Im Gespräch mit...

Der Traum vom Fußball - Die Champions

30.06.2003, 00:00 Uhr von:  Wade
Lesezeit: ca. 12 Minuten

400 Stunden Filmmaterial. Fünf Jahre Arbeit. Über drei Jahre begleiteten Grimme - Preisträger Christoph Hübner und Gabriele Voss die Dortmunder A - Jugendfußballer des Jahres 1998 und realisierten so dieses einmalige Filmprojekt. Nun kommt der Film über vier Dortmunder Jugendspieler auf dem Weg zu angehenden Fußballprofis in die Kinos.

Der Film stellt nicht den vermeintlichen Glanz einer beginnenden Fußballerkarriere in den Vordergrund sondern zeigt die unerbittliche Härte des Profigeschäfts, dem sich die Jugendlichen früh unterordnen müssen.

Dabei geht es den Filmemachern nicht darum, einen reinen Fußballfilm im Stil typischer Hochglanzgeschichten zu erzählen. Ganz im Gegenteil. Hübner und Voss lassen die Bilder sprechen. Von anfangs zwölf gefilmten Spielern werden in dem Film schließlich vier Geschichten von Francis Bugri, Heiko Hesse, Mohammed Abdulai und Claudio Chavarria erzählt.

schwatzgelb.de wollte von Christoph Hübner wissen, was ihn dazu bewegt hat, einen solchen Film zu machen und welche Erfahrungen er in dieser Zeit gesammelt hat.

Das Interview führte wade.

schwatzgelb.de: Herr Hübner, die wichtigste Frage für alle BVB Fans vorweg: Sind Sie und Gabriele Voss BVB Fans?

Christoph Hübner: (lacht) Von mir kann ich sagen, dass ich eingefleischter BVB Fan bin. Gabriele ist durch die Arbeit dazu geworden.

schwatzgelb.de: Wie sind Sie beide auf die Idee gekommen, einen solchen Film zu machen?

Christoph Hübner: In unseren bisherigen Dokumentarfilmen haben wir ja schon viel über das Ruhrgebiet und seine Menschen erzählt. Ein Film zum Thema Fußball, der eine wichtige Rolle in dieser Region spielt, stand einfach irgendwann mal an. Mir war anfangs aber noch nicht ganz klar, was genau ich machen wollte. Durch meinen Sohn, den ich oft zum Fußball begleitet habe, bin ich dann auf die Idee gekommen, einen Film über junge Spieler zu machen, die den Traum vom großen Fußball vor Augen haben.

schwatzgelb.de: Was war Ihnen besonders wichtig bei der Planung des Films?

Christoph Hübner: Fußball beschränkt sich oft auf das, was wir in den Medien geboten bekommen oder auf das, was wir in den 90 Minuten auf dem Rasen sehen: Tore, Spieler-Geschichten. Vieles wird von den Medien künstlich interessant gemacht, in dem man immer wieder irgendwelche Geschichten herausquält. Mein Ziel, meine Idee war es, dass Alltägliche, die Arbeit, das Training, den Kampf, nach oben zu kommen, also einfach ein Stück Normalität im Fußballalltag zu zeigen.

schwatzgelb.de: Stand zu Beginn schon fest, dass der Film ein Kinofilm wird?

Christoph Hübner: Das stand von vorneherein fest, da die Finanzierung für dieses Projekt auf ein Kinoprojekt ausgelegt war. Ein so langes Projekt, über mehrere Jahre, ist für Fernsehproduktionen auch schwer zu kalkulieren.

schwatzgelb.de: Fiel Ihre Wahl sofort auf die A - Jugend von Borussia Dortmund?

Christoph Hübner: Nein, nicht sofort. Es war nur klar, dass es ein Profiverein sein sollte, der eine gute Jugendarbeit macht. Am Anfang hatten wir sogar überlegt, in mehreren Vereine parallel zu drehen. Ajax Amsterdam oder auch der VFL Bochum waren da im engeren Kreis unser Überlegungen. Ajax ist ja bekannt für gute Jugendarbeit. Doch das gilt auch für Borussia Dortmund. Die A - Jugend des BVB war 1998 gerade zum fünften mal hintereinander deutscher Meister geworden.

schwatzgelb.de: Wie kam der Kontakt zum BVB zustande?

Christoph Hübner: Ottmar Hitzfeld war damals Sportdirektor beim BVB und er fand die Idee gut. Er hat mir dann die Türen beim BVB geöffnet. So wurde der Kontakt zu Michael Skibbe hergestellt, der zu der Zeit noch als Jugendkoordinator bei Borussia tätig war.

schwatzgelb.de: Stand von vornherein fest, welche Spieler beobachtet werden sollten?

Christoph Hübner: Nein, wir haben parallel mit bis zu zwölf Spielern gedreht. Zu Beginn war es schwer zu entscheiden, welche Spieler man nimmt, denn es waren viele talentierte dabei und es kamen immer neue hinzu. Wir haben lange mit uns gekämpft welche Spieler wir schließlich in den Film nehmen. Letztendlich fiel die Wahl auf die vier im Film, vor allem, weil ihre Geschichten sehr unterschiedlich sind, alle zusammen aber ein Ganzes ergeben.

schwatzgelb.de: Handelt der Film nur von diesen vier Spielern oder werden auch andere Geschichten erzählt?

Christoph Hübner: Der Film, der ins Kino kommt, erzählt die Geschichte der vier Spieler aus der A-Jugend von 1998. Wir haben aber, wie gesagt, auch mit anderen Spielern gedreht, auch aus der nächsten A-Jugend. Spielern wie Timo Achenbach, Florian Kringe, Florian Thorwart zum Beispiel. Fast alle zu dieser Zeit schon Nationalspieler. Unsere Überlegung geht dahin, bis 2006 vielleicht einen Fernseh-Mehrteiler aus all den anderen Geschichten zu machen. Das würde auch gut zur Fußball WM in dem Jahr passen.

schwatzgelb.de: War dann auch klar, dass der Film fünf Jahre, von den Vorplanung, bis zur Fertigstellung, brauchen würde?

Christoph Hübner: Daß der Beobachtungszeitraum mindestens drei Jahre sein sollte stand von vornehrein fest. Das hatte ich auch mit Michael Skibbe so besprochen, daß man bei einem A-Jugendspieler etwa diese Zeit braucht, um absehen zu können, ob er den Sprung in den Seniorenbereich schafft. Obwohl man sagen muss, dass viele Spieler auch später noch den Durchbruch schaffen. Dafür gibt es ja genügend Beispiele, auch beim BVB.

schwatzgelb.de: Haben Sie nach festen Zeitvorgaben gefilmt, oder wie kann man sich das vorstellen?

Christoph Hübner: Unsere Anfangsvorstellung, was den Zeitaufwand angeht, war schon etwas naiv. So hatten wir gedacht, immer wieder mal alle zwei, drei Wochen vorbeizuschauen. Ich glaube wir haben die ursprünglich kalkulierte Drehzeit dann fast um das zehnfache überzogen. Es stellte sich einfach sehr schnell heraus, daß man häufiger und kontinuierlicher dabei sein mußte, um etwas aus der Nähe mitzubekommen. Ich habe auch gespürt, wenn ich regelmäßig da bin, daß das Filmen zu einer gewissen Normalität für Spieler und Beteiligte wurde.

schwatzgelb.de: Wie haben Sie denn Ihre nötigen täglichen Informationen erhalten?

Christoph Hübner: Ein ganz wichtiger Treffpunkt war das Jugendhaus. Dort war ich sehr oft. Die Spieler trafen sich dort, die Trainer kamen dort hin, um Kaffee zu trinken und Gespräche zu führen. Sehr hilfreich war für mich immer Sven Kirchhoff, der Leiter des Jugendhauses. Ich glaube, ich bin ihm manchmal ganz schön auf die Nerven gegangen in dieser Zeit. Aber er hat mir immer geholfen, dafür bin ich ihm sehr dankbar

schwatzgelb.de: Gab es Probleme bei der Zusammenarbeit mit den Spielern?

Christoph Hübner: Erstaunlich wenig. Ich weiß nicht, womit das zusammenhing. Am Anfang waren die Spieler natürlich zurückhaltend. Aber große Mauern musste ich nie einreißen. Vielleicht lag es daran, dass mich die Trainer persönlich mit eingeführt haben. So war ich von Anfang an z.B. auch in den Kabinen dabei. Es war einfach eine angenehme, oft auch lustige Zusammenarbeit mit den Spielern. Es gab immer ein hin und her zwischen uns. So nach dem Motto: ?Ach der schon wieder?. Es sind, denke ich, auch richtige Freundschaften dabei entstanden. Sie haben mir ihr Vertrauen geschenkt. Und ich habe mich immer daran gehalten, keine Inhalte der Gespräche mit den Spielern an die Trainer weiterzugeben, oder umgekehrt. Ich habe ihr Vertrauen nicht missbraucht. Auch konnten die Spieler immer sagen, wenn bestimmte Äußerungen nicht im Film erscheinen sollten. All dieses hat vielleicht dazu beigetragen, dass ein Vertrauen über das normale Maß hinaus entstanden ist.

schwatzgelb.de: Welche Eindrücke haben Sie von der Betreuung der Spieler beim BVB gewonnen?

Christoph Hübner: Für die deutschen Spieler ist es einfacher. Die haben Ihre Familien und ihr gewohntes soziales Umfeld. Für die ausländischen Spieler ist das viel schwerer. Sven Kirchhoff ist im Jugendhaus immer sehr bemüht, den Spielern ein Zuhause zu geben. Das Jugendhaus ersetzt ein Stück die Familie. Aber Sven kann nicht alles alleine bieten. Dazu kommt das Sprachproblem, was man ja selbst bei den Profis erleben kann. Der BVB hat in den letzten Jahren, was die ausländischen Jugendspieler angeht, auch umgedacht. Heute sind mehr deutsche Spieler in der Jugend am Ball. Man holt nur noch Topspieler aus dem Ausland, nicht mehr so viele wie früher.

schwatzgelb.de: Was würden Sie ändern, wenn Sie dürften?

Christoph Hübner: Nun, es gibt neben dem Fußball auch viel freie Zeit für die Jungs. Vielleicht sollte der BVB versuchen, auch dem Leben außerhalb des Trainings etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Das ist besonders wichtig für die jungen Spieler. Viele der Trainer versuchen ihren Teil dazu beizutragen. Doch das ist sehr schwer. Hier könnte der Verein vielleicht mehr tun - auch um den Zusammenhalt unter den Spielern noch mehr zu fördern.

schwatzgelb.de: Was denn zum Beispiel?

Christoph Hübner: Ein Heranführen an die Profis, nach Muster der englischen Proficlubs wäre da sicher sehr hilfreich. Eine Art Patenschaft einzelner Profis mit Jugendspielern. Matthias Sammer hat da schon einiges geändert und das neue Trainingsgelände bietet da sicher eine große Chance, dieses Zusammenführen wesentlich zu verbessern.

schwatzgelb.de: Was für Vorteile hätte so eine Patenschaft aus Ihrer Sicht?

Christoph Hübner: Man würde damit auch mehr Bindung und Identifikation der Spieler mit dem Verein erreichen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass junge Spieler durch regelmäßige Kontakte mit Amoroso, Reuter, Metzelder und den anderen Profis eine größere Nähe zum Verein verspüren. Dann spielt nicht immer nur das Geld eine Rolle, sondern der Spieler ist mehr mit seinen Verein verbunden. Das gleiche gilt auch für die Fankultur im Verein. Ich finde, man bemerkt schon einen Unterschied im Verhalten vieler Fans. Der Verein braucht seine Fans. Fans, die die Mannschaft auch unterstützen, wenn das Spiel nicht gut läuft.

schwatzgelb.de: Hatten die jungen Spieler schon Starallüren?

Christoph Hübner: Das kann man nicht verallgemeinern. Manche haben ja auch den Sprung kurzzeitig zu den Profis geschafft und haben dann vielleicht gedacht, sie sind schon wer. Aber da achtet Sammer sehr genau drauf, dass die Spieler nicht abheben und schützt sie. Man kann die Spieler ja auch darauf vorbereiten, wie man damit umgehen kann.

schwatzgelb.de: Bei einigen junge Spieler hat man schon mal das Gefühl, dass sie nicht das letzte aus sich rausholen. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Christoph Hübner: Das mag manchmal schon an einer falschen Einstellung liegen. So kann es sein, dass mancher Spieler in der Jugend schon meint, er habe es geschafft, nur weil er beim BVB in der Jugend spielt. Christoph Metzelder sagte dazu mal, dass es für ihn sicher nicht schlecht war, vorher bei Preußen Münster gespielt zu haben, wo ihm auch nichts geschenkt wurde.

schwatzgelb.de: Warum haben Sie sich gerade diese vier Spieler ausgesucht?

Christoph Hübner: Wir haben die im Film gezeigten Spieler ausgesucht, weil alle vier sehr unterschiedliche Charaktere sind. Francis Bugri, der es geschafft hat bis zu den Profis. Heiko Hesse, der heute in Oxford studiert und das nötige Geld fürs Studium mit Fußballspielen in der dritten englischen Liga verdient. Mohammed Abdulai, der heute in der Regionalliga bei Uerdingen spielt. Oder Claudio Chavarria, der den BVB wieder verließ und nach Chile zurück ging.

schwatzgelb.de: Gab es engere Kontakte zu den Profis, haben Sie mit Ihnen auch Gespräche führen können?

Christoph Hübner: Durch Bugri, Kringe, Achenbach, Thorwart u.a. bin ich ja auch beim Profi-Training und den Profi-Trainingslagern dabei gewesen. Dadurch hatte ich natürlich auch Kontakte zu den Profis. Auch sie merkten wohl schnell, dass ich keiner der üblichen Reporter bin, nicht die gewohnten Fragen stelle und mich aus einer anderen Sicht für sie interessiere. So erzählten mir Ricken, Kohler, Bobic, Lehmann und andere von ihren Erlebnissen in ihrer Jugendzeit und wie hart sie an sich arbeiten mussten, um den Sprung zu schaffen. Da waren die Profis genauso angenehme Gesprächspartner wie die jungen Spieler.

schwatzgelb.de: Ist der Film im Endprodukt so geworden, wie Sie ihn sich damals als Grundidee vorgestellt hatten?

Christoph Hübner: Die Idee, was dabei rauskommt, war damals noch offen. Der Film sollte von den Lebens-Geschichten talentierter Jugendfußballer erzählen, die ihrem Traum folgen. Losgelöst von allen Effekthaschereien. Erzählt über eine Distanz von wenigstens drei Jahren. Von 400 Stunden Filmmaterial blieben dabei letztendlich gut zwei Stunden über.

schwatzgelb.de: Das muss doch hart für Sie sein, 400 Stunden Filmmaterial auf zwei Stunden zu schneiden?

Christoph Hübner: Ja, kann man wohl sagen. Das bereitet schon fast körperliche Schmerzen (lacht). Meine erste Version hatte eine Spielzeit von 7,5 Stunden. Die hätte ich gerne gezeigt. Aber das ist fürs Kino natürlich zu lang. Wir filmen ja immer noch weiter und so hoffen Gabriele Voss und ich, dass wir das Material nocheinmal für den geplanten Fernseh-Mehrteiler verwenden können.

schwatzgelb.de: Sagen Sie uns und unseren Lesern, warum man den Film unbedingt sehen sollte?

Christoph Hübner: Der Film gibt ein ungewohnten Blick auf den Alltag eines Fußballers. Für die Fans, aber auch für alle anderen Betrachter, ist es ein Blick hinter das nach außen dargestellte Hochglanzleben. Ich glaube, dass der Betrachter eine andere Sichtweise über das Leben eines Fußballers bekommt. Man bekommt ein Gefühl dafür, mit wie viel harter Arbeit, Enttäuschungen und Problemen das Leben eines Fußballers gespickt ist. Vielleicht trägt der Film auch für mehr Verständnis der Fans für die Fußballer bei.

schwatzgelb.de: Was wäre Ihr Traum als Filmemacher, welchen Wunsch würde Sie sich gerne erfüllen?

Christoph Hübner: Sicher erwartet jetzt jeder "Hollywood" als Antwort. Aber das wäre nicht mein Traum oder Wunsch. Ich finde, das Erzählen von Geschichten mit wirklichen Menschen ist etwas ganz Wunderbares und Hochinteressantes. Mein Traum wäre, dass solche Filme wie dieser genauso geachtet und gesehen werden wie große kommerzielle Kinofilme. Daß mehr Dokumentarfilme den Weg ins Kino finden und eine größere Anzahl von Zuschauern erreichen. Das Schöne am Dokumentarfilm ist, dass man mit dieser Art von Filmen Geschichten aus der Wirklichkeit erzählen kann und den Zuschauer interessante Dinge für sich selbst entdecken lassen kann. Er muß nur die Augen aufmachen. Die Wirklichkeit ist so reich.

schwatzgelb.de: Wir danken für das Gespräch.

Dem Interview wird eine ausführliche Filmkritik am 4. Juli folgen.

Wo bitte geht's ins Kino?

Dortmund: ab 3. Juli Roxy Kino (Premiere nur noch Restkarten) und CineStar (3. Juli 2o.oo Uhr und 22.3o Uhr, ab 4. 7. auch 15.oo Uhr, 17.oo Uhr)

Essen: ab 10. Juli Galerie Cinema Preview am 6. Juli, 20 Uhr im Filmstudio auf Zeche Zollverein

Bochum: ab 17. Juli Endstation Kino im Bahnhof Langendreer, Preview am 6. Juli, 17:30 Uhr

Münster: ab 17. Juli Cinema Filmtheater Preview am 13. Juli 20 Uhr

Ab Juli auch in Hagen, Lünen, Berlin, Frankfurt, Hamburg, Köln und anderen Städten.

Mehr Informationen zum Film und seinen Machern gibt es hier:

www.die-champions-der-film.de

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