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"Denken und Hoffnung wurden uns genommen" - Fußball gegen das Vergessen

18.04.2013, 14:50 Uhr von:  Redaktion

Wegen seines zögerlichen Umgangs mit rechtsextremen Anhängern stand Borussia Dortmund zuletzt hart in der Kritik. Am Wochenende hat der Verein bewiesen, dass er auch anders kann: Für kleines Geld ermöglichte er 65 jungen BVB-Fans den Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers Flossenbürg in Bayern. Eine wichtige Positionierung im Kampf gegen braunes Gedankengut.

Für eine Busladung Borussen im Alter zwischen 14 und 21 Jahren ging die Auswärtsfahrt nach Fürth in eine Verlängerung der besonderen Art. Anstatt zurück ins Ruhrgebiet, fuhren wir nach Abpfiff weiter Richtung tschechische Grenze, um am Sonntag die Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager Flossenbürg zu besuchen. Dank großzügiger Subventionierung durch den Verein beschränkte sich der Eigenanteil eines jeden Teilnehmers auf schlappe 21 Euro – inklusive Fahrtkosten, Eintrittskarte für das Spiel gegen Greuther Fürth und die Übernachtung von Samstag und Sonntag in einer Jugendherberge.

Aus Menschen werden Nummern

Das Konzentrationslager Flossenbürg gehört zu den größten seiner Art im Dritten Reich. Zwischen 1938 und 1945 machen 100.000 Häftlinge Bekanntschaft mit seinen unmenschlichen Bedingungen. 30.000 finden den Tod, die meisten von ihnen in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs.

„Alles, was das Menschsein ausmacht, das Denken und die Hoffnung, hat man uns hier genommen.“ - Häftling aus Flossenbürg

Ein Großteil der Häftlinge wird wegen seiner Herkunft nach Flossenbürg gebracht. Andere aufgrund ihres Glaubens, ihrer politischen Überzeugung oder ihrer Sexualität. Für die Nationalsozialisten sind diese Menschen weniger wert als andere. Im Lager angekommen, beginnt für die Gefangenen ein Prozess, den einer der Überlebenden später als „Entmenschlichung“ bezeichnet. Kleidung und persönliche Sachen müssen sie abgeben und tragen von nun an die einheitliche Häftlingskluft. Der Name und die Persönlichkeit sind nun nichts mehr wert. Stattdessen muss jeder Häftling sich seine zugewiesene Nummer merken, mit der er fortan von den Nazis gerufen und identifiziert wird.

Das Konzentrationslager Flossenbürg haben die Nazis aufgrund des großen Granitvorkommens in der Region errichtet. Sie wollen von der Zwangsarbeit der Häftlinge, die bis zu zwölf Stunden in den hiesigen Steinbrüchen schuften müssen, auch wirtschaftlich profitieren. Die systematische Kombination aus harter Arbeit, Misshandlungen der SS und willkürlichen Erschießungen macht den Alltag der Gefangenen zu einer reinen Qual.

„Toiletten und Waschgelegenheiten waren völlig unzureichend. Man fühlte sich eklig ganz ohne Zahnpasta und Handtuch. Und nach einer gewissen Zeit bekommt man selbst das Gefühl, ein 'Untermensch' zu sein.“ - Häftling

Zusammengepfercht in viel zu kleinen Baracken, leiden die Menschen unter einer hohen Sterberate. Denn die medizinische Versorgung im Lager ist unzureichend bis gar nicht vorhanden. Die Kleidung bietet keinen Schutz vor Kälte und Witterung und zu Essen gibt es Tag für Tag nur sogenannte „Selbsterhaltungsrationen“: So viel, dass es – wenn überhaupt – gerade zum Überleben reicht, aber weder Körper und Immunsystem stärkt. Essen bekommt nur, wer Geschirr besitzt. Um Zwietracht zwischen den Insassen zu stiften, teilen die Nazis davon bewusst weniger aus als es Insassen im Lager gibt. Erst die Amerikaner setzen dem Elend ein Ende, als sie das KZ im April 1945 befreien.

„In dem Moment, in dem man nur noch den Gedanken hat, wie man an Essen kommt, ist man zu allem fähig.“ - Häftling

Vergessen statt Erinnern

Begleitet von den Fanbeauftragten Daniel Lörcher, Timm Hübner und Jens Volke sowie Sarah Hartwich von der Fanabteilung, erkundeten wir das ehemalige Konzentrationslager auf eigene Faust. Bereits im Vorfeld der Fahrt hatten wir in Kleingruppen Infos zu verschiedenen Themenkomplexen rund um das Lager herausgearbeitet, um sie an Ort und Stelle in großer Runde vorzutragen. Beeindruckend, welche große Mühe sich alle dabei gaben. So fiel kaum noch ins Gewicht, dass jeder Einzelne Flossenbürg zuvor noch mit unterschiedlichsten Vorkenntnissen betreten hatten.

Auf mich persönlich hat die Erscheinung des Ortes einen sehr skurrilen Eindruck gemacht. Denn anders als bei anderen Gedenksätten, die ich bereits besucht hatte, standen rundherum und in nächster Nähe Wohnsiedlungen mit bestem Blick auf das Lager. Fast so, als wollten sie die Dinge, die dort passiert sind, verharmlosen. Wo früher die maroden Häftlingsbaracken standen, erblickt man heute schicke Häuser.

Tatsächlich wurde das Andenken an die Opfer des Nationalsozialismus in Flossenbürg nach dem Krieg nur von wenigen Gruppen getragen. Die Gemeinde Flossenbürg und die bayerische Verwaltung gehörten nicht dazu. Gut 15 Jahre nach Kriegsende wurden Teile des ehemaligen Konzentrationslagers überbaut und auf ihrem Boden eine Siedlung mit Eigenheimen errichtet. Später wurden weitere Teile vom Freistaat Bayern zum Gewerbegebiet erklärt und die Gebäude sowie der Appellplatz zeitweise von Unternehmen genutzt.

So verlor dieser historische Ort mehr und mehr an Symbolkraft, die eigentlich zum Gedächtnis an die Opfer beitragen und davor schützen soll, dass solche Taten wie im Dritten Reich sich wiederholen. Erst Mitte der 90er-Jahre, fünf Jahrzehnte nach Kriegsende, machte man die Gedenkstätte zu dem Ort, der sie heute ist.

Der Fußball und seine Verantwortung

Fußballvereine besitzen auf ihre Fans eine Anziehungskraft, mit der andere Institutionen kaum dienen können. Daraus resultiert eine Verantwortung, die über das Wochenende und den Verkauf von Merchandising-Artikeln hinaus geht. Allein mit ihrem Namen und dem Bezug zum Fußball können Klubs ihre Anhänger zu Gedenkstättenfahrten wie der nach Flossenbürg animieren. Das zeigen allein schon die knapp 200 Anmeldungen für 65 Plätze für die Fahrt am letzten Wochenende.

Ob der Fan diese Reise vorrangig nun antritt, um kostengünstig das Spiel in Fürth zu sehen, ist dabei egal. Am Ende steht, dass Jugendliche, die politisch vielleicht noch nicht gefestigt sind, für ein Thema sensibilisiert werden, das uns in Vergangenheit wie Gegenwart beschäftigt.

Mit Dank an Jens für die Fotos.

Malte S., 18.04.2013

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