Im Gespräch mit...

...Jürgen "KOBRA" Wegmann (Exklusiv)

25.03.2001, 13:00 Uhr von:  Redaktion

Jürgen Wegmann, auch bekannt unter seinem Spitznamen Kobra, ist ein ehemaliger deutscher Fußballspieler. Berühmt wurde er durch den entscheidenen Treffer im zweiten Relegationsspiel 1986, der den BVB am Ende rettete. schwatzgelb.de führte ein Exklusiv-Interview mit dem ehemaligen Fußball-Profi.

schwatzgelb.de: Hallo Jürgen, was machst Du eigentlich heute?

Kobra: Ich bin nun schon seit ca. 4 Jahren beim BVB beschäftigt, arbeite halbtags in der Geschäftstelle oder unterstütze gelegentlich Aki Schmidt und Lothar Emmerich bei der Fanbetreuung. Der Verein, speziell Michael Meier haben mir in einer schwierigen privaten Zeit sehr geholfen und mich zur Borussia zurückgeholt.

schwatzgelb.de: Spielst Du überhaupt noch Fußball?

Kobra: Klar. Ich spiele seit einiger Zeit beim BVB in der Traditionsmannschaft. Unseren letzten großen Auftritt hatten wir gerade in Fulda, wo wir gegen die Traditionsmannschaften von Bayern München und PSV Eindhoven oder der Uwe Seeler Traditionsmannschaft in einem hochkarätigen Turnier gespielt haben.

schwatzgelb.de: Und, wie habt ihr da abgeschnitten?

Kobra: Gut. Wir haben dort den 2. Platz belegt.

schwatzgelb.de: Aber heute ist das eine, Deine aktive Profi-Laufbahn das andere. Gehen wir also zurück zur Saison 1985/86. Wie war da die Situation innerhalb des Vereins? Waren die ganzen Querellen denn nicht sehr belastend für euch als Spieler?

Kobra: Das war mit Sicherheit nicht einfach, es gab immer wieder Unruhe. Konzentriertes Arbeiten war nur sehr schwer möglich. Der Ungar Pal Cernay wurde ja damals vor der Saison als Trainer verpflichtet. Wir hatten viele junge Spieler in der Mannschaft, ich selbst war ja auch erst 22 Jahre alt, dazu noch Zorc, Simmes, Anderbrügge und Kutowski. Wir wussten, dass die Saison nicht leicht werden würde. Zu Cernay muss ich sagen, dass er wohl mein bester Trainer war, den ich in meiner Laufbahn hatte. Er war sehr hart, haute auch mal richtig dazwischen wenn etwas nicht so lief wie er wollte, aber ich bin da gut mit klargekommen. Als wir dann im Keller standen, wurde Cernay entlassen und der damalige Co-Trainer Rainer Saftig wurde zum Nachfolger ernannt.

schwatzgelb.de: Wie lief es in dieser Saison bis zur Relegation für Dich?

Kobra: Ich war wie gesagt damals 22 Jahre alt. Es war für mich einen außergewöhnliche Saison. In der Saison davor hatte ich ja einen Wadenbeinbruch und in der Vorbereitung auf die Saison 85/86 kam dann Cernay, der mich auch sehr gut unterstützte. Ich konnte die ganze Saison voll durchtrainieren und habe bis auf das erste Spiel und einigen Auswechslungen in den Schlussminuten immer durchgespielt. So was habe ich später nie wieder erlebt, keine Verletzung, keine Wehwehchen. So kam ich auf 33 Einsätze in dieser Saison zuzüglich der Pokalspiele (immerhin Halbfinale!) habe 14 Tore geschossen und auch noch viele Vorlagen gegeben.

Jürgen schließt die Augen und hört immer noch den Aufschrei der Fans nach seinem Tor. Oben rechts sieht man die Stadionuhr, die vor dem Umbau in der Mitte der Südtribüne hing.
Jürgen schließt die Augen und hört immer noch den Aufschrei der Fans nach seinem Tor. Oben rechts sieht man die Stadionuhr, die vor dem Umbau in der Mitte der Südtribüne hing.

schwatzgelb.de: Nach dem katastrophalen Hinspiel in Müngersdorf, wie war da die Stimmung in der Mannschaft?

Kobra: Wir hatten in Köln nicht stark gespielt. Fortuna Köln verfügte damals über eine spielstarke Mannschaft und wir waren zu dieser Zeit keine Auswärtsmannschaft. Zu Hause, da konnten wir unser Spiel aufziehen und jedem Gegner aufdrängen. In Köln bin ich nach er 70. Min. von Trainer Saftig ausgewechselt worden. An dem Tag lief gar nichts bei mir, ich hatte schwere Beine und kam überhaupt nicht ins Spiel. Die Note „5“ damals war wohl berechtigt. Die Situation für mich zum Rückspiel wurde auch nicht einfacher dadurch, dass mein Wechsel nach Schlacke schon bekannt gegeben worden war. In der letzten Mannschaftsbesprechung habe ch dann dem Trainer gesagt, dass er mich unbedingt durchspielen lassen müsste. Er fragte mich warum und ich habe ihm damals wirklich darauf geantwortet: „Damit ich in der 90. Min. das entscheidende Tor noch schießen kann.“

schwatzgelb.de: Habt Ihr im Spielerkreis auch über die besondere Situation für den Verein und Euch gesprochen?

Kobra: Sicher, jedem war klar das es jetzt um alles ging. Ich weiß noch wie ich mich vor dem Rückspiel mit Icke Immel vor dem Mannschaftsbus drüber unterhalten habe was aus der Mannschaft und dem BVB wird, wenn wir absteigen sollten. Icke (Stuttgart) und ich(Schlacke), waren die einzigen, die neue Verträge in der Tasche hatten und Ike meinte noch: „ Mensch Jürgen, uns kann wenigstens nichts passieren, wir haben schon neue Vereine.“ Da habe ich zu ihm gesagt: „Mensch Icke, dass geht nicht. Wir müssen heute gewinnen, sonst zerreiße ich meine Vertag, dass kann ich nicht auf mir sitzen lassen. Ich will nicht in die Geschichte beim BVB eingehen als Absteiger.“ Nee, dass wollte ich mir nicht nachsagen lassen.

schwatzgelb.de: Was ging Dir vor dem Spiel so alles durch den Kopf?

Kobra: Es war unheimlich warm an diesem Spieltag und jeder wusste, dass wir alle an unsere Schmerzgrenze werden gehen müssen, wenn das Spiel noch umgebogen werden sollte. Ich habe mir ausgerecht, dass ich irgendwann sowieso noch meine Torchance bekommen werde - spätestens dann, wenn die Kölner Verteidiger dann müde würden. Dann konnte auch das 0:2 aus dem Hinspiel noch umgebogen werden. Siehst Du die Stadionuhr dort oben?? (Jürgen zeigt nach oben ins Stadioneck/Haupttribüne zur Süd). Ich habe das schon immer so gemacht, dass ich während des Spiels auf die Stadionuhr schaute, um zu sehen, wie viel Spielzeit mir noch bleibt.

schwatzgelb.de: Welche Gedanken hattest Du nach der frühen Fortunen-Führung?

Kobra: Ich habe immer daran geglaubt, dass wir es noch packen würden - nein packen müssen! Als allerdings dann in der 16. Min Grabosch das 0:1 für Fortuna Köln schoss, da war so eine Stille im Stadion, da hättest Du eine Stecknadel fallen hören können. Da habe ich auch etwas gezweifelt, aber aufgegeben habe ich uns nicht. Wir haben in der ersten Halbzeit gar nichts zustande gebracht. Wir waren einfach nur hilflos.

schwatzgelb.de: Und die Stimmung zur Halbzeitpause in der Kabine?

Kobra: In der Kabine, waren alle fertig, absolut fix und fertig! Keiner sagte einen Ton und das wohl 10 Minuten lang. Dann waren es Michael Zorc und ch, die sagten: „Los Jungs, noch haben wir das Spiel nicht verloren. Egal wir brauchen ein schnelles Tor, dann brennt hier der Baum, dann peitschen uns die Fans nach vorne. Dann ist heute hier noch alles möglich. Wir haben dann einfach versucht uns gegenseitig noch einmal so richtig heiß zu machen.

schwatzgelb.de: Schilder mal aus Deiner Sicht die 2. Hälfte...

Kobra: Es begann so wie wir es uns erhofft hatten. In der 50. Min gab es einen zugegeben etwas umstrittenen Elfmeter für uns (Foul an der Strafraumgrenze) und Michael Zorc schnappte sich das Ding und verwandelte ihn wie gewohnt sicher. Ich weiß noch (lacht laut) wie ich den Ball so schnell aus dem Netz fisch und zum Anstoßpunkt laufe. Als ich dort angekommen bin, sehe ich das Wolfgang Schüler noch im Tor nach dem Ball sucht. Wieder und immer wieder schaute ich zur Stadionuhr, dass Stadion ist mittlerweile regelrecht am kochen. Dazu diese Hitze und nun ja, immer auf die gefährlichen Konter der Kölner aufpassen. Vor allem Grabosch und Lemke hatten uns bis dahin mächtig zu schaffen gemacht. In der 70. Min. kann sich Daniel Simmes über halbrechts durchsetzten und bedient mit seiner Flanke Marcel Raducanu mustergültig. Und „Radu“ macht dann das Ding auch noch per Kopf rein. Jetzt stand das ganze Stadion Kopf. Krach ohne Ende. Nach dem Tor haben uns die Fans regelrecht nach vorne gedrückt, so ein Theater haben die auf den Rängen veranstaltet, die Südtribüne beruhigte sich jetzt überhaupt nicht mehr...

Der Kölner Torwart Jarecki brachte BVB-Fans wie Spieler fast zur Verzweiflung...

Nach dem Tor von „Radu“ hatten wir noch etwa 20 Minuten zu spielen und wir haben dann wirklich ein Powerplay vom feinsten aufgezogen. Einbahnstraßenfußball, mit Torchancen in Hülle und Fülle. Lattenkreuz, Pfosten und dann dieser Teufelskerl Jarecki im Kölner Kasten.

Der hat wirklich alles rausgeholt - unglaublich. Zum Schluss war der fix und fertig, ich habe ihn laufend beobachtet und ihm in die Augen geschaut. Der hat dauernd nach Luft geschnappt, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Ich schaute wieder auf die Uhr. Die letzten Spielminuten laufen und die Kölner greifen zur Entlastung über die linke Seite an. Ich laufe von der Mittelinie zur linken Eckfahne in unserer Hälfte und mache mit „Kuto“ den Raum zu, um Grabosch zu zwingen, den Ball zu spielen. Das gelingt uns und wir bekommen einen Abstoß zugesprochen. Wieder der Blick auf die Uhr, nur noch eine Minute. Immel spielt den Ball auf Pagelsdorf oder Raducanu - ich weiß nicht mehr so genau - und ich wusste nun haben wir nur noch eine Chance. Ingo Anderbrügge bekommt den Ball auf halblinks, dribbelt und nun macht Jarecki seinen einzigen Fehler im Spiel. Er versucht die scharfe Hereingabe von Anderbrügge abzuwehren. Wahrscheinlich wäre der Ball am Tor vorbeigegangen. So aber ließ er ihn fallen und ich stand da und machte den Ball seelenruhig mit meinem linken Fuß rein.

schwatzgelb.de: Und dann... Die Minuten nach Deinem wichtigsten Tor?

Kobra: Eigentlich brachen danach alle Dämme. Die Meute war gerade noch davon abzuhalten, den Platz zu stürmen. Man spricht ja heute noch vom lautesten Torschrei in der Fußballgeschichte (lacht). Ich wusste, dass sich irgendwann die Möglichkeit zum Torschuss bietet, ich habe immer fest daran geglaubt. Das es ausgerechnet „7“ Sekunden vor Schluss der offiziellen Spielzeit passierte, war schon unglaublich.

schwatzgelb.de: Was war nach dem Spiel los?

Kobra: Das war einfach nur eine große Freude, natürlich waren wir glücklich und haben gefeiert bis nichts mehr ging (lacht).

schwatzgelb.de: Warum bist Du damals eigentlich ausgerechnet nach Schlacke gegangen?

Kobra: Es war sicher das Geld. Borussia hatte zu der Zeit nicht die Möglichkeiten um meine Gehaltsvorstellungen zu erfüllen. Ich hatte in dem Jahr davor nach meinem Empfinden zu wenig verdient und das Angebot von Schlacke war verlockend. Ich bin ja dann auch nach meinem Gastspiel bei Bayern zum BVB zurückgekehrt und habe gleich den Supercup ´89 gewonnen. Heute muss ich sagen, bin ich Dortmund und vor allem Michael Meier sehr dankbar, dass man mir geholfen hat. Es ist für mich einfach schön, immer noch bei Borussia dabei zu sein. Auch die Traditionsmannschaft tut mir gut. Ich fühle mich hier zu Hause.

schwatzgelb.de: Welches war Dein schönstes Tor?

Kobra: Mein Tor in München gegen Nürnberg (Tor des Jahres/Die Red.), da passte einfach alles (grinst), doch dieses Tor hier in Dortmund war das Wichtigste in meiner Karriere.

schwatzgelb.de: Hat dieses Tor Dein Leben verändert?

Kobra: Sagen wir mal so, ich habe heute meine Lehren daraus gezogen, ich muss nicht mehr in jeder Zeitung stehen. Mir sind heute auch andere Sachen wichtiger. Ich genieße mein Leben, bin zufrieden und mache meine Tore in der BVB-Traditionsmannschaft. Ich bin heute stolz darauf, dass mein Name in Dortmund und bei seinen Fans immer in Erinnerung bleiben wird.

schwatzgelb.de: Letzte Frage Jürgen: Was sagst Du als Torjäger zur Chancenverwertung der jetzigen Mannschaft?

Kobra: Die Mannschaft ist auf einem sehr guten Weg, über Sammer braucht man eh nicht zu reden. Der ist ein heller Kopf. Gute Spieler haben wir auch. Ich würde mir nur wünschen, dass die Mannschaft es mal öfters krachen lassen würde wie gegen Frankfurt. Ich bin einfach der Meinung, dass die Fans gut mit einer Niederlage leben können, wenn jeder Spieler dafür in den Heimspielen volles Risiko geht und richtig Gas gibt! Wir müssen zu Hause einfach wieder eine Macht sein und die Gegner schwindelig spielen.

schwatzgelb.de: Danke für das Gespräch, Jürgen und alles Gute!

Das Interview führte Wade

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