Eua Senf

Ode an das Westfalenstadion

10.11.2000, 13:22 Uhr von:  Gastautor

Dieser Artikel wurde von einem Braunschweiger Fan verfasst, der mit "unserem" Jens das Westfalenstadion beim 2:0 gegen Berlin am 10.11.00 besuchte.

Mein letzter Besuch im Westfalenstadion datiert nach der ersten Handzählung vom 12.12.90 gegen den RSC Anderlecht. Mel Gibson in Forerver Young gleich fühlte ich mich Freitag in eine andere Zeit versetzt. Da kam zunächst die Nordtribüne ins Blickfeld, wo wir früher unter blankem Beton zitternd im Regen Schlange standen, um ermäßigte Tickets zu erstehen. Heute blitzt einem dort grell und glitzernd eine Glasfassade entgegen, die eher an ein Kaufhaus oder ein Kinocenter erinnert, hinter der die Schönen und Reichen Dortmunder von unten gut erkennbar ihr Bierchen schlürfen. Erstmals an den Eingängen und dann an jedem Pfeiler und in jeder Ecke allgegenwärtig: Sony-Monitore, die einen mit Fan-TV und Werbung berieseln. So gleichmäßig verteilt, als gälte es zu verhindern, daß nur ein Zuschauer die hässliche Fratze von Norbert Dickel beim Pausenquiz ("Welche Nummer trug Uwe Seeler? Richtig. Dafür bekommen Sie einen Jahresgutschein von Premiere World") nicht zu sehen bekommt. Das ganze System wirkt wie eine Umkehrung von Big Brother: Soll dort keine Bewegung der Insassen unbeobachtet bleiben, gilt es hier, das seeligmachende Produkt BVB allen und jedem permanent in Erinnerung zu halten.

Dem gleichen Zweck dienen die überlebensgroßen Spannplakate der BVB-Spieler an den Block-Seitenwänden. Ein Personenkult, den man sonst nur aus Kuba und Nordkorea kennt. Es fehlen lediglich die Solidarität verbreitenden Slogans: "Heiko für BVB und Vaterland" oder "Eine reiche Ernte verspricht Evanilson". Den einzigen Vorteil des Videoterrors entdeckte ich dann übrigens nach der Halbzeit, als ich zunächst mit Jens das Spiel am Bierstand verfolgen konnte (Das wär wat für Dich, wa Janni?), um dann bei der Rückkehr auf unsere Plätze kompetent zu verkünden: "Habs im Fernsehen gesehn, der Ikpeba war im Abseits...".

Der krasse Nachteil des Fan-TVs ist die Tatsache, daß man auch Dinge zu sehen bekommt, die man gar nicht sehen will. Norbert Dickel hatte ich ja schon erwähnt. In diese Kategorie fällt auch die Anhäufung musizierender Yetis, die offenbar kurzfristig in einer Wattenscheider Eckkneipe verpflichtet worden war und vor Anpfiff wild umherhüpfend mit "Heeeeeeeeeeeeeeeeeyyy Baaaaaabbee" einzuheizen versuchte. Dann kommt der Aufstieg in den Oberrang. Er ist so beschwerlich, daß man ihn per Aufzug bewältigt. Offenbar um die Mitfahrenden an die Höhenluft zu gewöhnen, macht er auf halber Höhe einen kurzen Zwischenstop.

Oben angekommen landet man in einem backsteinweißen Gang mit Toiletten und Fressständen, der den spröden Charme einer sauerländischen Eishalle versprüht. Allein Sony-TV und der durch die Blockaufgänge hereinhallende Lärm geben ein Indiz für die Besonderheit des Ortes. Die Plätze selbst sind durch einen weiteren steilen Anstieg zu Fuß erreichbar (Gibt es hier aus Sicherheitsgründen eigentlich eine Promillegrenze?). Mir zunächst unverständlich, wurde Jens mit großem Hallo von allen im Block begrüßt. Schon nach wenigen Spielminuten hatte ich hierfür die Erklärung: Wie eine Mischung aus Winnie Schäfer und Tom Gerhardt springt er auf seinen 250 Quadratzentimetern wild umher und schimpft, als könnte ihn der fast 200 Meter entfernte Schiedsrichter hören: "Sie da oben, ja Sie in der drittletzten Reihe, warum haben Sie mich eben schwarze Sau genannt?"

Da wären wir schon bei einem der interessantesten Aspekte: Die Perspektive ist sehr ungewohnt (als hätte man beim Computerspielen die Vogelperspektive gewählt) und die Spieler sind so klein, daß man die Nummern kaum erkennen kann. Da hilft es sehr, wenn sich einzelne Spieler durch Haarpracht (Reina), Hautfarbe oder Publikumsreaktion (Lehmann) von den anderen unterscheiden. Fast ist man versucht, für jeden Spieler eine andere Trikotfarbe zu fordern. Wenig überraschend: Die Stimmung ist keinesfalls besser als vor 10 Jahren.

Europas größte Stehplatztribüne - man hat den Eindruck, daß man kann den IQ aller dort stehenden addieren könnte und es reicht immer noch nicht um mehr als das obligatorische "Hey Baby" anzustimmen. Vier, fünf Sprechchöre auf 90 Minuten hat fast schon Davis-Cup-Niveau und erinnert eher an Wilhelmshaven als an Wembley. Einzig beeindruckend, wenn 25.000 eine Fehlleistung vom Schiedsrichter oder Schießbude Lehmann mit einem gellenden Pfeifen quittieren. Ab der 72. Minute besserte sich die Stimmung dann schlagartig, man führte 2:0 und es sah nach einem Sieg aus.

Da wurde dann auch mal die Welle versucht, was aber nach eineinhalb Runden abgebrochen wurde, weil ein BVB-Fehlpass mit Empörung quittiert werden musste. Dann war Schluss und bis auf einzelne ("Mit einem 3:0 wäre ich zufrieden gewesen") waren dann alle glücklich. Der Rest ist schnell erzählt. Schließlich mußte ich Dortmund bald verlassen, um gestern dem Topspiel der RL-Nord (Originalton Nord 3) BTSV-BVB(A) beizuwohnen.

Bleibt mir noch, mich bei meinen Gastgebern für das Ticket und das Erlebnis Westfalenstadion zu bedanken.

Geschrieben von Braunschweig-Fan

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