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Auf Spurensuche in Lublin – Teil 2: Kein Entkommen

16.06.2014, 19:51 Uhr von:  Redaktion

Niemand war hier, um lebend wieder wegzukommen. Erst auf den letzten Metern, in den letzten Minuten des Lebens lichtete sich der trügerische Nebel der Täuschung, erlosch der letzte Funken Hoffnung. Es gab kein Entkommen.

BelzecZentral für die Aktion Reinhardt im Generalgouvernement waren die drei Vernichtungslager in Belzec, Sobibor und Treblinka. Letzteres befindet sich nördlich von Warschau, also nicht auf dem Weg unserer Spurensuche. Diese führt uns in den Südosten Polens, zum ersten Lager, das im März 1942 seine todbringende Arbeit aufnahm, nach Belzec. Wie effizient die Tötungsmaschinerie hier war, wird schon nach kurzer Zeit deutlich. Erbaut mit dem einzigen Ziel, so viele Menschenleben wie möglich auszulöschen, ohne Pause und ohne Gnade. Erdacht von SS-“Experten“, die in Deutschland schon an der Aktion T4, der Euthanasie von kranken und behinderten Menschen, beteiligt waren. Erprobt, um als Vorbild für viele weitere Vernichtungslager zu dienen. Wer einmal den Boden von Belzec betrat, lebte noch maximal zwei Stunden.

Weniger als 300 Meter misst die Fläche des Lagers, der heutigen Gedenkstätte, in Breite und Länge. Kein überflüssiger Platz, keine Zeit vergeuden. Ankunft, Entkleiden, einen schmalen Gang hin zu den Gaskammern – das war alles. Den Übertritt vom Leben zum Tod symbolisiert in der abstrakten Gedenkstätte ein Judenstern, eingelassen in eine rostige Bodenplatte. Dahinter der beengende Weg wie durch eine Schlucht, dunkler werdend, beklemmender werdend, endend vor einer rund 15 Meter hohen Gedenktafel. Die rostige Schrift darauf verläuft mehr und mehr. Sie steht für all das Blut, welches im Lager vergossen wurde. Das aus dem Boden der Massengräber quoll, ehe die Leichen der Getöteten achtlos zwischen Eisenbahngleisen gestapelt wie auf einem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Ein Meer aus Steinen erinnert an die über 434.000 Getöteten in Belzec. Rund um dieses Mahnmal befinden sich auf Steinplatten die Herkunftsstädte der Deportierten. Im Schatten einiger Tannen, stumme Zeugen der damaligen Gräueltaten, entdecken wir die Platte mit der Aufschrift „Dortmund“. Zahlreiche Spuren und Leben endeten hier. Nur zwei Menschen haben das Grauen in Belzec überlebt.

Dort, wo die Spuren enden

SobiborMehr waren es in Sobibor, einer weiteren Station auf unserem Weg. Grund dafür ist ein Aufstand im Oktober 1943, bei dem rund 150 Menschen die Flucht gelang. 47 von ihnen überlebten den Krieg und konnten von ihren Erlebnissen berichten. Aus diesem Grund ist Sobibor das vermutlich am besten erforschte Lager der Aktion Reinhardt. Versteckt und wenig einsehbar liegt es an der Bahnstrecke zwischen Włodawa und Chełm. Ein einzelnes Gleis zweigt von der Strecke ab. Noch heute steht dort ein Prellbock, Anfang vom Ende der Deportierten. Wenige Meter entfernt die ehemalige Kommandantur, die als Wohnhaus genutzt wird, daneben eine Wiese, einstmals Standort von „Lager 1“, dem Wohnbereich der rund 500 Zwangsarbeiter. Es ist schwierig, sich an diesem Ort die Ekel erregenden Details und unmenschlichen Zustände ihrer Behausungen vorzustellen, von denen wir aus Augenzeugenberichten hören. Wir gehen weiter in den Wald. Nach dem Aufstand 1943 wurde das Vernichtungslager Sobibor geschlossen, die Nazis rissen sämtliche Gebäude ab und pflanzten die Bäume, um ihre Spuren zu verwischen. Dennoch wurde inmitten des Waldes die einstige „Himmelstraße“ zu den Gaskammern nachempfunden. Der Weg wird gesäumt von Tannen und Steinen, einer Gedenkallee, verwirklicht durch ein Bürgerprojekt. Auf ihnen die Namen von Toten, teils ganzer Familien, die in Sobibor ihr Leben ließen oder der einfachen Inschrift „for the unknown“. Ein Stein im Wald erinnert an das Ehepaar Poppert – in ihrer Heimat, in Dortmund, finden sich zwei Stolpersteine mit denselben Namen. Es ist ein Ort der Ruhe und der Trauer, nicht nur die Gedenkallee selbst, sondern die gesamte Gedenkstätte Sobibor. Folgen wir dem Pfad im Wald, so führt er vorbei an zwei Mahnmalen hin zu einer Lichtung. Sie gibt den Blick frei auf einen symbolischen Aschehügel unweit der Stelle, an der vor Jahrzehnten die Gaskammern ihr todbringendes Werk verrichtet haben. Wir erkunden die Gedenkstätte fernab der Allee einzeln, jeder für sich allein mit seinen Gedanken und doch gleichsam überwältigt von der Wirkung der eindrucksvollen Stille, die uns an diesem Ort empfängt.

Wie unvermittelt uns Spuren und Stätten der Erinnerung begegnen, erleben wir in diesen Tagen immer wieder. Da ist der alte Flugplatz mitten in Lublin, der eigentlich kein Flugplatz war, sondern eine Fabrik für Motorenwerke, in dessen Lagerhallen die Habseligkeiten der deportierten Juden sortiert und verschickt wurden. Ob die Menschen, die dort tagtäglich ihrer Arbeit nachgehen, heute noch ihre Geschichte kennen? Vermutlich nicht. Und das, obwohl im Hintergrund noch immer die Villa des einstigen Kommandanten des Vernichtungslagers Belzec, Christian Wirth, steht. Da ist die ehemalige SS-Standortverwaldung, heute ein Gebäude der Medizinischen Universität Lublins, oder die beinahe unveränderte Villa Odilo Globocniks, SS- und Polizeiführer in Lublin. Ebenso das Mahnmal im einstigen Ghetto, das für ein (nie errichtetes) Einkaufszentrum weichen musste und einige Straßen weiter wieder aufgestellt wurde, ohne Verbindung zu diesem historischen Ort. Und da ist die Kommandantur des Lagers in Belzec – Haupthaus und Lagerschuppen, versteckt hinter Blättern und Ästen, wenige Meter vom Bahnhof entfernt, zugänglich nur über ein verrostetes Gartentor. Im überwucherten Innenhof erwarten uns die Hühner der Nachbarschaft. Kein Zeichen, keine Hinweistafel, nichts erinnert hier an die historische Bedeutung dieses Bauwerks. Spuren, Gebäude, Orte wie diese finden sich unzählige auf unserer Reise und sie müssen bewahrt werden, da sie Geschichten erzählen, die von Menschen bald nicht mehr übermittelt werden können. Dennoch werden wir Zeugen, wie historische Objekte des ehemaligen deutschen Viertels in Lublin direkt vor unseren Augen abgerissen werden. Majdanek

Mit Marschmusik in den Tod

Es gibt auch Orte, die nicht gefunden werden müssen. Die in ihrer Wucht und Unmittelbarkeit nicht zu übersehen sind. Die Gedenkstätte Majdanek ist eine davon. Ohne Vorwarnung erstreckt sich das weite Gebiet des einstigen Konzentrationslagers vor uns, nur wenige Autominuten vom Zentrum Lublins entfernt. Ein gigantisches Monument an der Stelle des ursprüngliches Eingangstores markiert den Beginn eines schier unendlichen Weges durch das Lager, der irgendwann doch an einem Mausoleum endet. Daneben ein schlichter Gedenkstein und drei parallel verlaufende, gezackte Gräben im Boden. Grasüberwachsen, die weißen und violetten Kleeblüten sanft im Wind schwankend, so friedlich, als wollten sie die Schrecken eines Tages im November 1943 vergessen machen: An diesem 3. November, anlässlich einer Aktion mit dem zynischen Namen „Erntefest“, dem letzten großen Massaker der Aktion Reinhardt, trieben die Nazis an dieser Stelle 18.400 Menschen zu Marsch- und Tanzmusik den Hügel hoch. Anschließend erschossen sie einen nach dem anderen. 42.000 waren es im gesamten Generalgouvernement. Was bleibt vom Besuch in Majdanek ist das makabere Krähen der Raben, das wie eine Mahnung unaufhörlich über der Gedenkstätte liegt. Es ist auch der Geruch von Leder aus einer der Baracken. In ihr befinden sich hunderttausende Schuhe, die die Opfer vor ihrem Tod ablegen mussten. Gefunden nach der Auflösung des Lagers, eingepfercht in mannshohe Gitterkäfige, eingepfercht wie ihre damaligen Besitzer.

WlodawaAn einem Sportplatz in Włodawa schließt sich der Kreis. Hier, an der Spielstätte des kleinen polnischen Klubs LKS Włodawianka Włodawa, befand sich vor mehr als 70 Jahren eine Sammelstelle für Jüdinnen und Juden, die anschließend nach Sobibor transportiert wurden. Sie mussten sich hier einfinden, häufig ohne zu wissen, wohin man sie bringe würde. Ohne zu wissen, dass sie nur noch wenige Stunden zu leben hatten. Dass ihr Eintreffen hier bereits ihr Todesurteil sein sollte. Es erging ihnen so wie den Menschen, die sich am 30. April 1942 auf dem Fußballplatz des TSC Eintracht Dortmund sammeln mussten. Die in sogenannte „Umsiedlungstransporte“ stiegen, ohne zu wissen, dass sie in den sicheren Tod geschickt werden. Die Opfer von Täuschung, Misshandlung und Mord wurden. Im Zuge der Aktion Reinhardt verloren rund zwei Millionen Menschen ihr Leben.

Neue Spuren gegen das Vergessen

Was wir auf unserer Fahrt nach Lublin und in der Region erlebt haben war eindrucksvoll und an vielen Stellen erschreckend zugleich. Es zeugt von Grausamkeit und Brutalität, von Unmenschlichkeit und schließlich von der Demütigung gegenüber Juden. Sei es durch die Ausbeutung ihrer Arbeitskraft und ihres Besitzes oder die Erniedigung durch das Abschneiden ihrer Haare und Entfernen von Goldzähnen nach ihrer Ermordung. Es zeugt aber auch von Gleichgültigkeit. Denn Voraussetzung für derartige Verbrechen ist weniger eine große aktive Täterschaft als die Gleichgültigkeit so vieler anderer. Unsere Erlebnisse in den letzten Tagen waren Mahnung und Denkanstoß zugleich, weil sich Ähnliches nie wieder ereignen darf. Die Spuren, die diese Reise hinterlässt, sind neue, frische gegen das Vergessen. Schuhe in Majdanek

Einen großen Dank daher an alle Beteiligten dieser Gedenkstättenfahrt; insbesondere an Daniel und Christina für die Organisation und unseren Guide Andreas für die vielen Eindrücke trotz schwieriger Umstände. Ebenso an den BVB, der eine solche Fahrt erst ermöglicht hat und sein Engagement gegen Rassismus hoffentlich auch in Zukunft in dieser Form weiterführen wird.

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goldkind 16.06.2014

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