Im Gespräch mit...

Aus dem Archiv: schwatzgelbes Halbzeitgespräch mit Dr. Norbert Blüm

17.03.2003, 00:00 Uhr von:  Wade
Lesezeit: ca. 11 Minuten
Aus dem Archiv: schwatzgelbes Halbzeitgespräch mit Dr. Norbert Blüm

In einem weiteren Teil unser Halbzeitgesprächserie habe wir mit dem Minister a.D. Norbert Blüm über seine schwatzgelbe Leidenschaft gesprochen. Sehr ausführlich stand uns der Privatmensch Blüm Rede und Antwort.

Aus der Politik hat er sich zurückgezogen, doch sein Terminkalender ist nach wie vor prall gefüllt. Vor allem für die Kindernothilfe ist er ständig in der ganzen Welt unterwegs. Seine Frau Marita hätte ihren Mann vielleicht lieber häufiger zu Hause in Bonn, aber dafür ist der Minister a.D. von Natur aus zu unruhig.

Bodenständig ist der Vater von drei Kindern dennoch. Norbert Blüm kommt aus normalen Verhältnissen, wurde am 21. Juli 1935 als Sohn eines Kraftfahrzeugschlossers und Busfahrers in Rüsselsheim geboren. Nach der Volksschule absolvierte er eine Lehre zum Werkzeugmacher. Ein normaler Werdegang für jemanden, der in einer Arbeiterstadt wie Rüsselsheim geboren wurde. Doch bei Norbert Blüm war alles schon immer anders.

Von 1949 bis 1957 arbeitete er in seinem erlernten Beruf bei der Adam Opel AG in Rüsselsheim. Dann entschloss er sich, nebenher (1957 bis 1961) auf dem Abendgymnasium in Mainz das Abitur nachzuholen. Seine innere Unruhe trieb ihn bereits als Pfadfinder durch halb Europa. So verdiente er sein Geld unter anderem als Bauarbeiter, Lkw-Fahrer und Kellner in der Türkei. Von 1961 bis 1967 studierte Blüm dann Philosophie, Germanistik, Geschichte, Theologie und Soziologie in Köln und Bonn und promovierte schließlich 1967 zum Dr. phil.

Blüm, der in der IG Metall, der Katholischen Arbeitnehmerbewegung und der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) aktiv war, interessierte sich nicht nur für Arbeitnehmerfragen, sondern vor allem auch für die Menschenrechte. Für die setzte er sich als Minister insbesondere auf seinen Reisen nach Chile (1987) und Südafrika (1989) ein. Nach wie vor ist er bei Amensty International stark engagiert. Schließlich übernahm Norbert Blüm 1982 das Amt des Bundesministers für Arbeit und Sozialordnung. Außerdem war er bis 1999 Landesvorsitzender der CDU in Nordrhein-Westfalen. Seine knappe Freizeit vertreibt sich Blüm, der seit 1964 verheiratet ist, am liebsten mit lesen, wandern und Sport im Allgemeinen. Seine große Leidenschaft sind ? neben dem BVB ? seine Enkelkinder, denen er am liebsten aus seinen Märchenbüchern vorliest.

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schwatzgelb.de: Können Sie sich noch erinnern, wie und wann Sie BVB-Fan geworden sind?

Blüm: Das muss so Ende der 70-er Jahre gewesen sein, als ich zum ersten Mal im Westfalenstadion war und die Atmosphäre im Stadion mich in ihren Bann gezogen hat. Vor dieser Zeit habe ich vor allem die alten Spieler immer sehr bewundert. Der "Lange" Wolfgang Paul, Tilkowski, Schanko, Siggi Held, Aki Schmidt, Addi Preißler und wie sie alle heißen sind mir immer noch in guter Erinnerung. Ich treffe sie ja schon mal bei meinen gelegentlichen Besuchen im Stadion, und es sind einfach prima Menschen. So wie der nette Nachbar von nebenan. Was ich außerdem gut finde, ist der Zusammenhalt der alten Spieler. Aber auch wie der Verein sich um seinen alten Spieler kümmert.

schwatzgelb.de: Was war der bewegendste Moment, den Sie als Fan mit dem BVB erlebt haben?

Blüm: Da fallen mir natürlich die spektakulären Geschichten ein. Etwa die Meisterschaft 1995, nach 33 Jahren. Aber auch die Derbys gegen Schalke haben mich immer sehr bewegt. Dass Möller nach Schalke gegangen ist, habe ich bis heute noch nicht verstanden. Obwohl er sich ja durchgesetzt hat und das den nötigen Respekt auch abverlangt.

schwatzgelb.de: Ist Norbert Blüm Vereinsmitglied und/oder Aktionär bei Borussia?

Blüm: Aktionär bin ich nur über die eine Aktie die man beim Börsengang als Mitglied erhalten hat. Obwohl ich Probleme habe, als Aktionär zu gelten. Ich bin ganz klar ein Mitglied des BVB und kein Aktionär. Ein Mitglied geht mit seinem Verein durch Dick und Dünn. Das macht ein Aktionär nicht. Ich bin Mitglied in den 80-er Jahren geworden, in einer Zeit, als es der Borussia nicht so gut ging.

Anpfiff

schwatzgelb.de: Seit dem 1.Oktober 2002 sind Sie im Ruhstand und leben in Bonn. Trotzdem ist Ihr Terminkalender prall gefüllt. Wie oft gelingt es Ihnen da, Spiele des BVB live im Westfalenstadion mitzuerleben?

Blüm: Leider habe ich nur noch wenig Zeit ins Stadion zu gehen. Ich bin trotz meines Ruhestandes noch viel in Sachen Entwicklungshilfe weltweit unterwegs. Die Kindernothilfe ist mir eine Herzensangelgenheit. Das, was ich dort sehe und erlebe, relativiert vieles aus meiner heutigen Sicht. Wenn ich unsere Probleme hier sehe und erlebe, was in der dritten Welt passiert, dann bekommt man eine andere Sicht der Dinge.

schwatzgelb.de: Wie sehen Sie die Arbeit von Matthias Sammer, was macht er anders als seine Vorgänger?

Blüm: Sammer gehörte schon zu seiner aktiven Zeit zu meinen Lieblingsspielern. Einer, der mit großem Herz, Leidenschaft aber auch mit viel Verstand Fußball gespielt hat. Ich glaube, diese Tugenden sind auch das Geheimnis seines Erfolges. Er hat sich als Spieler nicht geschont, war immer ein Antreiber. Er hat nicht nur seine Mitspieler angetrieben, sondern auch sich selbst.

Sammer kam ja aus einer anderen Welt, musste sich alles wieder neu erarbeiten. Er musste sich immer wieder neu beweisen und hat sich aber nie verbiegen lassen. In der damaligen Diskussion, wer den National-Liberoposten ausfüllen soll, Matthäus oder Sammer, war ich immer für Sammer. Er ist ein Vorbild als Mensch.

schwatzgelb.de: Woran machen Sie diesen Vorbildcharakter fest?

Blüm: Aus was für einem Holz ein Mensch geschnitzt ist, kannst du nur erkennen, wenn er mal ganz unten war. Wie Sammer seine persönlichen Niederlagen überwunden hat, zeigt aus welchem Holz er geschnitzt ist. So, wie er nach seiner schweren Verletzung seinen Weg gegangen ist, das ringt mir großen Respekt ab. Ein starker Charakter muss auch gegen den Wind segeln können. Wenn du Harmonie sucht, musst du in den Kirchenchor gehen. So ein Typ war Matthias Sammer nie. Er ist immer seinen Weg gegangen, und das macht ihn sehr glaubwürdig. Er ist ein echtes Vorbild. Nicht nur für junge Menschen.

schwatzgelb.de: Sehen Sie bei den jungen Spielern auch schon solche Typen mit Vorbildcharakter?

Blüm: Man darf junge Leute noch nicht so hoch loben. Sicher ist Metzelder so ein Typ, der auch noch einen Horizont neben dem Fußball hat. Aber auch Kehl, oder Ricken sind Persönlichkeiten, die Ihre Vorbildfunktion ausfüllen.

Abstoß

schwatzgelb.de: Finden Sie, dass sich das Fanverhalten in Dortmund in den letzten Jahren verändert hat, und woran machen Sie Ihre Beobachtungen fest?

Blüm: Ich finde, trotz aller Kritik, dass die Fans in Dortmund immer noch sehr kreativ sind. Ich muss auch heute noch über die Sprüche, die von der Südtribüne kommen herzhaft lachen. Sicher ist durch die Größe des Stadions etwas von der Intimität verloren gegangen. Durch die dazugewonnene Größe wird es etwas anonymer. Aber die Dortmunder Fans sind immer noch Ausnahmefans in der Liga.

schwatzgelb.de: Was könnten Ihrer Meinung nach die Spieler in Dortmund tun, damit die Unterstützung für die Mannschaft auch in schwierigen Situationen besser wird?

Blüm: Ich gebe da mal ein Beispiel: Ich finde etwa sehr wichtig was Metze macht. Er engagiert sich in seiner Freizeit für soziale Zwecke. Fußballer haben auch eine soziale Verantwortung. Ich bin Fan eines Fußballers, nicht nur weil er gut auf dem Feld ist, sondern weil er außerhalb des Stadions ein Vorbild ist. Deshalb werde ich auch nie ein Fan von Maradona sein. Unsere Gesellschaft braucht Vorbilder. Leute, die nach außen ihre Natürlichkeit behalten. Die Spieler müssen wissen, dass Kontakt und Gespräche mit den Fans wichtig sind. Es darf keine Distanz zwischen Spielern und Fans entstehen.

schwatzgelb.de: Metzelder ist da sicher eine Ausnahme, aber nicht jeder Spieler scheint das begreifen und sieht den Fankontakt ehr als lästige Pflichtaufgabe...

Blüm: Ja sicher, aber so ein Spieler führt ein privilegiertes Leben, und darüber muss er sich bewusst sein. Millionen Menschen leben wie ein Sandkorn in der Düne. Vom Winde verweht. Der Fußballprofi hat das große Glück, dass er aus dieser Anonymität herausragt. Er hat von Mutter Natur eine Gabe mit in die Wiege gelegt bekommen, die ihn aus dieser Masse heraushebt und ein schönes Leben führen lässt. Daraus erwächst nach meiner Meinung aber auch eine große Verantwortung. Er muss sich über die Außenwirkung seines Handels auf die Gesellschaft bewusst sein. Darum sind auch solche Geschichten wie Drogen der Tod für den Sport. Nicht weil es den Sport versaut, sondern weil es den Vorbildcharakter zerstört. Das sollte ein Sportler wissen.

Eckball

schwatzgelb.de: Finden Sie, dass der Verein trotz seines enormen Wachstums traditionsbewusst geblieben ist? Woran machen Sie Ihre Meinung fest?

Blüm: Ganz klar: Ja, trotz AG. Ich finde, dass unser Präsident dazu viel beigetragen hat. Niebaum ist wie Manager Meier ein Glücksfall für den BVB. Er verbindet Tradition und Erfolg wie kein Zweiter in der Bundesliga. Dazu kommt, dass Niebaum die glückliche Synthese zwischen der Klugheit eines Geschäftsmannes mit der Cleverness eines guten Trainers gelingt. Das Wort des Präsidenten hat Gewicht bei Borussia. Dr. Niebaum spricht eine klare Sprache, ohne die Spieler runterzumachen. Ich habe immer gelernt, sich zuerst vor seine Truppe zu stellen.

Das macht Niebaum, ebenso wie Sammer. Was man intern macht steht auf einem ganz anderen Blatt. Der Abstieg einer Fußballmannschaft beginnt für mich am Kopf des Vereins. Das durfte man auch früher beim BVB leidlich miterleben. Heute kann man sagen, dass der Verein seine Wurzeln trotz aller Erfolge nie vergessen hat.

Einwurf

schwatzgelb.de: Wenn Sie noch einmal die Wahl hätten zwischen Ihrer Karriere und einer Karriere als Fußballprofi beim BVB, welche würden Sie wählen?

Blüm: Ohne zu zögern natürlich die Politik. Aber der Traum wäre gewesen, der erste Politiker in der Nationalmannschaft zu sein. Meine Flanken wären sicher heute noch unterwegs (lacht).

Steilpass

schwatzgelb.de: Wie halten Sie sich auf dem Laufenden über die Geschehnisse rund um den BVB?

Blüm: Ich lese natürlich meine Zeitungen, und mein Freund Friedhelm Ost hält mich auf dem Laufenden. Natürlich möchte ich gerne wieder öfter im Westfalenstadion sein. Leider fehlt mir die Zeit. Aber dafür schaue ich mittlerweile auf eure Seite.

Abseits

schwatzgelb.de: Was macht für Sie den Unterschied beim BVB zu Vereinen wie dem FC Schalke 04 und Bayern München aus?

Blüm: Das Stadion und die Fans an erster Stelle und dann natürlich die Spieler. Für mich haben die Dortmunder Spieler immer mehr Bodenhaftung gehabt als die Schalker oder die Bayern. Bayern ist für mich mehr eine Opernveranstaltung.

Die Dortmunder Spieler sind in meiner Denkwelt näher an der Stammkneipe um die Ecke dran, und die Bayern mehr am Nobellokal Käfer in München. Aber am wichtigsten für mich ist das Stadion. Das ist für mich das Besondere am BVB. Fußball hat mit Golf oder Tennis nichts zu tun. Fußball muss Kampf sein, Leidenschaft. Ich bin für Spiele, wo dir der Atem stehen bleibt, und das habe ich in Dortmund immer wieder erleben dürfen.

Elfmeter

schwatzgelb.de: Angenommen der BVB gibt Ihnen einen Scheck über eine Million Euro, um mit diesem Geld im Verein etwas zu ändern bzw. zu verbessern. Was machen Sie damit?

Blüm: Dann würde ich das Geld in ein Projekt geben, um etwas gegen diese menschenverachtende Kinderarbeit (ist ein Verbrechen), Kindersoldaten und Kinderprostitution zu tun. Das sind Verbrechen an den Schwächsten dieser Erde. Ich habe zuviel Elend auf meinen Reisen gesehen, als dass ich so einen Geldbetrag mit der Gießkanne übers Land verteilen würde.

Ich habe Kinder in Teppichhöhlen in Indien, in den Steinbrüchen Indonesiens und in kolumbianischen Bergwerken arbeiten sehen. Da würdest du keinen Hund reinjagen, da hättest du hier sofort den Tierschutzverein vor der Tür stehen. Ich sage, wie es den Kinder heute geht, so geht es der Erwachsenenwelt von morgen. Das ist eine unendliche Spirale.

Freistoss

schwatzgelb.de: Eine Frage, drei Antworten: Was fasziniert Norbert Blüm am BVB?

Blüm:

1) Ein volksnaher Verein, keine Schickimicki-Gesellschaft

2) Übereinstimmung der Mannschaft mit der Landschaft

3) Ein Stadion, das die Zuschauer mitspielen lässt. Im Stadion sind 55.000 Nationalspieler, und die restlichen 5.000 sind Nationaltrainer.

Aufstellung

schwatzgelb.de: Wer war oder ist Ihr Lieblingsspieler beim BVB und warum?

Blüm: Da kann ich nicht einen Einzelnen nennen. Jede Zeit hatte so ihren Liebling für mich. Da sind ganz sicher Sammer und Kohler zu nennen. Von den Aktiven ist das Lars Ricken. Aber auch Spieler wie Paul, Schanko, Preißler und und und. Für mich ist es immer wieder schön, diese Leute im Stadion vereint zu treffen.

schwatzgelb.de: Welchen Spieler würden Sie gerne einmal im Dress des BVB spielen sehen?

Blüm: Den Blüm (lacht). Aber das muss geheim bleiben, so etwas hätte ja eine große moralische Auswirkung auf die Mannschaft.

Norbert Blüms AllStars-Team:

Tor: Tilkowski (de Beer)

Abwehr: Paul, Reuter, Kohler, Cesar

Mittelfeld: Schanko, Möller, Sammer, Held

Sturm: Herrlich, Schmidt

Abpfiff

schwatzgelb.de: Was wünscht sich Norbert Blüm für die Zukunft, bezogen auf Borussia Dortmund?

Blüm: Das ich in der 89. Minute im entscheiden Spiel um die Meisterschaft eingewechselt werde. Nein im Ernst: Ich wünsche mir, wie jedes Jahr, die erneute deutsche Meisterschaft für den BVB.

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