Eua Senf

Ein Wochenende in London

13.11.2002, 00:00 Uhr von:  Gastautor
Ein Wochenende in London

Als Abschlussreise vor dem Studium hatte ich mir einen Trip nach London ausgesucht, zum einen weil mich die Stadt mit ihrem Wechsel von Großstadttrubel und absoluter Ruhe in den Parks begeistert, zum anderen weil die Dichte an Fußballklubs recht hoch ist.

Für Samstag den 31. August hatte ich mir die Partie West Ham gegen Charlton Athletic, also eines der unzähligen Londoner Derbys ausgeguckt. Da es meine erste Berührung mit dem Fußball auf der Insel war, wusste ich nicht so ganz, was mich erwarten würde. Als einzige Info hatte ich: ?West Ham ist sehr geil.? Ich bestieg also an Monument die District Line, die mich direkt zum Upton Park bringen sollte. Es war bereits eine Stunde vor Anpfiff, die Bahn war aber eher spärlich gefüllt. Trikotträger machten in etwa ein gutes Drittel der Fans aus, Schals gab es kaum. Ich hatte mich mit meinem England-T-Shirt bewaffnet, um jedem Missverständnis von vornherein vorzubeugen. Die Underground-Station Upton Park war total auf den Durchfluss der Fans eingestellt, keine Barrieren oder Kontrollen. Auf der Straße zum Stadion liefen nun Fans beider Lager in voller Eintracht, von der U-Bahn-Station waren es noch ein paar Hundert Meter. Von außen wirkt das Stadion sehr futuristisch, eigentlich eher wie eins von EASports.

Ich musste erst noch meine reservierte Karte abholen und machte mich auf den Weg zur Ticket Office. Doch mein Schicksal teilten viele, eine Schlange von ca. 150 Meter länge verlief über den gesamten Stadionvorplatz; wie in England üblich natürlich ganz geregelt an einem Zaun entlang um mehrer Kurven und am Ende mit zwei Personen in Orange, die beim Bemerken eines offenen Schalters halfen. Kurz vor Anpfiff hielt ich nun endlich mein Ticket in Händen und folgte der Handbewegung des Sicherheitsmenschen. Leider war es die falsche Richtung, so dass ich nach einem kurzen Zwischenspurt genau zum Anpfiff auf der Tribüne war. Kontrollen gleich 0. Alle Eingänge waren schmale Tore, dahinter ein Abreißer und dann eine Eisendrehtür. Ich hätte alles mit reinnehmen können.

Ich hatte meinen Platz, es gibt ja nur Sitzplätze, auf dem Bobby Moore Upper, der Heimtribüne, am oberen Rand. Zu Beginn wurde ein Lied von den meisten angestimmt, was recht laut war. Bis zur schnellen Führung durch Charlton?s Jensen kamen noch vereinzelte ?Come on Hammers?-Gesänge dazu. Doch nach dem 0-1 war erst mal Ruhe angesagt. Das Spiel war nicht sonderlich aufregend, West Ham war bemüht, aber einfach zu schwach. Charlton verlegte sich aufs Kontern. Somit blieb mir Zeit, mich etwas auf den Rängen umzusehen. Direkt hinter mir waren mehrere Gruppen von Japanern, die eher wie Touristen mit All-Inclusive-Paket wirkten. Neben mir eine englisch Familie, Mann mit Frau und kleinem Kind. Der Mann sorgte für etwas Stimmung auf der Tribüne, indem er alles aufgebracht kommentierte und dabei so ungefähr 2-mal pro Satz ?fuck? verwendete. Das ist halt Erziehung auf die britische Art. Kurz vor dem Halbzeitpfiff schoss John Fortune durch 6 weiße Beine ins Netz zur Vorentscheidung. Der Gästeblock gegenüber, im rechten unteren Teil der Tribüne, veranstaltete dann ne schöne Party, insgesamt blieben aber auch die Athletic-Fans blass.

Die meisten Hammers-Fans waren zum Halbzeitpfiff eh nicht mehr auf ihren Plätzen. Neben dem Applaus der ganzen Tribüne zu Beginn und Ende jeder Halbzeit sowie bei den meisten guten Aktionen fiel mir die Fluktuation ab der 35. Min. am meisten auf. In der zweiten Halbzeit erspielte sich West Ham noch ein paar Chancen, ohne dabei die Fans zu etwas Stimmung animieren zu können.

Mit dem Schlusspfiff verließ ich das inzwischen halbleere Stadion, zu Beginn waren 32,424 Zuschauer da, und machte mich wieder auf den Weg zur U-Bahn-Station. Das war auch gar kein Problem, nur, man konnte nicht in die Station hinein. Es war wieder mal eine Zaun aufgebaut, an dem man entlang schlendern durfte und dann auf der anderen Seite des Zauns wieder zurück in die Station. Zur Vermeidung von Überfüllung des Bahnhofs sehr effektiv, war diese Methode doch für den Fan sehr nervtötend. Der gewissenhafte englische Bobby hatte sich auch an jeder Nahtstelle des Zauns postiert, um Abkürzungen vorzubeugen. Ich konnte es mir erst nicht vorstellen, doch die Absperrung verlief um mehrere Biegungen über eine Strecke von gut einem Kilometer. Für Erheiterung sorgte eine 20-köpfige Gruppe von indischen RentnerInnen in bunten Gewändern, die mich auf dem Weg begleiteten. Nach einem schönen Abend in der Stadt verzog ich mich in mein kleines Bed&Breakfast, was den Namen Macdonald trug. Hatte aber nix mit der bekannten Kette zu tun und war auch eher schlicht eingerichtet; die eine Gemeinschaftsdusche im Treppenaufgang versprühte einen etwas grünlich angehauchten Charme auf den Fließen. Egal, es gab einen Fernseher und ich betrachtete die Highlights des Spieltages auf ITV. Am nächsten Morgen schlugen Ham&Beans ganz schön rein und ich freute mich auf mein zweites Spiel, wieder ein Londoner Stadtderby.

So machte ich mich wieder mit der District Line auf Zur Station Fulham Broadway um von da zur Heimstätte des FC Chelsea zu laufen, der an jenem Sonntag mein Lieblingsteam auf der Insel, nämlich den FC Arsenal, empfing. Ich sah mich einer blauen Übermaht gegenübergestellt und entschied mich, mein rot-weißes Trikot lieber zuhause zu lassen. Ich hatte eine Karte für die Haupttribüne, welche als Chelsea-supporting-area ausgeschrieben war und in den AGB wurde darauf hingewiesen, dass man bei Unterstützung des anderen Teams aus dem Stadion verwiesen werde. Das Stadion hielt keine größeren Reize für mich bereit, halt alles sehr modern. Die Dachkonstruktion erinnerte mich etwas an die Entwürfe für das Westfalenstadion nach Schließung der Ecken.

Dieses Mal hatte ich meine Karte schon und begab mich nach dem Programmkauf gleich in die Heimstätte des Westlondoner Klubs. Auch diese Mal keine Kontrollen und sehr freundliche Ordner innerhalb des Stadions. Ich fand mich auf Höhe der Mittellinie wieder und war ganz begeistert vom Blick, bisher hatte ich bei allen meinen Spielen hinterm Tor gestanden bzw. gesessen. Als besonderen Luxus bot der Sitz einen Blick auf die Londoner City, da die gegen-überliegende Tribüne etwas niedriger war. Auf dem Foto ist das leider links nur zu erahnen. Eine weitere Besonderheit in der Stamford Bridge ist, dass die Gästefans auf der Haupttribüne den unteren Block bekommen, auf dem Foto zu sehen neben dem Spielertunnel. Dadurch ergaben sich natürlich gute Möglichkeiten mit den auf dem Foto links situierten Chelseafans in direkten Dialog zu treten. So wurde schon lange vor dem Anpfiff gute Stimmung zwischen den beiden Lagern gemacht. Das Spiel begann ganz munter und Arsenal war eigentlich die aktivere Fangruppe. Fast das ganze Spiel wurde durchgesungen. Chelsea legte etliche Pausen ein, war aber z.B. mit ?Chelsea, Chelsea, Chelsea?, wobei alle Tribünen mitgingen, bombig laut. Nach dem Führungstreffer von Zola, als Seaman nicht gut aussah, wurde es auch richtig laut. Arsenal zeigte ganz guten Fußball, hatte aber wenig Chancen, auch Wiltord konnte mit Kanu den Ausfall von Henry und Bergkamp nicht so richtig kompensieren. Im Gegensatz zu West Ham blieben die Zuschauer auch bis kurz vor Halbzeit auf ihren Sitzen.

Die zweite Halbzeit begann mit dem Verweis von Patrick Vieira, nachdem er bei Groenkjaer drüber gehalten hatte und dieser sich direkt vor den Arsenal-Fans mächtig wälzte. Nach der gelb-roten Karte flog so einiges auf das Spielfeld, es gibt halt weder Zäune noch Kontrollen und einige können mit dieser Freiheit nicht so ganz umgehen. War aber zu weit weg, um genau erkennen zu können, was genau das war. Nach einer kurzen Unterbrechung ging es weiter und nach rund einer Stunde kam Arsenal durch den eingewechselten Toure zum obligatorischen Tor, sie haben ja den Rekord von über 45 Spielen am Stück mit mindestens einem Tor. Dann passierte nichts wesentliches mehr, das Foto zeigt die letzte Ecke für Chelsea in der 93. Minute. Hasselbaink war gekommen, blieb aber blass.

Nach dem Spiel verlief alles ganz nett und friedlich, man wurde diesmal nicht umgeleitet, sondern durfte nur nicht den Beginn des Zaunes verpassen. Es waren irgendwie alle halbwegs zufrieden und gingen ihrer Wege.

Alles in allem fand ich die Atmosphäre in London recht angenehm, es wurde zum Beispiel auch kaum gepfiffen, es war viel mehr Anerkennung und Respekt vor der Leistung da. An Gesängen kam aber deutlich weniger als von der so oft kritisierten Süd.

Geschrieben von Augi

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