Unsa Senf

Der Typ im Spiegel

17.10.2012, 19:00 Uhr von:  Redaktion

Na, auch schon Bauchschmerzen wegen Derby? Ich finde ja, dass das Derby das überflüssigste Spiel der Saison ist. Jedes Mal überlege ich bis eine Minute vor Anpfiff, ob sich nicht doch noch jemand findet, der meine Karte nimmt. Und dann bin ich im Stadion, leide und will nach Hause. Und ganz manchmal freue ich mich sogar.

Grundsätzlich gibt es vor einem Derby keine Vorfreude. Vorfreude ist was für Kinder, die an den Weihnachtsmann glauben. Vor einem Derby gibt es nur eines: Angst. Bei mir war das bislang immer so eine Art Meta-Angst, weil ich in meinem Umfeld keine Blauen hatte. Ich habe keine blauen Freunde und war, obwohl ich im Pott arbeite, in der glücklichen Situation, keine blauen Kollegen zu haben.

Jetzt sind es zwei. Einer ist nur auf der Durchreise, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass er am Montag bei mir auffe Arbeit sitzen wird. Und grinsen wird. Was hat der vor meinem inneren Auge schon gegrinst! Ich ja immer voll der Pessimist… Von mir aus können die das Spiel vor jeder Saison auslosen. Und wenn ich inner Saison ein Ergebnis kaufen dürfte, würde ich immer sofort das 0:0 gegen die Blauen kaufen. Die stressfreie Variante, bei der beide Mannschaften 90 Minuten lang auf dem Rasen sitzen und einfach gar nichts tun.

Ich will dieses Spiel nicht. Ich will die Blauen nicht bei mir in der Stadt haben, nicht in meinem Stadion… und ich will meine drei Punkte nicht bei denen sehen und ich will sie nicht grinsen sehen. Wenn hier einer grinsen darf, dann bin ich das, gefälligst. Was für ein blödes Gerede, wenn es immer heißt, ohne das Derby wäre die Liga langweilig, weil man sich doch gegenseitig als Feindbild braucht.

Ja, genau. Fußpilz und Schwimmbäder gehören auch zusammen und ich gehe nur im Sommer ins Freibad, weil ich Fußpilz haben will. Und das eigentlich Tolle an Mexiko-Reisen ist Montezumas Rache…

Ich weiß, dass es unendlich viele Dinge gibt, die wichtiger sind als dieses doofe Derby. Und ich weiß auch, dass das keine Sache von Leben und Tod ist. Zumindest sollte es das nicht sein. Aber eine Mücke, die einem nachts um den Kopf herum schwirrt, tötet einen auch nicht. Trotzdem hasst man das Scheißvieh und will es einfach nur mit dem Schlappen an der Wand erschlagen, weil es verdammt noch mal neheeeervt und weil man seine Ruhe haben will.

Ruhe haben wäre so schön. Derby ist das einzige Spiel, bei dem ich vorher gerne wüsste, wie es ausgeht. Und trotzdem würde ich vor Nervosität fast kotzen. Wie bei der Aufzeichnung eines Spiels, das man schon im Stadion gesehen hat. Bei jedem Torschuss fiebert man mit, ob der Ball diesmal vielleicht reingeht – und dann klatscht das Luder doch wieder an den Pfosten… Nee, Derby ist doofer Stress. Überflüssig. Wegmachen.

All das gilt natürlich nicht nach Derbysiegen. Nach Derbysiegen ist das Derby das geilste Spiel der Welt. Dann macht mir das komischerweise auch nichts aus, dass dieser Typ auf der Arbeit so unglaublich blöd grinst. Vielleicht, weil ich den Typen nur sehe, wenn ich in den Spiegel schaue.

desperado09, 17.10.2012

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