürlich fehlte das schon, vor allem zu Anfang.

schwatzgelb.de: Wie erklären Sie sich, dass Ihr Name oft genannt wird, wenn nach Schuldigen für die Misere beim BVB gesucht wird?

Zorc: Wenn man in der Vorsaison Sechster geworden ist und jetzt noch schlechter in der Tabelle dasteht, muss man sich der Kritik stellen. Da muss man sich auch als Sportmanager hinterfragen. Aber fair wäre es, auch positive Kritik zu bekommen, wenn es gut läuft. Ich kann nur sagen, dass ich mit vollem Einsatz und von ganzem Herzen hier bei Borussia arbeite. Ich bin jetzt schon seit 27 Jahren hier. Und mir ist es um die sportliche Zukunft gar nicht bange. Ich freue mich, dass es uns gelungen ist, Spieler wie Metzelder oder Dede für unsere Sache gewinnen zu können und dass wir vor allem in den letzten Monaten viele Eigengewächse in die Mannschaft einbauen konnten, die uns für die Zukunft eine gute Perspektive geben.

Aki Watzke und Susi Zorc
Aki Watzke und Susi Zorc
schwatzgelb.de: Apropos "mit ganzem Herzen": Lars Ricken hat gesagt, er könne sich vorstellen, nach der Spielerkarriere wieder als Fan ins Stadion zu gehen. Wie schafft man es, als Manager noch Fan zu sein, also die Herzensangelegenheit Borussia mit der Kopfsache Management zu vereinen?

Zorc: Für mich ist das einfach nur eine hohe Motivation, um alles für Borussia zu geben.

schwatzgelb.de: Als Fan hat man aber den Vorteil, über den Verein zu schimpfen. Im Notfall kann man immer sagen: "Die Idioten!"

Zorc: Das kann ich natürlich nicht. Zumindest nicht öffentlich. Frust kann man nur im ganz kleinen privaten Kreis rauslassen.

schwatzgelb.de: Als Spieler waren Sie immer ein absoluter Publikumsliebling. Sie standen für Kontinuität und waren immer eine Identifikationsfigur. Jetzt sind die Emotionen umgeschlagen. Es heißt oft "der Zorc kann weg" oder "der tut ja nix". Bekommen Sie das mit?

Zorc: Ja, ich lese ja auch ab und zu im Forum von schwatzgelb.de. Ich habe aber eine Aufgabe, bei der es Teil des Jobs ist, mit Kritik zu leben und damit umzugehen. Die Emotionen, die ich als Spieler erlebt habe, haben mir sehr viel gegeben, und ich möchte sie nicht missen. Man muss sich als Sportmanager aber davon frei machen und über den Tellerrand hinaus sehen. Um auf Ihre Frage zurück zu kommen: Vielleicht habe ich in der Vergangenheit nach außen zu wenig deutlich gemacht, was mein genaues Aufgabengebiet ist und was ich hier überhaupt tue.

schwatzgelb.de: Wenn Sie sich Ihre Zeit als junger Spieler ansehen ? 1981 waren Sie Jugend-Welt- und Europameister. Sehen Sie Parallelen zu den heutigen jungen BVB-Spielern?

Zorc: In jüngster Zeit sehe ich wieder Parallelen. Zum ersten Mal nach langer Zeit ist Borussia Dortmund für junge Spieler eine wunderbare Plattform, um in die Bundesliga zu kommen. Das ist auch der Weg, den wir gehen müssen. Wir haben unser Gehaltsgefüge in den letzten drei Jahren halbiert. Das heißt im Umkehrschluss aber auch, dass wir in unseren Zielen bescheidener werden müssen. Aber ich glaube schon, dass die Zustimmung dafür vorhanden ist. Wenn man sagt, wir wollen diese Brzenskas und Kruskas, muss man sich aber auch klar machen, dass manchmal die Erfahrung fehlt. Gegen Gladbach standen im zentralen Mittelfeld Kehl, Kringe, Kruska - 24, 22, 17 Jahre. Das hat man in der zweiten Halbzeit gemerkt.

schwatzgelb.de: Ein Blick in die Zukunft: Wie sieht's mit den Verträgen von Demel und Madouni aus?

Zorc: Wir beobachten die Weiterentwicklung bei beiden. Auch bei Warmuz schauen wir noch. Fest steht aber, dass Roman Weidenfeller auch im nächsten Jahr die Nummer eins im Tor von Borussia Dortmund sein wird. Ein erfahrener Torwart als Nummer Zwei wäre gut.

Schwatzgelb.de: Zum Schluss: Was kann Michael Zorc tun, um den BVB zu retten?

Zorc: Wir müssen natürlich sportlich alles tun, um wieder nach oben zu kommen. Ich pflege engen Kontakt zu den Spielern, führe viele Gespräche. Oft sind es Kleinigkeiten, die den Ausschlag geben.

Schwatzgelb.de: Herr Zorc, vielen Dank für das Gespräch.

Geschrieben von Stefan/Thomas

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