Spielbericht Profis

Neues aus dem Titelkampf: was Borussia aus München lernen kann

08.04.2019, 21:04 Uhr von:  SSC
Neues aus dem Titelkampf: was Borussia aus München lernen kann
Fähnchenchoreografie im Gästeblock - geholfen hat es wenig
Fähnchenchoreografie im Gästeblock - geholfen hat es wenig

Die Bayern schwach wie lange nicht, in der gesamten Saison noch ohne Sieg in einem Spitzenspiel. Borussia stark wie selten, im Punkteschnitt unterwegs auf historischem Niveau. Ein Sieg überwindet die wichtigste Hürde in Richtung Meisterschaft, ein Unentschieden nimmt dem Konkurrenten ein Spiel von der Uhr, eine Niederlage garantiert weiterhin Tuchfühlung: das Auswärtsspiel beim FC Bayern war ein Spiel ohne Druck, in dem es nur darum ging, sich nicht unter Wert zu verkaufen. Dass ausgerechnet das passierte, war mehr als ärgerlich – die Hoffnung lebt aber dennoch weiter.

Sportlicher Wettkampf ist immer auch eine Auseinandersetzung, in der mit harten Bandagen gekämpft wird. Metaphern von Schlachten, Kämpfen, Rivalen und Erzfeinden finden zur Genüge ihren Einsatz, weil sie auf irgendeiner Ebene letztlich immer passen. So wollen wir uns auch heute auf die bekanntesten Aphorismen und Lehren stürzen, die das abermalige Scheitern in München mitunter nicht nur erklären, sondern auch Mut für die kommenden Aufgaben machen. Irgendetwas muss man aus den ollen Kamellen ja ziehen können, die doch durchwegs von dem Talent künden, sich die Gegner zurechtzulegen, auf dem Schlachtfeld keine unnötige Blöße zu geben, mit minimalem Aufwand maximalen Ertrag zu sichern und mit dem Kopf immer bei der Sache zu bleiben…

Fahnenchaos in der Münchener Südkurve
Fahnenchaos in der Münchener Südkurve

"Kein Operationsplan reicht mit einiger Sicherheit über das erste Zusammentreffen mit der feindlichen Hauptmacht hinaus.“ - Helmuth von Moltke

Lucien Favre hätte sich besser an diese Weisheit gehalten. Seine Idee, den seit einiger Zeit formstarken (wenn auch vor dem Tor ineffizienten) Mario Götze auf der Bank zu lassen und an seiner Stelle Marco Reus ins Sturmzentrum zu stellen, mag auf dem Reißbrett ebenso klug ausgesehen haben wie der Plan, den meisterschaftserprobten Lukasz Piszczek nach längerer Verletzungspause wieder in die Startelf zu nehmen. Dem gegnerischen Kontakt hielten jedoch beide Maßnahmen keine 20 Minuten stand. Dass Favre über eine Stunde verstreichen ließ, bis er diese beiden Positionen korrigierte, war kaum als eine besonders glückliche Maßnahme zu bewerten. Gerade in wichtigen Spielen sollte der Fokus darauf liegen, die eigenen Stärken am effektivsten auszuspielen, statt sich in Experimenten zu üben. Doch ist nun der richtige Zeitpunkt gekommen, Favres Arbeit insgesamt in Frage zu stellen? Wer allein daran denkt, sollte sich vielleicht an Jürgen Klopps Dreierkette in einem gnadenlos vercoachten Derby erinnern. Oder vielleicht an die nächste Lehre:

Kingsley Coman gegen Marco Reus
Kingsley Coman gegen Marco Reus

„Siegen wird der, dessen Armee in allen Rängen vom gleichen Geist beseelt ist.“ – Sunzi

Es bringt nichts, auf der Zielgeraden einer bereits jetzt sensationellen Saison Kritik zu üben und sich auseinander dividieren zu lassen. Noch sechs Spiele sind zu spielen, 18 Punkte zu vergeben und Entscheidungen nicht gefallen – ein einziger Punktverlust des FC Bayern reicht aus, um die entscheidende Wende herbeizuführen. Alle Fans, und gemeint sind hier wirklich alle vom Ultra bis zum Internethelden, sind die kommenden Wochen gefordert, gemeinsam mit der Mannschaft und deren gesamten Umfeld an einem Strang zu ziehen: Haltet eure Tastaturen still, stellt das sinnlose Gemecker ein und heult nicht rum, was denn jetzt schon wieder alles verloren sei. Die gesamte Energie muss bis zum 18. Mai auf ein Ergebnis zielen: Wir werden Meister, wir werden Meister – ganz sicher in diesem Jahr! Das heißt auch, dass sich jeder Einzelne angesprochen fühlen darf, im Stadion die kommenden Wochen auch die Klappe aufzubekommen, statt wie ein Ölgötze zu erstarren.

Mo Dahoud stand überraschend in der Startelf
Mo Dahoud stand überraschend in der Startelf

Was im Stadion zu München übrigens ganz wunderbar klappte. Frühmorgens gestartet, hatte ein Sonderzug die bayerische Hauptstadt in den Nachmittagsstunden erreicht – gut gelaunt, kräftig warm gefeiert und bis in die Haarspitzen motiviert. Eine kleine Choreo über die dritte Etage, ein wunderbar passendes Spruchband zum nahenden Gewinn der Meisterschaft, Support mit lauten Angriffsgesängen zumindest in den ersten Spielminuten und mit aufbauenden Gesängen, als das Kind in der zweiten Halbzeit bereits in den Brunnen gefallen war – an den Fans hatte es mit Sicherheit nicht gelegen. Das gilt auch für den Gegner, dessen Fans sicherlich keinen Anteil an der bayerischen Spitzenleistung hatten: Während des Spiels wieder einmal betont zurückhaltend, verließen sie das Stadion ab der 80. Minute in Heerscharen auf dem Weg in Richtung Tiefgarage.

„Fester Entschluß und beharrliche Durchführung eines einfachen Gedankens führen am sichersten zum Ziel.“ - Helmuth von Moltke

Zunächst sah alles so aus, als hätte sich Borussia an dieses einfache Motto gehalten. Denn bereits in der sechsten Minute hatten die Schwarzgelben einen Treffer auf den Schlappen, der in keinem Saisonrückblick hätte fehlen dürfen: Jacob Bruun-Larsen hatte Reus geschickt, eine scharfe Hereingabe fand Mahmoud Dahoud auf den Punkt – doch Dahoud vollbrachte das Kunststück, den Ball aus 12 Metern am leeren Tor vorbei an den Pfosten zu setzen. Ein Treffer zu diesem Zeitpunkt hätte eine Dynamik in Gang gesetzt, die das Spiel wohl in eine andere Richtung bewegt hätte.

Mario Götze wurde erst in der Schlussphase eingewechselt
Mario Götze wurde erst in der Schlussphase eingewechselt

Dass es dem BVB im Gegensatz zu den Bayern an diesem Abend an Beharrlichkeit fehlte, zeigte sich dafür in den Folgeminuten. Eine Ecke reichte aus, um Mats Hummels das 1:0 auf den Kopf zu legen – die Standardverteidigung wirkte nicht zum letzten Mal an diesem Abend deutlich überfordert. Dass in der 17. Minute Robert Lewandowski auf einen Patzer Dan-Axel Zagadous lauerte, weil dieser trotz seiner hervorragenden Saison „immer wieder mal einen Bock drin hat“ (Nico Kovac nach dem Spiel), passte hier ins Bild: ein einfacher Gedanke, beharrlich verfolgt und schon zappelte der Ball zum zweiten Mal im Netz.

„Die Hartnäckigen gewinnen die Schlachten.“ – Napoléon Bonaparte

Kaum hatten sie den Elan des BVB genommen und eine bequeme Führung herausgearbeitet, blieben die Bayern am Ball. Ein Standard nach dem anderen segelte vors Tor, wo die schwarzgelbe Defensive nicht mehr wusste, wo ihr die Sinne standen. Ohne den BVB über einen Glückstreffer wieder ins Spiel kommen zu lassen, rollten die Bayern immer wieder nach vorne und zermalmten, was ihnen in den Weg kam. Roman Bürki und eine große Portion Glück hielten die Hoffnung beim BVB noch einige Zeit am Leben, weitere Torchancen sollte es für die Borussia bis zum Spielende nicht mehr geben. Stattdessen machten Javi Martinez (41.), Serge Gnabry (43.) und Lewandowksi (89.) den Deckel drauf – ein Resultat, über das wir uns nach diesem Spielverlauf zumindest nicht zu beschweren brauchten.

„Es ist im Kriege alles sehr einfach, aber das Einfachste ist schwierig.“ - Carl von Clausewitz

Für den Auftritt auf de Rasen ein guter Auftritt
Für den Auftritt auf de Rasen ein guter Auftritt

Während das Drama seinen Lauf nahm, schossen unweigerlich die Vorwürfe in den Kopf, die so mancher BVB-Fan in den vergangenen Wochen und Monaten in Richtung der nationalen Konkurrenz abgelassen hatte. So würde sich ja die halbe Liga einen anderen Meister als den FC Bayern wünschen, dann aber mit einer Null-Bock-Einstellung nach München fahren und sich willfährig abschlachten lassen. Ein Vorwurf, der sicherlich nicht ganz von der Hand zu weisen ist, ließen sich Mannschaften wie der VfL Wolfsburg oder FSV Mainz auch in diesem Jahr wieder auf peinlichste Weise in ihre Einzelteile zerlegen. Andererseits ein Vorwurf, den gerade Fans des BVB zukünftig gerne einmal stecken lassen dürfen. Die Regelmäßigkeit, mit der Borussia in den letzten Jahren mit stolzgeschwellter Brust nach München fährt und sich dann eine Packung mit 4, 5 oder 6 Gegentreffern einhandelt, ist jedenfalls eine schwer zu ertragende und erinnert zunehmend an berüchtigte Hamburger Grillfeste. Wer es ein ums andere Mal nicht schafft, die Schmach in Grenzen zu halten, sollte sich vielleicht zurückhalten, wenn es um die Kritik an anderen geht.

„Der Beweis von Heldentum liegt nicht im Gewinnen einer Schlacht, sondern im Ertragen einer Niederlage.“ - David Lloyd George

Ein Motto, das der Gästeblock in München absolut verinnerlicht hatte. Applaus für die Mannschaft trotz einer desaströsen Klatsche, aufmunternde Gesänge bis in die Schlussminuten der Partie: die Schlacht wurde krachend verloren, das große Ziel aber bleibt in Reichweite. Wir erinnern uns jedenfalls noch gut an die Meister der Herzen, jenen auch als „Uschis vom Revier“ bekannt gewordenen Gestalten, die tage- und wochenlang über die Ungerechtigkeiten der Welt greinten und die Fehler überall sahen, nur nicht bei ihrem eigenen Unvermögen. Als Manuel Gräfe, nach wie vor der wohl beste Schiedsrichter der Liga, das Spiel am Samstagabend beendet hatte, wussten erfreulicherweise unsere Spieler und Offiziellen, was sie zu tun hatten: Reus nahm die Pleite trotz ungeliebter Spielposition auf die eigene Kappe und betonte, dass jeder Spieler auf dem Rasen Leistung bringen müsse. Favre war restlos bedient, erkannte aber, dass sein Plan eben nicht wie gewünscht aufgegangen war. Es bleiben noch fünf Tage, den Frust abzuschütteln und eine Reaktion zu zeigen – mit einem Sturmlauf am Samstagnachmittag, wie ihn der FSV schon lange nicht mehr gesehen hat.

„Erst gilt es, den Sieg zu erringen in den eigenen Mauern, dann folgt der Sieg draußen auf dem Schlachtfelde ganz von selbst.“ – Lü Bu We

Enttäuschung nach Abpfiff
Enttäuschung nach Abpfiff

Überrennen wir Mainz und schießen uns den Frust von der Seele, haben die Bayern den Druck. Und wir noch alle Chancen, mit 81 Punkten die beste Saison der Vereinsgeschichte zu wiederholen. Wofür diese Ausbeute dann letztlich reichen wird, werden wir am 18. Mai gegen 17:20 noch früh genug erfahren. Packen wir's an!

Statistik:

FC Bayern: Neuer - Kimmich, Süle, Hummels, Alaba - Martinez - Müller, Thiago - Gnabry, Lewandowski, Coman

Wechsel: Ribery für Coman (68.), Goretzka für Martinez (77.), Sanches (80.)

BVB: Bürki - Piszczek, Akanji, Zagadou, Diallo - Witsel - Dahoud, Delaney - Sancho, Bruun Larsen - Reus

Wechsel: Weigl für Zagadou (46.), Götze für Dahoud (62.), Wolf für Piszczek (69.)

Tore: 1:0 Hummels (10.), 2:0 Lewandowski (17.), 3:0 Martinez (41.), 4:0 Gnabry (43.), 5:0 Lewandowski (89.)

Gelbe Karten: Lewandowski, Zagadou, Delaney

Unterstütze uns mit steady