Unsa Senf

Diskriminierung und Antidiskriminierung im deutschen (Profi-) Fußball

30.04.2014, 20:18 Uhr von:  Redaktion

In der vergangenen Woche zeigte die Faninitiative "ballspiel.vereint" im BORUSSEUM die vom Bündnis Aktiver Fußballfans (BAFF) entwickelte Ausstellung "Tatort Stadion 2". Die Ausstellung widmete sich dem Thema Diskriminierung im Fußball und was Fans dagegen tun können.

Begleitend zur Ausstellung hatte das Bündnis "Dortmund gegen Rechts" am Donnerstag mit Gerd Dembowski einen der Mitgründer von "Tatort Stadion" zum Thema "Diskriminierung und Antidiskriminierung im deutschen (Profi-) Fußball" eingeladen. Im gut gefüllten Presseraum von Borussia Dortmund ging es damit um die Frage "Was können Fans, Vereine und Verbände tun, um einen "sozialen Klimawandel" im Stadion zu fördern?

Gerd Dembowki ist Sozialwissenschaftler an der Universität Hannover und Mitglied der Kompetenzgruppe Fankultur und Sport, die unter anderem Borussia Dortmund, den 1. FC Köln, Hannover 96 und Werder Bremen bei der Arbeit gegen Rechtsextremismus und Diskriminierung berät und unterstützt.

Rassismus und der DFB

Der Vortrag begann mit einem Rückblick über die Geschichte der Ausstellung "Tatort.Stadion", die mittlerweile seit 15 Jahren existiert und bis heute an über 200 Orten in Deutschland gezeigt wurde. Dembowski erinnerte daran, wie die Ausstellung 2002 die rassistischen Ausfälle des damaligen DFB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder thematisierte und zu einem Boykott der Ausstellung von DFB und vieler Bundesligavereine führte. Die anschließende große Medienpräsenz rund um die Ausstellung sorgte dafür, dass "Tatort Stadion" bundesweit bekannt wurde

Damit ist es gerade erst zehn Jahre her, dass mit DFB-Präsident Theo Zwanziger das Problem von Diskriminierung und Rassismus auch von offizieller Seite erkannt und dagegen angegangen wurde.

Dass der BVB schon in der Vergangenheit stark im Kampf gegen Rassismus engagiert war, zeigte die Anti-Rassismus-Aktion "Mein Freund ist Ausländer", die 1992/93 von Dortmund ausging. Nach dem Pogromen in Rostock, Mölln und Solingen gab es bei einem Spiel des BVB massive "Nazis raus"-Rufe, die der DFB zum Anlass nahm, die Kampagne u.a. mit den BVB Spielern Stephane Chapuisat und Stefan Reuter von Dortmund zu starten.

Vier Säulen gegen Diskriminierung

Doch welche Aktionen werden heute genutzt? Dembowski beschreibt am Beispiel des DFB die "Vier Säulen gegen Diskriminierung", deren Konzept mittlerweile auch von vielen Vereinen verwendet wird. Der Großteil dieser Aktionen besteht dabei aus Öffentlichkeitsarbeit und symbolpolitischen Arbeiten, die die "Erste Säule" repräsentieren. Es werden offizielle Reden gehalten und vom Verband, bzw. den Vereinen initiierte Kampagnen wie die "Rote Karte gegen Rassismus" gestartet. Banden und Werbespots mit Slogans werden installiert und Spieler laufen mit entsprechenden T-Shirts in die Stadien ein. Die "Respect"-Kampagne der UEFA ist ein aktuelles Beispiel. Diese Aktionen werden jedoch häufig von vielen Fans als nicht nachhaltig kritisiert.

Die weiteren Säulen laufen mehr im Hintergrund ab. So unterstützt der DFB/DFL viele sozialpädagogische Fanprojekte, die jeweils zu einem Drittel vom DFB/DFL, dem jeweiligen Bundesland und der Kommune finanziert werden. Dembowski lobte dabei die Unterstützung durch DFL/DFB. Wenn Projekte finanziell scheitern, so Dembowski, dann fast nur durch fehlende Mittel der Länder oder Kommunen. Fahrten zu Gedenkstätten oder ein Austausch mit Israel werden dabei unterstützt. Auch Gedenkpolitik und die kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sind Themen, mit denen sich Vereine immer mehr öffentlich beschäftigen. Die Zusammenarbeit mit externen Gruppen und Organisationen, die sich mit Rassismus und Diskriminierung auseinandersetzen, werden verstärkt. Vom DFB wurde dabei das "Netz gegen Nazis" genannt, das von der Amadeu Antonio Stiftung und der der Hamburger Wochenzeitung DIE ZEIT unterstützt wird.

Doch gibt es nicht nur Grund zu feiern. Ein von der UEFA gefordertes Monitoring System, das in jedem Stadion der oberen Ligen diskriminierende Rufe und Gesänge im Heim- und Gästeblock melden soll, ist in noch keinem Stadion umgesetzt worden. Dieses System soll nicht nur Verfehlungen melden und sanktionieren, sondern auch qualitative Zahlen von diskriminierenden Aktionen liefern, die es europaweit noch nicht gibt.

Wichtig, so Dembowski, sind Ausbildung und Schulung von Trainern, Schiedsrichtern und Angestellten im Verein, um ein Bewusstsein zu bekommen, in welchen Form Diskriminierung auftaucht. Als negatives Beispiel wurden die Merchandising-Abteilungen von Vereinen und DFB erwähnt, die im letzten Jahr bei einer Aktion des MDR Nazi-Symbole und "White Power" auf ihre Trikots flocken ließen.

Diskriminierung in der Mitte der Gesellschaft

Diskriminierung existiert jedoch nicht nur am politischen Rand in "extremen Gruppen". Dembowski erinnerte daran, dass auch in der Mitte der Gesellschaft viele Formen der Diskriminierung existieren. Gerade beim Fußball sei häufig eine Art Autoritätsdenken und eine Abgrenzungen zu anderen Gruppen erkennbar. "Wir sind besser als die anderen!", ist ein häufiger Grundtenor, der in seiner überhöhten Form zu Rassismus und Diskriminierung führen kann, aber eben auch nicht zwangsläufig muss. Dembowski erwähnt hier die Studien "Deutsche Zustände" von Wilhelm Heitmeyer, der von einer "Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit." spricht und auch den "toleranten Patriotismus" während der Fussball WM 2006 thematisiert.

Häufig werde das Fußballstadien als geschützter Räume gesehen, um "mal die Sau" raus zu lassen. Beleidigungen der Gegner, wie "Deine Mutter ist ein Hure" würden unter dem Deckmantel "Alles für den eigenen Verein" toleriert. Mit einem abstrakten "Wir gegen die Polizei" oder "Gegen die DFB Mafia" werde häufig in vereinfachter Form die Schuld auf andere projiziert. Eigene Verfehlungen würden nicht gesehen. Personen, die diese Mechanismen aufbrechen und gegen diese Formen angehen wollen, gelten, so Dembowski weiter, schnell als Nestbeschmutzer, die den "Konsens" im Vereinsumfeld und der Fans stören.

Kampf gegen Diskriminierung langfristig betrachten

In der anschließenden Diskussionsrunde empfahl Dembowski Gruppen, die gegen Diskriminierung arbeiten, die Zusammenarbeit mit bestehenden Netzwerken im Verein zu suchen. Wichtig sei es auch, in die Öffentlichkeit zu gehen und mit Journalisten zusammen zu arbeiten.

Diese Empfehlung gibt er auch den bestehenden Ultra-Gruppen. Durch deren Haltung, nicht mit den Medien zu sprechen, bestehe die hohe Gefahr, dass Ultras in zehn Jahren in den Stadien verschwunden seien oder keine Relevanz mehr hätten.

Vereine müssten soziale Verantwortung als wichtige Stütze ihrer eigenen Marke erkennen, die in Zukunft immer wichtiger werde. Als positives Beispiel wurde Werder Bremen genannt, die für den Bereich "Corperate Social Responsibility" mittlerweile zehn Personen fest angestellt haben.

Auch im Amateurbereich könne trotz fehlender finanzieller Möglichkeiten vieles getan werden. Dembowski hält es langfristig auch für kleinere Vereine wichtig, dass sie sich klar gegen Rassismus und Diskriminierung stellen und so ihr Image positiv ändern. Viele Vereine in den unteren Ligen würden diesen Punkt heute noch verschlafen, dabei würde es wenig kosten, sich klar gegen diskriminierende Gruppen zu stellen und diese abzulehnen.

Auch Vereine wie der BVB könnten noch mehr tun und positiv auf die Menschen in der Stadt einwirken. Bei Nazidemos könnte der BVB seinen Heißluftballon über der Stadt fliegen lassen und mit klaren Stellungnahmen gegen Nazis ein positives Bewusstsein schaffen und zeigen, dass man Rassismus klar und deutlich ablehnt. Als Beispiel für eine Aktion gegen Homophobie schlägt Dembowski Schnürsenkel in Regenbogenfarben für Fußballspieler vor. Die anschließende Vermarktung wäre inbegriffen und mit Sicherheit auch äußerst erfolgreich.

Zum Abschluss der Veranstaltung betonte Dembowski, dass der Kampf gegen Diskriminierung langfristig zu betrachten ist und benannte diesen Prozess als "Soziale Evolution". Er erinnerte daran, dass viele Aktionen im Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung vor 20 Jahren in ihrer heutigen Form nicht möglich gewesen wären, ohne ernste Konsequenzen zu befürchten.

fritze, 30. April 2014

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