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Auf Spurensuche in Lublin – Teil 1: Fahrt ins Ungewisse

11.06.2014, 17:06 Uhr von:  Redaktion

Brama GrodzkaWir steigen in einen Zug: 30 Personen, Sechserabteile, ein Schlafbett für jeden. Der Nachtzug bringt uns nach Warschau, anschließend geht es weiter nach Lublin. Vor vielen Jahrzehnten, am 30. April 1942 um genau zu sein, bestiegen hunderte Juden in Dortmund schmucklose Zugwaggons, ohne Wahl, mit wenigen Habseligkeiten und auf einer Fahrt ins Ungewisse. Auf einer Fahrt, die sie ebenfalls nach Ostpolen führte und schließlich in den Tod.

Mehr als zwei Millionen Juden lebten in der Zeit des Nationalsozialismus im ehemaligen Generalgouvernement. Sie alle sollten durch die „Aktion Reinhardt“ – der auch viele ausländische Juden, unter anderem aus Dortmund, zum Opfer fielen – vernichtet werden. Wir beginnen unsere Gedenkstättenfahrt und die Suche nach ihren Spuren, aber auch nach denen der polnischen Jüdinnen und Juden, in Lublin.

Neben dem Lubliner Schloss befindet sich ein Teil der alten Stadtmauer und das Brama Grodzka, das jüdische Tor, das das Leben in der Altstadt vor vielen Jahrhunderten vom Leben der Juden vor den Stadttoren trennte. Noch vor dem zweiten Weltkrieg lebten 120.000 Menschen in Lublin, davon rund ein Drittel Juden. Nach dem Krieg waren es nur noch einige wenige – die deutschen Besatzer hatten ihre verquere Vision einer judenfreien Stadt nahezu umgesetzt. Dabei hätte der Kontrast zu den Jahrzehnten zuvor größer nicht sein können. Exemplarisch für die Lubliner Multikulturalität vor dem Krieg waren die jüdische Synagoge, eine orthodoxe und eine katholische Kirche in unmittelbarer Nähe des Schlosses. Die beiden Kirchen stehen dort auch heute noch – wo sich damals die Synagoge befand, verläuft nun die größte Schnellstraße der Stadt. Nur eine Gedenktafel erinnert noch an ihre einstige Existenz. Überhaupt: Achtet man fernab der Lubliner Architektur, des Schlosses und der malerischen Altstadt auf die Details dieses Ortes, fallen bald die vielen kleinen Hinweistafeln ins Auge. Sie weisen mal mehr, mal weniger versteckt, auf die zahlreichen Spuren hin, die die jüdische Bevölkerung in der Stadt hinterlassen hat.

So auch im Teatr N.N. – einem bemerkenswerten kleinen Museum. Ausstellungsstücke, Exponate wie Kleidung oder private Habseligkeiten suchen wir dort vergebens. Stattdessen möchte man Erinnerungen aktiv durch Veranstaltungen und Aktionen – wie der Anbringung der „Ewigen Laterne“, einer altertümlichen, zu jeder Zeit erleuchteten Lampe am Brama Grodzka – erhalten. Enge Gänge, Treppen, weiße Striche auf dem schwarzen Boden weisen den Weg durch das Teatr. Sie führen vorbei an Regalen voller Ordner. Szeroka, Podzamczé, Ruska und Targowa stehen darauf, einige sind leer, die meisten gefüllt. Es sind Straßennamen des ehemaligen jüdischen Viertels, dahinter Hausnummern, obgleich die Zahlen nicht durchgängig sind. Mehr als 800 Adressen sind es; ließ sich etwas über ein Haus und seine Bewohner herausfinden, so steht es dort. Sei es die Größe der Räumlichkeiten, seine Architektur, seine Erbauung, die Berufe der Bewohner. Am Ende jedes Ordners befindet sich ein Foto der Stelle, an der es heute stehen würde, wäre es damals nicht zerstört worden.

Juden in Lublin: Noch viele Lücken in der Geschichte

Teatr N.N.Der Weg führt weiter in einen dunklen Raum. Seine einzigen Lichtquellen sind ein Bildschirm in der Mitte des Raumes und kleine Fotos an der Wand dahinter. Über den Bildschirm läuft eine nicht enden wollende Liste mit den Namen derjenigen, die im März 1942 vom Lubliner Ghetto ins Ghetto nach Majdan Tatarski gebracht wurden. 4.500 sind es; das Tonband, auf dem sämtliche Namen verlesen werden, durchdringt die drückende Stille. Die Fotos zeigen einige von ihnen in ihrem Leben vor der Besatzungszeit. Zwischen beidem steht ein Holzbogen, ein Mesusa, ehemaliger Türrahmen eines jüdischen Hauses. Ein Loch im Mesusa weist auf die Stelle hin, an der die traditionellen Toraverse aus dem Rahmen gerissen wurden. Es symbolisiert auch die Löcher in der Geschichte und der Erinnerung an die Juden in Lublin. Sie erhalten erst im letzten Raum unter dem Dach ein Gesicht. Hell und ganz in weiß gehalten, den Kontrast zum schwarzen Fleck der Stadtgeschichte verdeutlichend, enthalten die Ordner in diesem Raum keine Straßennamen mehr, sondern die Namen von Zeitzeugen. Juden und Nicht-Juden, die das, was ihnen vor Jahrzehnten in der Region Lublin widerfahren ist, in Worte fassen.

Zurück zum Beginn dieses Horrors: Im jüdischen Viertel Lublins errichteten deutsche Besatzer im Frühjahr 1941 ein Ghetto. Es bestand nur ein Jahr lang, bis zum 20. April 1942, dem Beginn der „Aktion Reinhardt“ und war eines von rund 400 in der Region. Eine Durchgangsstadion bis zum endgültigen, todbringenden Transport in ein nahegelegenes Vernichtungslager. Die dadurch frei gewordenen Plätze in den Ghettos nahmen immer neue Waggonladungen voller Juden aus ganz Europa ein. Sie wurden im Glauben an Arbeit in die Ghettos geschickt – ein Puzzleteil in einem perfiden System aus Täuschung und Angstherrschaft. Zum einen, weil ihr tatsächliches Schicksal, die Lösung der „Judenfrage“ lange ungeklärt war. Als diese final durch die „Endlösung“ beantwortet wurde, um den Schein möglichst lange zu wahren. Dies ist auch ein Grund, weshalb den Bewohnern der Ghettos erlaubt wurde, ihren Hinterbliebenen Briefe und Postkarten zu schicken, in denen sie zwar vage in ihren Ausführungen blieben, nichtsdestotrotz die erschreckenden Umstände ihrer Fahrt und ihrer Unterbringung schildern konnten. So war den Reichsjuden, die nach Ostpolen deportiert wurden, meist bis zum Ende ihrer Reise nicht bewusst, wohin sie gebracht wurden. Teils wussten sie nicht einmal, was der nächste Tag mit sich bringen würde. Selbst bei ihrer späteren Ankunft in den Vernichtungslagern blieben die SS-Aufseher bei dieser Geschichte – die Wahrheit kroch in Form von Blausäure- und Motorengasen aus den Düsen der Gaskammern.Schloss Lublin

Dem Tod entgegen

Am 30. April 1942 setzte sich in Dortmund ein Zug in Bewegung, der für alle seine Insassen den sicheren Tod bedeuten sollte. Nach mehrtägiger Fahrt erreichten die deportierten Juden am 3. Mai das Ghetto Zamość südlich von Lublin. In Polen verläuft sich ihre Spur. Sicher ist, dass die im Zug befindlichen und trotz der Strapazen noch lebenden Juden direkt nach ihrer Ankunft selektiert wurden. Was danach passiert ist, lässt sich nur schwer rekonstruieren. Es ist anzunehmen, dass einige direkt in die Vernichtungslager nach Sobibor und Belzec transportiert wurden. Viele starben vermutlich infolge der Arbeitsbedingungen in ihren Ghettos. Die letzten in Zamość verbliebenen Jüdinnen und Juden aus Dortmund mussten mit dessen Auflösung im Herbst 1942 zu Fuß ins rund 21 Kilometer entfernt gelegene Ghetto nach Izbica umsiedeln.

IzbicaIm Örtchen Izbica führt uns ein schmaler Trampelpfad hinein in einen Wald und zu einer Gedenktafel. Sie weist uns auf den ehemaligen jüdischen Friedhof und ein Massengrab in den Tiefen des Waldes hin, in dem eine fünfstellige Anzahl Menschenleben erloschen. Dem Durst der heimischen Mückenpopulation nach zu urteilen, verirren sich selten Menschen hierher. Vergessen, fast verdrängt erscheint das Schicksal in diesem Ort, dessen Bevölkerung einst zu 93% aus Juden bestand und aus dem die deutschen Besatzer später ein Transitghetto machten. Izbica war ein typisches Ghetto: keine Mauern, keine Zäune, keine Fluchtgefahr. Wohin hätten die Juden auch flüchten sollen? Die dort vormals Lebenden wurden längst ermordet, die Ausländischen hinderte die Sprachbarriere und sie fürchteten Mord und Verrat der einheimischen Bevölkerung. Stattdessen harrten sie der Dinge, der Ungewissheit, der Angst vor dem nächsten Schritt, der sie ihrem Tod erneut ein Stück näher bringen würde.

Und der Tod war nahe, fast greifbar: Wenige Kilometer weiter, im Vernichtungslager Belzec, starben beinahe eine halbe Million Juden. Weil sie allein durch die absurde Definition der Nazis zu Opfern wurden. Weil diese Menschen darüber zu bestimmen suchten, wie viel welches Leben wert sei. Weil sie einen Plan erdachten, das jüdische Leben im Generalgouvernement auszulöschen und dort stattdessen eine in ihren Augen höherwertige Rasse anzusiedeln. Wie viel sie vom ersten Teil dieses abscheulichen Plans tatsächlich umgesetzt haben, wird bereits zum jetzigen Zeitpunkt unserer Spurensuche erschreckend sichtbar.

Weiter zu Teil 2.

goldkind 11.06.2014

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