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La Roja – Die Geschichte des spanischen Fußballs

10.09.2014, 10:09 Uhr von:  Redaktion

La Roja: Eine Geschichte des spanischen FußballsSpätestens als Iker Casillas im zweiten Gruppenspiel der WM gegen Chile mit seiner schwachen Faustabwehr das 0:2 für die Südamerikaner begünstigte, war allen Beobachtern klar, dass hier eine Ära zu Ende ging und mit ihr die in ihrer Dauer einmalige Siegesserie der spanischen Nationalmannschaft. Zwar ist es für einen Abgesang auf den spanischen Fußball sicherlich zu früh, wie nicht zuletzt das rein spanische Champions-League-Finale im Mai eindrucksvoll unterstrichen hat. Aber diese Zäsur ist sicherlich eine gute Gelegenheit, sich tiefer mit der Geschichte des spanischen Fußballs auseinanderzusetzen, die zu diesem bemerkenswerten Höhepunkt geführt hat. Jimmy Burns „La Roja. Eine Geschichte des spanischen Fußballs“ bietet hierzu den geeigneten Einstieg.

Burns Buch lässt sich in drei Abschnitte unterteilen, die sich stark an politischen Entwicklungen in Spanien orientieren. Am Beginn stehen die Anfänge des spanischen Fußballs mit seinen britischen Wurzeln und der frühen Entwicklung im Baskenland, das mit Athletic Bilbao den lange führenden Club Spaniens stellte. Man erfährt von den Gründungen der heute wichtigen Vereine ebenso wie von Einflüssen aus Südamerika in den ersten Jahrzehnten. Burns erzählt aber auch, wie der spanische Fußball von Männlichkeitsdogmen bestimmt wurde, die einen „Fußball mit Eiern“ einforderten, dadurch aber taktische und technische Elemente vernachlässigten. Eigentlich schade, dass der Eier-Prophet Oliver Kahn damals nicht bei den Blauen zum Zuge kam…

Die Franco-Diktatur

Auf die chaotischen Aufbaujahre, in denen auch das politische Spanien durch eine Phase der Instabilität ging, folgten der Bürgerkrieg und die Franco-Diktatur, deren tiefer Einschnitt in den spanischen Fußball wie in die Gesellschaft des Landes von Burns eindringlich geschildert wird. Dabei gelingt ihm die Balance zwischen individuellen Schicksalen von Spielern und – leider weniger im Fokus – einigen Funktionären auf der einen, der sportlichen Entwicklung auf der anderen Seite. Besonders deutlich wird der propagandistische Wert des Fußballs für das Regime, das 1964 die Fußballeuropameisterschaft ausrichten durfte und mit dem EM-Titel belohnt wurde. Jesús Pereda, damals Spielmacher vom FC Barcelona, sagte im Rückblick über das Finale gegen die Sowjetunion: „Als wir in Madrid gespielt haben, ging es nur um Politik – da hat auch der letzte Idiot kapiert. Das war Franco gegen Kommunismus. Für ihn war das nicht nur ein Kampf, das war Krieg.“ Bedauerlicherweise blendet Burns die Funktionärsebene in seiner Geschichte weitgehend aus, weshalb an dieser Stelle eine tiefere Verstrickung des Fußballs mit dem Regime nicht wirklich thematisiert wird. Dabei liegt die politische Bedeutung des Fußballs in diktatorischen Regimen nicht nur in der Propagandawirkung, die im Falle von Niederlagen auch einmal nach hinten losgehen kann. Noch wichtiger ist der soziale Kitt, den die Fußballvereine als Identitätsgemeinschaften und soziale Begegnungsstätten bieten. Trotz dieses blinden Flecks bietet dieser zweite Abschnitt einen guten ersten Eindruck vom Fußball unter der Franco-Diktatur.

Die Erfolge im demokratischen Spanien

Ob es nur Zufall ist, dass das demokratische Spanien den erfolgreichsten Fußball hervorgebracht hat? Jedenfalls hat sich der spanische Fußball seit den 1970er Jahren und vor allem seit dem Tod Francos zunehmend geöffnet. Ausländische Trainer wie César Luis Menotti und Johann Cruyff veränderten die Spiel-Philosophie im Land, auch wenn mit dem Nationaltrainer Javier Clemente 1992-1998 noch einmal ein Vertreter der Cojones-Fraktion – zugleich war er ein begeisterter baskischer Nationalist – das Zepter übernahm. Im modernen Fußball haben Trainer eine immer größere Bedeutung für den Erfolg ihrer Mannschaften, entsprechend nehmen sie auch bei Burns in diesem dritten Abschnitt einen großen Raum ein. Leider bestimmt hier aber auch der Dualismus zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona zunehmend die Erzählung. Angesichts der Dominanz der beiden Vereine ist dies wenig verwunderlich, teilweise auch nötig. Dennoch würde man manchmal ganz gerne etwas mehr über die fußballerische Provinz Spaniens erfahren, die ja nicht gerade unbedeutende Vereine hervorgebracht hat und zu der hier leider auch Städte wie Sevilla, Valencia oder neuerdings auch München gehören.

Fazit

Sieht man einmal von den genannten blinden Flecken ab, zu denen auch die Fanszene zu zählen ist, bietet Burns Geschichte des spanischen Fußballs eine wirklich schöne Einführung in ein fußballverrücktes Land, das ähnlich wie Deutschland durch viele politische Katastrophen gegangen ist.

PatBorm, 10.09.2014

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