Spielbericht Profis

Die Sorgenkinder drehen auf: Borussia fegt Mainz vom Platz

15.12.2019, 17:58 Uhr von:  SSC
Die Sorgenkinder drehen auf: Borussia fegt Mainz vom Platz

Eine durchwachsene Hinrunde geht ihrem Ende entgegen. Nach indiskutablen Leistungen wie in München oder gegen Paderborn konnte sich Borussia wieder fangen und zuletzt wichtige Siege einfahren. Sowohl beim Gastspiel in Berlin, als auch unter der Woche gegen Slavia Prag konnten in Unterzahl die vollen drei Punkte eingefahren werden, ein Schützenfest gegen Fortuna Düsseldorf komplettierte das Bild. Ausgangspunkt war wohl eine Krisensitzung in der Nacht des 3:3 gegen Paderborn, in der Mannschaftsrat und Trainerteam deutliche Änderungen angestoßen hatten.

Jubel um die Sorgenkinder Nico Schulz und Dan-Axel Zagadou
Jubel um die Sorgenkinder Nico Schulz und Dan-Axel Zagadou

Profitiert haben von der seither zu sehenden taktischen Anpassung alle Mannschaftsteile. Die Abwehr schien mit der Umstellung auf eine Dreierreihe an Stabilität gewonnen zu haben, bis dato eher als Fremdkörper denn als Verstärkungen wirkende Spieler wie Julian Brandt oder Thorgen Hazard wirkten plötzlich in das Spiel eingebunden. Zwar wirkte das Gebilde nach wie vor fragil und stand die Frage im Raum, warum die zuvor über lange Wochen geforderten Umbaumaßnahmen erst so spät in die Tat umgesetzt wurden – wichtig war jedoch zuallererst, dass die Neustrukturierung erfolgte und wichtige Etappensiege erzielt werden konnten. So war auch der angeschlagene Trainer Lucien Favre, der mit der Mannschaft nicht mehr zu harmonieren schien, fürs Erste aus der Schusslinie geraten und schien nach Überwindung der Krise sogar ein größerer Wurf möglich – natürlich unter der Voraussetzung, dass Spiele gegen Mainz, Leipzig und Hoffenheim gewonnen werden und sich die neuen Abläufe verfestigen können. Das Spiel in Mainz – so viel sei vorweggenommen – bestätigte den positiven Kurs der vergangenen Wochen.

Guter Auftritt des BVB-Anhangs im Gästeblock
Guter Auftritt des BVB-Anhangs im Gästeblock

Für BVB-Fans sind Auswärtsspiele in Mainz meist mit unterschiedlichen Emotionen verbunden. Positiv zu bemerken ist sicherlich immer, dass der FSV Mainz ähnlich wie der SC Freiburg ohne Mäzene wie Hopp oder Mateschitz den Weg in die Bundesliga fanden und sich mit guter Arbeit dort behaupten. Beide Vereine sind hervorragende Beispiele, warum 50+1 zum Wohl der Bundesliga beiträgt. Auch Feuerwurst, Weinschorlen und Asitreffs in der Mainzer Bahnhofsnähe locken hungrige und durstige Borussen aus Nah und Fern. Andererseits sind Spiele in Mainz auch regelmäßig eine Zumutung: immer wieder blieb der Gästeblock in den vergangenen Jahren leer, waren Tickets vor dem Stadion bisweilen kaum als Geschenk loszuschlagen. Der Stadionsprecher (und da machte der neue keine Ausnahme) gehört traditionell zu den nervigsten der Bundesliga.

In diesem Jahr war zudem die Organisation ein Ärgernis: zahlreiche Fans standen sich bei der Ticketabholstelle (Kassen 7+8) die Füße in den Bauch und warteten zum Teil eine Dreiviertelstunde in der Schlange, während die Kollegen an den danebenliegenden Kassen 5+6 kaum beschäftigt waren, dafür aber konsequent Unterstützung ablehnten und sich so manchen bissigen Kommentar anhören durften. Dass Fans für diesen Service dann tatsächlich noch einen Euro Abholgebühr berappen mussten, war schon eher dreist. Weil die Abholung der eigenen Karte ebenfalls von etwa 14:25 Uhr bis 15:08 dauerte, musste der eigentlich fest eingeplante Besuch am Gästeparkplatz entfallen – aus so manchem Bericht war jedoch zu erfahren, dass eine vorabendliche Geburtstagsfeier den Freudenpegel hatte erheblich steigen lassen. Das machte sich im Stadion tatsächlich bemerkbar: die Heimtribüne mainzelte halbwegs stimmungsvoll und mit nicht überall zu hörendem Liedgut vor sich hin, der im Vergleich zu den Vorjahren prall gefüllte Gästeblock hielt optisch wie akustisch ordentlich dagegen.

Coole Schalparade, ansonsten eher ein schwacher Auftritt der Heimkurve
Coole Schalparade, ansonsten eher ein schwacher Auftritt der Heimkurve

Das Spiel begann ausgeglichen. Beide Seiten schenkten sich wenig, vor allem Adam Szalai und Robin Quaison hielten immer wieder aggressiv dagegen. Es entwickelte sich ein Spiel mit vielen Ballverlusten und Fehlpässen, die offensive Szenen einleiteten, aber nicht ohne weiteres eine Favoritenrolle erkennen ließen. Ein erster Schuss von Ridle Baku weit über das Tor (4.) sowie ein Eingreifen Roman Bürkis vor einem einschussbereiten Mainzer nach artistischer Einlage Quaisons (8.) zeigten etwa, dass an diesem Nachmittag Vorsicht gefragt war. Doch auch Borussia machte in der Anfangsphase klar, dass nur ein Sieg in Frage kommen würde: Marco Reus Doppelchance (7.), je einmal vereitelt von Torwart Robin Zentner und zwei Gegenspielern, war ebenso wie Nico Schulz Abschluss nach toller Kombination von Jadon Sancho, Reus und Hazard (10.), langem Ball aus dem Mittelfeld (12.) und starker Vorarbeit Hazards (14.) sehenswert eingeleitet, aber nicht konsequent zu Ende gespielt worden.

Julian Brandt ist nunmehr beim BVB angekommen
Julian Brandt ist nunmehr beim BVB angekommen

Zunehmend nahm der BVB nun das Heft in die Hand und schnürte die Mainzer hinten ein, die ihrerseits vor allem sicher stehen und ihr Glück im Kontern suchen wollten. Der Aufreger des noch jungen Spiels folgte in der 15. Minute: Reus hatte auf links Meter gemacht und spielte den Ball in den Strafraum, wo Jeremiah St. Juste den Ball mit der Hand spielte. Der Videobeweis – präsentiert von Sponsor Kömmerling (WTF???) – musste eingreifen und kam zum Ergebnis: kein Elfmeter. Tatsächlich war ein Strafstoß nicht angezeigt, wenn man das erste Handspiel zugrundelegte: St. Juste war bereits im Fall und stütze sich auf dem Boden ab, als Reus den Ball schoss und St. Justes Arm traf. Dass der Mainzer den zweiten Arm im Fallen nachzog und den Ball einhegte, bevor dieser an Reus zurückrollen konnte, hätte einen Elfmeter mindestens nahegelegt. Es war ein weiteres Beispiel, wie ätzend der Videobeweis das Spiel verändert: Pause statt Spielfluss, lange Analyse, eine hochwahrscheinliche Fehlentscheidung nicht korrigiert, dennoch nur eine Minute Nachspielzeit und somit ein weiterer Verlust an Nettospielzeit – davon hat wirklich niemand was. Weg mit dem Mist!

BVB-Torjubel zum 1:0 vor der Fankurve
BVB-Torjubel zum 1:0 vor der Fankurve

Immerhin drückte der BVB nun wie ein Nashorn beim Stuhlgang: Schulz, Brandt, Reus, Hazard und Sancho legten sich alle zwei Minuten gegenseitig die Pille vor, vergaben aber wiederholt die sichere Führung (z.B.: Reus knapp über das Tor nach butterweichem Chip in den Strafraum in der 20., starke Parade Zentners gegen Reus in der 26.). Erst in der 32. Minute wollte das hochverdiente Tor dann endlich fallen – wie so oft bei Marco Reus mit dem schwersten Schuss des Tages: Sanchos Ecke landete am linken Strafraumeck, die folgende Flanke prallte an einem Spielerknäuel vor dem Tor ab in Richtung des rechten Strafraumecks – dort stand Reus goldrichtig und hämmerte den Ball mit einem Seitenristschuss unhaltbar rechts oben in die Maschen. Einige weitere Großchancen blieben ungenutzt (Distanzschuss Hazard 37., Brandt nach Ecke mit dem Hinterkopf knapp vorbei 38.), bevor ein Mainzer Konter über Quaison nur deshalb nicht zum Ausgleich führte, weil kein Mitspieler mitgelaufen war – die anschließende Ecke verpuffte und es ging ab in die Pause.

BVB-Torjubel zum 3:0
BVB-Torjubel zum 3:0

Der Wiederanpfiff erfolgte zur A-Team Jingle, die von Mainzer Fanseite fast fünf Minuten weiter schalalalat wurde – wäre nicht der eher peinliche Einspieler „Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert“ des Stadionsprechers rund zehn Sekunden nach Wiederanpfiff gewesen, hätte das tatsächlich gut sein können. Auf dem Rasen waren die Mainzer etwas besser in Tritt gekommen, während der BVB schläfrig wirkte. Einmal prüfte Szalai Bürki (55.), ansonsten verhinderte die Harmlosigkeit der Hausherren ein wirklich offenes Spiel. Auf der Gegenseite zeigte Zentner sein ganzes Können, als Reus steil an den Strafraum geschickt wurde und Zentner in allerletzter Sekunde den Ball davon boxen konnte (60.).

Es folgte die zweite Szene des Spiels, die wohl noch lange in den Rückblicken auftauchen wird und vermutlich in keinem Highlightvideo Dan-Axel Zagadous wird fehlen dürfen: der lange und nicht unbedingt besonders gelenke Verteidiger, der sich sensationelle Zweikämpfe lieferte und neben dem nicht minder bulligen Szalai beinahe episch wirkte, eroberte den Ball vor dem eigenen Strafraum und setzte mit etwa 10 Metern Vorsprung zum Konter an. Fünf Borussen gegen einen Mainzer schienen ein ungleiches Duell, doch gerierte sich Zagadou als fairer Spieler und verschleppte das Tempo am gegnerischen Strafraum so lange, bis sechs Mainzer Gegenspieler den Weg nach hinten gefunden hatten. Just in dem Moment, in dem man sich bereits über die verpasste Chance ärgern wollte, legte Zagadou den Ball mustergültig auf Sancho ab, der eiskalt zum 0:2 einschieben konnte (66.). Nur drei Minuten später rollte der nächste BVB-Angriff: zwei Mainzer wollten Reus vom Ball trennen, der wiederum hatte rechts den freien Hazard im Blick – bevor Hazard den Ball überhaupt berührte (und den Ball satt in die Maschen wemmste), war der erste Torschrei auf der Pressetribüne bereits zu vernehmen (69.). Ein weiterer eher geiler Moment.

BVB-Torjubel zum 4:0
BVB-Torjubel zum 4:0

Weitere Chancen nach tollen Kombinationen wurden nicht mit einem Tor belohnt (71., 76.) oder scheiterten am Innenpfosten (Sancho 75.), bevor sich Schulz mit seinem Treffer zum 0:4 tatsächlich selbst in die Statistik eintragen durfte: der wenige Augenblicke zuvor ins Spiel gekommene Mahmoud Dahoud hatte zuvor Sancho bedient, der für den im Strafraum lauernden Schulz auflegen konnte. Das Spiel endete mit einem hoch verdienten Sieg, der zumindest allen Borussen Spaß gemacht hatte und die Marschroute bis Weihnachten vorgab: bereits am Dienstag gilt es, Leipzig aus dem Tempel zu schießen, bevor am kommenden Samstag die nächste Retorte aus Hoffenheim eine Packung kassieren sollte. Gelingen sechs Punkte aus beiden Spielen, kann die Hinrunde tatsächlich noch ein versöhnliches Ende nehmen. Hoffen wir das Beste!

Statistik

Mainz: Zentner - Aaron, St. Juste, Niakhaté, Boetius, Quaison, Öztunali, Kunde, Fernandes, Baku, Szalai

Wechsel: Maxim für Boetius (76.), Mateta für Szalai (81.), Brosinski für Kunde (86.)

BVB: Bürki - Zagadou, Hummels, Akanji - Hakimi, Brandt, Weigl, Schulz - Sancho, Reus - Hazard

Wechsel: Götze für Reus (73.), Dahoud für Brandt (84.), Alcacer für Sancho (85.)

Tore: 0:1 Reus 32., 0:2 Sancho (66.), 0:3 Hazard (69.), 0:4 Schulz (84.)

Gelbe Karte: St Juste

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