Im Gespräch mit...

schwatzgelbes Halbzeitgespräch mit Wilfried "Willi" Wittke

04.11.2002, 00:00 Uhr von:  Wade
Lesezeit: ca. 10 Minuten
schwatzgelbes Halbzeitgespräch mit Wilfried "Willi" Wittke

Im zweiten Teil des schwatzgelben Halbzeitgespräches mit Journalisten, die fast ausschließlich über den BVB berichten, sprachen wir mit Willi Wittke, dem Sportchef der Westfälischen Rundschau. Im drittem Teil folgt Oliver Müller, ehemaliger Sportchef bei Radio 91.2 und freier Journalist, arbeitet z.B. fürs DSF und die Tageszeitung DIE WELT.

Mit Willi Wittke verbindet den im Einzugsgebiet der Westfälischen Rundschau lebenden BVB-Fan eine lange Bekanntschaft. Immerhin begleitet der Sportchef der WR seit über 24 Jahren unsere Borussia, schaut hinter die Kulissen und gilt als profunder Kenner der Szene.

"Dem Fußball", sagt er, "habe ich viel zu verdanken". Denn sein Beruf ist gleichzeitig sein Hobby, dass ihn durch die halbe Welt geführt hat. Er berichtete über die Weltmeisterschaften 1974 (Deutschland), 1978 (Argentinien), 1982 (Spanien), 1986 (Mexiko), 1990 (Italien) und 1994 (USA), über die Europameisterschafts-Turniere 1972 (Belgien), 1980 (Italien), 1984 (Frankreich), 1988 (Deutschland), 1992 (Schweden) und 1996 (England). Mit dem Finale im Wembley-Stadion beendete er seine "Nationalmannschafts-Karriere" und konzentriert sich seit dem ganz auf den BVB.

Der "Sportjournalist aus Leidenschaft" wird als Fußball-Experte in der ganzen Republik geschätzt. Als Autor und Herausgeber mehrerer Bücher über den BVB (aktuell: Das Meisterbuch 2002 ?So ein Tag...?) steht mit vielen aktuellen und früheren Fußball-Stars auf Du und Du.

Privat schaltet Willi Wittke dann gerne einen Gang zurück. Wenn es die Zeit zulässt, entspannt er sich bei längeren Spaziergängen, gemütlichen Kino- oder Fernsehabenden und gern auch bei einem Pils in der Kneipe nebenan. Dann diskutiert er lebhaft mit den Fußball-Freunden und wird selbst zum Fan.

SEITENWAHL

schwatzgelb.de: Kannst Du Dich noch erinnern, wie und wann Du BVB-Fan geworden bist?

Willi Wittke: Fan ist der falsche Ausdruck. Mein Beruf gebietet Neutralität und Objektivität. Sicherlich stehe ich als bekennender Dortmunder dem BVB sehr nahe, und ich nenne Borussia gern meine liebste Kommanditgesellschaft. Meine erste Live-Bekanntschaft mit Schwarzgelb habe ich 1955 bei den Spielen um die Deutsche Meisterschaft in der Roten Erde gemacht und solch tolle Fußballer wie Michallek, Preißler, Kelbassa und Co. bewundert.

schwatzgelb.de: Was war der bewegenste Moment, den Du als Borussias Wegbegleiter erlebt hast?

Willi Wittke: Es gab vier bewegende Momente. Erstens der Pokal-Triumph 1989, das 4:1 gegen Werder Bremen, der erste Titel für den BVB - außer der wertlosen B1-Meisterschaft - nach 23 Jahren, als Berlin eine friedliche Invasion in Schwarzgelb erlebte. Zweitens die Deutsche Meisterschaft 1995, drittens der sensationelle Sieg in der Champions League 1997 in München gegen Juventus Turin und viertens das Last-Minute-Kopfballtor von Heiko Herrlich am 32. Spieltag der Saison 1999/2000 zum 2:1 beim VfB Stuttgart, mit dem er Schwarzgelb den Garantieschein für den Klassenerhalt ausstellte.

schwatzgelb.de: Bist Du Vereinsmitglied bei Borussia?

Willi Wittke: Heute wirbt der Club mit der Aktion 40 000 um neue Mitglieder. Anfang 1990 hatte Michael Meier eine Wette abgeschlossen, dass er innerhalb einer Stunde zehn Mitglieder gewinnen würde. Das ist ihm gelungen, ich gehörte dazu.

schwatzgelb.de: Wie lange berichtest Du schon über Borussia Dortmund?

Willi Wittke: 2003 werden es 25 Jahre. Vorher hatte ich mich intensiv mit den anderen westdeutschen Bundesligaklubs beschäftigt. Nachdem ich die deutsche Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 1978 nach Argentinien journalistisch begleitet hatte, meinte mein damaliger Chefredakteur Günter Hammer, es sei endlich an der Zeit, dass ich auch über den wichtigsten Verein im Verbreitungsgebiet der Westfälischen Rundschau regelmäßig berichte. Seither setze ich mich mit dem BVB konstruktiv-kritisch auseinander.

schwatzgelb.de: Findest Du, dass sich die Fanszene in Dortmund in den letzten Jahren verändert hat, und woran machst Du Deine Beobachtungen fest?

Willi Wittke: Die besten Fans der Liga? Ich würde die Dortmunder Zuschauer eher als das treueste Opern-Publikum Deutschlands bezeichnen. Waren das noch Zeiten, als die Südtribüne mit ihren kreativen Gesängen ganz Fußball-Europa beeindruckte. Der BVB-Fan ist heute verwöhnt von Erfolgen, überkritisch, ungeduldig und feiert sich im Westfalenstadion gern selbst. Auswärts erfährt die Mannschaft in der Regel bessere Unterstützung.

schwatzgelb.de: Was könnten Deiner Meinung nach die Spieler in Dortmund tun, damit die Unterstützung für die Mannschaft auch in schwierigen Situation im Stadion besser wird?

Willi Wittke: Von der ersten Minute an Fußball arbeiten und zaubern, keinen Fehler machen und nach Möglichkeit in jeder Halbzeit drei, vier Tore schießen

schwatzgelb.de: Wie siehst Du die Arbeit von Matthias Sammer, was macht er anders als seine Vorgänger?

Willi Wittke: Er hat eine Multi-Kulti-Gesellschaft zu einem Team zusammengeschweißt und strahlt eine natürliche Autorität aus. Es gibt keinen Spieler, der ihn nicht respektiert. Was Sammer sagt, ist Gesetz. Diese Position hat er sich hart erarbeitet. Er lebt Professionalität vor, überlässt nichts dem Zufall und identifiziert sich - wie seine ganze Familie - in einem hohen Maße mit Borussia.

ABSTOSS

schwatzgelb.de: Wenn Du das Team heute mit den erfolgreichen Mannschaften in den 50/60-er und 90-er Jahren vergleichst, worin liegt für Dich der Unterschied?

Willi Wittke: Man kann sie schlecht oder gar nicht vergleichen. Der Fußball hat sich immer mehr in die Richtung Athletik, Schnelligkeit und Taktik entwickelt. In den 50-er und 60-er Jahren haben die Mannschaften sicherlich schöner gespielt, aber nicht in einem solch hohen Tempo und Zweikampf betont wie heute.

schwatzgelb.de: Findest Du, dass der Verein trotz seines enormen Wachstums traditionsbewusst geblieben ist, und woran machst Du Deine Meinung fest?

Willi Wittke: Borussia versucht einen schwierigen Balance-Akt zwischen Kommerz und Tradition. Bisher hält der Club weitgehend das Gleichgewicht. Um in der Bundesliga an der Spitze und in Europa im Konzert der Großen mitzuspielen, muss der Verein mit der Zeit gehen und kann sich der allgemeinen Entwicklung nicht verschließen. Auf der anderen Seite pflegt der BVB wie kaum ein anderer Club die Tradition. Die Altmeister von einst, aber auch viele Ex-Profis, sind stets gern gesehene Gäste im Westfalenstadion und selbst bei Auslandsreisen.

ECKBALL

schwatzgelb.de: Was hältst Du von der Umwandlung des Vereins BVB 09 in eine KGaA? Mit welchen Gefühlen verfolgst Du die Vermarktung des BVB?

Willi Wittke: Man muss die wirtschaftliche Situation in Nordrhein-Westfalen sehen. Hier teilen sich mehrere Bundesligisten den Kuchen, in Bayern zum Beispiel sind es lediglich drei. Die umsatzstärksten deutschen Unternehmen sind ? Ausnahme Borussias Hauptsponsor e.on - nicht in NRW angesiedelt. Unter diesen Voraussetzungen hat der BVB bislang optimal gewirtschaftet. Dazu gehörte auch der Gang an die Börse, der erst die finanziellen Möglichkeiten eröffnete, um weiter gezielt in Steine und Beine zu investieren. Die Gretchenfrage lautet doch: Will Dortmund zurück ins Mittelmaß oder Spitzenfußball? Für meine Begriffe wird die herausragende Arbeit, die Gerd Niebaum und Michael Meier hier leisten, nicht genug gewürdigt. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass Borussia seit Jahren - Ausnahme die Saison 1999/2000 - auch in Europa eine erstklassige Rolle spielt.

EINWURF

schwatzgelb.de: Wenn Du die Wahl hättest zwischen Deiner jetzigen Karriere und einer Karriere als Fußballprofi beim BVB, welche würdest Du wählen?

Willi Wittke: Ich habe, wie die Fußball-Profis, mein Hobby zum Beruf gemacht. Mein großes Vorbild war nicht Fritz Walter, sondern Alfred Heymann, mein Vorgänger als Sportchef der Westfälischen Rundschau, dessen Berichte und Kommentare mich schon als kleiner Junge fasziniert haben. Als Fußballer hatte ich nicht die Qualität, um von einer Karriere in kurzen Hosen träumen zu können. Es hat nur für die Landesliga gereicht.

STEILPASS

schwatzgelb.de: Das Meisterbuch "So ein Tag..." ist völlig unerwartet das einzige Buch, dass über die Meisterschaft 2002 des BVB berichtet. Hattest Du, bei der Entscheidung, das Buch zu realisieren, damit gerechnet, oder ist das für Dich genauso überraschend wie für uns?

Willi Wittke: Das Projekt hatten wir schon im Frühjahr geplant, unabhängig ob der BVB Meister würde oder nicht. Die Produktion hatte sich leider verzögert, und ich hatte tatsächlich die Befürchtung, dass andere Verlage den Handel mit Meisterbüchern überschwemmen würden. Erstens kommt es anders... Ich finde, dass dies ein gelungenes Werk ist. Die Spielberichte aus Sicht des Fans finde ich bemerkenswert, mal etwas ganz anderes als die herkömmlichen Bücher.

schwatzgelb.de: Wie beziehst Du Deine Informationen rund um den BVB, wie sieht Dein Arbeitstag aus?

Willi Wittke: Zum einen über die offiziellen Pressemitteilungen von BVB-Medienchef Josef Schneck, dann natürlich über Gespräche beim täglichen Training und nicht zuletzt über persönliche Kontakte mit Leuten, die wissen, wie und wo der Hase läuft bei Borussia. Auch schwatzgelb.de ist mitunter nicht schlecht informiert. Mein Arbeitstag? Flexibilität ist gefragt. Mal dauert er 14 Stunden, mal nur drei. Die Wochenenden sind während der Saison komplett belegt mit Fußball und Redaktion.

schwatzgelb.de: Die DFL hat die Regie in der 1. und 2. Bundesliga übernommen. Glaubst Du, dass die nun angestrebte totale Vermarktung des Fußball nach amerikanischem Prinzip auf Dauer dem Fußball in Deutschland schadet?

Willi Wittke: Die DFL steckt noch in den Kinderschuhen. Sie ist erst dabei, sich freizustrampeln. Im Zuge der Kirch-Krise und der Verhandlungen über einen neuen Fernseh-Vertrag hat sie kein gutes und entschlossenes Bild abgegeben. Amerika sollte nicht unbedingt das Vorbild sein. Die Verhältnisse dort lassen sich nicht nach Deutschland projizieren. Das ist gut so.

ABSEITS

schwatzgelb.de: Was macht für Dich den Unterschied zu Vereinen wie Schalke 04 und Bayern München aus?

Willi Wittke: Der FC Bayern München hat seine Möglichkeiten und Voraussetzungen mit dem Bau des Olympiastadions optimal genutzt und spielt seit 33 Jahren auf höchstem Niveau, Respekt. Schalke finde ich gut. Ich ziehe den Hut vor der Arbeit des Managements mit Rudi Assauer und Peter Peters. Was sie - übrigens beide Dortmunder - auf die Beine gestellt haben (Arena, Trainingszentrum, UEFA-Cup-Triumph 1997, DFB-Pokalsieger 2001 und 2002 ), ist aller Ehren wert. Schalke war vor zehn Jahren noch arm wie eine Kirchenmaus.

ELFMETER

schwatzgelb.de: Angenommen, der Verein gibt Dir einen Scheck über 1 Mio Euro, damit Du beim Verein etwas ändern kannst, das Dich stört. Wo investierst Du?

Willi Wittke: In bessere Arbeitsbedingungen für die Fotografen und in eine öffentliche Kneipe am Stadion oder auf dem Trainingsgelände als Kommunikationszentrum für die Fans. Da ist Schalke mit dem "Schalker", wo sich nach dem Training häufig auch die Spieler sehen lassen, dem BVB einen Schritt voraus.

FREISTOSS

schwatzgelb.de: Eine Frage, drei Antworten: Was fasziniert Willi Wittke am BVB?

Willi Wittke:

1) Die Ausstrahlung und Persönlichkeit von Präsident Gerd Niebaum, der seine Visionen zum Wohle der gesamten Borussia-Familie mit Leben erfüllt,

2) Charme und Tradition der KgaA, die trotz Kommerzialisierung ein Verein geblieben ist,

3) die Presse-Gespräche mit Matthias Sammer, wenn der Trainer noch total unter Strom steht.

AUFSTELLUNG

schwatzgelb.de: Wer war oder ist Dein Lieblingsspieler beim BVB?

Willi Wittke: Ganz klar Tomas Rosicky. Es macht einfach Spaß, ihm zuzuschauen. Er wird gejagt und wehrt sich. Der Junge hat Sachen drauf, phänomenal.

schwatzgelb.de: Welchen Spieler würdest Du gerne einmal im Dress des BVB spielen sehen?

Willi Wittke: Alessandro Nesta, der jetzt für den AC Mailand spielt. Für mich der komplettestes Abwehrspieler der Welt.

schwatzgelb.de: Wer war für Dich der herausragende Spieler in der letzen Saison?

Willi Wittke: Christian Wörns und Jan Koller standen auf einer Stufe. Wörns räumte hinten ab, und Koller opferte sich für die Mannschaft auf.

Willi Wittkes ALLSTARS-TEAM

Tor: Tilkowski

Abwehr: Reuter, Kohler, Michallek, Julio Cesar

Mittelfeld: Möller, Preißler, Sammer, Rosicky

Sturm: Chapuisat, Emmerich

ABPFIFF

schwatzgelb.de: Was wünscht sich Willi Wittke für die Zukunft, bezogen auf Borussia Dortmund?

Willi Wittke: Ein großzügiges Trainingsgelände, damit die Jugendlichen endlich eine Heimat finden und ein Publikum, das wie ein Mann hinter Borussia steht, wenn die Mannschaft einem Rückstand nachlaufen muss.

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