Stimmungsbericht

Anschwitzen an andalusischen Abenden

15.01.2020, 20:30 Uhr von:  Seb Nicky NeusserJens
Lesezeit: ca. 9 Minuten
Anschwitzen an andalusischen Abenden
Anschwitzen an andalusischen Abenden

Unsere Reise begann am Samstag, den 04.01.2020 und zwar früh genug, dass wir sogar noch das Nachmittagstraining unserer Borussia in Marbella sehen konnten. Wir "verpassten" also nur 1,5 Einheiten (die Einheit vor dem Lüttich-Spiel und das Auslaufen am Abreisetag waren nicht öffentlich). Insgesamt waren zehn Trainingseinheiten des BVB öffentlich zugänglich, was die Anzahl des Vorjahres nochmal übertraf.

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Training

Das Training war im Vergleich zum Winter 2019 deutlich weniger variabel und die Einheiten viel ähnlicher als noch vor Jahresfrist. Das liegt vor allem daran, dass es einen ganz klaren Trainingsschwerpunkt gab: die Defensivarbeit. In nahezu jeder Trainingseinheit spielte früher oder später eine Viererkette gegen eine Dreierkette. Dabei waren vor allem die Feldproportionen sehr unterschiedlich, meist war das Feld deutlich verkleinert, nur einmal ging es über fast das gesamte Feld. Die Intensität der Einheiten war grundsätzlich höher als im letzten Jahr. Es gab zwar erneut keine reine Fitnesseinheit, aber die Übungen mit Ball hatten es oft in sich.

Neben der defensiven Variabilität, mit Vierer- und Dreierkette antreten zu können (wobei mehr Augenmerk auf der Dreierkette lag), wurde auch der Spielaufbau explizit aus der Dreierkette heraus geübt. Gegen ein Team von Steckfiguren erklärte Favre, wie der Spielaufbau zu funktionieren hat und rief immer wieder rein, wann verlagert werden soll und wer am besten anzuspielen sei, bis die Mannschaft es verinnerlicht hatte. Die Passstaffette wurde so lange fortgeführt, bis ein Spieler vorne "durchbrechen" konnte oder ein Pass unsauber gespielt wurde und nicht ankam - in diesem Fall musste die Mannschaft wieder neu aufbauen.

Der dritte Bestandteil der Trainingseinheiten waren regelmäßig Übungen, sich aus Pressingsituationen zu befreien (z.B. im klassischen 5 gegen 2 bzw. zahlreichen Abwandlungen) oder schnelles Passspiel mit wenigen Kontakten aufzuziehen, wobei hier der Fokus meistens eher auf der Geschwindigkeit als auf der sauberen Ausführung lag.

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Verletzte Spieler

Zu Beginn des Trainingslagers nahmen Marco Reus, Thorgan Hazard, Paco Alcácer, Jacob Bruun Larsen, Thomas Delaney, Marcel Schmelzer und Neuzugang Erling Braut Haaland nicht am Mannschaftstraining teil, während die beiden vor der Winterpause angeschlagenen Mats Hummels und Axel Witsel bereits unerwartet früh alle Einheiten absolvieren konnten. Alcácer, Reus, Larsen, Hazard und Haaland stiegen dann nach und nach auch ins Mannschaftstraining ein und konnten zum Schluss zumindest größere Teile davon absolvieren, während Marcel Schmelzer ausschließlich individuell arbeitete und Thomas Delaney nach einer Einheit im Mannschaftstraining ab der Wochenmitte ebenfalls wieder außen vor war. Beim Dänen wird die Rückkehr wohl noch ein wenig dauern. Am Ende des Trainingslagers zeigte sich Trainer Lucien Favre insgesamt jedoch sehr zufrieden mit dem Zustand seiner Mannschaft, hatten doch einige der Rekonvaleszenten bereits früher als erwartet am Training teilgenommen und vor allem größere Teile der abschließenden Testspiele gegen Rotterdam und Mainz absolviert als ursprünglich geplant war. Hier scheint der BVB auf gutem Kurs zu sein, auch wenn das Spiel beim FCA direkt vor der Tür steht.

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Spieler im Fokus

Herausgestochen im Trainingslager sind besonders die jungen Spieler. Chris Führich aus der U23, Gio Reyna aus der U19 sowie Leo Balerdi. Letzterer hat gerade gegen Feyenoord Rotterdam in der Dreierkette neben Piszczek und Hummels einen guten Job gemacht und sich für weitere, auch längere Einsätze im neuen Jahr empfohlen. Der argentinische Nationalspieler konnte mit einer guten Spieleröffnung punkten. Wenn er in den nächsten Wochen lernt, noch besser in die Zweikämpfe zu gehen und sich dort zu behaupten - das müsste der Rest der Mannschaft im Übrigen auch trainieren! - qualifiziert er sich durchaus auch für Einsätze in der Startelf.

Für Giovanni Reyna endete das Trainingslager mit einer Adelung von Michael Zorc und Sebastian Kehl, sowie den dauerhaften Aufstieg in den BVB-Profikader (Weitere Einsätze in der U19 jedoch nicht ausgeschlossen). Reyna, der schon bei der US-Tour im Sommer einen sehr guten Eindruck hinterlassen hat, hat noch mal einen großen Schritt nach vorne gemacht und dürfte gute Aussichten auf Einsätze in der Rückrunde haben. In Marbella strahlte der bisherige U19-Spieler eine gute Übersicht sowie Spielintelligenz aus. Er ist nicht hektisch am Ball, sondern agiert ruhig und überlegt. Zudem ist er variabel in der Offensive einzusetzen. Von der Physis her ist Reyna für seine 17 Jahre schon sehr weit und kann hier auch schon erstaunlich gut mit den Profis mithalten, auch wenn ihm selbstverständlich die Erfahrung im Zweikampfverhalten fehlt.

Chris Führich, der zurzeit im Trainingslager der U23 in Portugal weilt, hat sowohl im Training als auch bei den Spielen sehr viel Einsatz gezeigt und Gefahr sowie Tempo in den Dortmunder Angriff gebracht. Ebenso hat er beim Test gegen Feyenoord auch gleich seine Torjägerqualitäten unter Beweis gestellt: In alter Robben-Manier zog er von der Außenbahn nach ihnen und vollendete wunderschön ins lange Eck. Noch fehlt ihm ein bisschen die Ruhe und Erfahrung, aber er wird einen guten Eindruck beim Trainerteam hinterlassen haben.

Etwas hinten dran war Manuel Akanji, der gerade in seinen Testspielen gegen Lüttich und Mainz 05 keine besonders gute Figur machte, und da anzuknüpfen schien, wo er in der Liga aufgehört hat. Es sind bei ihm noch sehr viele Unsicherheiten zu erkennen. Er schafft es noch nicht, seine Abwehr richtig zu ordnen und zu leiten. Momentan dürfte ihm gerade Zagadou den Rang abgelaufen haben und auch Balerdi machte im Trainingslager einen besseren Eindruck.

Generell muss man festhalten, dass das Niveau im Training sehr ausgeglichen war und wirklich herausragende Leistungen nicht zu beobachten waren.

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Fans

Man hat beim BVB aus der Kritik am letzten Wintertrainingslager gelernt: In sehr vielen öffentlichen Einheiten konnten die Fans den Spielern bei der Vorbereitung auf die Rückrunde zusehen. Fanclubfahnen durften diesmal ohne Diskussion direkt an der Bande aufgehangen werden und auch das obligatorische Fans-Spieler-Gruppenfoto gab es wieder. Nach drei Nachmittagseinheiten kamen die Spieler an die Bande und gaben Autogramme, so dass eigentlich jeder der ca. 60 mitgereisten Fans seine Wünsche erfüllt bekommen haben sollte. Für eine Vormittagseinheit mischten sich sogar Marcel Schmelzer und Luca Unbehaun für Autogrammwünsche und einen kurzen Plausch unter die Fans. Wie schon in den Vorjahren wurde von den Fanbeauftragten ein Fanabend organisiert, zu dem überraschend auch Sebastian Kehl hinzustieß. Neben ein paar Fotos nahm sich Kehli viel Zeit, um mit den anwesenden Fans zu diskutieren und auch seinen Dank für die Unterstützung auszusprechen.

Wenn man also an dieser Stelle etwas kritisieren möchte, dann hört sich das nach jammern auf hohem Niveau an. Wer jedoch mitbekommen hat, wie Fannähe noch vor 10-15 Jahren aussah, dürfte hier noch Luft nach oben empfinden. Man hat aber auf jeden Fall den richtigen Weg eingeschlagen!

Eine Extraerwähnung haben sich in diesem Abschnitt auch die beiden Fanbeauftragten Sebastian und Benedikt verdient. Beide bestätigten das gewohnte Bild, das die Fanbetreuung bereits in den Vorjahren zeigte: Immer ansprechbar, kurze Kommunikationswege, freundlich und hilfsbereit, gut über Organisatorisches informiert - so repräsentierten die beiden den BVB bei den Fans wirklich familiär und nachhaltig beeindruckend.

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Haaland

Unser bislang einziger Winterneuzugang hatte schon vor seinem ersten Training viel Staub aufgewirbelt. Ausstiegsklausel, horrende Handgelder und das "Damoklesschwert" Mino Raiola ließen einige Fans den Zugang und dessen Modalitäten madig machen. Haaland selbst laborierte noch ein paar Tage an Kniebeschwerden, die er aus Salzburg mitgebracht hatte, bis er schließlich am Mittwoch bei einer Runde Fußballtennis und einem "Rekonvalenszenten-3-gegen-3" ins Training eingriff. In der Folge steigerte er das Pensum von Einheit zu Einheit, ehe er im Testspiel gegen Mainz 05 sogar eingewechselt wurde. Einige Qualitäten konnte er in seiner ersten Woche schon andeuten, er wird jedoch noch ein wenig Zeit benötigen.

Auch wenn er in der Medienrunde sagte, dass Borussia Dortmund schon seine Gründe hatte, ihn zu verpflichten, wies Michael Zorc darauf hin, dass man einem 19-jährigen nicht direkt den Heiland-Rucksack aufsetzen und ihm stattdessen ausreichend Zeit zum Eingewöhnen geben sollte. Die Social-Media-Aktivitäten des BVB vermittelten da ein anderes Bild. Hier befeuerte man durch die exklusiven Aufnahmen lieber den Hype. In dieser Hinsicht muss die Kommunikationsabteilung scheinbar noch an ihrem Rollenverständnis arbeiten. Sieht man sich als Social-Media-Agentur oder verfolgt man gemeinschaftlich eine Kommunikationsstrategie?

Testspiele

Im Trainingslager wurden drei Testspiele ausgetragen. Das erste am 07.01 gegen den belgischen Erstligisten Standard Lüttich (0:0), am 11.01 dann die beide anderen gegen Feyenoord Rotterdam (4:2) und den FSV Mainz 05 (0:2). Bei allen drei Spielen bereitete die BVB-Abwehr trotz der intensiven Trainingseinheiten noch Sorgen. Es schien noch nicht so, als hätte die Mannschaft die Probleme aus der Hinrunde abschütteln können und als hätte das Trainerteam um Lucien Favre schon die perfekt passende Antwort auf diese BVB-Schwäche gefunden. Zwar spielt der BVB hinten mit der Dreierkette konstanter, trotzdem wurden den Gegnern noch zu viele hochprozentige Chancen gewährt. Nach Ballverlusten im Angriff konnten besonders die Offensivspieler nicht schnell genug umschalten und sich defensiv formieren. Dazu kommt noch die teils doch sehr eklatante Zweikampfschwäche im Mittelfeld, die auch nicht hilfreich dazu beitrug, den Kasten sauber zu halten. Ebenso auffällig waren einige technische Fehler im Dortmunder Spiel sowie die gefühlt sehr niedrige Quote an angekommenen Pässen. Von Ecken wollen wir gar nicht erst anfangen, das will mittlerweile niemand mehr von uns lesen und trainiert wurden sie in den öffentlichen Einheiten auch nicht.

Positiv war, dass etwas mehr Tempo im BVB-Spiel zu erkennen war. Zwar ist der Spielaufbau immer noch etwas wackelig, aber es wurde schneller und sehr gezielt über die Flügel nach vorne gespielt. Wenn die Passgenauigkeit stimmt, ist das ein Hoffnungsschimmer für gute BVB-Spiele.

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