Eua Senf

Was der europäische Profifußball vom American Football lernen kann

08.10.2020, 10:25 Uhr von:  Gastautor
Lesezeit: ca. 7 Minuten
Ansicht über ein American Football Feld. Auf dem Gras sind die Zonenmarkierungen zu sehen. Im Hintergrund sind unscharf einige Spieler zu erkennen.

Unser Gastautor Lucas vergleicht die National Football League mit der Bundesliga und beantwortet die Frage, wieso es in der NFL eine so viel größere Abwechslung gibt.

Seit wenigen Wochen rollt der Ball wieder in der Bundesliga und fast zeitgleich wurde auf einem anderen Kontinent das Spiel mit einem nicht ganz so runder Ball wieder aufgenommen. American Football ist eine Sportart, welche in Deutschland in den vergangenen Jahren extrem an Beliebtheit dazu gewonnen hat und für viele Fans ist es dieses Jahr eine besondere neue Spielzeit. Nicht nur weil das Corona-Virus auch hier für einige Veränderungen gesorgt hat, sondern aus sportlicher Sicht vor allem, weil mit Tom Brady der erfolgreichste Quaterback der Geschichte nach 20 Jahren nicht mehr für die New England Patriots, sondern für die Tampa Bay Buccaneers auflaufen wird.

Wenn einmal im Jahr Menschen den Superbowl verfolgen, welche sich sonst weniger mit den Spielern, Teams und Regeln dieser Sportart auskennen, gab es immer eine einfach Erklärung für die New England Patriots: „Die sind das Bayern München des American Footballs.“ Alternativ könnte man auch Juventus Turin oder Paris Saint-Germain als Vergleich heranziehen. Vereine die ihre Liga dominieren und unter anderem deswegen bei den Fans der Konkurrenz recht unbeliebt sind. Doch gibt es einen gewaltigen Unterschied: Während Juventus die letzten 9 Meisterschaften gewann, Bayern 8 Mal in Folge Erster wurde und Paris in 7 der letzten 8 Jahre am Ende auf Tabellenplatz Eins stand, konnten die Patriots seit 2000 (nur) 6 Super-Bowl-Titel erringen. Da es in diesen 20 Jahren aber insgesamt 12 verschiedene Titelträger gab, gelten die Patriots dennoch als absolut dominierende Kraft.

Doch wie kommt es, dass die Abwechselung in der NFL so viel größer ist als in der Bundesliga? Der Grund hierfür liegt nicht in der mangelnden oder hervorragenden Fähigkeit von Management oder Präsidium bzw. Besitzer der jeweiligen Teams, auch nicht in der Einstellung der Spieler, sondern vor allem im System. Während durch das Leistungsprinzip im Profifußball die Starken immer stärker und die Schwachen immer schwächer werden, ist die Abwechslung in der NFL gewollt und wird durch verschiedene Regeln sichergestellt. Es stellt sich daher die Frage, ob es auch Regelungen gibt, welche sich auf die Bundesliga bzw. gesamten Profifußball übertragen lassen. Drei Ansätze:

1. Der Spielplan

Während in der Bundesliga 18 Vereine je zweimal aufeinandertreffen, spielen in der NFL 32 Teams, welche in der Regular Season jedoch jeweils nur 16 Spiele haben. Es spielt also nicht jeder gegen jeden und um es kurz zu machen, 7 der 16 Spiele finden gegen Teams statt, welche in der vorherigen Saison ähnlich stark oder schwach waren. So spielen die 8 besten Teams der Vorsaison genauso gegeneinander wie die 8 schlechtesten und trotzdem messen sich alle Teams aus einer Division (regionale Gruppe) nur am Ergebnis ihrer Spiele und nicht an dem damit verbundenen Schwierigkeitsgrad. Logischerweise sorgt dies für ein wenig Abwechslung bei den Teams die die Playoffs erreichen. Und dies ist dann auch gleich der nächste Punkt, es gibt Playoffs im KO-Modus. Wer sich die Sieger der DFB-Pokale der vergangenen Jahre anguckt sieht auch im Fußball, wie der KO-Modus zu mehr Abwechslung führt, da jedes noch so starke Team auch Mal ein Spiel verlieren kann.

Der Modus der NFL erinnert ein wenig an die Zeiten vor der Bundesliga mit regionalen Meisterschaft unterteilt nach Himmelsrichtungen und einer Finalrunde. Würde man diese wieder einführen mit beispielsweise 4 Ligen und 9 Teams je Liga, so würden mit Hin- und Rückspiel 16 Spieltage entstehen. Weitere Spieltage bleiben somit für Duelle mit Vereinen welche in den anderen Ligen in der Vorsaison vergleichbar abgeschnitten haben, sowie natürlich für die Finalrunde. Auch müsste überdacht werden, ob ein separater nationaler Pokal in einem solchen Modus noch Sinn ergibt oder ob diese Termine nicht auch auch für die Meisterschaft genutzt werden können.

Neben dem Vorteil einer wachsenden Abwechslung, würde es zu mehr regionalen Derbys kommen und zugleich fallen durch die Crossover-Partien zwischen den Ligen attraktive Spiele der Spitzenclubs nicht weg. Trotzdem erscheint eine solche Änderung unrealistisch, da es keine kleine Reform, sondern eine echte Revolution bedeuten würde. Die Reformunwilligkeit vieler Akteure, sowie die Angst im internationalen Vergleich an Attraktivität einzubüßen wird eine solche Systemänderung in naher Zukunft unmöglich machen.

2. Der Draft

Um die Teams auf einem ähnlichen Niveau zu halten, gibt es in der NFL den Draft. Hierbei erwerben die Teams die Rechte talentierte Jugendspieler unter Vertrag zu nehmen. Auch hier wird darauf geachtet, nicht die Starken Teams der Vorsaison zu belohnen, sondern die Schwachen zu unterstützen und so darf sich das schlechteste Team als erstes ein Nachwuchstalent aussuchen.

Das dieses Prinzip nicht einfach auf die Bundesliga übertragbar ist, liegt vor allem daran, dass hier die Vereine eine eigene Nachwuchsarbeit betreiben und nicht wie beim American Football dies den Collages überlassen wird. Auch hier wäre also eine regelrechte Revolution des Nachwuchsfußballs notwendig, doch unmöglich ist es nicht. Bereits heute gibt es viele Sportgymnasien in Deutschland und auch die DfB-Nachwuchsleitungszentren könnten zu unabhängigen Ausbildungsstätten umgebaut werden und somit die Rolle der Collages übernehmen. Dies hätte auch den Vorteil, dass die teilweise doch recht fragwürdige Transferpolitik bei minderjährigen Spielern eingeschränkt werden könnte.

Die größte Hürde eines solchen Umbaus dürfte jedoch darin liegen, dass dies weltweit oder wenigstens europäisch geschehen müsste. Nichts wäre gewonnen, wenn in unabhängigen Leistungszentren Spieler ausgebildet werden, die beim nächstbesten Angebot aus England oder Spanien das Land verlassen und im Draft dann nicht mehr zur Verfügung stehen. Angesichts unterschiedlicher Nachwuchskonzepte in den Ländern, scheint hier eine Einigung zu einem derartigen Umbau ein Ding der Unmöglichkeit.

3. Die Gehaltsobergrenze

Die meistdiskutierte Regel ist die Gehaltsobergrenze (Salary Cap). In der NFL darf jedes Team ein maximales Budget für das Gehalt des gesamten Kaders ausgeben. Auch hierfür müsste mindestens eine europäische Regelung für den Fußball gefunden werden, glaubt man so manchen Zeitungsbericht, könnte diese Regeländerung in wenigen Jahren realisierbar sein und eine Einigkeit der großen Ligen hergestellt werden.

Offen ist allerdings wo diese Grenze liegen würde. In der letzten Saison hat Bayern München fast 70% mehr für die Spielergehälter aufgewendet als unser BVB und sogar mehr als 37-Mal soviel wie der SC Paderborn. Eine Gehaltsobergrenze deutlich unterhalb der aktuellen Gehälter dürften Topvereine wie Bayern, Liverpool, Paris, Manchester City, Real Madrid, Barcelona und andere nicht akzeptieren. Eine Grenze angepasst an die aktuellen Gehälter dieser Vereine, würde der Konkurrenz allerdings nicht helfen finanziell wieder aufzuschließen.

Fazit

Ein geänderter Spielplanmodus und ein Draft könnte zu mehr Abwechslung und weniger Dominanz einzelner Teams führen, scheinen jedoch unrealistisch in der Umsetzung. Eine Gehaltsobergrenze könnte bereits in wenigen Jahren Realität werden, würde dann vermutlich aber in einer Höhe angesetzt, dass die Wirksamkeit bei den nationalen Wettbewerben praktisch nicht vorhanden wäre. Der Blick über den Tellerrand lohnt sich dennoch, denn er zeigt, dass Probleme nicht naturgegeben sind, sondern das Ergebnis eines gewollten Systems. Vieles was in diesem Beitrag nicht aufgegriffen wurde läuft im American Football schlechter als im europäischen Profifußball, doch über einige Aspekte muss nachgedacht werden. Es wäre daher hilfreich, wenn in der öffentlichen Diskussion um die verschiedenen Probleme des Profifußballs öfters auf andere Sportarten geguckt wird.

08.10.2020, Lucas

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