schwatzgelber Saisonrückblick

Saison 1970/71: Der Anfang vom Ende - Der BVB am Abgrund

20.12.2004, 12:48 Uhr von:  CHS

Am Ende der Saison sollte der BVB endgültig im Mittelmaß angekommen sein. Der Verein konnte namhafte Abgänge nicht kompensieren und stand bereits in dieser Saison am Rande des Abstiegs in die Zweitklassigkeit - der dann auch ein Jahr später folgte.

Das BVB-Logo
Das BVB-Logo
Am 16.07.1970 trafen sich die 23 Lizenzspieler des BVB zum ersten Training unter dem neuen Trainer Horst Witzler. Dortmund hatte eine Reihe neuer Spieler: Dieter Weinkauff vom FK Pirmasens, Manfred Ritschel von Jahn Regensburg, Ingo Peters von Eintracht Dortmund und Hans-Joachim Andree aus dem eigenen Nachwuchs. Den Verein verlassen hatten Rudi Assauer (nach Werder Bremen) und Dietmar Erler (Eintracht Braunschweig). Nach dem ersten Training ging es gleich 13 Tage zur Sportschule Barsinghausen ins Trainingslager.


Es fing gut an: Die Testspiele bei Arminia Hannover (2-0), bei einer Auswahl von Borsum (15:0) und bei einer Gemeinschaftsmannschaft von Fichte Bielefeld und TSV Schildesche (6-0) wurden allesamt gewonnen. Nach dem Trainingslager kam es dann zu einer Besonderheit. Wegen Witterungsproblemen in der Vorsaison fand die zweite Runde des DFB-Pokal 1969/70 erst in der neuen Saison statt. Der BVB musste zu den Kickers aus Offenbach reisen. Die Kickers wurden vom ehemaligen BVB-Spieler „Aki“ Schmidt trainiert. Nach 90 Minuten stand es 0-0. Aber nach vier Minuten in der Verlängerung erzielte Held den Führungstreffer für den BVB. Aber die Wende kam acht Minuten vor dem Ende, als die Kickers einen umstrittenen Foulelfmeter zugesprochen bekamen, den Helmut Kremers verwandelte. Sechs Minuten später schossen die Offenbacher sogar den Siegestreffer. Der BVB war ausgeschieden.

Somit hatte der BVB Zeit für zwei weitere Freundschaftsspiele. Bei Hombruch 09 (3-1) und gegen Huddersfield Town (1-0) gab es erneut Siege. Somit konnte die Bundesligasaison beginnen. Gleich als erstes ging es gegen den Aufsteiger aus Bielefeld und Dortmund gewann durch Treffer von Weist, Ritschl und Bücker mit 3-0. Dies war gleichzeitig die Tabellenführung. Dortmund war überlegen, konnte aber die Chancen (zahlreiche Pfosten- und Lattentreffer) für ein noch besseres Ergebnis nicht nutzen. Eine Woche später ging es dann zum Betzenberg in Kaiserslautern. Bisher hatte der BVB dort noch nicht verloren, also gab es gute Chancen, die Tabellenführung zu verteidigen. Leider riss die Serie. Durch ein „Krümeltor“ von Rehagel gewannen die Lauterer Teufel. Was war passiert? Ein Schüsschen von Rehagel wird von Neubergers Knie unhaltbar für Rynio abgefälscht. Pech hatten die Dortmunder dann noch, denn vor diesem Tor gab es eine klare Abseitsstellung, die vom Linienrichter auch angezeigt, von Schiri Lutz aber ignoriert wurde. Hinzu kamen noch Verletzungen von Spielern. Heidkamp (Zerrung und Prellung am Fußgelenk), Peehs (Oberschenkelzerrung), Wosab (Schienenbeinverletzung), Neuberger (Kopfverletzung), Ritschel (Leistenverletzung) und Schütz (Zehenprellung) fielen mehr oder weniger aus. Im nächsten Heimspiel kamen die Bayern aus München, aber auch da gab es kein Erfolgserlebnis. Man trennte sich torlos mit 0-0. Freude gab es am 05.09.1970 beim 1-0-Sieg bei Rot-Weiß Oberhausen. Es war der erste Auswärtssieg der Borussen seit dem 21.03.1970. Beim Heimspiel gegen den Reviernachbarn aus Gelsenkirchen mussten sich die Borussen dem überragenden Nigbur geschlagen geben. Man verlor das Spiel gegen den FC Sch*lke mit 1-2. Auch beim Auswärtsspiel beim 1. FC Köln hatte der BVB kein Glück. Ein Handelfmeter drei Minuten vor Schluss brachte die Borussen um den Sieg (Endstand 2-2). Das nächste Auswärtsspiel in Braunschweig verlor Borussia klar mit 0-3. Für den ersten Sieg seit fast einen Monat musste ein Testspiel gegen SuS Menden herhalten, das die Borussen mit 7-2 gewinnen. So aufgebaut, erwarteten die Borussen den nächsten Gegner, den MSV Duisburg. Obwohl die Borussen mit dem schlimmsten rechneten (Trainer Witzler: „Wir befinden uns in einer leichten Krise, aber wir müssen einfach gewinnen.“), gewann man am Ende recht deutlich mit 5-1. Trotzdem war nicht alles Gold, was glänzte. Dortmund hatte das Glück, zum entscheidenden Zeitpunkt die Tore zu machen. In Stuttgart ging es dann genau andersrum: Dortmund kassierte gegen den VfB mit 1-6 eine deutliche Niederlage. Allerdings muss man sagen, dass es bis zur 80. Minute relativ offen war, aber danach brach Dortmund ein und kassierte noch 3 Treffer. Dortmunds Glück waren die Heimspiele. Diesmal war es die Hertha aus Berlin, die mit 3-1 besiegt wurde. Auswärts setze es aber eine Niederlage nach der anderen. In Offenbach unterlag der BVB mit 0-3.

Am 27.10.1970 wurden die neuen Flutlichtmasten mit dem Ligaspiel gegen Werder eingeweiht. Leider war das kein gutes Omen, denn die Dortmunder fanden trotz ausreichenden Lichtes das Tor der Bremer nicht und verloren das Spiel mit 0-1. Aber gegen Rot-Weiß Essen klappte es endlich mal wieder mit einem Auswärtssieg der Borussen. Trimhold erzielte bereits in der 14. Minute den Endstand. Und so ging es dann auch weiter. Dank Rieländer (2 Treffer) gewann der BVB gegen Frankfurt mit 3-0. Der Bruch kam dann wieder bei der anderen Borussia. In Gladbach verloren die Dortmunder mit 2-3. Das Ergebnis zeigt aber nicht die Überlegenheit der Gladbacher, die schon nach 30 Minuten mit 3-0 führten. Beim Länderspiel in Zagreb gegen Jugoslawien (0-2-Niederlage) wurde Held zwar Held eingesetzt, spielte aber so schwach, dass er in der 67. Minute ausgewechselt wurde. Im nächsten Bundesligaspiel empfingen die Borussen den HSV und erreichten nur ein 1-1.


Ohne großes Aufsehen fand am 01.12.1970 die Jahreshauptversammlung des BVB statt. Bis auf den verzogenen 2. Vorsitzenden Dr. Will wurde der Vorstand wiedergewählt. Neuer zweiter Vorsitzender wurde Udo Remmert. Bei der Position Spielausschuss-Obmann setzte sich Jockel Bracht gegen Ewald Gutberlet durch. Im letzten Bundesligaspiel setzte es eine 1-4-Niederlage gegen Hannover. Der BVB überwinterte mit 15-19 Punkten und 24-28 Toren auf Platz 10, nur drei Punkte vor einem Abstiegsplatz. Im letzten Pflichtspiel müssen die Dortmunder in der 1. Runde im DFB-Pokal gegen den TSV Westerland spielen. Sie setzen sich durch jeweils zwei Treffer von Ritschel und Neuberger mit 4-0 durch. Das Jahr schließen die Borussen mit drei Freundschaftsspielen ab. Zuerst gewinnen sie bei der SpVgg. Erkenschwick mit 2-1. Im Anschluss spielen sie in Lüdenscheid gegen eine Auswahl des Sauerlandes und setzen sich mit 3-1 durch. Der Abschluss wird durch ein 1-1-Unentschieden in Antwerpen gegen den AC Beerschot gemacht.

In der kurzen Winterpause bestritt der BVB drei Spiele in Israel. Bei einer Auswahl von Tel Aviv reichte es für den BVB nur zu einem 1-1. Einen Sieg (1-0) gab es dann beim Aufeinandertreffen mit einer kombinierten Mannschaft von Netanya und Haifa. Den Abschluss macht die Stadtauswahl von Haifa. Dortmund gewinnt mit 2-1 durch Treffer von Andree und Neuberger. Zurück in Deutschland gibt es noch einen Besuch in Lünen. Der LSV wird mit 3-1 besiegt.

Ende Januar hatte der BVB große Torwartsorgen. Die Nr. 1, Rynio, fiel wegen einer Mandeloperation aus und der Einsatz von Günther war durch eine Daumenverstauchung gefährdet. Trotzdem konnte er beim Spiel in Bielefeld (3-2-Sieg, zweimal Held, einmal Bücker) eingesetzt werden. Eine böse Überraschung erlebte der BVB beim Heimspiel gegen die bis dahin auswärts sieglosen Lauterer. Trainer Witzler war nach der 0-2-Niederlage „sprachlos“. Das Bundesligaspiel gegen Bayern München musste abgesagt werden, weil im Grünwalder Stadion eine Tribüne abgebrannt war. Als nächstes war Rot-Weiß Oberhausen zu Gast in der Roten Erde. Der BVB gewann durch zwei späte Tore von Schütz (88.) und Weist (89.). Danach war die 2. Runde im DFB-Pokal dran. Gegner beim Auswärtsspiel war der Hamburger SV. In der Regulären Spielzeit stand es 1-1, aber in der Verlängerung traf dann Uwe Seeler zweimal zum Endstand von 1-3. Sein Gegenspieler war Wolfgang Paul, für den es sein erstes und letztes Spiel in dieser Saison war. Seit fast einem Jahr hat er nicht gespielt. Und was damals keiner wusste, es war auch sein allerletztes Pflichtspiel überhaupt.

Im Derby in Gelsenkirchen erkämpfte sich der BVB ein 0-0. Mit dem gleichen Ergebnis endete das Heimspiel gegen Köln. Eine Woche später setzte es eine 1-3-Niederlage bei Werder Bremen. Borussia rutschte auf den 14. Tabellenplatz ab. Auch dass zwölf Spielerverträge auslaufen, sorgt nicht für Ruhe im Verein. Dank eines Eigentors des Braunschweiger Lorenz schaffte der BVB immerhin ein 1-1 gegen die Eintracht. Ein kurioses Spiel erleben die Zuschauer beim 4-3 der Dortmunder in Duisburg. Der BVB verwandelt einen 0-2-Rückstand in eine 3-2-Führung, nur um im Anschluss die Partie doch noch zu verlieren. Im Anschluss herrschte in Dortmund nach fünf Spielen ohne Sieg Panik. Für das Stuttgartspiel erhöhte der Vorstand die Siegprämie. Das schien zu helfen, denn der BVB gewann mit 3-1. In der ersten Hälfte traf der BVB vier Mal das Tor, leider nur einmal ins Tor (zweifelhafter Elfer) und dreimal Pfosten und Latte. Erst in der zweiten Hälfte konnten Ritschel und Held den Sieg sichern. In einem Testspiel bei der SpVgg. Langendreer gewinnt der BVB locker mit 8-2. Fünf Tage später ging es zur Hertha nach Berlin. Bis zur 76. Minute konnte der BVB ein 2-2 halten, verlor aber am Ende mit 5-2. Aber es gibt auch mal etwas Schönes zu vermelden: Der von 15 Bundesligisten umworbene Willi Neuberger unterschrieb ebenso wie Theo Bücker einen Zweijahresvertrag. Der BVB holt sich in zwei Testspielen Mut für die letzten Spiele. Es gibt zwei Siege bei Westfalia Herne (6-1) und beim FC Groningen (0-3). Leider gab es danach nur ein 1-1 beim Tabellenvorletzten. Drei Tage später wird endlich das ausgefallene Spiel gegen den FC Bayern nachgeholt. Dank Rynio erkämpft sich der BVB ein 1-1. Nach dem Spiel wird bekannt, dass Weist und Held (nach Offenbach) den Verein verlassen werden. Dadurch fühlt sich Neuberger auch nicht mehr an seinen Vertrag gebunden.

Endlich wieder Erfolg beim BVB. Durch eine 7-2-Galavorstellung gegen Rot-Weiß Essen ist praktisch der Klassenerhalt vier Spieltage vor dem Ende gesichert. Jeweils drei Tore erzielen Schütz und Neuberger. Aber wieder mal war es nur ein Strohfeuer. Gegen den Tabellenletzten Eintracht Frankfurt kassiert der BVB eine 2-0-Klatsche. Nur dank Rynio wird eine höhere Niederlage verhindert. Mit 2-0 führt der BVB Zuhause gegen den Tabellenführer aus Gladbach, verliert aber nach einem großartigen Spiel knapp mit 3-4. Und auch beim letzten Auswärtsspiel kassiert der BVB die dritte Niederlage in Folge. Hamburg gewinnt mit 2-1. Vor dem letzten Bundesligaspiel testet der BVB noch sein Team beim SV Lienen und gewinnt mit 5-2. Beim letzten Bundesligaspiel in dieser Saison kommen gerade mal 7.000 Zuschauer in die Rote Erde. In einem schwachen Spiel erreicht der BVB ein 2-2 gegen Hannover 96. Somit kommt der BVB auf Platz 13 ins Ziel und kann sich über 29-39-Punkten und 54-60-Toren freuen. Immerhin hat man die Klasse gehalten, aber der Vorsprung betrug nur zwei Punkte. Auch der Zuschauerschnitt ging beim BVB weiter nach unten. Es kamen durchschnittlich nur noch 19.412 Zuschauer. Ausverkauft waren nur die Spiele gegen Sch*lke und Bayern, der Minusrekord war das Spiel gegen den MSV mit nur 6.000 Besuchern.

Einen Tag später platzte die Bombe und der größte Skandal der Bundesligageschichte wurde bekannt. Mehre Spiele sollen verschoben worden sein, erklärt der Präsident von den Offenbacher Kickers. Der BVB ist davon nicht betroffen.

Beim EM-Qualifikationsspiel gegen Albanien (2-0 für Deutschland) wird in der 73. Minute Held eingewechselt und erzielt beinahe noch das 3-0. Unterdessen spitzt sich der Streit zwischen Willi Neuberger und dem BVB zu. Neuberger droht dem BVB mit einem Gang vors Arbeitsgericht, wenn er nicht nach Bremen wechseln darf. Und das tat er dann auch. Beim Länderspiel in Oslo gegen Norwegen gewinnt die deutsche Mannschaft mit 7-1. Held krönt seine glänzende Leistung mit dem 6-0. Sein letztes Länderspiel als Dortmunder bestreitet Held dann beim Spiel in Kopenhagen gegen Dänemark (3-1 für Deutschland).

Die BVB-Mannschaft von 1970-71
Die BVB-Mannschaft von 1970-71

Fazit:

Zu keiner Zeit konnten die Abgänge von Assauer und Wolfgang Paul (Karrierende) kompensiert werden. Mit Ritschel kam nur ein Spieler mit Bundesligaformat. Durch seine Sturmschwäche kam der BVB in akute Abstiegsnot. Zwar waren sie nie auf dem Abstiegsplatz, aber der Duft des Abstieges war am Borsigplatz zu riechen. In dieser Saison begann bereits der Abstieg in die Zweitklassigkeit, nur keiner hat es gemerkt. Die Führung des BVB machte entscheidende Fehler. Als erstes erteilte man dem älteren Held die Freigabe, in der Hoffnung, dass der jüngere Neuberger bleibt. Aber Neuberger entschied sich für Bremen. Zwar hatte er eine Vertragsverlängerung vereinbart (auf einer auseinandergerissenen Zigarettenschachtel), aber leider fehlte die Unterschrift des dritten Vorstandsmitglieds. Somit gab das Arbeitsgericht dem Spieler Recht. Ein weiterer Fehler war, dass der BVB ein großzügiges finanzielles Angebot von Werder-Präsident Dr. Böhmert ausschlug, sondern weiter prozessierte. Im Endeffekt kriegte der BVB gar nichts. Auch bei Reinhold Wosab verrechnete sich der Vorstand. Wosab wollte zu veränderten Bezügen ein weiteres Jahr verlängern. Der BVB dachte aber, dass der 33-jährige Spieler sowieso kein Angebot erhält und ließ ihn zappeln. So schlug dann der vom ehemaligen BVB-Trainer trainierte VfL Bochum zu. Übrigens, dort spielte Wosab noch drei Jahre lang. Insgesamt verließen mit Held, Wosab, Neuberger, Wüst (ebenfalls nach Bremen) und Trimhold (FSV Frankfurt) fünf Spieler die Borussia. Genau das war der Anfang vom Ende.

Unterstütze uns mit steady