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schwatzgelbes Halbzeitgespräch mit Thomas Hennecke

16.08.2002, 00:00 Uhr von:  Wade
Lesezeit: ca. 9 Minuten
schwatzgelbes Halbzeitgespräch mit Thomas Hennecke

In einer neuen Serie des schwatzgelben Halbzeitgespräches wollen wir euch diejenigen Journalisten vorstellen, die hautnah und fast ausschließlich über den BVB berichten. Kein Medienvertreter hat so gute Kontakte zum Verein wie diese Journalisten. Wir starten heute mit Thomas Hennecke vom "KICKER". Ihm werden Oliver Müller (Ex Radio 91.2 Sportchef, freier Journalist, arbeitet z.B. für´s DSF und die Tageszeitung DIE WELT), Willi Wittke (Sportchef Westfälische Rundschau), Klaus Bäcker (Ruhr Nachrichten), Matthias Scherff (Radio 91,2) u.a. folgen.

Seit 1995 berichtet Thomas Hennecke für den kicker über Borussia Dortmund und er kann mit Recht von sich behaupten den Verein zu kennen. Erlebte er doch die großen Erfolge der 90-er Jahre genauso mit, wie den Fastabstieg in der Saison 1999/2000. Thomas Hennecke wurde am 16. Oktober 1959 in Altenhundem (heute Lennestadt/Kreis Olpe) geboren. Nach seinem Abitur 1978 am städt. Walram-Gymnasium in Menden absolvierte er bis 1980 ein Volontariat bei der WESTFALENPOST (Zeitungsgruppe WAZ). Von 1980 bis 1984 studierte er Geschichte und Politik an der Ruhr-Universität in Bochum.

Das man für einen erfolgreichen Werdegang als Journalist nicht unbedingt einen Universitätsabschluss benötigt, bewies Hennecke dann nachhaltig. Er verließ 1984 die Uni und arbeitete bis 1991 als Redakteur bei der WESTFALENPOST.

Seit dem 1. Mai 1991 ist er für den kicker tätig und war vor Borussia Dortmund für folgende Vereine zuständig: Stuttgarter Kickers (damals 1. Liga), Bayer Uerdingen und dem MSV Duisburg. Seit 2000 ist er Leiter der Regionalredaktion West des kicker mit Sitz in Remscheid.

Zu seinen größten Hobbys zählt das Reisen. So besuchte er privat die Fußball-Weltmeisterschaften in Mexiko (1986) und Italien (1990) und ist inzwischen hoffnungslos dem fünften Kontinent verfallen. Wie er sagt, ist er nach verschiedenen Aufenthalten hin und weg von Australien. Egal was er über Australien in die Finger bekommt, ob Bücher oder Filme, alles wird von ihm verschlungen. Mit gutem Grund, denn er bereitet gerade den nächsten Trip vor. Seine Mutter so Hennecke, vermutet sowieso, dass er irgendwann auswandern werde. Er selbst glaubt das nicht. Sein Wunsch wäre, dort ein paar Monate zu leben, um Land und Leute richtig kennen zu lernen.

Schön, wenn man sein Hobby mit dem Beruf verbinden kann. So war er als Journalist bei den Europameisterschaften in England (1996) und Holland/Belgien (2000), sowie bei den Weltmeisterschaften in Frankreich (1998) und Japan (2002) vor Ort. Zuletzt in Japan berichtete er über die "Todesgruppe" mit England, Argentinien, Schweden und Nigeria. Danach berichtete er über Brasilien und kam so auch zur "Finalteilnahme" in Yokohama. Das ganze war allerdings für Hennecke ein Megastress. Das Essen wollte ihm einfach nicht schmecken und so verlor er dort sechs Kilo Gewicht.

Der Privatmensch Hennecke bleibt auch in seiner Freizeit dem Sport verbunden. Mit Jogging und regelmäßigen Training im Fitness-Studio (wurde ihm nach einer Knie-OP vom Arzt empfohlen) hält er sich fit. Außerdem besucht er gerne Leichtathletik- und Tennisveranstaltungen. Wenn die Spannung rund um den BVB sich in Grenzen hält, dann ließt er für sein Leben gerne Krimis. Thomas Hennecke: "Je verzwickter, desto besser."

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schwatzgelb.de: Thomas, im Vorgespräch war ich ganz überrascht, als Du mir sagtest, dass Du eigentlich kein BVB Fan bist. Wieso nicht, wo der BVB doch Dein täglich Brot ist?

Thomas Hennecke: Falls ich Fan der Borussia wäre, würde ich in der Redaktion des Kicker das Papier des Fotokopierers wechseln - aber nicht über den BVB schreiben. Sorry!

schwatzgelb.de: Was war der bewegendste Moment, den Du als Fan mit dem BVB erlebt hast?

Thomas Hennecke: Am meisten emotionalisiert als Berichterstatter hat mich der 32. Spieltag der Saison 1999/2000, als Heiko Herrlich mit seinem Siegtor in Stuttgart den am seidenen Faden hängenden Klassenerhalt sicherstellte.

schwatzgelb.de: Bist Du denn Mitglied bei irgendeinem anderen Verein?

Thomas Hennecke: Mitglied eines Vereins zu sein, über den ich berichten soll, geht nicht. Damit wäre ich angreifbar.

Anpfiff

schwatzgelb.de: Seit wann berichtest Du über den BVB?

Thomas Hennecke: Anfang 1995 überraschte mich mein Boss mit der Nachricht, dass meine Zeit als journalistischer Wegbegleiter der "grauen Mäuse" (Uerdingen, Duisburg etc.) vorbei sei. Seitdem muss man mich in Dortmund ertragen.

schwatzgelb.de: Findest Du, dass sich die Fanszene in Dortmund in den letzten Jahren verändert hat und woran machst Du Deine Beobachtungen fest?

Thomas Hennecke: Vermutlich sind es die Anzug- und Krawattenträger, die mich manchmal daran zweifeln lassen, ob in Dortmund wirklich die "besten Fans der Liga" (Norbert Dickel) ins Stadion pilgern. Ungeduld und Unnachgiebigkeit eines Teils der Zuschauer irritieren mich noch heute. Dass sie Spieler wie Barbarez, Evanilson oder Stevic mobb(t)en, macht(e) mich wütend.

schwatzgelb.de: Wie siehst Du die Arbeit vom Matthias Sammer, was macht er anders als seine Vorgänger?

Thomas Hennecke: Unterschiedliche Mentalitäten und Nationalitäten auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, ist genauso unmöglich wie eine Nummer einzustudieren, bei der Mäuse auf Katzen reiten - dachte ich. Sammer hat es hinbekommen, weil er alles bis ins Detail austüfftelt und nie etwas dem Zufall überlässt. Wenn er es jetzt noch schafft, den Dortmunder Fußball mit noch mehr spektakulären Momenten anzureichern, kann er so lange trainieren wie Otto Rehhagel in Bremen. 14 Jahre, wenn ich mich recht erinnere.

Abstoss

schwatzgelb.de: Was könnten Deiner Meinung nach die Spieler in Dortmund tun, damit die Unterstützung für die Mannschaft auch in schwierigen Situationen im Stadion besser wird?

Thomas Hennecke: Identifikation zeigen - und nicht nur darüber reden. Oder wenigstens darüber reden, wenn man sie schon nicht zeigt.

schwatzgelb.de: Du hast das Uefacup Finale in Rotterdam live miterlebt. Wie ist es Dir als Journalist in Rotterdam ergangen und wie hast Du die Dortmunder Fans erlebt?

Thomas Hennecke: Stinkefinger, Hitlergrüße, Hassparolen, offene Feindseligkeiten, allerdings keine körperlichen - die Atmosphäre war bedrückend, unangenehm, Angst erfüllt. Aggressive Rotterdamer Fans folgten wieder einmal ihren niederen Instinkten. Absolut bedauerlich und ärgerlich, dass die UEFA ihnen mit einem Heimspiel dafür auch noch eine ideale Bühne einräumte. Die mitgereisten Dortmunder Anhänger verdienen eine Tapferkeitsmedaille - und zusätzlich einen Verdienstorden dafür, dass sie der Mannschaft bei ihrem großen Kampf akustischen Rückenwind verschafften.

schwatzgelb.de: Findest Du, dass der Verein trotz seines enormen Wachstums traditionsbewusst geblieben ist, und woran machst Du Deine Meinung fest?

Thomas Hennecke: Wer auf Dauer auch in Europas erster Liga mitspielen will, muss mit der Zeit gehen, muss seinen Vereinen modernisieren, muss neue Einnahmequellen erschließen. Trotz eines modernen Managements historische Werte zu bewahren, ist die Pflicht, die sich das Präsidium auferlegt hat. Noch kann ich keinen gravierenden Unterschied zwischen diesem Anspruch und der Realität erkennen - nur darf sich das Klubleben nicht allein über kommerzielles Denken definieren. Dann hätte der Verein keine Seele mehr.

schwatzgelb.de: Was hältst Du von der Umwandlung des Vereins BVB 09 in eine KGaA? Mit welchen Gefühlen verfolgst Du die Vermarktung des BVB?

Thomas Hennecke: Das sehe ich völlig emotionsfrei. Der Verein benötigte frisches Geld, um neue Investitionen nach dem Motto "Steine und Beine" stemmen zu können. Dafür gab er sich eine neue Rechtsform, ging an die Börse, kassierte 260 Millionen Mark und war wieder in die Lage, die Deutsche Meisterschaft nach Dortmund zu holen. Was ohne tief greifende Reform kaum funktioniert hätte. Ohne KGaA und Börsengang könnte der BVB auf Dauer kein Gegengewicht zum FC Bayern München sein und dessen erheblichen Standortvorteil ausgleichen.

Einwurf

schwatzgelb.de: Wenn Du die Wahl hättest zwischen Deiner jetzigen Karriere und einer Karriere als Fußballprofi beim BVB, welche würdest Du wählen?

Thomas Hennecke: Als ich klein war, wollte ich nicht Fußballer, sondern, im Ernst, Ernst Huberty werden. In gewisser Weise ist mir das auch gelungen. Also übe ich meinen Traumberuf aus. Was will ich mehr?

Steilpass

schwatzgelb.de: Wie sieht Deine tägliche Arbeit rund um den BVB aus, wie hältst Du Dich auf dem Laufenden über die Geschehnisse rund um den BVB?

Thomas Hennecke: Im Gegensatz zu den in Dortmund stationierten Kollegen, die täglich beim Training vor Ort sind, muss ich meine Recherche mehr aufs Telefon verlagern und auf diese Weise Kontakte pflegen, Quellen anzapfen und Nachrichten ausbuddeln. Alle Internet-Seiten rund um den BVB sind unentbehrliche Hilfsmittel - "schwatzgelb.de" gehört dazu.

schwatzgelb.de: Die Probleme der Kirch Gruppe belasten z.Z. den deutschen Fußball. Glaubst Du, dass das Produkt Fußball gefährdet ist, wie könnte es Deiner Meinung nach weitergehen?

Thomas Hennecke: Am populistischen Gehälter-Geschrei habe ich mich nie beteiligt. Die Spieler steckten sich in die Tasche, was der Markt hergab. Daraus mochte ich ihnen keinen Strick drehen. Doch jetzt müssen auch sie einsehen: Der Ast, auf dem sie sitzen, ist morsch. Die Vereine werden jetzt an die Einsichtsfähigkeit ihrer Stars appellieren und deren Einnahmen reduzieren müssen, eine andere Chance bleibt ihnen kurzfristig nicht. Klubs, die in blindem Vertrauen auf endlos steigende Fernsehgelder unsolide wirtschafteten, werden ihre gesamte Kostenstruktur überdenken und den in den vergangenen Jahren entstanden Wildwuchs eindämmen. So gesehen könnte der von der Kirch-Insolvenz ausgehende Schock auch eine heilsame Wirkung haben.

Abseits

schwatzgelb.de: Was macht für Dich beim BVB den Unterschied zu Vereinen wie dem FC Schalke 04 und Bayern München aus?

Thomas Hennecke: Beide Vereine haben einen infrastrukturellen Vorsprung, heißt: die besseren Trainingsmöglichkeiten. Und in Schalke schmeckt das Bier besser.

Elfmeter

schwatzgelb.de: Angenommen, der BVB gibt Dir einen Scheck über 1 Mio Euro, damit Du beim Verein etwas ändern kannst, was Dich stört. Wo investierst Du?

Thomas Hennecke: Ich würde mindestens zwei Top-Designer anstellen, die die "goool.de" ? Kollektion aufpeppen und die etwas hausbackenen Trikots moderner gestalten.

Freistoss

schwatzgelb.de: 1 Frage, 3 Antworten: Was fasziniert Thomas Hennecke am BVB?

Thomas Hennecke:

1) Andrea Meier - weil das Handy ihres Mannes auch im Urlaub auf Juist 24 Stunden am Tag online ist.

2) Karin Sammer - weil sie charmant darüber hinwegsieht, dass sich ihr Mann zu Hause notfalls auch das luxemburgische Pokalendspiel ansieht

3) Brigitte Karaß - weil sie in der Pressestelle des BVB mit unendlicher Geduld jeden noch so sonderbaren Wunsch von Medienvertretern zu erfüllen versucht.

Aufstellung

schwatzgelb.de: Wer war oder ist Dein Lieblingsspieler beim BVB und warum?

Thomas Hennecke: Paulo Sousa, auf dem Platz ein genialer Stratege. Schade, dass er so ein Eigenleben führte und deshalb nicht länger tragbar in Dortmund war.

schwatzgelb.de: Welchen Spieler würdest Du gerne einmal im Dress des BVB spielen sehen?

Thomas Hennecke: Einen von diesen koreanischen Hochgeschwindigkeitsfußballern. Die sind alle sauschnell und fit wie Schmidt.

schwatzgelb.de: Wer war für Dich der herausragende Spieler in Meistersaison?

Thomas Hennecke: Christian Wörns - der Alptraum aller Bundesliga-Stürmer.

Thomas Henneckes "AllStar-Team"

Stefan Klos

Jürgen Kohler - Julio Cesar

Matthias Sammer

Stefan Reuter - Paulo Sousa - Michael Zorc - Dede

Andi Möller

Jan Koller - Stéphane Chapuisat

Abpfiff

schwatzgelb.de: Was wünscht sich Thomas Hennecke für die Zukunft, bezogen auf Borussia Dortmund?

Thomas Hennecke: Eine vernünftige Lautsprecher-Anlage im Stadion, mehr Parkplätze am Trainingsgelände und weniger Egoisten wie Marcio Amoroso.

Wir danken für das Gespräch

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