Fußball offline

Heimreise mit Schönheitsfehlern

09.02.2015, 22:47 Uhr von:  Redaktion

Fußball ist überall groß und bedeutsam geworden, vor allem im Ruhrgebiet. Aber warum ist das eigentlich so? Autor Christoph Biermann begibt sich auf eine Heimreise in den Pott.Christoph Biermann hat sich für sein Buch „Wenn wir vom Fußball träumen“ viel vorgenommen: Er will nicht weniger als erklären, warum Fußball überall groß und bedeutend geworden ist, aber gerade das Ruhrgebiet als das Herzland des Fußballs gilt. Der in Krefeld geborene Autor begibt sich auf eine Heimreise und besucht die magischen Orte seiner Kindheit.

Doch warum kommt Biermann, seines Zeichens Chefredakteuer des Magazins "11-Freunde" und seit vielen Jahren wohnhaft in Berlin, überhaupt nach Hause? Der Grund ist kein fröhlicher: Sein Vater ist verstorben. Auf sehr persönliche Weise erzählt der Autor, wie er nach der Beerdigung seines Vaters ins leere Stadion von Westfalia Herne am Schloss Strünkede gefahren ist - der Ort, an dem er mit seinem Vater sein erstes Fußballspiel und viele weitere gesehen hat. Dort, an diesem für ihn magischen Ort, stellt sich für Biermann die Frage, der er fortan in seinem Buch nachgehen wird: "Wir können die Welt im Fußball wiederfinden, und im Ruhrgebiet kann man das so gut wie an keinem anderen Ort in Deutschland. Fußball ist überall groß und überall bedeutsam geworden, aber nicht so groß und bedeutsam wie hier. Aber warum ist das so?"

Lustige Anekdoten und viele viele Gesprächspartner

Während seiner Reise durch den Pott beschäftigt Biermann sich nicht nur mit den "großen" Vereinen, wie Borussia Dortmund oder Gelsenkirchen. RWE, MSV Duisburg, Westfalia Herne, SV Sodingen, SG Wattenscheid 09 - es scheint keinen Ruhrpottverein zu geben, über den der Autor nicht etwas zu erzählen weiß. Besonders erfrischend sind die teils lustigen Anekdoten, wenn Biermann beispielsweise erzählt, wie er mit seinem ersten eigenen Wagen seinen VfL Bochum zum Auswärtsspiel bei Uerdingen begleitet und dort, bei dem Versuch, den vollgestopften Parkplatz "offroad" zu verlassen, sein Auspuff abbricht und während der Heimfahrt ganze Straßenzüge aufweckt. Oder die Geschichte um Joachim Hopp. Der war Ende der 80er-Jahre Profi beim MSV Duisburg und malochte gleichzeitig noch in der Zeche. "Er musste Urlaub nehmen, um ins Trainingslager fahren zu können." Unvorstellbar auch, wenn Biermann berichtet, dass man die Spieler längst vergangener Zeiten oft in der Kneipe um die Ecke antreffen und ihnen beim Pilschen ins Gesicht sagen konnte, wie scheiße oder gut sie gespielt
hatten. Das sind Geschichten für Fußballromantiker.

Durch seine hervorragenden Beziehungen schaffte es Christoph Biermann, so manchen Promi in seinem Buch zu Wort kommen zu lassen. So sprach er beispielsweise mit den Nachwuchshoffnungen Leon Goretzka und Julian Draxler über das Geschäft des Fußballs und die Nachwuchsleistungszentren. Wenn Leon Goretzka über den Karriereplan spricht, den er (und seine Berater) bereits seit der Jugend verfolgen wird allerdings auch dem letzten Leser klar, mit der
Kohlenpott-Romantik von einst, hat der Fußball von heute nichts mehr zu tun. "Es gibt Berater, die jeden Tag anrufen und fragen, wie das Training war. Das ist nicht das was ich brauche. Mein Berater kümmert sich vor allem un die Verträge." Hajo Sommers, Vereinspräsidenten vom RW Oberhausen, Jürgen Klopp, Peter Peters, Journalisten, Professoren, Schauspieler, Comedians - Biermann hat viele, sehr viele Gespächspartner...

Umso erschreckender ist es aber, dass Biermann, es sei noch einmal gesagt: Chefredakteuer bei 11 Freunde, gleich zwei Fehler unterlaufen. Zum einen macht
er unsere Borussia aus Dortmund gleich auf zwei Seiten zum Meister des Jahres 1992. Dabei holte Stuttgart in diesem Jahr den Titel. Zum anderen erkennt er uns den DFB-Pokal-Sieg 2012 ab und lässt die Gelsenkirchener den Pott holen. Ausgerechnet! ("Als die Schalker Mannschaft 2012 vom Pokalsieg 2012 nach Hause fuhr, wurde der Zug an Dortmund vorbeigeleitet, weil BVB-Fans ihn angeblich mit Steinen bewerfen wollten.") Für jemanden, der sich im Laufe des Buches so sehr
mit seinen journalistischen Tätigkeiten rund um den Fußball rühmt, sind das grobe Schnitze. Manch einer mag großzügig darüber hinweg lesen, für mich ein No Go.

Ein Gefühl, das sich nicht beschreiben läst

Christoph Biermann schafft es, dem Leser auf 250 Seiten einen groben Überblick über viele Revierklubs und ihre Geschichte zu vermitteln. Für mich liegt aber
gerade hier einer der Schwachpunkte: Biermann versucht zu viel. In vielen Kapiteln wechselt er nach wenigen Absätzen das Thema, kommt von Hölzchen auf Stöckschen und lässt so viele Leute zu Wort kommen, dass einem vor lauter Namen der Kopf schwirrt. Er versucht, gleich mehrere Geschichten unterzubringen, was viele Kapitel nett, aber oberflächlich wirken lässt und vor allem eines ist: anstrengend. Den roten Faden sucht man beim Lesen leider vergebens.

Ich kann mir vorstellen, was Biermann versucht hat. Er wollte das Gefühl beschreiben, das uns Fans jedes Wochenende ins Stadion zieht. Das Gefühl von Siegen und Niederlagen. Das Gefühl, dass im Ruhrgebiet vielleicht (!) noch stärker ausgeprägt ist, als in anderen Teilen Deutschlands. Aber wie es nun mal mit Gefühlen ist, sie lassen sich nur schlecht beschrieben. Wahrscheinlich hat das jeder Fußballfan schon einmal erlebt. Ich kann es von mir behaupten: Werde ich gefragt, warum ich meine Freizeit einem Verein opfere und warum ich leuchtende Augen kriege, wenn ich in Erinnerungen schwelge, fehlen mir oft die Worte. Ich kann die Gefühle nicht in Worte fassen. Und so geht es mir auch mit „Wenn wir vom Fußball Träumen“: Der Autor will etwas beschreiben, was sich
nicht in Worte fassen lässt.

Leonie, 09.02.2015

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