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Vortrag im Westfalenstadion: Das vergessene Erinnern

09.10.2014, 21:10 Uhr von:  Redaktion

Gut 50 Leute kamen ins WestfalenstadionAuschwitz ist jedem ein Begriff. Als Symbol für die Verbrechen der Nationalsozialisten im Dritten Reich hat sich dieser Name in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Weniger im Fokus der Erinnerung stehen Orte wie Lublin, Zamość oder Sobibór. 32 BVB-Fans reisten im vergangenen Sommer hierher, um sich auf die Spur der 2 Millionen Menschen zu machen, die von den Nazis im Rahmen der „Aktion Reinhardt“ in Ostpolen ermordet wurden.

Am Dienstagabend haben die Jungs und Mädels der Initiative ballspiel.vereint über diese Fahrt berichtet, die von der Fanbetreuung, der Fan- und Förderabteilung, dem Fan-Projekt Dortmund e.V. und der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache auf die Beine gestellt worden war (wir haben darüber berichtet). Dafür wird der BVB übrigens in der kommenden Woche mit dem zweiten Platz des Julius-Hirsch-Preises geehrt. ballspiel.vereint ist ein Zusammenschluss verschiedenster BVB-Fans, die sich aktiv gegen Diskriminierung und für Vielfalt innerhalb der schwatzgelben Fanszene einsetzen. Einige Mitglieder waren natürlich bei der Gedenkstättenfahrt nach Lublin dabei.

Denkmal in MajdanekSo auch Maik. In seinem abwechslungsreichen Vortrag berichtete er nicht nur über die Vernichtungsmaschinerie der Nazis in Lublin, Bełżec, Zamość, Izbica, Majdanek und Sobibór. Er gab auch einen Einblick in die Gefühlswelt der BVB-Fans, denen an Ort und Stelle das große Leid der Opfer vor Augen geführt wurde: „Diesen Schrecken nachvollziehen zu können, ist eine Illusion, der viele verfallen. Was dort passiert ist, kann man sich tatsächlich gar nicht vorstellen.“ Im Zentrum der Reise stand die „Aktion Reinhardt“. In deren Verlauf ermordeten die Nationalsozialisten zwischen Juli 1942 und Oktober 1943 mehr als zwei Millionen Menschen jüdischen Glaubens und rund 50.000 Sinti und Roma. Damit kam jedes dritte Opfer des NS-Völkermordes bei dieser Vernichtungsaktion ums Leben. Auch vom ehemaligen Eintracht-Sportplatz in Dortmund wurden 800 Menschen nach Ostpolen deportiert.

„Die Orte selbst erinnern nicht“

Immer wieder hob Maik hervor, dass die Erinnerung an den besuchten Orten oft gar nicht stattfindet. Er berichtete von einem jüdischen Friedhof in Izbica, der im Wald versteckt lag und nur zu erreichen war, wenn man vorher den Hinterhof eines Privatgeländes überquerte. Oder von einem Denkmal, das an die Opfer des Holocaust erinnern sollte, jedoch von seinem ursprünglichen Platz auf dem einstigen jüdischen Marktplatz in Lublin versetzt wurde, weil ein Investor an dieser Stelle einen Supermarkt bauen möchte. „Wir brauchen Menschen, die uns erzählen, was an diesen Orten passiert ist, denn die Orte selbst tun es nicht“, berichtete Maik. Ohne einen guten Guide hätten die BVB-Fans bei ihrem Besuch in Lublin wohl auch nicht erfahren, dass in den Räumlichkeiten, in denen die Nazis früher das Hab und Gut der ermordeten Opfer lagerten, heute Menschen ihrer tagtäglichen Arbeit nachgehen. Keine Gedenktafel, kein Hinweis lässt dies dort erahnen.

Erinnern statt VergessenDabei ist Erinnerung immer auch Warnung und Prävention. Man mag gar nicht darüber nachdenken, wie eindringlich diese in späteren Generationen noch ausfallen soll, wenn diesen Orten weiter die Symbolkraft entzogen wird. Zumal die Zeitzeugen immer weniger werden. Umso besser deshalb, dass ballspiel.vereint Abende wie diesen veranstaltet – und damit ein tolles Beispiel liefert, wie Antidiskriminierungsarbeit bei Borussia laufen sollte: Der Verein setzt, zum Beispiel in Form der mittlerweile regelmäßigen Gedenkstättenfahrten, die Impulse und die dadurch entstehenden Netzwerke und Ideen werden innerhalb der Fanszene weitergetragen und entwickelt. So kann nach und nach der Nährboden für ein Vereinsumfeld geschaffen werden, in dem niemand fürchten muss, aufgrund seiner Herkunft, seiner Religion, seines Geschlechts oder seiner Sexualität angefeindet zu werden.

"Politik hat im Fußball nichts verloren"

Wie wichtig das ist, zeigt die Tatsache, dass sich immer noch Menschen entrüsten über deutliche Positionierungen gegen Diskriminierung und Neonazis von Fußballfans und -vereinen. Politik habe im Fußball nichts verloren. Klar, die Empörung geht meist nicht über einen Zweizeiler bei Facebook hinaus, und dennoch: Solange es Leute gibt, die nicht akzeptieren möchten, dass Toleranz lediglich Ausdruck von Menschlichkeit, und keine Frage der politischen Einstellung ist, liegt noch ein langer Weg vor uns. Genau diese Reaktionen zeigen aber auch, dass wir den richtigen eingeschlagen haben.

Der Vortrag war übrigens eine von zwei Veranstaltungen, die ballspiel.vereint im Rahmen der internationalen FARE-Wochen durchführt. In der kommenden Woche lädt die Initiative erneut ins Lernzentrum des Westfalenstadion ein. Thema am Dienstag, 14. Oktober: „Tradition verpflichtet? Fußball und Antisemitismus in Deutschland“. Los geht’s um 19.09. Ihr könnt das Lernzentrum unter der Südtribüne dann durch das Rolltor im Nordosten des Stadions (neben dem Strobels) erreichen.

Vielen Dank an Paddy für die Fotos!

Malte S., 09.10.2014

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