Eua Senf

Videobeweis: Mehr Kameras = mehr Gerechtigkeit?

17.12.2018, 15:40 Uhr von:  Gastautor
Videobeweis: Mehr Kameras = mehr Gerechtigkeit?

Eigentlich ist über den Videobeweis schon alles gesagt. Eigentlich wird man an seiner Etablierung auch nichts mehr ändern können. Eigentlich haben wir seine positiven und negativen Eigenschaften in allen Facetten schon gesehen. Eigentlich. Denn im Topspiel gegen Werder Bremen hat das Ausmaß des Videobeweises neue Bahnen angenommen.

Nachdem das Foul an Reus fälschlicherweise nicht geahndet wurde, war ich mir sicher, dass ich unbedingt meine Meinung zum Videobeweis mitteilen muss. Nachdem der Videoschiedsrichter jedoch dann Alcacers Tor wertete, war meine Motivation eigentlich wieder verschwunden. Wer will schon einen kritischen Beitrag über den Videobeweis lesen, wenn dieser uns den Sieg beschert hat? Doch Götzes aberkannte Treffer in der letzten Spielminute hat mich in meinen Ansichten wieder bestärkt: Es gibt eigentlich kein Spiel, bei dem es so wichtig ist, über den Videobeweis zu schreiben, wie nach dem Topspiel gegen Werder. Denn in diesem Spiel zeigen sich all seine Facetten.

Big Brother is watching you (from cologne)

Es ist sehr hilfreich, sich bei der Bewertung des Videobeweises an einem ganz ähnlichen Phänomen zu orientieren. Es ist fast schon ironisch, dass es ein gesellschaftliches Äquivalent gibt, dass so viel mit dem Video Beweis gemeinsam hat. Die Rede ist von öffentlicher Videoüberwachung. Zwischen 2016 und 2017 wurde der Videobeweis in Deutschland immer mehr diskutiert und mit der anschließenden Saison auch in der Bundesliga eingeführt. Ungefähr um die gleiche wurde in Deutschland auch die Anbringung öffentlicher Überwachungskameras wieder gesteigert. Mit beiden Maßnahmen der Videoüberwachung soll vor allem eins erreicht werden: Mehr Gerechtigkeit.

Natürlich ist der Videobeweis gerechter

Und diese Gerechtigkeit wird mit Sicherheit durch die Videoüberwachung gesteigert. Sie kann dazu beitragen, dass Verbrechen aufgeklärt und Täter erkannt werden. (Man denke zum Beispiel an den U-Bahn Treter von Berlin).

Ähnliches gilt auch für den Videobeweis. Ohne den Videobeweis hätte der Führungstreffer der Borussia nicht gezählt. Es ist unbestreitbar, dass die Wahrscheinlichkeit „gerechte“ Entscheidungen zu treffen mit der Etablierung des Videobeweises steigt. Ähnliches gilt bei den Überwachungskameras. Jedoch zeigt sich oft, dass die großflächige Verbreitung von Überwachungskameras nicht zwangsweise zu einer enorm größeren Zahl von aufgeklärten Verbrechen und auch längst nicht zu einer größeren Prävention von Verbrechen führt.

100%-ige Gerechtigkeit ist unmöglich

Das Spiel gegen Werder zeigt zudem, dass auch mit Videobeweis wirkliche Gerechtigkeit nie erreicht werden wird. Denn trotz Kameraüberprüfung, wurde das Foul an Reus nicht geahndet. Diese Willkür zieht sich schon durch die ganze Bundesliga-Saison. Vor allem bei Handspielen stellt man immer wieder fest, dass die Entscheidung auch einfach oft Auslegungssache ist. Und auch trotz Videoüberwachung wird es weiterhin viele Verbrechen geben, sowie es trotz Videobeweis weiterhin einige Fehlentscheidungen geben wird.

Es geht etwas verloren

Durch die großräumige Videoüberwachung im öffentlichen Raum geht jedem persönlich etwas verloren. Datenschutz, Selbstbestimmtheit, Freiheit. Das zugunsten einer höheren Gerechtigkeit. Der gleiche Tausch findet beim Videobeweis statt. Für etwas mehr Gerechtigkeit verlieren wir klare Linien, Emotionalität und Spielgenuss. Gegen Werder Bremen erreichte diese Erkenntnis für mich ihren Höhepunkt: Denn durch den Videoschiedsrichter wurde dem Spiel einer der wichtigsten Momente genommen. Der alles erlösende Schlusspfiff. Dieser Moment, in dem Zehn Tonnen Aufregung und Anspannung von einem abfallen. Dieser Moment, in dem man einfach nur jubelt, dem Nebenmann in die Arme fällt und sich freut, dass man die drei Punkte nach so einer spannenden Schlussphase mit nach Hause nehmen kann. Dieser Moment hat gegen Bremen nicht existiert. Das Spiel war dann einfach nach einer peinlichen Warteminute vorbei.

Wie also damit umgehen?

Es ist nicht möglich zu sagen, ob dieser Verlust allgemein akzeptiert werden sollte, denn jeder interpretiert Gerechtigkeit, Emotionalität, Freiheit und Datenschutz anders. Denn durch die Videoüberwachung können Täter gefunden oder Spiele gewonnen werden. Letztendlich muss jeder selbst für sich entscheiden, ob er mit diesem Verlust an Freiheit oder Emotionalität zugunsten einer etwas höheren aber unvollkommenen Gerechtigkeit einverstanden ist. Am Samstag war ich es zumindest nicht.

geschrieben von Lenni

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