Fehlfarben

Die Kuh zum Schlachter

01.11.2002, 00:00 Uhr von:  Desperado09
Lesezeit: ca. 6 Minuten
Der Fehlfarben - Teaser
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Es muss etwas passiert sein. Etwas von sehr bedeutendem Ausmaß, so wichtig, dass die Süddeutsche Zeitung die komplette erste Seite nur einem einzigen Thema widmet: Dem Ausscheiden des FC Bayern aus der Champions League. Wenn sich Münchens einzige wirklich seriöse Zeitung so ausgiebig diesem Thema widmet, ohne in die sonst an ihr so geschätzte Ironie zu verfallen, muss es wirklich schlecht bestellt sein um den Vorzeige-Klub.

Ein Kommentar, Auszüge aus Rummenigges Gardinenpredigt beim Abendessen, ein Analyse der Situation, Pressestimmen aus dem Ausland ("Nicht mal der Keks-Pokal" - sehr schön, danke, Marca) und ein Bericht über das finanzielle Desaster. Dazu noch eine Auflistung vergangener Europapokal-Pleiten und eine kurze Meldung, dass Olli Kahn, Deutschlands beliebtester Golfer und Disco-Gänger, 10.000 Euro Strafe in die Vereinskasse zahlt.

Während die SZ noch nüchtern und analytisch an die Sache herangeht, rauscht es im Boulevard-Blätterwald gewaltig. Die Abendzeitung betitelt Hitzfeld gar als "Trainer der "Schande"" und geht dabei ganz kreativ mit den Gänsefüßchen um. Die "Schande" stammt nämlich aus dem Mund von Kalle Rummenigge. Die Münchner Ausgabe der Bild weiß wie immer schon mehr als alle anderen und schreit, dass nun Hitzfelds Stuhl wackelt.

Wenn der Westfale böse ist, so richtig böse, dann wird er ganz still, Er schimpft nicht und wütet nicht wild drauf los, sondern wählt seine Worte mit Bedacht. Und spricht ruhig, ganz ruhig, als wolle er eine Kuh überzeugen, doch bitte mehr Milch zu geben. Und mit ruhigen, wohl gewählten Worten droht der dem Vieh mit dem Schlachter.

Rummenigge ist Westfale, auch wenn er und viele Menschen aus der Region um Lippstadt das verdrängt haben mögen. Was Kalle sagt, das meint er auch so. Das Gute am Westfalen ist, dass er jedes Wort so meint, wie er es sagt. Und gerade das lässt die Situation, mit der die Bayern gerade zu kämpfen haben, so bitter erscheinen. Nach dem CL-Debakel von La Coruna hielt Kalle von Lippstadt seine erste Rede beim traditionellen Bankett nach dem Spiel. Die Aufgabe war groß, das Vorbild übermenschlich. Hatte doch der Kaiser persönlich bislang stets die Ehre gehabt, auf die ihm unterstellten Fußballer einzudreschen, wenn's in Europa mal wieder nicht lief.

Seine Heiligkeit pflegte das stets mit Charme, Sarkasmus und Zynismus zu tun, rollte grollend das "r" und grantelte auf bayerische Art.

Die Zeiten sind vorbei. Aus Rummenigges Mund tröpfelten die Worte in einer Deutlichkeit und Klarheit, dass jeder Spieler wissen muss, was die Stunde geschlagen hat: "schwarzer Tag", "Albtraum", "Enttäuschung", "Blamage", "Schande" - das Vokabular ist eindeutig. Vorwürfe an die Spieler, sie seien arrogant gewesen (war das früher nicht Voraussetzung, um überhaupt bei Bayern spielen zu dürfen?) und hätten Leidenschaft und Disziplin vermissen lassen. Auch der Trainer bekommt sein Fett weg, und da beginnt es, wirklich unappetitlich zu werden. Rummenigge habe die Spieler "wie gelähmt" gesehen und mit dieser Mannschaft sei mehr möglich gewesen.

Jetzt geht sie also los, die Demontage Hitzfelds. Aber klar, der Mann hat ja auch nichts erreicht. War es nicht unter Hitzfeld, als die Bayern im CL-Finale gegen ManU so kläglich in den letzten Minuten versagten? Hat der FC Bayern nicht unter Hitzfeld das DFB-Pokalfinale gegen Bremen verloren? Und überhaupt, sind die Bayern etwa amtierender Meister? Ein uralter Mechanismus kommt einmal mehr ins Rollen: Erfolg ist selbstverständlich, Misserfolg wird bestraft. Schon vor der Saison setzte Vorstandschef Rummenigge den Angestellten Hitzfeld mit der lapidaren Feststellung, man habe nun den "besten Kader aller Zeiten" unter Druck. Nein, so sei das nicht gemeint gewesen, ruderte später die gesamte Vereinsführung zurück.

Von wegen. Wenn die Aussage vom Kaiser oder vom Wurstfabrikant gekommen wäre - kein Problem. Beckenbauer ist schließlich Meister im Zurückrudern und Uli Hoeneß fährt ohnehin schnell aus der Haut, so dass man ihn längst nicht mehr so ganz ernst nimmt. Aber wenn der Kalle spricht, sollte schon jedes Wort für bare Münze genommen werden.

Apropos Münze: Das Aus in der Champions League schmerzt die Bayern längst micht nur sportlich. Dem Klub sind durch das Versagen seiner Kicker Millionen durch die Lappen gegangen. Von der Telekom gibt es keine Erfolgsprämie, stattdessen müssen sich die Bayern mit läppischen 20 Millionen Euro (pro Jahr!!!) begnügen. Die Erfolgsprämien, die andere Mannschaften für Siege in den Gruppenspielen bekommen, bleiben ebenfalls aus. Offiziell fehlen 15 Millionen Euro in der Vereinskasse. Das treibt schon das eine oder andere Schweißperlchen auf Hoeneß' Stirn. Denn just, da der FC Bayern zum ersten Mal in der Ära des schwäbischen Managers einen Kredit aufgenommen hat, klingelt die Kasse nicht mehr so süß wie in all den Vorjahren. Schließlich gibt es im Münchner Norden, gleich neben der Mülldeponie in Fröttmaning, ein Stadion zu bauen. Zusammen mit den 60ern, die selbst noch gar nicht wissen, wie sie den Allianz-Tempel finanzieren sollen. Und jetzt das Aus in der CL.

Wenn die Mannschaft jetzt noch in Bremen versagt, dann können Wetten darauf angenommen werden, wie Kalle und Konsorten das "Problem" Hitzfeld lösen. Wie auch immer: Die Sache stinkt. Eines dürfte klar sein: Zeit hat der Trainer nicht mehr. Nicht beim FC Bayern, wo auch ein zusammengekauftes Ensemble erst zusammenwachsen muss. Die Zeichen stehen auf Sturm. Der echte FC Bayern hätte das Spiel gegen Hannover gewonnen und hätte sich irgendwie auch in der CL in die nächste Runde gehangelt. Es sieht übel aus. Und die arbeitslosen Trainer kreisen schon über der Säbener Straße, die Schlachter wetzen die Messer.

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